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Der Berg ist längst nicht frei. Sogar die ironischen Namen von Kletterrouten sind den einschlägigen Meinungsmachern ein Dorn im Auge. Ein Skandal um Ironie und Meinungsfreiheit. Ein Text von Thomas Behm.

„Schulz mußte von Schulz allein hingerichtet werden. Aber unbedingt schonungslos, usque ad finem.“ Genau vor 100 Jahren wurden diese Zeilen in „Jungborn – Bergfahrten und Höhengedanken eines einsamen Pfadsuchers“ von Eugen Guido Lammer verfasst. Lammer prägte den führerlosen Alpinismus in einer Zeit, da ihm noch eine Wildheit eigen war, welche heutzutage selbst in den entlegensten Gebieten unseres Planeten nicht einmal mehr in Ansätzen zu finden ist.

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Lammer war selbst zu seiner Zeit bereits Ketzer, predigte den absolut reinen alpinen Geist; dies in einer Zeit, da die ersten Schutzhütten (im heutigen Sinne eigentlich nur karge, alpine Notunterkün­e) entstanden. Politischer Missbrauch war ihm fremd, er stand freien Geistes wehrhaft­ und stolz im Wind derer, die seinen klaren geistigen Leitlinien nicht folgen konnten oder wollten.

Prof. Dr. Karl Schulz aus Leipzig verfolgte Lammers Tun jahrelang voller Hass ob des innewohnenden Ketzergedankens, versuchte ihn (das war zwischen 1880 und 1890 …) in Schrift­ und Aktion zu denunzieren und „unschädlich“ zu machen.

Der Alpinismus und das Klettern haben sich in diesen 100 Jahren grundlegend verändert. Würde ein Eugen Guido Lammer heute an den Felsen seiner Jugend vorbeiwandern, würde er verächtlich belächelt, verbal oder tätlich angegriffen oder in digitalen Medien hingerichtet werden.

Heutzutage ist das Klettern und Bergsteigen ungleich sicherer geworden; ist man an den Achttausendern der Welt mit Facebook und Instagram permanent mit der Außenwelt und sogar „Heimat“ verbunden, werden Felskletterrouten in der Regel mit sicherem, gebohrten Hakenmaterial ausgestattet und sind so selbst für unerfahrene Stadtmenschen mit „Indoor“-Erfahrung leicht und relativ ungefährlich konsumierbar.

Dies hat in den letzten Jahren zu einem Boom des Klettersports geführt, der von Tourismusverbänden (auch im positiven Sinne der Volksgesundheit) erkannt wurde, welcher aber Brücken zu den Traditionen eines aus oftmals anderen Motiven ausgeführten Natur- und Selbsterlebens sukzessive abgebrochen hat.

Der „heroische“ Alpinismus wurde quasi im eigenen Sterben nochmals zu Tode getreten. Freilich, in der heutigen Zeit kann er keinen Platz mehr haben, wie auch Lammer nicht.

Der hyperliberale Geist, welcher ins Bergsteigen, insbesondere ins Klettern und Sportklettern, in den letzten Jahren eingezogen ist, verachtet aber nicht nur den verstaubten Heroismus (indem man ihm ganz einfach missbräuchliche Verwendung vorwirft­ und ihn so leicht „entsorgen“ kann), nein, er stellt selbst seine eigenen Wurzeln völlig infrage: Der europäische  traditionelle Alpinismus wurde nämlich um 1970 ordentlich durchgerüttelt, als die Freikletterbewegung aus den USA überschwappte, mit Drogen, ’68er-Mentalität, kurioserweise aber einer ganz strengen Ethik (an den Begehungsstil der Kletterrouten) und – vor allem – einer sehr großen Gewichtung der persönlichen Freiheit, welche auch die Benennung von neuen Routen beinhaltete und als unantastbar galt.

Betritt man heutzutage „Neuland“ (das heißt, ‑ findet man ein Stück Fels oder Eis, wo noch niemand zuvor hochgeklettert ist), so gilt es als ungeschriebenes Gesetz, dass der „Erstbegeher“ diese Route so benennen darf, wie er möchte.

Im Jahre 2010 kam es zu einer medialen Diskussion über die Namensgebung von Kletterrouten in Schweden. Nicht Schulz war auferstanden, eine Frau Hess entdeckte in einem Klettergarten nahe Stockholm Namensgebungen, welche mit den dunkelsten Seiten der Geschichte kokettieren wollten. Im Alpenlande Lammers suchte und fand man ein ebenbürtiges Feindbild und versuchte, medial in der Vorwahlzeit gut inszeniert, es wie die Kuh durchs Dorf zu treiben. Es führte auch in Österreich neben der Mehrheit der „Unpolitischen“ und „Gleichgültigen“ zu  einer gewissen Spaltung in der Kletterszene.

Nach den Wahlen (welche wie fast immer zugunsten der in sich ungeistigen Masse ausgingen) richteten sich die psychosozialen Verwerfungen scheinbar wieder wie von selbst; die Kuh und das Dorf waren bei den meisten… (weiterlesen können Sie im aktuellen FREILICH 14 – hier bereits ab EUR 49,00 abonnieren).



Wenn der Mainstream nicht mehr stimmt, braucht es eine lebendige Gegenöffentlichkeit. Die freien Medien haben längst ihren Platz im deutschen Journalismus. Doch wer sind sie und was ist das Geheimnis ihres Erfolgs?

Ja, das Internet hat die Welt des traditionellen Journalismus auf den Kopf gestellt. „Content“ geht vor Inhalt, „Clicks“ vor Tiefe, Gefühl vor Fakten. Der soziologisch versierte Jurist und Publizist Thor v. Waldstein kritisiert: „Die um die Jahrhundertwende grassierende Euphorie, die neuen technischen Möglichkeiten führten mehr oder weniger von selbst zu einer ‚flüssigen Demokratie‘, ist längst realistischeren Bewertungen gewichen. Die ‚Piraten‘-Blauäugigkeit, ‚dass Technik eine automatische Quelle emanzipatorischer Transformation darstellt‘, hat sich als Irrglaube erwiesen.

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Die ‚Bewusstseinsindustrie‘ (Hans Magnus Enzensberger) hat sich zwar z. T. demokratisiert, aber auch und gerade in den neuen Medien menschelt es an allen Ecken: Verkürzungen, Verzerrungen, Bild- und Textmanipulationen, Feindbildmechanismen bis zu ungefilterter Propaganda sind im Netz eine Quelle täglichen Ärgernisses.“

„Clickbaiting“ ist das Wort der Stunde. Der Ausdruck bezeichnet laut textbroker.de „eine Technik, Inhalte im Internet mit Überschriften oder Bildern anzupreisen, die beim Nutzer in der Regel überzogene Erwartungen wecken“. Dieses Phänomen, bereits aus dem Boulevardjournalismus bekannt, gewinnt angesichts der kurzen Aufmerksamkeitsspanne der „User“, ihrer Reizüberflutung und des hohen Konkurrenzdrucks zunehmend an Bedeutung.

„Wie Drogensüchtige sind ununterbrochen vernetzte ‚User‘ auf der Jagd nach Affirmation durch völlig fremde Menschen, nach dem nächsten ‚Herz‘, ‚Like‘ oder einer Top-Bewertung und damit messbar einhergehenden Dopaminstößen, die abhängig machen und längst gezielt von der Industrie instrumentalisiert werden.“ So beschreibt der Publizist Nils Wegner die Digital- und Kommunikationskultur im 21. Jahrhundert.

Es sind nicht zuletzt Fakten wie diese, die den Erfolg der alternativen Medien ausmachen – ungeachtet ihres politischen Hintergrundes. Denn auch etablierte Zeitungen wie „Welt“ oder „Bild“ haben die Spielregeln der digitalen Kommunikation verstanden und für sich nutzbar gemacht. Regelmäßig belegen sie mit ihren Beiträgen die ersten Plätze der „News-Charts“ des Bewertungsportals „10000 Flies“.

Spätestens seit dem erfolgreichen Wahlkampf Donald Trumps ist im Internet ein Kampf um die Meinungshoheit entbrannt. Die Unmittelbarkeit der „sozialen Netzwerke“, die Sender und Empfänger in eine völlig neue Beziehung zueinander stellt und die Verbreitung von Informationen in Echtzeit ermöglicht, gepaart mit dem Vorzug anonymer Teilhabe am Diskurs hat zu einer Dynamisierung sozialer Kommunikation geführt. Aus dieser Perspektive besehen hat das Internet einen korrigierenden Einfluss auf politische Entwicklungen. Dennoch sind frenetische Jubelchöre ob dieses „Demokratisierungspotenzials“ des Internets unangebracht. Auch die Schattenseiten verdienen Beachtung.

„Flood them with shit“

„Flood them with shit“ – überschwemmt sie mit Scheiße. Das hat Steve Bannon einmal über die Medien gesagt: „Überschwemmt sie mit Scheiße, um sie unglaubwürdig zu machen.“ So begann Medienanwalt Höcker seine „Vorlesung“ über journalistische Ethik vor den Vertretern der freien Medien, die sich auf Einladung der AfD im Bundestag versammelt hatten. Doch er warnte: „Das kann nicht Ihr Anspruch sein.“ Vordergründig verweist seine Mahnung auf vermeintlich netzspezifische Eigenheiten wie das „Clickbaiting“, die Verbreitung sogenannter Fake News, „alternativer Fakten“ oder Halbwahrheiten.

Auch für Petr Bystron ist klar: „Die Kritik am Clickbaiting ist begründet.“ Doch dabei handele es sich „mehr um eine Frage des Stils als des Inhalts“, so der Abgeordnete. Der Erfolg der freien Medien beruhe nicht zuletzt auf dem Umstand, „dass viele Bürger sich von den Mainstreammedien nicht zuverlässig informiert fühlen“. Dennoch unterstellen etablierte Medien und Politiker gerade den sich selbst als konservativ oder rechts verortenden Medien gezielte Desinformation des eigenen Publikums.

Diese Haltung ohne Weiteres als Regierungspropaganda abzutun genügt nicht, um im Raum stehende Vorwürfe zu entkräften. Es genügt auch nicht, auf die Unsauberkeiten und Skandale der etablierten Medien hinzuweisen, wenn nicht gewährleistet ist, dass die eigene Arbeit journalistischem Anspruch genügt.

Diesen Anspruch formulierte der Journalist Hanns Joachim Friedrichs im Jahre 1995 (ausgerechnet) in einem „Spiegel“-Interview folgendermaßen: „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.“

Mittlerweile hat sich an der Front zwischen alten und neuen Medien sogar ein völlig neues Berufsbildfür Journalisten entwickelt, nämlich das des „Faktencheckers“ – jemand, der Nachrichteninhalte auf ihre Richtigkeit überprüft und anschließend bewertet. Eine unabhängige Instanz, die sich dem Kampf für Wahrheit verschrieben hat – wenigstens auf dem Papier. Das bereits erwähnte Recherchenetzwerk „Correctiv“ hat den Anspruch, „gezielt Desinformation zu bekämpfen“, und kooperiert dabei u. a. mit Facebook. Auch wenn sich „Correctiv“ um einen Anschein von Transparenz be- müht, verdient diese Zusammenarbeit im Dienste der „Wahrheit“ kritische Aufmerksamkeit. Anspruch und Wirklichkeit klaffen auch bei den „Faktencheckern“ weit auseinander.

„Faktencheck“ im Faktencheck

Wie steht es um die Unabhängigkeit von „Correctiv“? Ein Blick auf die Website verrät, dass hinter dem Projekt mehrere linksliberal orientierte, finanzstarke Stiftungen stehen, darunter etwa die Rudolf-Augstein- Stiftung, das Omidyar-Netzwerk sowie die Soros-Gründung Open Society Foundations, die zusammen mehr als 700.000 Euro in die Arbeit der „Correctiv“- Journalisten investierten. Doch auch inhaltlich sind wenigstens Zweifel an der objektiven Haltung der „Faktenchecker“ angebracht. So berichtet etwa die Initiative „Ein Prozent“ über einen Fall, in dem es diese mit der Recherche nicht allzu genau nahmen. Anlass dazu bot ein Bericht des „Wochenblicks“, der insgesamt mehr als 8000-mal auf Facebook geteilt wurde. Die „Faktencheckerin“ Alice Echtermann bemängelte in erster Linie die „falsche“ Auslegung von Statistiken des Bundeskriminalamtes durch den „Wochenblick“. Die Recherche von „Ein Prozent“ zeigt jedoch, dass es sich lohnt, „Faktenchecks“ kritisch zu hinterfragen.

Die Fakten sprachen nämlich durchaus die Sprache des „Wochenblick“- Artikels – ungeachtet dessen auf „Clickbaiting“ ausgelegten Stils. Das Urteil von „Ein Prozent“ über die „Faktenchecker“: „Es geht ihnen nicht um die transparente und kritische Darstellung journalistischer Unsauberkeit, sondern um die Bedienung klassischer Vorurteile gegenüber alternativen Medien und politischen Gegnern. Da, wo es passt, werden Quellen ignoriert, Fakten relativiert oder Definitionen nach eigenem Bedarf angepasst – auch wenn diese gängigen Mustern zuwiderlaufen.“

Die Kritik des Journalisten Kolja Zydatiss an der Kooperation von Facebook und „Correctiv“ geh in eine ähnliche Stoßrichtung. Es sei, so Zydatiss, „bedenklich, wenn sich private Unternehmen auf diese Weise zu Schiedsrichtern der Wahrheit aufschwingen. Viele Meldungen sind kontrovers, interpretationsfähig oder unklar. Oft beziehen sich Fake News auf Ereignisse, die nicht frei erfunden, aber übertrieben, tendenziös und, ja, in Teilen auch falsch oder unwahr wiedergeben werden. Das beste Korrektiv gegen solche Berichterstattung ist aber nicht die stumpfe – an die ‚Lebensmittelampel‘ erinnernde – Kennzeichnung von News als ‚zweifelhaft‘, sondern eine lebendige Debattenkultur.“

Zumal der tatsächliche Einfluss „bewusst unwahrer Nachrichten“ enorm überschätzt werde. Dennoch wird mittlerweile offen über eine Klarnamenpflicht im Internet und die Zensur sogenannter „Hate Speech“ diskutiert. Das von Heiko Maas (SPD) initiierte Netzwerkdurchsetzungsgesetz, kurz NetzDG, zielt bereits auf die Beschneidung der grundgesetzlich garantierten Meinungsfreiheit. Auch die weiter schwelende Uploadfilter-Debatte schürt die Sorge über widerrechtliche Eingriffe in die Privatsphäre und eine Zensur legaler Inhalte.

Wie wir gesehen haben, ist die Welt der alternativen Medien mitnichten eine der Freiheit. Ungeachtet der Fakten geht es den beteiligten Akteuren dies- wie jenseits des Grabens um die Vermittlung von Gefühlen. Kurz: Die Oberhand gewinnt derjenige, der die beste Geschichte erzählt. Dieser Zwang zum Narrativ treibt zum Teil schauerliche Blüten. Etwa im Fall des mehrfach preisgekrönten „Spiegel“-Journalisten Claas Relotius, der im Dezember 2018 der bewussten Fälschung in zahlreichen Beiträgen und Interviews überführt wurde. Aber: Relotius fiel nicht vom Himmel.

