Da hatte Armin Wolf ja einen tollen Fund gemacht! „Die ‚Identitären‘ – sowas wie die Taliban Europas“, schrieb er am 17. August auf Twitter. „Dabei sind sie ja sonst nicht so für den Islam.“

Anlass war ein Tweet des Publizisten Alexander Markovics: „Der Sieg der #Taliban in #Afghanistan bedeutet eine krachende Niederlage für den #Globalismus. Dragqueens, Homoparaden und Menschenrechtsideologie haben dort Sendepause. Wird Zeit, dass auch #Europa sich aus seinem Zustand als amerikanischer Kolonie befreit!“

Damit wäre wieder einmal der schlagende Beweis erbracht, dachte sich der Wolf: Identitäre und Islamisten, obwohl vordergründig Antagonisten, sind zwei Seiten ein und derselben Medaille, eine Vorstellung, die mit der im Juli 2021 verabschiedeten Erweiterung des Symbole-Gesetzes zur bequemen Staatsdoktrin erhoben wurde. In den zwei Sätzen von Markovics steckt allerdings mehr, als sich Wolf im Rahmen seiner eher schlichten Weltsicht  vorstellen kann. Ein Körnchen Wahrheit hat er indes erwittert.

Markovics ist zwar schon lange kein Mitglied der „Identitären Bewegung“ mehr, seine Sicht wurde jedoch im Großen und Ganzen von den meisten „Identitären“ und „Neuen Rechten“ geteilt, was freilich andere Ursachen hat, als Wolf annimmt. Sie haben weniger mit Sympathien für den Islam zu tun als mit einer Einsicht in das Wesen des Globalismus. Das Schlagwort „Taliban“ gilt als Synonym für einen bornierten und barbarischen  Fanatismus, der Schwule und Frauen unterdrückt und der imstande ist, tausend Jahre alte  Buddhastatuen zu sprengen.

Der „Taliban“ eignete sich als perfektes Feindbild des neokonservativ-globalistischen Mythos, in dem die USA die Rolle des Weltpolizisten spielen, der rückständigen  Völkern „Freiheit“, „Menschenrechte“ und „Demokratie“ bringt, notfalls mit Drohnenbombardements und Bodentruppen. Die militärische Großoperation gegen Afghanistan vom Oktober 2001 trug den Namen „Enduring Freedom“ („andauernde Freiheit“) und wurde als Feldzug gegen „den Terrorismus“ verkau­ft.

Damit hatte eine Ära endloser Kriege begonnen, deren hehre Parolen die politischen und wirtscha­ftlichen Interessen der USA und ihrer Verbündeten kaum verschleiern konnten. Nun zeigt sich, dass die zähe Ausdauer der afghanischen Krieger ein zweites Mal imstande war, eine imperiale Supermacht in die Knie zu zwingen – denn schon die Sowjetunion hatte in den Achtzigerjahren in dieser Region ihr „Vietnam“ erleben müssen. Mit dem längst überfälligen Abzug der USA aus Afghanistan spuken die Geister und „Framings“ des Jahres 2001 erneut durch die Medien.

Wie das Amen im Gebet werden Rufe laut, neue Flüchtlingsfluten aufzunehmen, gleichsam als Buße für „unser“ Versagen in Afghanistan. Wenn die Niederlage der USA allerdings irgendetwas deutlich gemacht hat, dann die Unmöglichkeit, fremde Völker zu westlichen Werten und Lebensweisen zu „erziehen“. Es mag uns gefallen oder nicht: Die Scharia in landes- und stammesüblicher Auslegung entspricht den Wertvorstellungen des Großteils der Bevölkerung Afghanistans, und es kann nicht Sache des Westens sein, in den Konflikten dieses multiethnischen Landes, das fast doppelt so groß wie Deutschland ist, den Schiedsrichter zu spielen. Offenkundig sind auch der Bankrott der „westlichen Werte“ und die innere Heruntergekommenheit der amerikanischen Nation, an deren Spitze ein seniler Greis steht.

Wofür haben die USA die Leben von Tausenden ihrer Soldaten geopfert? Wofür die Leben von bis zu einer halben Million Zivilisten in den von ihnen „befreiten“ Ländern? „Sie hassen unsere Freiheiten“, erklärte Präsident Bush im September 2001: „Unsere Religionsfreiheit, unsere Redefreiheit, unsere Freiheit zu wählen, sich zu versammeln und anderer Meinung zu sein.“ Nun: Im Jahr 2021 ist es um all diese Freiheiten in der westlichen Welt äußerst schlecht bestellt. Sie scheinen sich inzwischen tatsächlich in Dragqueens, Homoparaden, Transgenderkult, „kritischer Rassentheorie“, „Black Lives Matter“ und Virushysterie zu erschöpfen.

Ein Kommentator auf Twitter brachte es listig auf den Punkt: „Afghanistan wurde endlich von einem Regime befreit, das Gesichtsverschleierung vorschreibt, Statuen zerstört und die Genitalverstümmelung von Kindern fördert.“ Dasselbe Regime herrscht überall dort, wo die Regenbogenfahne weht. Man muss weder wie ein Taliban denken noch leben, um sein Gift­ zurückzuweisen. Es zerstört alle Völker, Kulturen und Gemeinscha­ften gleichermaßen. Im Gegensatz zu den Paschtunen kämpfen wir allerdings gegen eine Ideologie, die aus unserer eigenen Brust erwachsen ist und gegen die inzwischen fast alle Widerstandskräfte erlahmt sind.