Der (sunnitisch-wahhabitische) Neofundamentalismus, also die Ideologie des „Islamischen Staates“ und der ihm ähnelnden Gruppierungen, verwirft (trotz des „Staates“ im Namen) den Weg der Staatskontrolle zugunsten eines rigiden Modells der Religion, die diesseitig ausgerichtet ist und als die strikte Anwendung der Scharia definiert wird.

Im Fokus der Propagandisten steht dabei keine tatsächliche Nation mehr, sondern das durch die Folgen der Globalisierung entwurzelte Individuum in den postmodernen Gesellschaften, das sich der Scharia von der Geburt bis zum Tod zu unterwerfen hat – wie in archaischen islamischen Bewegungen des Dschihadismus gefordert.

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Es verwundert daher nicht, dass Tausende Konvertiten aus der ganzen Welt, speziell auch aus Europa, in die Reihen der IS-Banden strömten. Neben eifernden autochthonen Westeuropäern orientierten sich auch verstärkt Migranten der zweiten und dritten Einwanderergeneration an der salafistischen Islamauslegung. Durch die (ökonomische) Globalisierung und daraus resultierende Migrationsströme profitiert(e) der sunnitisch-wahhabitische Neofundamentalismus daher ebenfalls als rekrutierende Heilslehre. Entwurzelte, weil ihrer traditionellen Bindungen beraubte Individuen entgehen der Vereinzelung der westlichen Gesellschaften scheinbar durch freiwillige Unterwerfung. Die Islamisierung der jungen Menschen – von sowohl Konvertiten als auch Migranten – vollzieht sich dabei radikaler als in einem genuin islamischen Kulturkreis.

Wieder die „Neue Ordnung“: „Denn anders als beispielsweise in Syrien oder in Teilen Indiens, wo islamische Vorschriften mit landestypischen Traditionen verwachsen sind und der Islam ‚organisch‘ gelebt wird, vollzieht sich die Re-Islamisierung einer muslimischen Minderheit (vor allem in Westeuropa) durch die Aufnahme der ‚reinen‘, unverfälschten Lehre (durch Videos, Predigten, Fatwas), die dogmatisch aufgeladen und durch Haß auf die direkte Umgebung – Deutschland, Frankreich, Großbritannien usw. – geprägt ist.“

IS und Co. – subventionierte Anti-Assad-Allianz

Olivier Roy, der feinsinnige Beobachter dieser Entwicklungen, sah schon vor 15 Jahren in diesem Trend zu entwurzelten und neu islamisierten Individuen die größte sicherheitspolitische Gefahr. Im Irak und in Syrien hat sich seine Befürchtung bestätigt. Der IS wirkte wie ein Staubsauger; er zog all jene fanatisierten sunnitischen Muslime an, die – gleich, wo sie lebten – im sicherheitsstiftenden Bewusstsein, Allah zu gefallen, morden wollten.

Dementsprechend hat der IS nicht nur Abertausende Einzelkämpfer nach Syrien und in den Irak gelockt, sondern rund 30 dschihadistische Terrorgruppen unter seine Fittiche gebracht. Ein kurzer Blick auf die Genese dieses so erfolgreichen IS ist hilfreich, um besser einschätzen zu können, woher diese Organisation stammt, wer ihr Geleitschutz gab, und um später zu resümieren, weshalb diese straff geführte Terrorgruppe vieles ist, aber nicht „faschistisch“.

Auch wenn IS-Kämpfer etwa 2014 an Häuser syrischer Christen schmierten, dass sie über ihre Bewohner „aus dem Nichts“ kommen würden, so ist das grundfalsch. Natürlich kommen straff organisierte und bestmöglich ausgerüstete Terrororganisationen nicht aus dem luftleeren Raum. Hinter ihnen stehen regionale und  überregionale Akteure, die eigene geostrategische Ziele, etwa die Ausschaltung des „schiitischen Halbmondes“ (Iran, Irak, Syrien, Hisbollah/Libanon) zugunsten eines prowestlichen, aber sunnitischen Blocks, verfolgen und die sunnitisch-neofundamentalistischen Kräfte gegen unliebsame Gegner – etwa das widerspenstige Syrien – als Rammbock nutzen.

Karin Leukefeld, die seit Jahren als eine der wenigen deutschen Journalisten tatsächlich unvoreingenommen und nicht ideologisch aus dem Konfliktverdichtungsraum Syrien berichtet, weist darauf hin, dass die sogenannten Freunde Syriens – die sunnitischen Golfstaaten, die USA, Frankreich, Großbritannien – bereits seit 2011 (sunnitische) Stämme in den ländlichen Regionen Syriens bewaffneten und ausbildeten, um sie gegen den säkularen Staat Assads einzusetzen. Parallel hierzu wurden oppositionelle Gruppen medial und propagandistisch aufgerüstet, um die Unzufriedenheit im syrischen Volk (einerlei, ob sunnitisch, alawitisch, christlich etc. geprägt) zu schüren. Das Hauptaugenmerk lag aber bereits seit Januar 2012 auf direkten Waffenlieferungen.

Nach Angaben der „New York Times“ (März 2013) lieferten Katar, Saudi-Arabien und das (mittlerweile über den außer Kontrolle geratenen IS entrüstete) Jordanien über die Türkei Waffen an sich formierende Rebellengruppen, die direkt oder über Umwege bei der „Nusra-Front“ und dem IS landeten. Dieses Spiel wurde fortgesetzt, auch wenn der damalige US-Vizepräsident und seit Januar 2021 amtierende Präsident Joe Biden im Oktober 2014 bei einem Vortrag an der Harvard-Universität einräumen musste, dass „unsere Verbündeten unser größtes Problem waren.“

Der ausnahmsweise bemerkenswert offenherzige Biden nannte unter anderem „die Saudis, die Emirate“ als Faktoren, die „so entschlossen waren, den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zu stürzen und einen Stellvertreterkrieg zwischen Sunniten und Schiiten zu initiieren“, dass sie gar „Hunderte Millionen US-Dollar und Tausende Tonnen Waffen an jeden lieferten, der gegen Assad kämpfen wollte“. Darunter befanden sich die sunnitisch-radikale Allianz „Freie Syrische Armee“ (FSA) und andere vorgeblich „gemäßigte“ Rebellengruppen ebenso wie offen neofundamentalistische Terrorbanden.

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