Die „taz“ schreibt: „An Journalistenschulen lernt der Nachwuchs, dass Reportagen beim Leser ‚Kino im Kopf ‘ erzeugen sollen, dass ein guter Text starke ‚Protagonisten‘ braucht und einen ‚Konflikt‘, dass die ‚Dramaturgie‘ des Textes wichtig ist. Man lernt, die Texte nicht Artikel zu nennen, sondern ‚Geschichten‘. Journalistenschüler belegen ‚Storytelling‘-Seminare, als schrieben sie für Netflix. […] Die Inszenierung von Reportagen ist aber auch Teil des Problems. Der Begriff ‚Geschichte‘ ist eben sehr nah an ‚Märchen‘, es scheint verführerisch, hier und da ein bisschen auszuschmücken.“

Geschichten oder Aufklärung?

Dennoch droht der Fall Relotius, den wichtigsten Aspekt der Machterhaltungsstrategie deutscher Journalisten zu verstellen, nämlich das Verschweigen wesentlicher Aspekte. „Denn zur Wahrheit gehört die (jedenfalls annähernde) Vollständigkeit“, meint Thor v. Waldstein. Medienberichte, in denen Wesentliches weggelassen wird oder nur ausgewählte Informationen einen Platz finden, gibt es zuhauf – etwa im Hinblick auf die Herkunft von Gewalttätern.

Im Pressekodex des Deutschen Presserates heißt es dazu: „Die Zugehörigkeit soll in der Regel nicht erwähnt werden, es sei denn, es besteht ein begründetes öffentliches Interesse. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“ Doch wer definiert, wann ein „begründetes öffentliches Interesse“ besteht? Insbesondere in Zeiten des subjektiven „Haltungsjournalismus“ eine Frage von höchster politischer Brisanz.

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Gerade in diesem Kontext gewinnt die Existenz freier, unabhängiger oder alternativer Medien Bedeutung. Indem diese dort ansetzen, wo der Mainstream versagt, ermöglichen sie dem kritischen Publikum einen alternativen Zugang zu sozialen Realitäten und tragen damit zu Aufklärung und Information bei. Nichtdestotrotz verkehrt sich diese Funktion dort in das Gegenteil, wo die Fehler und Strategien der Etablierten unter anderen Vorzeichen übernommen werden.

Denn die moralisierend-belehrende Gleichsetzung von subjektiver Meinung und objektiver Aufklärung ist hüben wie drüben gleichbedeutend mit einer Abkehr vom chronografischen Charakter des journalistischen Handwerks.  

Wenn Geschichten erzählt werden müssen, dann bitte nur möglichst wahre. Auch wenn der Begriff „Fake News“ längst zur inhaltsleeren Worthülse degradiert wurde, strotzen soziale Netzwerke und Blogs vor allerlei Falschmeldungen. Welche Gefahren auf denjenigen lauern, der Beiträge unkritisch übernimmt, weil sie gut in das eigene Weltbild passen, zeigte die „Sokal-Squared“-Kontroverse. In den Jahren 2017 und 2018 publizierten drei US-Wissenschaftler zahlreiche mit haarsträubenden Thesen gespickte Hoax-, d. h. gefälschte Beiträge in Fachzeitschriften für „Gender Studies“.

Trotz himmelschreiender Unwissenschaftlichkeit bestanden sieben von insgesamt 20 Beiträgen die Peer-Review, vier wurden anschließend veröffentlicht. Nach Bekanntwerden des Skandals erlitten die betroffenen Publikationen einen großen Imageschaden. Ein grundsätzlicher Haltungswandel hat jedoch nicht stattgefunden.

Nicht nur die Rechten

Wer nun glaubt, dass freie Medien zwingend in Opposition zur herrschenden Mainstreammeinung stehen müssen, täuscht sich. Es gibt neben den patriotisch-oppositionellen Formaten, die sich im weiteren Umfeld des Rechtspopulismus bewegen, auch einige Beispiele von freien Journalisten, die sich nicht mit der Mosaik-Rechten identifizieren. So betreibt der Journalist Tilo Jung seit 2013 das Interviewformat „Jung & Naiv“. Dabei lässt Jung auch Andersdenkende zu Wort kommen. Das Konzept geht auf: Mehr als 340.000 Nutzer folgen seinem YouTube-Kanal. Seine Gesamtreichweite liegt bei mehr als 72,2 Millionen Aufrufen. Seine Arbeit finanziert Jung mittels Crowdfunding und Spenden.

2014 gewann er den Grimme Online Award für „Idee und Moderation“. Jung ist ein Profi und mit den Problemen des Mainstreamjournalismus vertraut: „Das Hauptproblem scheint mir, dass immer weniger Leute immer mehr machen müssen. Die fehlende Zeit für Recherche ist schädlich für den Journalismus an sich, und es ist besonders schade, dass das auch für die Öffentlich-Rechtlichen gilt. Gerade die könnten ja das Gegenbeispiel  um kommerziellen Journalismus sein“, so Jung. Er selbst setzt dagegen auf ein alternatives Rezept: „Ein Gesprächspartner und jede Menge Zeit. […] Interessante Interviews brauchen schlicht und einfach Zeit.“

Einen etwas anderen Ansatz verfolgt das österreichische Projekt „Addendum“. Es geht auf eine Initiative des Red-Bull-Gründers Dietrich Mateschitz zurück. Dieser hatte 2017 eine gemeinnützige Stiftung ins Leben gerufen, die als Gründerin der Quo Vadis Veritas Redaktions GmbH (QVV) auftrat. Als QVV-Chefredakteur  zeichnet der renommierte Journalist Michael Fleischhacker, Ex-„Presse“-Chefredakteur und Moderator des TV-Formats „Talk im Hangar-7“, für „Addendum“ verantwortlich.

Der Schwerpunkt der Redaktion liegt auf investigativem Journalismus. Dabei sei es wichtig, „dass die Themen den Anspruch erfüllen, etwas zu erzählen, was bisher am  österreichischen Medienmarkt ‚fehlte‘“, so die Eigendefinition. Die bislang publizierten Recherchen zeichnen sich in der Tat durch ihre kritische Sachlichkeit und parteipolitische Neutralität aus.

Diesen Grundsätzen bleibt Fleischhacker auch dann treu, wenn er ins Fadenkreuz der Mainstreampresse gerät, etwa als er 2016 den identitären Aktivisten Martin Sellner zum „Talk im Hangar-7“ einlud oder den „neurechten“ Verleger Götz Kubitschek zu Wort kommen ließ, ohne sich mit diesen gemeinzumachen. Bereits zum Projektstart erklärte Fleischhacker, „dass die Ressourcen der Stiftung und die Energien der Mitarbeiter ausschließlich in die Recherche fließen […], um so zur Wiederherstellung einer soliden Faktenbasis als Grundlage für eine qualifizierte, ruhig auch kontroversielle politische und gesellschaftliche Debatte beizutragen“.

Wem gehört die Zukunft?

In einer 2018 ebenfalls von der eingangs erwähnten Otto-Brenner-Stiftung veröffentlichten Studie mit dem Titel „Deutschlands Blogger. Die unterschätzten Journalisten“ beschäftigen sich die Kommunikationswissenschaftler Olaf Hoffjann und Oliver Haidukiewicz damit, wie ähnlich sich traditionelle Journalisten und Blogger wirklich sind, bezogen auf das jeweilige „Rollenselbstverständnis, das Qualitätsverständnis sowie den Umgang mit PR und Schleichwerbung“. Das Ergebnis: Blogger sind Journalisten deutlich ähnlicher als gedacht.

Die Autoren schließen an das Ergebnis mit der Frage an, ob diese Ähnlichkeit ausreiche, „Blogs schon jetzt als ernsthafte Konkurrenz für den professionellen Journalismus anzusehen“. Hoffjann und Haidukiewicz prognostizieren, dass insbesondere im Bereich des Politikjournalismus vorerst keine allzu großen Veränderungen zu erwarten sind, da hier klassisch-journalistische Angebote deutlich vor politischen Blogs liegen – gemessen an der monatlichen Besucherzahl.

Dennoch weist der Trend nur in eine Richtung: Gerade Jugendliche informieren sich hauptsächlich über das Internet. Laut einer Studie des Internationalen Zentralinstitutes für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) bezieht ein Großteil der 14- bis 24-Jährigen Informationen über aktuelle gesellschaftliche und politische Ereignisse aus Onlinemedien oder sozialen Netzwerken.

Dass sich der Informationskampf im Netz ausweiten wird, steht daher außer Zweifel. Welche Rolle jedoch der Mainstreamjournalismus dabei noch spielen wird, ist keineswegs geklärt. Gelingt es den alternativen Medien, das Informationsmonopol des Establishments zu brechen, oder schaffen die etablierten Medien die Wende? Die Berichterstattung über den Mord an einem Achtjährigen am Frankfurter Hauptbahnhof zeigt jedenfalls, dass sie aus ihren Fehlern bislang nichts gelernt haben.

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Lesbos ist einer der Brennpunkte der europäischen Migrationskrise. Die Situation auf der Insel hat sich längst gefährlich zugespitzt. Chefredakteur der TAGESSTIMME – Stefan Juritz – war voriges Jahr vor Ort und hat seine Eindrücke für uns aufgeschrieben. Heute lesen Sie den zweiten Teil seiner Reportage (den ersten Teil finden Sie HIER).

Am Abend belagerten 2.000 Demonstranten eine Militäranlage, in der sich die Spezialeinheit tatsächlich vor dem wütenden Mob versteckte. Die Polizisten waren später noch nicht einmal in dem Hotel, in dem sie untergebracht wurden, vor dem Zorn der Einheimischen sicher. Hunderte Griechen stürmten das Gebäude und verprügelten die Beamten. Die Bilanz am Ende des Tages: 43 Polizisten und zehn Demonstranten wurden verletzt.

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All dies ereignete sich nur wenige Wochen vor unserer Ankunft auf Lesbos. Wir wussten also um die Gefahr, in die wir uns bei der Recherche für diese Reportage begeben würden.

Anfang März nun sind wir in Mytilini und beziehen unsere Unterkunft gleich in der Nähe des Hafens. Es ist mittlerweile Abend geworden, und wir beschließen, einen ersten Lokalaugenschein zu unternehmen. Die Dutzende Migranten, die wir vorhin rund um den Hafen sahen, sind jetzt weg. Entweder sind sie mit dem Bus zurück nach Moria gefahren oder zu Fuß dorthin gegangen.

Wenn man jetzt durch die Einkaufsstraßen schlendert, fühlt man sich wieder wie auf einer ruhigen Urlaubsinsel, und man gewinnt fast den Eindruck von Normalität.

Wir beschließen, uns in ein Restaurant zu setzen und eine Kleinigkeit zu essen. Außerdem hoffen wir, mit Inselbewohnern ins Gespräch kommen zu können, um mehr über die Situation auf Lesbos zu  erfahren. Nur zwei Gehminuten von unserer Unterkunft in Richtung Hafen entfernt spazieren wir an einer kleinen und auf uns typisch griechisch wirkenden Gaststätte vorbei.

Das Lokal ist fast leer. Nur an einem Tisch sitzen noch zwei Personen. Das Personal begrüßt uns sehr freundlich. Noch vor dem Essen stellt uns die Kellnerin zwei Gläser Ouzo an den Tisch. Sehr erfreut stoßen wir auf die überstandene lange Reise an. Während wir auf unsere Bestellung warten, betrachten wir die sehr urige Innenausstattung des Lokals.

An den Decken und Wänden hängt allerlei landwirtschaftliches Gerät, ein Wagenrad etwa, und ein Jagdgewehr sowie ein hölzernes Ding, das wie ein Pflug aussieht. Auf einem kleinen Balkon, der sich über dem Durchgang zum zweiten Raum befindet, steht – von grünem Licht in Szene gesetzt – eine weibliche Schaufensterpuppe, die in traditionelle griechische Tracht gekleidet ist.

Sämtliche weißen Stellen an den Wänden sind mit schwarzem Filzstift beschriftet. Das meiste davon steht auf Griechisch, manches aber auch auf Englisch und Französisch geschrieben. Es dürfte sich wohl um Botschaften von Gästen handeln. Direkt neben uns lesen wir eine Botschaft von 2016: „Refugees welcome“. Die Zeiten haben sich hier eindeutig geändert.

Während des Essens kommen wir mit der Wirtin Andrea ins Reden. Sie arbeitet eigentlich im IT-Bereich an der örtlichen Universität, erzählt sie uns. Doch wenn ihr Mann am Abend beim Fußball ist, dann schmeißt sie den Laden. Sie interessiert sich dafür, was wir hier machen. Wie Touristen würden wir nämlich nicht  wirken, und außerdem seien sowieso kaum noch welche auf der Insel, sagt sie in sehr gutem  Englisch. Wir erzählen, dass wir aus Österreich kommen und an einer Reportage über Lesbos arbeiten, bei der wir besonders auch die Perspektive der Einheimischen berücksichtigen wollen. Sie scheint sich zu freuen. Insgesamt werden wir an diesem Abend fast drei Stunden mit ihr reden. Man merkt, wie wichtig es ihr ist, uns die Situation der Inselbewohner genau zu schildern.

Andrea erzählt, dass die Einwohner hier besonders am Höhepunkt der Asylkrise 2015 bis 2016 sehr hilfsbereit gewesen seien. „Wir sind keine Rassisten“, stellt sie klar. Im Gegenteil, sie glaubt, dass Inselbewohner generell „offener“ seien als die Leute vom Festland. Doch die Entwicklung der letzten Jahre habe die Einstellung der Einheimischen geändert. Viele hätten nun die Schnauze voll.

Die Wut richte sich dabei weniger gegen die illegalen Migranten, sondern besonders gegen die Politik. Neben der Migrationskrise gebe es mittlerweile auch wirtschaftliche Probleme. Viele Geschäfte hätten in den letzten Jahren bereits zugesperrt. Natürlich treffe auch der ausbleibende Tourismus die Insel. Man  bemerke auf Lesbos einen Verlust der Lebensqualität, sagt sie. „Es ist eine Lose-lose-Situation.“ Für die Einheimischen und für die Migranten.

Andrea zufolge ist die Zahl der Diebstähle und Einbrüche in den letzten Jahren gestiegen. Auch ihr Restaurant war davon betroffen. Es seien Afrikaner  eingebrochen und hätten einen Laptop und alles, was irgendwie wertvoll aussah, mitgenommen. Für solche Straftaten bringt sie nur wenig Verständnis auf. Kriminelle Migranten solle man ihrer Ansicht nach abschieben. Diese würden nämlich ein schlechtes Licht auf alle übrigen werfen. „Es gibt hier genug, die wirklich leiden.“

Wir wollen von ihr wissen, wie sich das Zusammenleben auf der Insel im Alltag gestaltet. Doch offenbar gibt es das gar nicht. Es existieren zwei Parallelgesellschaften. Man bleibt unter sich.

Von der Regierung fordert Andrea endlich Lösungen. Wie diese Lösungen aussehen könnten, weiß sie jedoch auch nicht. Doch schließlich seien die Politiker dafür gewählt worden, wie sie betont. „Manche Migranten müssen jedenfalls von der Insel gebracht werden.“ Und zwar in feste Anlagen, nicht in Zeltstädte wie in Moria. Was die Einheimischen hier jedoch nicht haben wollen, sei ein neues Camp auf der Insel. Andrea erzählt uns von den Protesten, die sich so gewalttätig entwickelt haben.

Sie sei selbst dabei gewesen, mit Freunden aus der Stadt. Es hätten dort hauptsächlich einfache Bürger und ganze Familien protestiert. Sehr kritisch sieht sie den Einsatz der Spezialeinheit MAT, bei dem auch auf friedliche Leute Tränengas geschossen worden sei. „Die Leute hier vertrauen der Polizei nicht mehr.“

Die Leute hier sind wütend und fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Das Lager Moria platzt weiter aus allen Nähten, und auch die Polizei ist vollkommen überfordert. All das bringt die Einheimischen zur Verzweiflung und führt dazu, dass sich einige von ihnen organisieren. Sie versuchen mittlerweile im Stil von Bürgerwehren, das Recht selbst in die Hand zu nehmen. Dabei scheinen die Hemmungen immer weiter zu fallen. Sie errichten Straßensperren und verprügeln NGO-Mitarbeiter. Andrea rät uns deshalb, auf dem Weg nach Moria einen Presseausweis mitzunehmen, um nicht fälschlicherweise für NGO-Mitarbeiter gehalten zu werden.

