„Es schmerzt mich, das Land aus politischen Gründen zu verlassen“, schrieb Evo Morales auf Twitter, dann folgte er dem Angebot Mexicos und verließ das Land, dem er mehr als dreizehn Jahre als Präsident vorstand. Damit geht eine Ära für das ärmste Land Südamerikas zu Ende.

Von ganz unten

Evo Morales war der Heilsbringer der globalen Linken. Nicht nur seiner sozialistischen Agenda wegen, sondern gerade weil er als erster Indigener überhaupt Präsident eines südamerikanischen Landes wurde. Als er Ende 2005 die Präsidentschaftswahl mit deutlichem Vorsprung gewann, war Morales das Idol Hunderttausender seiner Landsleute.

Geboren und aufgewachsen im bolivianischen Westen, dem Altiplano, erlebte Morales die Folgen der Armut am eigenen Leib. Mehrere seiner Geschwister sterben jung. Hunger und Perspektivlosigkeit prägen das Leben des jungen Evo Morales. Nach seinem Wehrdienst engagiert er sich politisch als Gewerkschafter auf kommunaler Ebene.

1993 wurde Morales, der nur sechs Jahre die Schule besuchte, Abgeordneter des Nationalkongresses. Nach einem Intermezzo bei der Vereinigten Linken gründete er mit Getreuen die MAS („Movimento al Socialismo“). Hier beginnt der Aufstieg des volksnahen Mannes. Die Zeit spielte für ihn.

Richtiger Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort

2003 riefen Gewerkschaften zum Generalstreik auf. Auslöser waren Demonstrationen gegen die von IWF und Weltbank zur Bedingung für Kredite gemachte Privatisierung der Erdölförderung, bei denen mehrere Demonstranten starben. Morales und seine MAS erkannten die Gelegenheit und machten sich die Wut des bolivianischen Proletariats zunutze. 

Mit ihrem sozialistischen Programm trafen sie den Nerv der aufgebrachten Masse, während sich der zu dem Zeitpunkt amtierende Präsident Carlos Mesa 2005 seinen Rücktritt bekannt geben musste. Die Stunde des Evo Morales hatte geschlagen. Mit 54 Prozent errang er unumstritten einen glänzenden Sieg bei den vorgezogenen Präsidentschaftswahlen.

In den Jahren danach widmete er sich der Umsetzung seines sozialistischen Wahlprogramms. Er verstaatlichte die bolivianische Erdölproduktion, gestand den indigenen Volksgruppen weitreichende Rechte zu und arbeitete eine Verfassungsreform aus. Seine Popularität war weiterhin ungemein hoch. Bei einer Abstimmung 2008 schenkten mehr als zwei Drittel der Wahlberechtigten Morales ihr Vertrauen. Ein Jahr später wurde die Verfassung mit 61 Prozent Für-Stimmen angenommen.

„Bester Präsident, den Bolivien je hatte“

Die reformierte Verfassung erlaubte dem Amtsinhaber die Präsidentschaftskandidatur für eine zweite fünfjährige Periode. Erneut wurde Morales, dessen Markenzeichen sein traditioneller Pullover und die dazugehörige Lederjacke waren – ein deutliches Bekenntnis zu seiner Herkunft – in seinem Tun bestätigt. Zu diesem Zeitpunkt schien es unvorstellbar, dass die Ära des heute 60-Jährigen einst ein solch unrühmliches Ende nehmen würde.

Tatsächlich konnte Bolivien unter Morales‘ Herrschaft einige Erfolge verzeichnen, obwohl der bolivianische Sozialismus international keineswegs viele Freunde vorweisen konnte und insbesondere von den USA, die traditionell den liberalen lateinamerikanischen Rechten nahestehen, massiv bekämpft wurde. Aline Hirseland, Forscherin am Hamburger GIGA-Institut für Lateinamerika-Studien, meint: „Im Grunde war Evo Morales der beste Präsident, den Bolivien je hatte […].“

Der Sturz des Idols

2014 änderte sich das Klima im Land. Zwar konnte Morales erneut – und damit insgesamt zum dritten Mal – die Wahlen für sich entscheiden. Dies gelang ihm jedoch nur, weil die Wahlaufsicht seine erste Wahl unter der alten Verfassung für unbeachtlich erklärte. Dass er sich mittlerweile auf dem Präsidentenstuhl wohleingerichtet hatte, wurde ihm laut dem Lateinamerika-Experten Günther Maihold zum Verhängnis: 2016 scheiterte Morales mit einem Referendum, das ihm eine weitere Kandidatur ermöglichen sollte – entgegen der von ihm ausgearbeiteten Verfassung. Doch diesmal verweigerte ihm das Volk Gefolgschaft.

Laut Maihold habe Morales die Entscheidung des Volkes „nie angenommen“. Er sei vielmehr der „Perversion der Macht“ verfallen, habe sich einer „Illusion der Allmächtigkeit“ hingegeben. Bei den Wahlen im Oktober 2019 kandidiert er dennoch, nachdem regierungstreue Richter seine Kandidatur für rechtmäßig erklärten. Sein Herausforderer war Carlos Mesa.

Nach Unregelmäßigkeiten bei der Wahlergebnisübertragung forderte die Opposition Neuwahlen, während Morales sich zum Sieger erklärte. Doch die Proteste wegen möglicher Wahlfälschung gewannen an Zulauf. Schließlich entzog das Militär dem Präsidenten das Vertrauen, woraufhin dieser am 10. November zunächst Neuwahlen und kurz darauf seinen Rücktritt erklärte. 

Wie weiter?

Wie es nun mit Bolivien weitergeht, steht abzuwarten. Die Opposition selbst ist gespalten, es fehlen die für Lateinamerika typische charismatische Führungspersonen. Ob Ex-Präsident Mesa die Fähigkeiten hat, das gespaltene Land zu einen, ist mehr als fraglich. Aline Hirseland hält Luis Camacho, einen anderen Oppositionsführer aus Santa Cruz für „weitaus emotionaler“. Doch habe er keine Partei und somit „in der politischen Landschaft eigentlich keinen festen Platz“. 

Damit reiht sich Bolivien ein in die lange Liste der südamerikanischen Staaten, denen innenpolitische Krisen schwer zu schaffen machten. Überhaupt kündigen sich auf dem Kontinent, der traditionell durch krasse politische Gegensätze und populistische Politik geprägt ist, tiefgreifende Umwälzungen anzukündigen. Wobei die politischen Verhältnisse und insbesondere die Beziehung zwischen links und rechts kaum mit europäischem Maßstab zu messen sind. 

Anders als hierzulande wechseln die ideologischen Machtverhältnisse in Lateinamerika deutlicher stärker, wie sich erst kürzlich in Brasilien und möglicherweise jetzt in Bolivien zeigte. Ob Morales tatsächlich zurückkehrt, steht nicht fest, sicher ist aber, dass in Südamerika die Uhren der Politik anders ticken als im Rest der Welt.

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