Die NGOs sind auf der Insel sehr unbeliebt geworden, man gibt ihnen eine Mitschuld an der illegalen Migration. „Ich bin mir sicher, die meisten von ihnen haben gute Absichten“, meint die Griechin. Aber manchen der NGOs wirft sie vor, einfach nur Geld machen zu wollen.

Doch der Zorn der Inselbewohner trifft nicht nur NGO-Mitarbeiter, sondern auch Journalisten. In den letzten Wochen wurden vermehrt ausländische Reporter von wütenden Einheimischen angegriffen. Auch uns trifft es am nächsten Tag in einer Einkaufsmeile in der Nähe des Hafens. Allerdings haben wir es hier nicht – wie befürchtet – mit aufgebrachten „Wutbürgern“ zu tun, sondern mit linksextremen Antifa-Schlägern.

Es ist jetzt Freitagvormittag, die Sonne scheint, und es herrscht reger Betrieb in den Straßen der Stadt. In der Nähe des Hafens treffen wir uns mit zwei Kollegen aus Deutschland zum Frühstück. Danach nehmen sie uns mit zu einem Treffen mit einem Einheimischen, der uns die Gegend zeigen und verschiedene Leute vorstellen möchte. In der Einkaufsstraße unterhalten wir uns mit einer griechischen Ladenbesitzerin. Da sie viele Jahre in Deutschland gelebt hat, spricht sie hervorragend Deutsch.

Die Situation auf der Insel schildert sie uns ähnlich wie Andrea am Vorabend. Auch sie berichtet von negativen Erfahrungen, und ebenso wie Andrea will sie, dass sich diese Krise endlich bessert. Beide Frauen sind keinesfalls Ausländerfeinde. Die Ladenbesitzerin schildert ihr Mitgefühl, wie sie abends daheim sitze und sich um die Frauen und Kinder im überfüllten Lager oder in den ankommenden Schlauchbooten sorge. Doch auch sie hat ihre eigenen Probleme, um die sie sich kümmern muss. Die zusätzliche Belastung durch die tausenden Asylwerber auf der Insel ist zu viel für sie.

Mitten in diesem Gespräch greift uns plötzlich – wie aus dem Nichts – eine Gruppe vermummter Linksextremer an. Sie tragen zum Teil Motorradhelme bei sich, und mindestens einer ist sogar mit einem Teleskopschlagstock bewaffnet. Sie sind zwar in der Überzahl, trotzdem können wir durch rasches Handeln unsere Ausrüstung sichern und den Angriff letztlich abwehren. Einer der beiden Deutschen muss später aber mit einer Platzwunde am Kopf und einem blauen Auge im Krankenhaus behandelt werden.

Der Antifa-Trupp hat sich schon aus dem Staub gemacht, als die Polizei eintrifft. Die Beamten bringen uns auf die Wache, damit wir dort den Vorfall schildern und anzeigen können. Was wir zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht ahnen: Wir werden dort bis am Abend warten müssen. Ein Polizist erklärt uns, dass seine Kollegen gerade nach den Angreifern suchen und man nach Ladenschluss alle Überwachungskameras in der Gegend des Überfalls prüfen werde. Wir sollen bis dahin bleiben, um die Täter im Falle von Festnahmen gleich identifizieren zu können.

Die Polizei gibt sich also tatsächlich Mühe bei den Ermittlungen. In all den Stunden behandeln die Beamten uns sehr freundlich und versorgen uns immer wieder mit Getränken. Sie erzählen, wie schwierig ihre Arbeit geworden sei. Die Situation verschlechtere sich stetig, es entstehe immer mehr Chaos. Die Exekutive brauche mehr Ressourcen und Personal, erklärt einer der Beamten.

Hier an der griechisch-türkischen Grenze wird der Anfang einer neuen Migrationswelle wie von 2015 aufgehalten, dessen sind sie sich bewusst. Die meisten Migranten hier auf Lesbos gäben als Wunschziel Deutschland an, erzählen die Polizisten im Gespräch. Man erledigt hier also auch die Arbeit für die restlichen Europäer. „Die Probleme auf Lesbos sind die Probleme ganz Europas.“

Als wir am Abend die Polizeistation endlich verlassen können, raten uns die Beamten, die Hauptstadt aus Sicherheitsgründen zu meiden. Auch uns ist nach dem Überfall und den mittlerweile erschienenen – abstrus verzerrten – Medienberichten klar, dass wir unsere Arbeit hier abbrechen müssen. Um weiter in Ruhe recherchieren zu können, ist die Insel einfach zu klein und die Lage zu unübersichtlich. Wir entschließen uns also, am nächsten Morgen die Heimreise anzutreten. Nichtsdestotrotz konnten wir wichtige Eindrücke gewinnen.

Auf Lesbos spielt sich eine Tragödie ab, die hier alle gleichermaßen betrifft und stetig droht, endgültig zu eskalieren. Die griechische Regierung verspricht zwar schnellere Asylverfahren und Abschiebungen, wirkt aber letztlich überfordert und ratlos. Zwar hat Griechenland als Reaktion auf die türkische Grenzöffnung seit März für einen Monat das Asylrecht ausgesetzt, um neu ankommende Migranten wieder zurück in ihre Heimatländer bringen zu können, doch wird sich die Situation auf der Insel dadurch nicht ändern. Die aufkommende Corona-Pandemie könnte die Lage sogar noch verschärfen.

Ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht. So viel ist sicher: Lesbos ist ein Pulverfass an der Außengrenze Europas, ein Pulverfass, das die Grenze für alle anderen Europäer schützt, damit sich „2015“ nicht wiederholt. Doch die Inselbewohner fühlen sich von ihrer Regierung und den anderen EU-Staaten im Stich gelassen und verraten. So, wie Andrea beim Abschied am ersten Abend meinte: „Wir wollen kein Geld, wir wollen ein normales Leben.“

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Haben Journalisten eine unstatthafte Nähe zu den Machteliten? Der emeritierte Medienwissenschaftler und Philosoph Norbert Bolz ist ein versierter Kritiker an diesem Zustand. Wir haben mit ihm über den Mainstream und die Alternativen gesprochen. Den ersten Teil des Gespräches können Sie HIER nachlesen.

FREILICH: Das Internet kommt dem durchaus dem nahe, was man als Raum der freien Rede bezeichnen könnte und ist derzeit noch relativ frei von hoheitlichem Einfluss. Dennoch wird immer wieder das Thema „Hassrede“ aufgebracht. Oft hört man auch von der „Verrohung der Gesellschaft“. Kennen Sie dieses Problem? Würden Sie sagen, das ist eine Folge der Kommunikation im Internet, oder gibt es dafür tiefer liegende gesellschaftliche Gründe?

Norbert Bolz: Nein, die Gesellschaft ist nicht verroht durch das Internet. Es ist schlicht so, dass erstmals jeder die Möglichkeit hat, die ganze Weltöffentlichkeit virtuell anzusprechen. Auch früher gab es genauso viel Wahnsinn, Verrücktheit, Hass und Wut wie heute, nur hatten die Leute kein Organ, mit dem sie ihre Gefühle zum Ausdruck bringen konnten.

Dieser Artikel ist in FREILICH 5 erschienen. Alle FREILICH-Ausgaben finden Sie HIER.

Heute kann jeder schreiben, twittern, E-Mails versenden und, und, und. Das Internet hat den Hass demokratisiert, der Hass, der immer schon existiert hat, wird heute weltweit publiziert. Insofern sehen wir jetzt nur deutlicher, was immer schon in den Seelen unserer Mitmenschen vorgegangen ist. Aber ich sehe nicht, dass die Gesellschaft selber sich radikalisiert hätte. Das ist meines Erachtens eine Dramatisierung, die nicht akzeptabel ist.

Was halten Sie von diesen ganzen versuchten Zensurmaßnahmen, Stichwort Netzwerkdurchsetzungsgesetz?

Das ist natürlich eine Katastrophe. Sicher, die „klassischen“ Journalisten, der Mainstream und vor allen Dingen die Politiker wollten die Gegenöffentlichkeit nicht länger dulden. Das Internet schafft überhaupt erst die Möglichkeit von Gegenöffentlichkeiten. Damit verlieren die Politiker und die klassischen Journalisten ihr Monopol.

Aus dieser Perspektive ist es nur verständlich, dass die eben alles daransetzen, um dieser Entwicklung einen Riegel vorzuschieben, und Zensur ist eben das gegebene Mittel. So wie wir das auch aus Diktaturen kennen. In China und Russland wird das Internet zensiert. Dort funktioniert das offenbar ganz gut, und bei uns versucht man es mit etwas eleganteren Mitteln. Aber hierzulande ist ja nicht nur die staatliche Zensur ein bemerkenswertes Phänomen, sondern gerade die Selbstzensur. Dass Twitter, Instagram oder Facebook schon in vorauseilendem Gehorsam überlegen, was sie abschalten sollten, damit sie bloß keinen Ärger mit der Politik bekommen Diese Selbstzensur ist das  große Problem. Leute, deren Accounts gesperrt wurden, sind natürlich versucht, zur Selbstzensur zu greifen. Sie sagen sich: „Okay, wenn ich weiter twittern oder bei Facebook posten will, muss ich zurückhaltender sein, darf ich bestimmte Dinge nicht mehr sagen.“ Das ist natürlich eine Form von Selbstzensur, die genau das Gegenteil von demokratischer Meinungsbildung zur Folge hat.

Das heißt, im Grunde geht es hier um Machtfragen, weniger um Demokratieschutz?

Das ist ja klar. Politik ist Wortpolitik, und wer die Diskurse beherrscht, wer die Bedeutung der Worte prägen kann, wer Sprachpolizei sein darf, sitzt am Hebel der Macht. Man kann also ganz pauschal sagen, dass der größte Teil von moderner Politik Wortpolitik ist. Hier den Prägestempel in der Hand zu halten oder zensieren zu können, bedeutet im Besitz der Macht zu sein.

Nichtsdestotrotz stellte zumindest ich persönlich fest, dass das Internet eine Art und Weise zu kommunizieren befördert, die nicht unbedingt auf einen „herrschaftsfreien Dialog“ hinausläuft.

(lacht) Da haben Sie sicherlich recht. Eskalationsphänomene sind im Internet selbstverständlich, weil das Internet ein Netzwerk ist. Überall, wo es Netzwerke gibt, gibt es Eskalationseffekte oder exponentielle Entwicklungen. Es gibt hier immer die Möglichkeit, ähnlich wie bei Modephänomenen, dass der kleine Flügelschlag eines Schmetterlings plötzlich einen Hurrikan auslöst. Das ist möglich, aber Sie können das eben nicht erzwingen. Sie können keinen Hurrikan im Internet erzwingen, selbst wenn Sie noch so provokant fragen, all das kann sich auch im Nichts auflösen. Die Techniker nennen diese Logik der Netzwerke „Power-law“ oder Pareto-Verteilung. Letzten Endes haben ganz wenige ganz viel Zuspruch. „The winner takes it all.“ Und das verzerrt in jedem Fall die demokratische Diskussion – insofern haben sie natürlich recht.

Aber man muss sich dabei immer fragen, ob die demokratische Diskussion eigentlich jemals realer war, ob wir jemals gleichberechtigter in der Meinungsbildung der Öffentlichkeit waren. Oder waren die meisten Menschen nicht immer schon mehr oder minder gezwungen, zwischen  vorgefertigten Meinungen zu wählen? Akzeptiert man das, dann erträgt man es auch leichter, dass es auch gelegentlich zu Epidemien der Meinungsbildung im Netz kommt, die auch immer wieder durch die klassischen Massenmedien und die „offizielle“ Öffentlichkeit abgefedert werden. Ich sehe hier nur eine geringe Gefahr, die natürlich oft von denen aufgebauscht wird, die sich gerne als Hüter der Objektivität verkaufen würden, vor allem von den klassischen Medien.

Für Sie überwiegen demnach die positiven Aspekte des Internets die negativen?

Auf jeden Fall. Vor allem, weil die politische und journalistische Diskussion von einem Klima der echten Meinungsfreiheit weit entfernt ist. Deshalb brauchen wir dringend eine Gegenöffentlichkeit. Wir können dankbar sein, dass es das Internet gibt, auch wenn 99 Prozent dessen, was gepostet wird, wahnsinnig ist. Aber das eine Prozent, das nicht wahnsinnig ist, das lehrreich ist, ist für viele Menschen – und da zähle ich mich dazu – unendlich wichtig, um einigermaßen den Überblick zu behalten. Ich persönlich verdanke dem Internet unendlich viel. Wenn ich so etwas wie Souveränität oder Selbstbewusstsein in meiner Meinung habe, verdanke ich das im Wesentlichen den Korrekturinstanzen, die das Internet bereitstellt, und nicht etwa meiner „Spiegel“-Lektüre.

Stellen Sie bei Ihrer „Spiegel“-Lektüre, aber auch wenn Sie im Internet die Angebote der öffentlich-rechtlichen Medien konsumieren, fest, dass sich der Mainstreamjournalismus verändert? Etwa dass der Empfänger stärker eingebunden wird?

Nein, das stelle ich nicht fest. Vor ein paar Monaten beschäftigten sich einige Sender mit der scheinbar interessanten Frage, ob man es mit der „Political Correctness“ übertrieben habe. Daran ist immerhin interessant, dass sie zugeben, politisch korrekt gesendet zu haben. Aber diese Frage war offenbar rein rhetorischer Natur. Die Antwort, die sie sich selbst darauf gaben, lautete denn auch: Nein, wir haben nicht übertrieben, wir machen genauso weiter. Ich habe mittlerweile sogar das Gefühl, es wird immer schlimmer.

Die politisch korrekte Berichterstattung der Mainstreammedien wird in Deutschland immer penetranter. Ich fürchte allerdings, dass diese Entwicklung in vielen anderen Ländern mittlerweile auch schon angekommen ist. Man muss wirklich dankbar sein, dass es eben auch andere Medien mit anderen Stimmen gibt. Ich sehe leider keinen Lerneffekt, offenbar geht der Mainstream mehr denn je davon aus, dass wenigstens die Hälfte der Bundesbürger im Grunde nicht erwachsen ist und erzogen werden muss. Dass hier Journalisten gemeinsam mit Politikern die „Erziehungsberechtigten“ sind.

Ein Phänomen, das verstärkt feststellbar ist, ist der sogenannte Faktencheck. Bei Facebook übernimmt das beispielsweise das Recherchenetzwerk „Correctiv“.

Dabei werden immer die Fakten gecheckt, bei denen man das Gefühl hat, man könne sie umdrehen und gegen den wenden, der sie benutzen wollte. Sicherlich ein Grund für Skepsis … Stichwort Skepsis: Immer mehr Deutsche nutzen die Möglichkeit, eigene Blogs einzurichten. Ist das auf ein wachsendes Misstrauen gegenüber etablierten Medien zurückzuführen oder einfach nur das Wahrnehmen von Möglichkeiten?

Das möchte ich nicht zu idealistisch deuten. Ich glaube, das Hauptmotiv der meisten ist die Möglichkeit an sich – es zu machen, weil es geht, weil es toll ist, dass die eigene Stimme gehört werden kann. Dieses Gefühl, selbst zur Öffentlichkeit, zur Meinungsbildung beizutragen. Und es ist ganz einfach auch eine narzisstische Freude, wenn man dann bemerkt, dass andere das lesen, man Klicks oder „Likes“ bekommt. Ich nehme mich da gar nicht aus. Ich freue mich auch immer, wenn ein Tweet wieder einmal die Tausendermarke überschritten hat. Das ist einfach ein gutes Gefühl, weil man sieht, dass es viele gibt, denen gefällt, was du schreibst oder was du denkst. Das ist sicher der Hauptgrund für diese Entwicklung. Allerdings mag das in anderen Ländern anders sein.

Dieser Artikel ist in FREILICH 5 erschienen. Alle FREILICH-Ausgaben finden Sie HIER.

Es gibt viele Länder, in denen sich die politische Opposition, die keine parlamentarische ist, überhaupt nur so organisieren kann. Und das ist die utopischste und tollste Dimension des Internets: dass es Unterdrückten, zensierten Organen, Menschen, die unter diktatorischen Bedingungen leben müssen, eine Chance der Selbstorganisation gibt. Das sind Dinge, die haben mit unserer Betulichkeit und  Peinlichkeiten in Mitteleuropa überhaupt nichts zu tun. Dort ist das Internet eine revolutionäre Waffe. Und man kann derzeit gar  nicht absehen, welche Folgen das für die Diktaturen haben wird – Chinesen und Russen kämpfen ja ununterbrochen an dieser Front. Hier liegen für mich die meisten utopischen Potenziale. Aber das hat mit der Kommunikation in Deutschland oder in Mitteleuropa herzlich wenig zu tun.

Es gibt allerdings auch in Deutschland und Österreich mittlerweile eine Opposition, die zwar über einen parlamentarischen Arm verfügt, sich allerdings auch in der Medienwelt widerspiegelt. Manche sprechen von „freien“ Medien. Halten Sie diesen Begriff für zutreffend?

Nein, das ist mir zu dramatisch. So wie „Lügenpresse“. Das würde heißen, dass die etablierten Medien unfrei wären. Aber das Schlimme ist gerade, dass sie nicht unfrei sind. Sie könnten aufklärerisch agieren, sie könnten souverän die Welt darstellen, eine eigene Stimme entwickeln, aber sie tun es nicht. Sie passen sich an, sie üben Selbstzensur, das ist das Drama. Und deshalb geht es hier nicht um „unfreie“ oder „zensierende“ Presse gegen „freie“ Presse. Es ist eine Frage des Freimuts, wie man früher gesagt hätte, es ist eine Frage der Charakterstärke eines Journalisten, ob er jetzt wieder nachbetet, was er gerade bei allen seinen Kollegen gehört und gelesen hat, was etwa Trump für ein Idiot ist oder dass Johnson in England der nächste große Idiot ist, obwohl man von seinem Regierungshandeln noch kaum etwas mitbekommen hat. Dieser Konformismus ist das eigentliche Übel. Das ist tragisch, weil die etablierten Medien eben nicht unfrei sind. Sie könnten eine Korrekturinstanz sein, aber sie sind es aus freien Stücken nicht – das ist der Jammer.

Dann lassen Sie uns von alternativen Medien sprechen.

Gerne. „Mainstreammedien“ ist leider Gottes mittlerweile ein korrekter und treffender Begriff. „Alternative Medien“ ist eine ebenso treffende Beschreibung. Bei diesen alternativen Medien muss man allerdings aufpassen, dass sie nicht ein ähnliches Schicksal erleiden wie die AfD, dass nämlich eine hervorragende Idee sehr schnell in die Fänge von Fanatikern gerät und manövrierunfähig wird. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Man muss immer wissen, dass man, sobald man sich selbst als Alternative zum Mainstream anbietet, auch Chaoten einlädt. Die AfD hat das bitter erfahren müssen, und es ist auch bei den alternativen Medien so. Die brauchen Zuträger und Beiträge. Und ich kenne einige Zeitschriften, die Sie den alternativen Medien zurechnen würden, die genau damit kämpfen, ihre vernünftige, ruhige und kritische Linie zu bewahren und sich nicht von Verrückten okkupieren zu lassen. Diese offene Flanke zum Wahnsinn ist ein prinzipielles Problem außerparlamentarischer Oppositionen.

Genügt es nicht im Grunde, nur das Gegenteil des Mainstreams darzustellen?

Das genügt leider Gottes nicht, weil die Mainstreammedien nicht lügen. Es geht vielmehr um den Selektionsprozess. Darum, das, was an Informationen verworfen wurde, was man den Menschen nicht zumuten wollte, auf die Tagesordnung zu bringen. Wenn eben „Spiegel Online“ schreibt, ein 8-jähriger Junge sei von einem einfahrenden ICE erfasst  worden. Jeder, der es dann tatsächlich genauer wissen will, erfährt bald, dass irgendein Afrikaner ihn absichtlich zusammen mit seiner Mutter auf die Schienen gestoßen hat. „Spiegel Online“ lügt hier nicht. Sie lassen nur entscheidende Informationen weg.

Hier müssen sich die alternativen Medien dann einschalten. Im Grunde eine einfache Sache, aber das Herz schlägt halt immer so schnell hoch. Man will dem Gesinnungsjournalismus dann eine andere Gesinnung entgegensetzen, doch damit tut man der Sache nichts Gutes. Man muss einen kühlen Kopf oder ein sogar ein kaltes Herz bewahren und die klassischen Medien genauso wie die herrschenden Politiker mit ihrem Geschwätz konfrontieren. Das ist die einzig sinnvolle Strategie gegen das, was Harry G. Frankfurt, der wunderbare amerikanische Philosoph, „Bullshit“ genannt hat, gegen jenes Geschwätz, das mit der Wahrheit prinzipiell nichts zu tun haben will, ohne Lüge zu sein. Das ist das Medium unserer Politik und der eisten Medien. Und gegen diesen Bullshit muss man kämpfen!

Zahlen belegen, dass die Bedeutung der Informationsermittlung über Bilder, etwa über YouTube, zunimmt. Wie schätzen Sie diesen Trend ein?

Sicherlich, man kann das an den Zugriffszahlen von YouTube wunderbar exemplifizieren, aber dieser Trend ist sehr viel älter. Das hat man den „iconic turn“ genannt, also die ikonische Wende der Kommunikation weg vom Gedruckten, hin zum Bild. Die „Bild“ ist eines der bekanntesten Beispiele dafür, ebenso „USA Today“ – mehr Bilder als Text.

Dann natürlich die Fernsehkultur. Das Bild dominiert. Kaum jemand kann sich an den Satz erinnern, der gerade gesprochen wurde. Sie sehen, das ist eine Entwicklung, die schon relativ alt ist, die Sie Jahrzehnte zurückverfolgen können, die natürlich mit internetbasierten Medien einen neuen Schub bekommen hat. Vor allen Dingen deshalb, weil die Medientechniken mittlerweile so einfach sind, dass jeder Trottel selbst Videos produzieren und ins Netz stellen kann. Nach dem Motto: „Ich bin selbst Redakteur, ich bin Bürgerreporter, der genau wie die ‚Bild‘ nicht nur Texte, sondern auch Bilder und Videos bringt.“ Das sind Möglichkeiten, die man sich vor zehn Jahren nicht hätte träumen  lassen, die aber nur einen schon älteren Trend,  diese ikonische Wende fortsetzen.

Warum aber zum Bild? Na, weil Bildkommunikation nicht widerlegt werden kann. Bilder kann man nicht verneinen. Deshalb sind Bilder immer kommunikationsmächtiger als analytischeTexte. Für intelligente Menschen, die aufklären wollen, ist das eine Katastrophe, aber man muss es als Faktum hinnehmen. Das ist eine Wirklichkeit, mit der wir leben müssen, und es ist auch eine faszinierende Wirklichkeit. Wir alle sehen gerne solche Bilder.

Glauben Sie denn, dass man das verloren gegangene Vertrauen zum Journalismus wiederherstellen kann? Und wenn ja, wie?

Diese Frage geht ehrlich gesagt über meinen Horizont hinaus. Ich kann es mir nicht vorstellen. Ich sehe den Journalismus insgesamt in einer tiefen Krise. Das hat sicher auch mit den sinkenden Verkaufszahlen der Zeitungen und mit zurückgehenden Werbeeinnahmen zu tun, also ganz äußerliche Gründe, die immer mehr Journalisten verzweifeln lassen. Ich kann keine optimistische Prognose abgeben. Ich gehe eher davon aus, dass wir einen kompletten Strukturwandel der Öffentlichkeit erleben werden. Das, was wir Öffentlichkeit nennen, wird sich radikal verändern.

Es muss zu einer neuen Koordination der Kräfte kommen, die das Bild von der Welt prägen. Dazu zählen auch die Wissenschaftler, die mehr an die Öffentlichkeit treten müssen, dazu gehören Politiker und die klassischen Journalisten, aber eben auch zunehmend die Bürger selbst, die über das Internet mehr oder minder immediaten Zugang zur Öffentlichkeit haben.

So wie Luther damals den einfachen Bürgern die deutsche Bibel in die Hand gedrückt hat und sie, wenn man so will, in direkten Austausch mit Gott gebracht hat, ohne Priester, ohne vermittelnde Instanzen: Das ist eine solche Revolution, die nicht erst irgendwann ansteht. Nein, wir sind mittendrin.

Wir sind also alle dazu aufgerufen, weiter kritisch zu bleiben?

Exakt.

Herr  Professor Bolz, danke für das Gespräch! Den ersten Teil des Gesprächs können Sie HIER nachlesen.

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Genialer Biologe, Begründer der Ethologie, Nobelpreisträger und konservativer Kulturkritiker: Konrad Lorenz war vieles. Ein Blick auf die radikalökologische Seite des Wiener Ausnahmewissenschaft­lers.

Die Graugans, das erste Mal von Carl von Linné 1758 in seinem Werk „Systema naturae“ systematisch beschrieben, ist die zweitgrößte Gänseart in Europa und der direkte Vorfahr der domestizierten Hausgans. Der um 1900 in Mitteleuropa fast verschwundene Zugvogel ist dank engagierter Wiederansiedlungsprojekte seit Mitte des 20. Jahrhunderts wieder in großer Zahl in unserer heimischen Natur anzutreffen.

Dieser Artikel ist in FREILICH 9 erschienen. Alle Ausgaben finden Sie HIER.

Ein Mann, der den Großteil seines Lebens der Erforschung des Verhaltens dieser Gänse gewidmet hatte und wie kein Zweiter mit ihnen in Verbindung gebracht wird, ist der 1903 in Altenberg bei Wien geborene und 1989 ebenda verstorbene Zoologe Konrad Lorenz. Auf der Basis seiner Studien an den graugefederten Vögeln begründete sich die wissenscha­ftliche Disziplin der Ethologie, die klassische vergleichende Verhaltensforschung. Lorenz widerlegte mit seiner Arbeit die behavioristische Schule, die eine fast unbegrenzte Formung des Menschen durch Umweltfaktoren (etwa Sozialisation) postuliert.

Dies gelang ihm ausgehend von seinen Beobachtungen der Graugänse, durch die er nachweisen konnte, dass Verhalten nicht nur auf Reflexe auf Umweltreize zurückzuführen ist, sondern angeborene Verhaltensmuster beinhaltet, die man „Erbkoordinationen“ nennt. Darauf aufbauend sah er im Einklang mit dem deutschen Soziologen und Kulturanthropologen Arnold Gehlen den Menschen als „von Natur aus, d.h. von seiner Phylogenese her“ festgelegtes Kulturwesen. Demnach bilden, „seine instinktiven Antriebe und deren kulturbedingte, verantwortliche Beherrschung […] ein System, in dem die Funktionen beider Untersysteme genau aufeinander abgestimmt sind“.

Im Jahr 1973 brachte ihm seine jahrzehntelange Verhaltensforschung zusammen mit Niko Tinbergen und Karl von Frisch den Nobelpreis für Medizin und Physiologie ein, der „ihre Entdeckungen zur Organisation und Auslösung von individuellen und sozialen Verhaltensmustern“ würdigte.

War Lorenz bis in die 1960er hauptsächlich als ein eher abseits der Politik stehender Naturwissenschaftler in Erscheinung getreten, änderte sich das mit  einer späten Lebensphase. Bereits vor seiner Nobelpreisverleihung meldete er sich als ökologischer Mahner zu Wort, der mit seiner ausgesprochen konservativen Kulturkritik anzuecken wusste.

Das späte politische Engagement eines tendenziell Unpolitischen erklärt sich indes aus Lorenz ausgeprägter Naturverbundenheit und der daraus erwachsenden ökologischen Grundhaltung. Er hatte diese Haltung vorher nie ausformulieren müssen, weil sie in seinem ethologischen Lebenswerk immer subkutan mitschwang; eine unausgesprochene Selbstverständlichkeit.

Doch Ende der 1960er war die einsetzende „Umweltkrise“ für ihn derart offenkundig geworden, dass er sich veranlasst sah, angesichts dieser Umwälzung Stellung zu beziehen. Noch bevor überhaupt von einer „Grünen Bewegung“ die Rede sein konnte, stemmte sich der Wiener Ethologe entschieden gegen die Verwüstung des Lebensraums“ durch die europäischen Industriegesellschaft­en.

Einen Meilenstein seiner Aktivität als „Naturschützer“ stellte der Beitritt zur „Gruppe Ökologie“ im Jahr 1972 dar, die vom bayerischen Naturschützer Hubert Weinzierl – heute Ehrenvorsitzender des Vereines für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern e. V. – als außerparlamentarische Opposition ins Leben gerufen worden war.

Lorenz avancierte dadurch schnell zur Galionsfigur der noch in ihren Kinderschuhen steckenden „Grünen Bewegung“, obgleich das nicht unbedingt in seinem Interesse gewesen war. Dabei lief sein unermüdliches Engagement keineswegs ins Leere, sondern leistete einen wesentlichen Beitrag zum Erhalt natürlicher Lebensräume in Österreich und zur Verabschiedung des Atomsperrgesetzes, das die Nutzung der Kernenergie für die Alpenrepublik ausschloss.

Zwei Erfolge stechen diesbezüglich besonders heraus: die erfolgreiche Volksabstimmung gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerkes Zwentendorf 1978 und die endgültige Verhinderung des Baus eines Wasserkraftwerkes in der Donau bei Hainburg 1985. Für einen Verzicht auf die Atomkraft­ hatte sich Lorenz fortwährend stark gemacht und artikulierte seine Bedenken bei jeder sich bietenden Gelegenheit öffentlich.

Nicht einmal die Nobelpreisträgertagung in Lindau konnte ihn davon abhalten, sich auf den Marktplatz davonzustehlen, um eine Rede über die Gefahren der Kernenergie zu halten. Er sah die „Lebenschancen des Menschen“ bedroht und stellte in diesem Zusammenhang fest: „Die Ökologie des Menschen verändert sich um ein Vielfaches schneller als die aller anderen Lebewesen. Das Tempo wird ihr vom Fortschritt seiner Technologie vorgeschrieben, der sich ständig und in geometrischer Proportion verschnellert.

Daher kann der Mensch nicht umhin, tiefgreifende Veränderungen und allzuoft­ den totalen Zusammenbruch der Biozönosen zu verursachen, in und von denen er lebt.“ Eine Einsicht, die maßgeblich seine Motivation bestimmte, sich auch noch im hohen Alter von 80 Jahren 1984 für ein Volksbegehren gegen das oben bereits erwähnte Laufwasserkraftwerk in der Donau bei Hainburg auszusprechen und mit seinem prominenten Gesicht dem Anliegen der Naturschützer mehr Gewicht zu verleihen.

Das 1983 von der Österreichischen Donaukraftwerke AG angeschobene Bauvorhaben bedrohte einen der letzten frei fließenden Donauabschnitte mit seinen Auwäldern südlich von Wien. Nachdem die landesweiten Proteste gegen das Kra­ werk keine Wirkung zeigten und die Betreiber im Dezember 1984 mit Rodungen in der Au begannen, besetzten Umweltaktivisten kurzerhand das Gelände. Dem Konrad-Lorenz-Biografen und Zoologen Franz M. Wuketits zufolge rekrutierten sich die Aubesetzer nicht aus Berufsdemonstranten und Chaoten, sondern Biologiestudenten und Angehörigen der Professorenschaft­ der Wiener Universität sowie engagierten jungen und älteren Leuten verschiedener Berufsgruppen – der Widerstand speiste sich also aus der breiten Bevölkerung.

Schlussendlich kam es zur Verständigung zwischen Demonstranten und Politik, wobei Lorenz und der Wiener Zoologe Rupert Riedl eine zentrale Rolle spielten. Ferner verlieh das im März 1985 abgehaltene Konrad-Lorenz-Volksbegehren, das 354.000 Personen unterzeichneten und das statt der Errichtung des Laufwasserkraftwerkes die Ausrufung eines Nationalparks für die Hainburger Au verlangte, den Forderungen der Aktivisten erheblichen Nachdruck.

Aufgrund der energischen Gegenwehr hob der Verwaltungsgerichtshof den Wasserrechtsbescheid am 1. Juli 1986 auf, und rund zehn Jahre später, im Oktober 1996, wurde der Nationalpark Donau-Auen offiziell eröffnet. Ein Sieg des Naturschutzes, an dem Lorenz federführend beteiligt war, den er jedoch leider in seiner ganzen Tragweite nicht mehr miterleben durfte. Um den „ökologisch bewegten“ Konrad Lorenz besser zu verstehen, muss man derweil einen eingehenderen Blick auf zwei seiner Schriften werfen: „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ (1973) und „Der Abbau des Menschlichen“ (1983).

Die wesentlichen Aspekte seines ökologischen Denkens hatte Lorenz in der ersten Schrift, den wirkmächtigen „Acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“, die im Jahr seiner Nobelpreisverleihung veröffentlicht wurde und auf einer Vortragsreihe beruhte,  ausformuliert. Das circa 100 Seiten umfassende Bändchen verkaufte sich in den ersten fünf Jahren nach seiner Erscheinung über 300.000 Male und hallte im öffentlichen Diskurs entsprechend nach. Lorenz prangerte darin acht Entwicklungen an, die zu einer „Dehumanisierung“ des Menschen führen würden, wobei die „Kernwaffen“ als letzte der acht Sünden weniger einen Vorgang darstellen als ein  Ergebnis des im Buch beschrieben „Wettlaufs mit sich selbst“.

Indes indiziert der Begriff Dehumanisierung“, dass Lorenz bei seinen ökologischen Überlegungen den Menschen explizit mitdachte. Er sah im Raubbau der modernen Zivilisationen an der Natur die Gefahr der Selbstentfremdung des Menschen von seinem wesensgemäßen Sein: „Am wenigsten aber merkt sie  die Menschheit, Anm. d. Verf.], wie sehr sie im Verlaufe dieses barbarischen Prozesses an ihrer Seele Schaden nimmt.

Die allgemeine und rasch um sich greifende Entfremdung von der lebenden Natur trägt einen großen Teil der Schuld an der ästhetischen und ethischen Verrohung der Zivilisationsmenschen.“ Von den acht Todsünden, die Lorenz ausführt, haben drei unmittelbare Auswirkungen auf die Ökologie

1. die Überbevölkerung,

2. die Verwüstung des Lebensraumes und

3. der Wettlauf mit sich selbst.

Die Überbevölkerung steht für Lorenz am Anfang aller von ihm angeführten ökologischen Fehlentwicklungen. Er sieht in ihr den Ausdruck des Umstandes, dass es der Mensch vollbracht habe, sich aufgrund seiner Eigenart als Kulturwesen den „mitleidlosen Mächten des Anorganischen“ zu entziehen. Diese verhinderten, dass das organische Leben „als ein Stauwerk seltsamer Art, selbst in den Strom der dissipierenden Weltenergie hineingebaut“, ungebremst negative Entropie respektive Energie verschlinge und letztlich qua Überwucherung in die Katastrophe wachse. Laut Lorenz verkehren sich die Fortschritte in der Technologie sowie den chemischen und medizinischen Wissenschaft­en in ihr Gegenteil.

Denn anstatt „menschliche Leiden zu mindern“, drohen sie „genau das zu tun, was sonst lebenden Systemen fast nie geschieht, nämlich in sich selbst zu ersticken“. Abgesehen von den ökologischen Folgen der Überbevölkerung erkannte er in ihr einen Auslöser vermehrt aggressiven Verhaltens beim Menschen, das in Kombination mit der „Erschöpfung und Versandung zwischenmenschlicher Beziehung“ für die „Erscheinung der Entmenschlichung“ verantwortlich zeichne.

Die zweite Todsünde, die Verwüstung des Lebensraumes, begründet sich nach Lorenz in dem Irrglauben, dass die „die Natur“ ein unerschöpfliches Gut darstelle, über das beliebig verfügt werden könne. Der sich aus dieser Fehlwahrnehmung heraus vollziehende Raubbau störe das empfindliche Gleichgewicht der einzelnen „Biozönosen“ und durchbreche die natürlichen Regulationsvorgänge, die deren Stabilität garantierten.

Mit anderen Worten: Die menschliche Kulturevolution vollzieht sich in rasantem Tempo und erzeugt dadurch abrupte Veränderungen im Ökosystem, die den meisten davon betroffenen Arten keine Zeit zur Anpassung lassen. Der „Faktor Mensch“ verhält sich in diesem Zusammenhang wie eine Naturkatastrophe globalen Ausmaßes, die in ihrer ökologischen Tragweite mit einem Meteoriteneinschlag zu vergleichen ist.

Jedoch ist der Mensch Teil dieses Systems und treibt sich somit selbst an den Rand des Abgrundes: „Indem die zivilisierte Menschheit die lebende Natur, die sie umgibt und erhält, in  linder und vandalischer Weise verwüstet, bedroht sie sich mit ökologischem Ruin. Wenn sie diesen erst einmal ökonomisch zu fühlen bekommt, wird sie ihre Fehler vielleicht erkennen, aber sehr wahrscheinlich wird es dann zu spät sein“, so Lorenz’ entsprechende Einschätzung in den „Acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“. Darüber hinaus identifiziert er in der „Verwüstung des Lebensraumes“ einen Mechanismus, der die seelische Gesundheit des Menschen angreife.

Die dritte Todsünde, „Wettlauf mit sich selbst“, gründet im Ökonomischen, übt aber dennoch einen unmittelbaren Effekt auf das Ökologische aus. In diesem Zusammenhang beklagt Konrad Lorenz das „lawinenartige Anschwellen einer Einzelwirkung“ durch positive Rückkopplung beim Menschen, die wiederum aufgrund eines intraspezifischen Selektionsprozesses erfolge. Wir konkurrieren lediglich mit uns selbst und haben jegliche externen Selektionsfaktoren ausgeschaltet.

Für Lorenz strahlt dieser Umstand höchste Gefahr aus: „Der Wettbewerb des Menschen mit dem Menschen wirkt, wie kein biologischer Faktor es vor ihm je getan hat, ‚der ewig regen, der heilsam schaffenden Gewalt‘ direkt entgegen und zerstört so ziemlich alle Werte, die sie schuf, mit kalter Teufelsfaust, deren Tun  ausschließlich von wertblinden, kommerziellen Erwägungen bestimmt ist.“

Nächste Woche lesen Sie hier den zweiten Teil unserer Reportage über Konrad Lorenz.

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Lesbos ist einer der Brennpunkte der europäischen Migrationskrise. Die Situation auf der Insel hat sich längst gefährlich zugespitzt. Chefredakteur der TAGESSTIMME – Stefan Juritz – war voriges Jahr vor Ort und hat seine Eindrücke für uns aufgeschrieben.

Es ist Anfang März auf der griechischen Insel Lesbos. Wir sind gerade eben am Flughafen nahe der Hauptstadt Mytilini angekommen. Es herrschen milde, sehr angenehme Temperaturen. In der Abenddämmerung fahren wir mit dem Leihauto die felsige Küste entlang nach Mytilini. Bereits aus der Ferne strahlen uns die zahllosen funkelnden Lichter der beschaulichen Hafenstadt an. Die Siedlungen reichen vom Hafen bis auf zwei Hügel hinauf, die vielen Häuser in den engen Gassen erinnern auf den ersten Blick ein wenig an Favelas.

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Überall laufen Hunde und Katzen umher. Der Verkehr ist sehr dicht, viele kleine Autos und zahllose Mopeds sind auf den Straßen unterwegs. Als wir durch die Hafengegend fahren, sehen wir Dutzende Gruppen von herumstehenden Migranten, die hier das Straßenbild prägen. Sie warten anscheinend auf den Bus zurück zum Asylcamp Moria, das keine 15 Minuten Fahrtzeit entfernt liegt. Die meisten von ihnen sind offensichtlich junge Afghanen, einige auch aus Afrika; die wenigen Frauen, die man sieht, tragen fast alle Kopftuch.

Die einheimischen Griechen sitzen auf der anderen Seite der Straße in ihren Cafés und Bars. Es liegt eine nur schwer zu beschreibende, aber äußerst angespannte Stimmung in der Luft. Vom einst florierenden Tourismus ist nichts mehr übrig geblieben. Dabei hat Lesbos eine sehr  abwechslungsreiche Landschaft und viele nette Sehenswürdigkeiten zu bieten. Man findet Sand- und Kiesstrände, bergige und flache Gebiete, kahles Gelände genauso wie Wälder.

Die Insel ist speziell im Landesinneren noch sehr stark landwirtschaftlich geprägt. Einnahmequellen für die Einheimischen sind vor allem Olivenöl, Käse und Ouzo. Etwa 50 Prozent der gesamten griechischen Ouzo-Produktion wird hier auf Lesbos hergestellt. Doch bekannt ist die Insel nicht nur für ihren Schnaps, sondern auch für die bedeutende antike Dichterin Sappho, die im 6. Jahrhundert v. Chr. auf der Insel lebte.

Doch mittlerweile verbindet man die Insel seit Jahren nur noch mit dem Scheitern der europäischen Asylpolitik. Lesbos liegt nur wenige Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Seit die Türkei ihre Grenzen zur Europäischen Union geöffnet hat, versuchen Migranten in der Hoffnung auf ein besseres Leben erneut, mit Schlauchbooten nach Europa zu gelangen. Doch die Kapazitäten auf der Insel sind schon lange ausgeschöpft, der Staat ist überfordert.

Mittlerweile weltbekannt wurde Moria, das größte Asylcamp Europas, durch zahlreiche Medienberichte. Exakte Zahlen liegen nicht vor, aber laut aktuellen Schätzungen leben hier bis zu 25.000 Migranten, obwohl das Lager auf einem ehemaligen Militärgelände für nicht einmal 3.000 Personen konzipiert wurde. Anders als noch im Jahr 2015 kommen die meisten von ihnen nicht mehr aus Syrien: Der Großteil der Bewohner sind Afghanen, viele andere stammen aus Palästina, Pakistan und Afrika. Weil die Plätze in den  Containern schon lange nicht mehr ausreichen, ist rund um das Lager eine Zeltstadt auf engstem Raum entstanden.

In diesem „Dschungel“, wie das Gebiet hier auch genannt wird, herrschen teilweise unmenschliche Zustände. Die Infrastruktur ist hier in allen Belangen überlastet, es mangelt an medizinischer Versorgung und Hygiene. Überall im Lager und der Umgebung liegt Müll herum. Unter Plastikplanen und auf Holzpaletten richten sich Migranten ihre Schlafplätze ein, so gut es geht. Auch Nahrungsmittel sind knapp, und man muss stundenlang anstehen in der Hoffnung, dass die Portionen überhaupt ausreichen. Um dem irgendwie entgegenzuwirken, haben die Migranten eigene Strukturen entwickelt, zum Beispiel einen von ihnen organisierten Markt, auf dem man allerlei kaufen kann, sogar frisch gebackenes Brot aus selbst ausgehobenen Öfen im Boden.

Viele der Migranten leben hier schon seit Monaten oder sogar Jahren. Die Regierung lässt sie nicht auf das griechische Festland, aber die Asylwerber wollen auch nicht in die Türkei oder in ihre Heimatländer zurück. Sie bleiben in Moria, ohne Perspektive und Zukunft, leben in den Tag hinein und hoen, irgendwann doch Richtung Mitteleuropa ziehen zu dürfen.

Unzufriedenheit und Aggressionen greifen in dieser Situation um sich. Besonders gefährlich ist es hier für Frauen. Das geht aus einer Warnung des UN-Flüchtlingswerkes hervor, die auf sexuelle Gewalt im Camp aufmerksam macht. Demnach schlafen Frauen teilweise in Windeln, weil sie sich nachts nicht auf die Toilette trauen.

Die Wut der Migranten entlädt sich vermehrt in Ausschreitungen. So etwa im vergangenen September, nachdem eine Mutter mit ihrem Kind bei einem Brand im Lager ums Leben gekommen war. Medien- berichten  zufolge waren zwei Feuer – eines außerhalb und eines innerhalb des Lagers –ausgebrochen. In der Folge wurden Feuerwehrleute und Polizisten von aufgebrachten Lagerbewohnern angegriffen. Nur durch den Einsatz von Tränengas konnte die Polizei die Lage unter Kontrolle bringen.

Ein weiterer Zwischenfall ereignete sich Anfang dieses Jahres. Nachdem ein 27-jähriger Afghane einen 20-jährigen Mann aus Jemen erstochen hatte, eskalierte die Lage zwischen afrikanischen und afghanischen Migranten. Als Afrikaner darauf in gegen die Zustände im Lager protestierten, wurden sie laut griechischen Medienberichten von Afghanen mit Steinen beworfen. Bereits zuvor gab es zu Silvester eine Messerattacke, in deren Folge ein Afghane verstarb.

Im Februar marschierten dann zahlreiche Migranten zum Hafen, um die Weiterreise auf das griechische Festland zu erzwingen. Die Polizei wurde mit Steinen beworfen und antwortete mit Tränengas. Es dauerte Stunden, die Situation wieder zu beruhigen.

Doch dieses Chaos ist nicht nur für die Migranten schwierig und belastend. Es leiden auch die Einheimischen unter den Zuständen. Sie sorgen sich um ihre Grundstücke und ihr ganzes Hab und Gut. Besonders stark betroffen sind die Bauern in der Umgebung, deren wirtschaftliche Existenz mehr als gefährdet ist. Laut einer „Spiegel“-Reportage stahlen Migranten einem Landwirt etwa 58 seiner 100 Schafe und Ziegen. Der Schaden betrug rund 70.000 Euro.

Fast jeden Bauern im Ort hat es schon getroffen. Die gestohlenen Tiere tauchen später geschlachtet im Asyllager auf, wo sie verkauft werden. Doch nicht nur die Tiere, sondern auch Holz ist bei den Migranten heiß begehrt. Sie hacken die Olivenbäume rund um das Lager systematisch ab, um Feuerholz zu besorgen, oder damit Neuankömmlinge sich Hütten bauen können. All diese Dinge haben die Stimmung auf der Insel langsam kippen lassen.

Am Anfang der Asylkrise 2015 galt Lesbos noch als „Insel der Solidarität“, man war gewillt, den Ankommenden zu helfen, es gab eine Art „Willkommenskultur“. Doch damit scheint es vorbei zu sein, seit sich das Leben auf der Insel so drastisch verändert hat. Viele Bewohner leben nun in Angst und sind um ihre Sicherheit besorgt, wie Bürgermeister Spyros Galinos gegenüber Medien betonte.

Die nächste Eskalationsstufe wurde Ende Februar erreicht. Die Regierung plante, gegen den Willen der Bevölkerung ein weiteres Asyllager zu errichten. Wochenlang gab es Gespräche mit den Behörden auf Lesbos – erfolglos. Doch die Regierung in Athen setzte sich darüber hinweg und nahm den Unmut und Widerstand der Inselbewohner offenbar einfach in Kauf. Man schickte die Spezialeinheit MAT auf die Insel, um den Bau des neuen Asylcamps zu sichern. Diese Vorgehensweise stellte sich als fataler Fehler heraus und brachte die Wut der Einheimischen erst so richtig zum Kochen.

Eigentlich begannen die Proteste zunächst friedlich in der Hauptstadt Mytilini. Die Einheimischen riefen zum Generalstreik auf und ließen an diesem Tag alle Geschäfte geschlossen. Doch es blieb nicht überall ruhig. Zahlreiche Demonstranten blockierten auch die Zufahrtswege zum geplanten Camp mit Autoreifen, Bäumen und Steinen. Es kam im Laufe des Tages zu Zusammenstößen mit der Polizei, die schließlich zu richtigen Straßenschlachten ausarten sollten.

Gewalttätige Demonstranten warfen laut Medienberichten Steine und sogar Molotowcocktails auf die MAT-Spezialeinheiten. Diese wiederum gingen mit Tränengas, Blendgranaten und Gummigeschossen gegen die Protestierenden vor. Pater Stratis, ein örtlicher Pfarrer, sprach gegenüber Medien von einer „Kriegssituation“.

Nächste Woche lesen Sie hier den zweiten Teil unserer Reportage.

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Es gibt keine Revolution mehr, nur mehr Implosionen. FREILICH hat mit dem Philosophen Alain de Benoist über Rechtspopulismus und das Volk als Souverän gesprochen. Heute lesen Sie Teil II unseres Interviews (Teil I finden Sie HIER).

FREILICH: Welche Rolle spielen politische Ideen für moderne rechtspopulistische Parteien? Sie wirken eigentlich nicht sehr interessiert daran … Gilt das für alle? Ist das in Frankreich anders als in Österreich?

Alain de Benoist: Die Postmoderne wird besonders vom Zusammenbruch der grundlegenden „großen Erzählungen“ (des Historizismus des 19. und 20. Jahrhunderts) charakterisiert, und von einem generellen Verschwinden der Orientierungspunkte. Dazu kommt ein genereller Kulturverlust,  den jeder selbst wahrnehmen kann. Politische Parteien interessieren sich im Übrigen selten für grundlegende Ideen, weil grundlegende Ideen trennen, während sie vor allem einsammeln wollen. Das Problem ist, dass sie heutzutage nur mehr recht wenige versammeln, was nicht weiter überrascht, denn das Modell Partei selbst ist ebenfalls überholt.

Dieses Interview ist in FREILICH 10 erschienen. Alle FREILICH-Ausgaben finden Sie HIER.

Das ändert nichts daran, dass den Ideen weiter fundamentale Bedeutung zukommt. Ohne Ideen, ohne eine sich ineinander fügende Weltsicht, ist politisches Handeln wie ein Schiff ohne Kompass und ohne Steuerruder. Eine Praxis ohne Theorie ist ebenso wirkungslos wie eine Theorie ohne Praxis. In diesem Sinne haben Intellektuelle noch eine Rolle zu spielen – zunächst einmal die Rolle von Pädagogen: die tieferen Ursachen der gegenwärtigen Situation erklären, die Genealogie der Krise abbilden, den historischen Moment einschätzen, die Natur des aktuellen historischen Themas bestimmen etc.

Nach 1989 mit dem Höhepunkt 2015 wirkt es, als ob es in den europäischen Gesellschaften einen deutlichen Zug nach rechts gegeben hätte. Ist diese Tendenz gebrochen? Oder warum stagniert der Rechtspopulismus?

Der Begriff „Rechtsdrall“ ist nicht leicht erfassbar. Was kann das Wort „die Rechte“ im Zeitalter der künstlichen Intelligenz und der vorprogrammierten Verschmelzung der Maschine mit dem Lebendigen schon bedeuten? Die Linke, die sich in Frankreich schon vor 30 Jahren der Gesellschaft des Marktes angeschlossen hat, hat uns heute sichtlich nichts mehr zu sagen. Viele „Rechte“ schließen daraus, dass sie die Schlacht gewonnen haben. Aber die Schlacht hat nie stattgefunden, und auch sie selbst haben nicht allzu viel zu sagen. Tatsache ist, dass die Leute kaum mehr an den Fortschritt glauben (sie haben Angst vor der Zukunft) und dass die große Mehrheit der Bevölkerung die durch die Einwanderung entstandenen sozialen Verwerfungen ablehnt. Ebenfalls interessant ist, heute das Thema „illiberale Demokratie“ aufkommen zu sehen. Aber all das genügt nicht, um von einem „Rechtsdrall“ sprechen zu können. Auf dem Gebiet der Moralvorstellungen und Sitten hat sich die Gesellschaft während der letzten Jahre eher nach links entwickelt. Das Christentum für seinen Teil ist gerade im Begriff, eine Religion der Dritten Welt zu werden. Der Individualismus bleibt dominant, die Herrschaft der politischen Korrektheit und des Einheitsdenkens ist stärker denn je, während zugleich durch den liberal-libertären Transhumanismus die anthropologischen Grundlagen unserer Gesellschaft bedroht sind.

Die zu bewältigende Aufgabe bleibt gewaltig und reicht natürlich weit über die Möglichkeiten des Populismus hinaus. Ich habe eine Buch mit dem Titel „Le moment populiste“ veröffentlicht. Kein Moment dauert ewig. In meinen Augen ist der Populismus ein Übergangsphänomen. Er protokolliert das Ende einer bestimmten Welt, aber er schafft keine neue. Er beschleunigt bloß die Neuverteilung der Karten, was schon eine Menge ist.

Nach der massiven Krise von 2015 – der Großen Wanderung – wirkt es, als ob das Establishment sich ganz massiv verschließt gegenüber rechten politischen Bewegungen und Ideen und sie sogar massiv bekämpft. Sollen wir Teil der Diskussion sein oder eine Gegenströmung?

In den Ländern Europas sind die alten Parteien in der Defensive. Sie neigen dazu, sich zusammenzuschließen, um dem Aufstieg des Populismus und allgemeiner dem Volkszorn zu begegnen. In Frankreich hat Emmanuel Macron Links- und Rechtsliberale versammelt, genau in dem Augenblick, wo der Front National zur stärksten Arbeiterpartei Frankreichs wurde. Man könnte sagen, dass es Macron gelungen ist, als Antwort auf den Populismus von unten einen Gegenpopulismus von oben zu erfinden. Dieses Phänomen bestätigt, dass die Rechts-links-Unterscheidung obsolet ist. Diese Entwicklung muss man beschleunigen und nicht verzögern, indem man an sinnlosen Diskussionen teilnimmt. Das Establishment soll und kann nicht reformiert werden. Es muss verschwinden.

Die „Neue Rechte“ hat immer die Metapolitik gefordert, den kulturellen Wandel. Sehen Sie den irgendwo? Was hat sich in der Rechten verändert, seit Sie als Intellektueller aktiv geworden sind?

Ich glaube mehr denn je an die Notwendigkeit der Metapolitik, die nicht bloß eine andere Art ist, Politik zu machen, die aber politisches Handeln auch nicht grundsätzlich ablehnt. Die Metapolitik ist ein Unterfangen des theoretischen Definierens. Sie zielt darauf ab, ideologisch strukturierte Männer und Frauen herauszubilden, indem sie eine alternative Betrachtungsweise der Welt anbietet. Ihre Arbeit vollzieht sich im Wesentlichen im Bereich der Kultur, im weiteren Sinne dieses Begriffes. Im Laufe der Geschichte waren die fundamentalen Veränderungen kultureller Natur. Die Französische Revolution wäre ohne die Arbeit der Enzyklopädisten nicht möglich gewesen. Die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts sind nur mehr eine Erinnerung, aber wir verspüren noch immer die Nachwirkungen der kartesianischen und kantschen Revolution etc.

In Deutschland liest man seit jüngst gern Dominique Venner und freut sich über positive Kritik. Ist das überhaupt noch aktuell?

Die von Dominique Venner vorgeschlagene „positive Kritik“ geht zurück auf die Jahre seiner „aktivistischen“ Jugend und ist in einen präzisen Zusammenhang eingepasst – jenen der Entkolonialisierung und des Endes des französischen Algeriens –, der heute vollkommen verschwunden ist. Dominique Venner schätzte es im Übrigen nicht sonderlich, dass er ständig auf diesen Text angesprochen wurde! Er hatte sehr früh mit der politischen Aktion gebrochen. Während des überwiegenden Teils seines Lebens sah er sich (und war er) ein Geschichtsdenker auf hohem Niveau.

Sie haben selbst als Aktivist angefangen. Wie kam es dazu?

Ich war noch keine siebzehn Jahre alt, und wir lebten bereits in einer gewaltsamen Epoche. Einige Jahre später habe ich begriffen – um jene Unterscheidung zu übernehmen, die Raymond Abellio getroffen hat –, dass ich nicht ein Mann der Macht, sondern ein Mann des Wissens bin. Zum damaligen Zeitpunkt habe ich jede Ambition aufgegeben, ein Akteur des politischen Lebens zu sein. Ich habe mich der intellektuellen Forschung und der theoretischen Ausarbeitung zugewandt. Die Bilanz sind heute 115 Bücher, 8.000 Artikel und 800 Gespräche wie dieses. Das erfüllt mich mit keinem besonderen Stolz, aber das ist nun einmal alles, was ich kann!

Würden Sie junge Menschen zum Aktivismus ermutigen? Warum? Und was sollen sie heute tun?

„Was sollen sie heute tun?“: Das ist die alte Frage von Lenin! Wenn es eine fertige Antwort darauf geben würde, wäre sie seit Langem bekannt. Aktivismus kann seinen Nutzen haben, vor allem in Notfallsituationen, aber er hat auch seine Grenzen, die schon seit Langem ausgeleuchtet sind.

Intellektuelle, Aktivisten, Funktionäre – welcher Typ Mensch ist für die Rechte am wichtigsten? Was fehlt am meisten?

Das ist eine absurde Frage. Für die Rechte wie für die Linke gibt es keine Art des Handelns oder einen Typus Mensch, die anderen vorzuziehen wären. Alle ergänzen einander. Im Übrigen wählt man seine Rolle nie abstrakt, sondern nach Maßgabe seiner Kompetenzen und Neigungen. Dasselbe gilt für die globale Gesellschaft: Man braucht dort Gemischtwarenhändler und Informatiker, Automechaniker und Beamte. Während des vom Coronavirus erzwungenen Lockdowns hat man im Übrigen gesehen, dass es die am wenigsten wertgeschätzten Berufe sind, die am schlechtesten bezahlten, die der Gesellschaft ermöglicht haben, weiterhin zu funktionieren. Eine ausschließlich aus Aktivisten bestehende Gesellschaft wäre unerträglich. Eine ausschließlich aus Intellektuellen bestehende Gesellschaft ebenfalls.

Wir gehen auf sehr veränderte Probleme zu – Stichworte: Eurabia, Klimawandel, China als globale Macht. Was sind für Sie die wesentlichsten politischen und kulturellen Herausforderungen der Zukunft?

Wir sind in eine noch nie dagewesene Periode der Menschheitsgeschichte eingetreten. In einem solchen Zusammenhang ist es schwer, zu sagen, was „das Wichtigste“ ist. Im globalen Maßstab ist ein essenzielles Phänomen die sich ankündigende Neuordnung der Geopolitik, mit dem Erstarken von Staaten, die eigene Zivilisationen sind (Russland, China, Ägypten), zum Nachteil der alten Nationalstaaten. Es geht einher mit der Krise des westlichen Universalismus, der den Anspruch erhob, dasselbe politische, wirtschaftliche und soziale Modell von einem Ende des Planeten bis zum anderen herrschen zu lassen. Es ist nicht allzu schwer, hinter diesen „Zivilisationsstaaten“ den Schatten der alten Reiche wieder erscheinen zu sehen.

Im Maßstab der europäischen Gesellschaften ist die Situation eine andere. Die großen Fragen, die sich  stellen, sind folgende: Wird man der Obsession vom wirtschaftlichen Wachstum entkommen? Wird es uns wieder gelingen, ein wirkliches Gefühl für unsere Erde zu entwickeln? Werden wir aufhören, nur dem einen Wert beizumessen, was berechenbar, quantifi­zierbar und benutzbar ist? Wird es den Völkern gelingen, ihre Identität wieder zu behaupten, auf eine neue Weise? Wenn wir nicht in der Lage sind, selbst eine Antwort auf diese und manch andere Fragen zu ­finden, ist die Gefahr groß, dass unsere Kultur ebenso plötzlich zusammenbricht wie die Sowjetunion. Das Zusammenlaufen der Krisen lässt neue Kriege vorhersehen, eine allgemeine soziale Revolte, Erdbeben im Finanzsystem. Nietzsche sagte, dass Europa sich nur am Rande des Grabes herausbilden wird. Das ist auch meine Ansicht.

Die politische Tradition der Rechten ist vergiftet mit mancher Grausamkeit: Holocaust, Antisemitismus, Verschwörungstheorien … Wo sollen wir mit einer positiven politischen Tradition ansetzen?

Joseph de Maistre hat die Menschheitsgeschichte mit einem „Fleischerladen“ verglichen. Es hat immer Massaker gegeben, aber ich sehe nicht, inwiefern diese eine politische Familie mehr als eine andere betreffen sollten. In den Konzentrationslagern der Nazis waren auch Männer „der Rechten“. Es mangelt auch nicht an linken Antisemiten und „Verschwörungstheoretikern“. Sich dem Spielchen der Opferkonkurrenz hinzugeben, führt zu nichts. Ein „Kult der Buße“ auch nicht.

Lieber Herr de Benoist, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Den ersten Teil des Interviews lesen Sie HIER.

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Eine Bevölkerung muss mit ihrem Staat leben. Doch wo hört ein Gemeinwesen auf, zu funktionieren? In Frankreich läuft ein Experiment.

Ist Frankreich ein „failed state“? Viele Analysten sehen Frankreich als hoffnungslos verloren an und zeichnen ein dunkles Zukunftsbild, in dem die Grande Nation in Chaos und Zerstörung versinkt. Boten dieser kommenden Entwicklung sind die seit einigen Jahren immer öfter auftretenden gewaltsamen Proteste, die sinnlosen Gewaltorgien, die insbesondere die Banlieues erschüttern, die Bandenkriminalität, der Kommunitarismus und die Rückkehr großer Djihadistenkontingente aus dem Nahen Osten.

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Es stimmt in der Tat, dass all diese Entwicklungen schon alleine das Schlimmste für einen jeden Staat befürchten lassen. Doch in Frankreichs Fall kommen noch zwei weitere explosive Faktoren hinzu: Die Bevölkerung ist äußerst unzufrieden mit der Politikerkaste im Allgemeinen und der Regierung im Besonderen. Doch zugleich ist keine glaubwürdige Alternative zur aktuellen Regierung in Sicht.

Weder haben es charismatische und fähige Persönlichkeiten geschafft, die nötige Aufmerksamkeit der Massenmedien zu bekommen und sich nun als glaubwürdige Alternative zu präsentieren, noch besteht ein politischer Konsens in der französischen Gesellschaft darüber, wohin die Reise gehen sollte. Im Gegenteil, die französische Gesellschaft ist entkulturalisiert, dechristianisiert, individualisiert und in Archipele mit antagonistischen Interessen zersplittert, wie es der Meinungsforscher Jérôme Fourquet vom Institut IFOP in seinem gleichnamigen Buch schreibt.

Liberale Extremisten

Doch anstatt diesen Auflösungserscheinungen entgegenzuwirken, beschleunigen die „liberalen Extremisten um Präsident Macron sie noch durch ethisch immer gewagtere Menschenexperimente im Bereich der Bioethik. So schickt sich der Gesetzgeber gegenwärtig an, durch die Legalisierung der vaterlosen künstlichen Befruchtung für Singlefrauen oder Lesbenpaare bewusst vaterlose Kinder zu schaffen, in deren Geburtsurkunden die biologische Lüge von zwei Müttern offiziell verankert sein wird.

Der liberale Staat und seine auf individuellen Gelüsten basierende „Ethik“ sind damit auf dem besten Wege, zum Hauptlieferanten von djihadistischen Nachwuchsterroristinnen zu mutieren, denn sämtliche Studien und Gerichtsverhandlungsprotokolle legen inzwischen nahe, dass zerrüttete Familienverhältnisse und insbesondere eine fehlende Vaterfigur das überragende gemeinsame Merkmal aller Djihadistinnenbiografien sind. Doch selbst in weniger dramatischen Fällen hat die Eliminierung der väterlichen Existenz hohe gesellschaftliche Folgekosten, wie zahlreiche Langzeitstudien beweisen: Psychisch labile Persönlichkeiten, die zu autodestruktivem Verhalten neigen, wachsen heran. Diese Menschen sind kaum fähig, mit Mut und Entschlossenheit die Herausforderungen des Lebens anzunehmen.

Verschlimmert wird die Lage noch durch die staatliche Verschuldung, denn Frankreich ist finanziell immer weniger in der Lage, sich in den Banlieues und auf dem wirtschaftlich abgehängten Land den sozialen Frieden zu erkaufen. Die Gelbwesten, deren Proteste in reduzierter Form und unter trotzkistischer Flagge nach wie vor jeden Samstag landesweit aufflammen, sowie gewalttätige Bauernproteste kündigen dies bereits an. Am gefährlichsten für das Staatswesen sind jedoch die Konflikte innerhalb des Staatsapparates.

Die Beamten der unteren Ebenen sind alle äußerst schlecht bezahlt und ausgerüstet und erfahren die staatlichen und gesellschaftlichen Dysfunktionalitäten täglich am eigenen Leib. Seit dem Frühling 2019 streikt das Personal der Notaufnahmen der staatlichen Krankenhäuser, sodass diese nur noch im Notfallmodus funktionieren. Fehlendes Personal, Gewalt gegen das Pflegepersonal und grundlose Inanspruchnahmen der Notaufnahme (Verdoppelung der Fälle in 20 Jahren) sind die Gründe. Doch aufgrund der Finanzmisere ist die Regierung unfähig, die Notaufnahmen durch mehr und besser bezahltes Personal zu entlasten, und aufgrund ideologischer Verblendung ist sie unwillig, die Ursachen von Gewalt und Überlastung zu bekämpfen: die Massenimmigration aus der Dritten Welt, die sich beschleunigt.

Allein die Kosten der Gratiskrankenversicherung für Illegale belaufen sich inzwischen auf jährlich ca. eine Milliarde Euro. Es ist diese Klientel, die neben einer generalisierten gesellschaftlichen Wehleidigkeit für die Überlastung der Notaufnahmen verantwortlich ist. Wenn die Gesundheitsministerin nun die Räumlichkeiten der Notaufnahmen renovieren möchte, ändert das nichts an den realen Problemen.

In den staatlichen Sicherheitsdiensten sieht es noch schlimmer aus: Die Proteste seitens der Polizisten häufen sich. Immer öfter richten sie sich ausdrücklich gegen die Justiz und deren absurde Entscheidungen sowie gegen die eigene Hierarchie. Nach dem  Terroranschlag innerhalb der Pariser Polizeipräfektur waren es einfache Polizisten, die den Medien entgegen der Weisungen ihrer Vorgesetzten die Informationen über die Radikalisierung des Täters zusteckten.

Viele Polizisten fürchten inzwischen um ihre Sicherheit und um die ihrer Familien, denn sie wissen, dass die Sicherheitsdienste in einem wesentlich stärkeren Maße von Islamisten unterwandert sind, als offiziell zugegeben wird. Dennoch stehen sie im Außeneinsatz bisher treu zu den z.T. illegalen Befehlen von Innenminister und Regierung (etwa Polizisten ohne Kennnummern im Einsatz gegen Gelbwesten) und erweisen sich in den Augen der Opposition berechtigter- oder auch unberechtigterweise als deren Miliz. Hauptverantwortlich für die Treue der Polizei dürften Prämien sein, die der Innenminister auf dem Zenit der Gelbwestenproteste versprach und über deren Höhe unterschiedliche Angaben im Umlauf sind.

Die desolate Polizei

Doch das Geld ändert nichts am desolaten moralischen Zustand der Police nationale. Bis Mitte Oktober 2019 nahmen sich bereits 54 Polizisten das Leben. In den Medien tauchen zudem immer wieder Fälle von Polizisten auf, die insbesondere in Seine-Saint-Denis oder Marseille Dealern Drogen abnehmen, um sie selbst  weiterzuverkaufen. Die Banlieue-Bewohner beschweren sich zudem regelmäßig über Polizeigewalt und Rassismus vonseiten der Beamten.

Diese Beschwerden sind möglicherweise nicht immer grundlos, doch stehen die Beamten in den Banlieues unter extremer Anspannung, da sie wie in einem Krieg immer wieder von Banden in Hinterhalte gelockt werden. Den Feuerwehrleuten ergeht es dort ähnlich: Zwischen 2008 und 2017 nahm die Anzahl der erfassten Gewaltakte gegen sie laut des Observatoire national de la délinquance et des réponses pénales um 213 % zu.

Deswegen streiken die Feuerwehrleute seit Juni 2019 bzw. operieren nur noch im gesetzlich festgelegten Notfallmodus. Ihre große Demonstration für mehr Gehalt und mehr Sicherheit am 15. Oktober in Paris schlugen die Polizisten mit Wasserwerfern, Tränengas und LBD40 nieder. Es standen sich damit erstmals die Polizei und Teile des Militärs feindlich gegenüber, denn die Feuerwehren von Paris und Marseille sowie der Katastrophenschutz sind Teil der Armee. Ansonsten sind Feuerwehrleute Beamte des Départements. Sozialen Sprengstoff birgt auch die von der Regierung geplante Rentenreform, deren große Verlierer die mittleren Führungskräfte und die Beamten sein werden.

Für den 5. Dezember kündigten sämtliche Gewerkschaften der SNCF, der französischen Bahngesellschaft, sowie der RATP, der Pariser Metro, einen unbegrenzten Streik an, dem sich zusätzlich noch einige andere Berufsgruppen wie die Selbstständigen und Lehrer anschließen wollten.

All diese Entwicklungen zeigen, dass Frankreich in näherer Zukunft tatsächlich auf Chaos und Unregierbarkeit zusteuern wird.

Doch dieses durch und durch dunkle Zukunftsbild wird von einigen Lichtschimmern durchbrochen, die in Westeuropas geistiger Landschaft wohl die gleiche Vorreiterrolle spielen werden wie seinerzeit die destruktiven Ideen der Aufklärung. Obwohl die Zahl der praktizierenden Katholiken in Frankreich immer noch zurückgeht und diese gegenwärtig nur ca. 2 % der Bevölkerung ausmachen (bei den unter 30-Jährigen weniger als 1%!), erlebt das Land seit ca. 30 Jahren eine intellektuelle und kulturelle Renaissance des Katholizismus.

Junge traditionelle Katholiken bilden heute die Speerspitze des Widerstandes gegen Globalisierung, Einwanderung und gesellschaftlichen Liberalismus. Davon zeugen die zahlreichen Blogs, die eigenen Informationskanäle im Internet, zahlreiche Printmedien sowie akademische Kolloquien und Diskussionsforen. Sie alle sind in der Regel explizit identitär-traditionalistisch ausgerichtet und erreichen ein Publikum, das weit über die sonntäglichen Kirchgänger hinausgeht.

Wie groß der Einfluss dieser Richtung ist, zeigt sich darin, dass Regierung und soziale Medien mit allen Mitteln versuchen, die Reichweite von Blogs wie „lesalonbeige.fr“ einzuschränken. Katholiken sind häufig auch Bindeglieder zu nicht konfessionellen identitären Bewegungen. In der französischen IB sind beispielsweise einige der führenden Köpfe, wie Romain Espino, bekennende Katholiken.

Selbst zur neopaganen Neuen Rechten um Jean-Yves Le Gallou oder Alain de Benoist pflegen sie Kontakt. Mit diesen Gruppen verbindet sie nicht nur ein gemeinsamer Kampf gegen die Massenimmigration, sondern auch die Ablehnung der linken Gesellschaftsexperimente von der Abtreibung über die Schwulenehe bis hin zur vaterlosen künstlichen Befruchtung.

Lediglich die Zusammenarbeit von Katholiken und liberal-laizistischen Immigrationsgegnern gestaltet sich manchmal schwieriger, da sich die Kritik der Liberalen mehr gegen Religion als solche als gegen die Immigration richtet und sie von den Einwanderern die Übernahme der dekadenten westlichen Lebensweise verlangen, die von den Katholiken hingegen nicht weniger bekämpft wird als die arabisch-afrikanische Landnahme.

Das katholische Frankreich

Im Unterschied zur nicht konfessionellen rechten Opposition, die immer nur auf ein kleines Netzwerk von Aktivisten zurückgreifen kann, verfügen die Katholiken als einzige Gruppe über eine funktionierende große Infrastruktur, mit deren Hilfe sie innerhalb kürzester Zeit über die sozialen Netzwerke Protestaktionen auf die Beine stellen und koordinieren können.

Nächste Woche geht es weiter mit dem zweiten Teil unseres Artikels „Frankreich – ein ‘failed state’“?

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Die Verheißung des fortdauernden Terrors, des ideologisch getriebenen Vernichtungswillens und der erniedrigenden Entmenschlichung des Gegners führt uns direkt zur Frage, ob die Auswüchse des sunnitischen Neofundamentalismus mit dem „Bolschewismus“ der  kommunistischen Verfallsgeschichte nicht mehr gemeinsam haben könnten, als es Adepten radikal linker Theorie im 21. Jahrhundert lieb sein kann.

Es ist frappierend, dass der eigentlich doch naheliegende Vergleich zwischen den Massenexekutionen der IS-Terroristen und jenen der kommunistischen Revolutionäre der Sowjetunion oder Kambodschas nahezu in keinem Fall gezogen wird. Dabei lohnt sich von Zeit zu Zeit ein Blick in das „Schwarzbuch des Kommunismus“, das die unermesslichen Verbrechen all jener Gruppen in Erinnerung ruft, die sich – ob zu Recht oder nicht, gehört in den Feinbereich ideenpolitischer Forschung – als Kommunisten verstanden. Die sunnitischen Neofundamentalisten des 21. Jahrhunderts brauchen bemerkenswert wenig Heimtückisches zu erfinden; beinahe jede bestialische Hinrichtungsart wurde im 20. Jahrhundert bereits erfolgreich exerziert.

Mehr zum Theme lesen Sie in der FREILICH Studie „Islamofaschismus“. HIER kostenlos runterladen.

Schenkt man dem „umstrittenen“ Islamexperten Jürgen Todenhöfer Glauben, der als einziger westlicher Journalist im IS-Gebiet recherchieren durfte, plante der IS außerdem den größten Massenmord in der Geschichte der Menschheit: Mehrere hundert Millionen Menschen seien nach IS-Lesart umzubringen, darunter nicht nur Christen oder Schiiten, sondern auch alle sunnitischen Muslime, die sich gegen den IS oder einzelne Punkte der Gesamtideologie auflehnten. Diesen Hass auch auf die im weitesten Sinne „eigenen Leute“ kennt man wiederum – um nur ein Beispiel anzuführen – von den Großen Säuberungen 1936–1938 in der Stalinzeit, als Zehntausende Kommunisten hingerichtet wurden, die teilweise so im „Glauben“ an die Sowjetunion gefangen waren, dass sie ihre eigene Hinrichtung noch als der Partei dienlich begrüßten.

Wie kann darüber hinaus die Parallele zu den Urverbrechen der Bolschewiki übersehen werden, wenn der IS wiederholt Hunderte syrische (oder irakische, oder kurdische etc.) Soldaten in einer Reihe antreten lässt und sie mit Kopfschüssen hinrichtet? Drängt sich bei den von partiell vorrückenden Anti-IS-Milizen gefundenen Massengräbern jesidischer, christlicher oder schiitischer Iraker nicht die Erinnerung an Katyn 1940 auf, als der sowjetische Geheimdienst und die Rote Armee bis zu 25.000 polnische Offiziere, Intellektuelle und Beamte routinemäßig und straff organisiert per Schuss in den Kopf eliminierten?

Präsentiert sich der IS-Mörder des 21. Jahrhunderts in den erschütternden, höchst professionellen Propagandavideos nicht ebenso selbstsicher und mit fanatisch reinem Gewissen wie der kommunistische Mörder des 20. Jahrhunderts? Eint sie nicht das Leuchten der Augen „vor notwendiger [!] Grausamkeit“, wie der Romancier Louis Aragon den bolschewistischen Furor verherrlichte? Es eint sie, aber nicht nur das.

Einer der wichtigsten Vordenker des zeitgenössischen sunnitischen Neofundamentalismus, auf den sich nicht nur al-Qaidas Terroristen berufen, Sayyid Qutb (1906–1966), ging davon aus, dass der Mensch zur Freiheit gezwungen werden müsse. Eine Art rechtgeleitete Elite müsse die islamische Welt, die (islamischen) Massen zur Läuterung und zum Sieg führen, was eine Perversion von Lenins Theorie der bolschewistischen Avantgarde erinnern lässt, wonach die Erlösung der (proletarischen) Massen von einer Gruppe entschlossener Revolutionäre herbeigeführt würde. Qutbs Hauptwerk „Meilensteine“ (1965) wird zudem in seiner doktrinären Bedeutung häufig mit Marxens „Kommunistischem Manifest“ verglichen.

Denn, bei aller offensichtlichen Überspitzung eines solchen Vergleiches: Nicht zuletzt die radikal egalitäre Grundhaltung Qutbs (und seiner Anhänger) korreliert viel mehr mit der Ideologie der Marxisten als mit dem hierarchischen Prinzip der Faschisten. Der marxistisch-expansionistische Aufruf „zum letzten Gefecht“ auf dem Weg zur weltweiten kommunistischen Gesellschaft weist zudem Ähnlichkeiten mit der Endkampfvorstellung der sunnitischen Neofundamentalisten auf. Auch sie wollen Klassen und Nationen „überwinden“, nur dass sie zusätzlich die theologische Konzeption in Stellung bringen. Der – wie in marxistischen Spielarten wie dem Trotzkismus – von seinen Bindungen zu lösende Mensch muss nötigenfalls und realiter gewaltsam in den fiktiven ursprünglichen und vorgeblich gottgewollten Zustand der Harmonie zurückgebracht werden.

Während also die russischen Bolschewiken infolge einer verkürzten und gewaltorientierten Rezeption Marx’, Engels’ und Lenins den geschichtsphilosophisch-materialistischen Anspruch erhoben, der verderbten kapitalistischen Welt und der gesamten Menschheit erlösende Befreiung zu bringen, erheben IS und Co. den theologischen Anspruch, der verderbten ungläubigen oder häretischen Welt und der gesamten Menschheit Befreiung vom unsittlich-sündigen und damit gottfeindlichen Leben zu bringen. Dass beide Ansprüche nicht die Freiheit – was immer man konkret darunter verstehen mag – für die größtmögliche Zahl, sondern fortwährende Verknechtung und Unterjochung mit sich brächten (und in der Geschichte in vielen Ländern durchaus schon brachten), ist selbsterklärend.

Zu ergänzen bleibt an dieser Stelle, dass der Anspruch der IS-Neofundamentalisten, der die Trennung von Weltlichem und Geistlichem aufhebt und in der Konsequenz ein ungeheuerliches, noch die allerletzten Aspekte des Lebens  reglementierendes Kontrollsystem vorsieht, sogar weit über die Totalität der Praxis-Kommunisten – selbst ihrer extremsten Form, der Bolschewiki der 1930er-Jahre – hinausgeht.

Trotz einiger (es gibt derer noch mehr) angeführten Gemeinsamkeiten zwischen der bolschewistischen Erscheinung des Kommunismus und dem Treiben des „Islamischen Staates“ ist keine Verwendung des Terminus „Islamobolschewismus“ (oder „Islamnazismus“) als Gegenstück zum „Islamofaschismus“ angeraten, allenfalls als herausfordernde, provozierende Gegenrede. Historische Erscheinungen sollten immer als das bezeichnet werden, was sie sind. Das gilt auch für sunnitische Neofundamentalisten, die im Kern sunnitische Neofundamentalisten sind, auch wenn sie sich phasenweise explizit bolschewistischer Methodik bedienen.

Es gibt keinen Islamofaschismus – jedenfalls nicht beim IS

Was bleibt indes vom Konstrukt des „Islamofaschismus“ oder des „islamischen Faschismus“ in Bezug auf die sunnitischen Gotteskrieger? Wenig bis gar nichts. Einerlei, ob man den Faschismus – wie Zeev Sternhell – als dynamische Synthese aus nicht marxistischem Sozialismus und revolutionärem Nationalismus begreift oder mit Ernst Noltes „negativer“ Definition des „faschistischen Minimums“ d’accord geht, das als grundlegende Charakteristika „des“ Faschismus Antimarxismus, Antiliberalismus, Antikonservatismus, Führerprinzip, Parteiarmee und Totalitätsanspruch voraussetzt: Die Gemeinsamkeiten sind im Vergleich zu den gravierenden Unterschieden marginal.

Zusammengefasst in sechs Punkten bedeutet dies:

1. Die bedeutenden Kategorien des Faschismus sind Staat, Nation und Elite; die des sunnitischen Neofundamentalismus die wahhabitische Auslegung des sunnitischen Islam und die rigide Anwendung der Scharia, während keinerlei Staats-, Nations- oder Volksorientierung vorliegt.

2. Der Faschismus will, wie Karlheinz Weißmann schreibt, „nicht zurück, er strebte grundsätzlich etwas Neues an: ein ‚neuer Mensch‘ in einer ‚neuen Ordnung‘ am Beginn eines ‚neuen Zeitalters‘“.

3. Der sunnitische Neofundamentalismus strebt – dieser faschistischen Zukunftsorientierung maximal entgegengesetzt – nach einem idealisierten Leben nach Vorbild des Propheten Mohammed und seines Gefolges, mithin nach einem gewaltigen Rollback ins 7. Jahrhundert. Ein Umstand, der gar dazu führt, dass sich Salafisten mit Aststöckchen die Zähne putzen, um es den Altvorderen, den salafs, gleichzutun und „moderne“ Irrungen zu vermeiden.

4. Solcherlei skurrile Marotten der Dschihadisten dürfen nicht den Blick auf eines verstellen, denn egal, wie man den IS und ähnliche sunnitische Extremisten nun schlussendlich nennen mag: Die existenzielle Gefahr, die in Europa wie im Nahen und Mittleren Osten von ihnen ausgeht, wird das 21. Jahrhundert noch viele Jahrzehnte lang begleiten.

5. Eine grundsätzliche Neujustierung der deutschen und österreichischen, europäischen und westlichen, mithin globalen Sicherheitspolitik tut daher ebenso not wie eine Neubewertung potenzieller Partner und Gegner.

6. An der Begriffsschärfe zu arbeiten und die Dinge beim Namen zu nennen, wäre ein winziger, aber sinnvoller Anfang.

Mehr zur linker Gewalt finden Sie unter: www.linke-gewalt.info

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Mehr zum Theme lesen Sie in der FREILICH Studie „Islamofaschismus“. HIER kostenlos runterladen.



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Es gibt keine Revolution mehr, nur mehr Implosionen. FREILICH hat mit dem Philosophen Alain de Benoist über Rechtspopulismus und das Volk als Souverän gesprochen (Teil I).

Freilich: Monsieur de Benoist, wer ist der Souverän? Wer herrscht? Demos oder Populus? Und warum hat die Demokratie anscheinend ein so großes Problem mit dem Populismus?

Alain de Benoist: Weder Demos noch Populus (und noch weniger Ethnos). Die Macht ist heute in den Händen einer neuen oligarchischen Klasse, die ihre eigene Ideologie besitzt – jede dominierende Ideologie dient den Interessen der dominierenden Klasse. Der Graben, der diese neue Klasse vom Volk trennt, das heißt: von der Masse der Bürger, wird seit Jahrzehnten immer tiefer. Sie führt nicht im klassischen Sinne des Wortes, sie administriert, sie verwaltet. „Government“ wurde durch „Governance“ ersetzt.

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In einer Gesellschaft, wo die Verdinglichung der sozialen Beziehungen sich ebenfalls beschleunigt, geht sie mit den Bürgern um, als wären sie austauschbar, und verwandelt diese so in Objekte. Es ist der alte Traum von Saint-Simon: Das Regieren der Menschen durch das Administrieren der Dinge zu ersetzen. Die Demokratie als solche hat kein Problem mit dem Populismus. Es ist die liberale Demokratie, die eines damit hat, weil der Populismus die Widersprüche zwischen Liberalismus und Demokratie sichtbar macht.

Ist Populismus ein rechtes oder ein linkes Konzept? Oder ist er eine Methode, die von allen politischen Strömungen anwendbar ist?

Der Populismus ist weder links noch rechts. Er kann das eine ebenso gut sein wie das andere, aus dem einfachen Grund, dass es keine populistische Ideologie gibt. Was es gibt, ist ein populistischer Stil, eine bestimmte Art, das politische Leben von unter her zu begreifen, indem man dem Volk die Möglichkeit gibt, selbst zu handeln, um jene Probleme, die es betreffen, selbst zu regeln.

Etablierte Kräfte in Demokratien scheinen sich vor politischer Dynamik zu fürchten. Warum ist Populismus wichtig? Was hat er mit dem Volk zu tun?

Die grundlegende Idee, welche die Basis des gegenwärtigen Aufstiegs des Populismus darstellt, ist, dass in einer Demokratie die Souveränität dem Volk gehört. Das ist zugleich die Minimaldefi­nition der Demokratie. Der Liberalismus verteidigt die Souveränität des Volkes nicht, weil er keine Form von Souveränität anerkennt, die über die individuelle Souveränität hinausgeht.

Im Zentrum des liberalen Systems steht nicht der Bürger, sondern das Individuum. Indem er sich auf die Metaphysik der Menschenrechte stützt, erkennt er die Gültigkeit keiner demokratischen Entscheidung an, die den liberalen Prinzipien oder der Ideologie der Menschenrechte abträglich sein könnte. Er gesteht daher nicht zu, dass der Wille des Volkes immer respektiert zu werden hat. Genau dagegen stellt sich der Populismus.

Wenn wir die Entwicklung in Europa anschauen: Wie bilanzieren Sie die verschiedenen rechtspopulistischen Bewegungen? Frankreich – Italien – Deutschland – Österreich.

Jede politische Bewegung hat die Prägung ihrer nationalen politischen Tradition. Das gilt ebenso für den Populismus. In Frankreich zum Beispiel ist der Populismus des Front National sehr stark geprägt vom Erbe des „republikanischen“  und jakobinischen Denkens. In Italien ist es umgekehrt. Auf ökonomischem Gebiet sind die Unterschiede häufi­g ganz erheblich. Die deutschen und österreichischen Populisten haben sichtlich Mühe, mit dem Glauben an die Allmacht der Märkte zu brechen. Die Gemeinsamkeit ist die Kritik an der herrschenden Oligarchie.

Der politische Gegner von links beginnt den Begriff des „Populismus“ ähnlich zu verwenden wie den Begriff des „Faschismus“. Was unterscheidet Rechtspopulismus von  klassischem Faschismus?

Der Faschismus war eine zutiefst antidemokratische Bewegung, die den Pluralismus ablehnte und für eine Einheitspartei kämpfte. Der Populismus wünscht ganz im Gegenteil eine Ausweitung der Demokratie, zielt auf eine Vervollständigung der repräsentativen Demokratie – die heute überhaupt nichts mehr repräsentiert – durch eine partizipative Demokratie auf allen Ebenen.

Gehören politische Parteien des Rechtspopulismus noch zur Rechten? Oder macht sie etwas anderes aus?

Die Unterscheidung in Links und Rechts hat immer Schwierigkeiten bereitet, weil es „die“ Rechte ebenso wie „die“ Linke nie gegeben hat. Es gab immer verschiedene Rechte und Linke, die im Allgemeinen für vollkommen gegensätzliche Anschauungen eingetreten sind. Diese Unterscheidung ist heute obsolet geworden. Die großen Brüche, die sich durch die Gesellschaft insgesamt ziehen, ziehen sich in der selben Weise auch durch die Rechte und die Linke: Liberale gegen Antiliberale, Globalisten gegen Verwurzelte, Kosmopoliten gegen Identitäre, Anywheres gegen Somewheres etc.

Man kann den Populismus unmöglich begreifen, wenn man nicht versteht, dass die horizontale Unterscheidung zwischen Rechts und Links, die in der Vergangenheit von großen „Regierungs“-Parteien vermittelt worden ist – die heute eine nach der anderen zusammenbrechen – durch eine vertikale Unterscheidung zwischen einem Unten und einem Oben ersetzt worden ist, zwischen dem Volk und der neuen herrschenden Klasse.

Haben die Rechtspopulisten Freunde? Wie ist das Verhältnis zu den Konservativen?

Es fällt mir schwer, auf diese Frage zu antworten, weil das Wort „konservativ“ in Frankreich nicht viel aussagt. Es wird im Allgemeinen als Synonym für „reaktionär“ gesehen. In Deutschland und den angelsächsischen Ländern verhält es sich damit anders: Von Burke bis Roger Scruton hat der Konservatismus seinen anerkannten Platz. In den 1920er-Jahren hatte die Konservative Revolution in Deutschland eben auch Bestandteile, die revolutionär waren. Zumindest ein Teil der Konservativen kann sich heute mit dem Populismus anfreunden.

Aber man muss auch die soziologischen Gegebenheiten berücksichtigen. Der Populismus repräsentiert hauptsächlich die Klassen an der Basis der sozialen Pyramide, während der „Konservatismus“ häufiger in der Mittelklasse anzutreffen ist. Wir erleben heute die Wiederauferstehung des Begriffes der sozialen Klasse, den man etwas zu rasch beerdigt hatte. Wir werden Zeugen der Deklassierung bzw. des Verschwindens eines immer größeren Teils der Mittelklasse, der sich in den Zeiten des Fordismus gebildet hatte. In diesem Kontext tendieren die Bestrebungen der Arbeiterklassen und der mittleren Klassen dazu, einander zu begegnen. Die einen  wie die anderen könnten letztendlich einen neuen „historischen Block“ hervorbringen, dessen Rolle sich als entscheidend herausstellen könnte.

Große politische Frage mit strategischer Auswirkung: Reform des politischen Establishments oder Revolution? Teil des Systems oder seine Alternative?

Das Wort „Revolution“ gehört zum Vokabular der Moderne. Wir leben in Zeiten der Postmoderne. Revolution lässt an Gewalt denken. Sie macht glauben, dass eine radikale Änderung in der politischen und sozialen Ordnung nur auf explosive Weise vor sich gehen kann. In der postmodernen Epoche erleben wir jedoch weniger Explosionen, sondern Implosionen. In Russland hat es eine Revolution gebraucht, um das kommunistische System zu etablieren, aber eine Implosion hat genügt, diesem ein Ende zu setzen. Ebenso zersetzt sich die Gesellschafft auf eine „stille“ Art und Weise. Die jeweilige Bevölkerung transformiert sich ohne große Gewaltausbrüche durch die Auswirkungen veränderter Moralvorstellungen und Sitten sowie  einer fortschreitenden unkontrollierten Einwanderung.

Das vorausgesetzt, glaube ich nicht eine Sekunde lang daran, dass im gegenwärtigen Stadium Reformen die Situation zum Besseren wandeln können. Das gegenwärtige System erfordert eine globale Alternative. Sie führt über die endgültige Aufgabe der dominierenden großen Ideologien: Fortschrittsideologie, Ideologie der Menschenrechte, Ideologie der Ware, Primat der Wirtschaft über die Politik, des Individuums über die Gemeinschaft etc. Das impliziert als ersten Schritt eine  Entkolonialisierung des Geistes: eine „Revolution“ der symbolischen Vorstellungswelt. Den Rest wird die Konjunktur besorgen. Wir bewegen uns auf ein Zusammenlaufen der Krisen zu (wirtschaftlich und sozial, politisch, finanziell, ökologisch, geistig, in Bezug auf das gesamte Gesundheitssystem etc.), das uns dazu zwingen wird, eine Alternative hervorzubringen, um nicht im Chaos zu versinken.

Was kann europäische rechtspopulistische Parteien einigen, was trennt sie? Wie proeuropäisch sollten sie sein?

Was sie einigt, ich habe das bereits ausgeführt, ist ihre Gegnerschaft zu den dominierenden Oligarchien und ihr Wille, dem Volk wieder eine Stimme zu geben. Was Europa betrifft, so ist das Wichtigste zunächst einmal, Europa nicht mit der EU zu verwechseln. Europa ist eine Zivilisation, die ihre Identität aus ihrer Geschichte und ihrer Kultur zieht. Es ist auch eine kontinentale (und nicht eine maritime) Kultur. Sie hat ihre Einheit und ihre Vielfalt. Die EU wollte aus Europa einen Markt machen. Was ihr noch fehlt, ist, eine Macht zu werden – eine autonome Macht in der neuen multipolaren Welt, die sich heute ankündigt.

Wer sind für Sie die prägenden politischen Köpfe dieser Strömung?

Ich interessiere mich nicht für einzelne politische Köpfe. Sie mögen ihre Vorzüge und Schwächen haben, aber es liegt nicht an mir, darüber zu urteilen. Worauf es ankommt, sind die großen sozialen Bewegungen, die Entwicklung der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. Wenn man sich übermäßig auf die „Aktualität“ fi­xiert, ist man nicht mehr in der Lage, den historischen Moment wahrzunehmen, den man gerade erlebt.

Nächste Woche geht es weiter mit dem zweiten Teil unseres Interviews mit Alain de Benoist.

Dieser Artikel ist in FREILICH 10 erschienen. Alle FREILICH-Ausgaben finden Sie HIER.



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