John Hoewer brilliert mit „EuropaPowerbrutal“ und erklärt den dazu nötigen Kulturkampf. FREILICH-Herausgeber Heinrich Sickl hat mit ihm gesprochen.

FREILICH: Sehr geehrter Herr Hoewer, mit „EuropaPowerbrutal“ haben Sie in diesem Jahr einen furiosen Erstlingsroman im Jungeuropa Verlag veröffentlicht. Dort erschien im vergangenen Jahr mit „Enklave“ das erste Buch von Volker Zierke. Und erst kürzlich veröffentlichte der Verlag Antaios Rudolf Preyers „Fall und Aufstieg der Familie Gottmann“. Woher kommt auf einmal diese rechte Schreiblust?

John Hoewer: Dass zu wenig geschrieben worden wäre, das würde ich gar nicht mal sagen. O­ nur halt das Falsche, vermutlich. Wer weiß. Es lag aber womöglich auch am Lockdown, dass noch mehr Leute Zeit und Muße hatten, mal was aufs Papier zu bringen.

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Warum spielt das Thema Belletristik in der jungen Rechten eine so große Rolle?

Ach, ich glaube, dafür müsste es schon noch mehr geben als die paar Veröffentlichungen zuletzt. Offenbar gibt es aber eine Nachfrage nach Büchern, die auch einfach mal Freude bereiten, in denen man sich irgendwie wiederfinden und mit denen man sich, salopp gesagt, mal amüsieren oder sogar inspirieren kann – abseits von Theorie und politischem Kampf. Wenn es den beiden anderen Kollegen und, hoffentlich, auch mir gelungen ist, da was anzubieten und wir da einen Weg bereitet haben, den nun auch andere mitgehen, dann ist das eine erfreuliche Entwicklung dahin, dass man auch als drittes Lager sozusagen weitere Grundlagen ausbaut und sich insgesamt breiter aufstellt.

In der rechten Twitter-Blase wird Ihr Buch gefeiert. Wie oft wurden Sie schon darum gebeten, nachzulegen? Und natürlich: Werden Sie nachlegen?

Tatsächlich schon recht oft­, und fast jeder will mehr oder weniger eine nahtlose Fortsetzung, was es nicht einfacher macht. Da muss ich ja erstmal wieder 10–15 Jahre um die Häuser ziehen, um neue Stories zu erleben und zu hören. Erstmal ist noch eine neue Übersetzung in der Mache, und wenn sich irgendwann mal wieder etwas zeitlicher Freiraum ergibt und mir was einfällt, ja, dann kommt womöglich auch nochmal was nach.

Der Lebenswandel Ihres Protagonisten entspricht ja nicht gerade dem Ideal „jung, gesund, aktiv“. Stattdessen Alkoholexzesse, Perspektivlosigkeit, Gewalt – was fasziniert Sie an diesen gesellschaftlichen Abgründen?

So streng schließen sich beide Lebensstile nicht aus, würde ich mal behaupten. In „EuropaPowerbrutal“ geht’s letztlich viel um Alltagsbanalitäten und darum, sie einmal aus einer bewussten Perspektive anzuschauen Faszinierend ist vor allem, zu was eine motivierte Gruppe junger Männer fähig sein kann. Diese Vielseitigkeit, diese mangelnde Berührungsangst und auch diese Härte, um mit womöglich abstoßenden und grenzwertigen Situationen umzugehen. Natürlich wird das persifliert, wenn man eine durchzechte Nacht in der Eckkneipe als heroischen Akt darstellt. Aber ich denke, der geneigte Leser weiß das zu deuten.

Was können Leser von Ihrem Protagonisten lernen?

Mein Eindruck ist, dass die gegenwärtige Gesellschaft­ Menschen hervorbringt, die sich bereits von banalen Scheinwidrigkeiten und Problemchen überfordert fühlen, sich schnell in eine Negativspirale einwickeln, nur mehr in Problemen und nie in Lösungen denken. Nein, wenn eine offen und halbvoll abgestellte Whiskey-Cola-Dose am nächsten Tag noch frisch schmeckt, dann kann man sich auch selbst mal aufraffen. Die Gegenwart muss man bewusst leben und gestalten, eine andere Zukunft­ ist träum- und machbar, und es gibt keinen Grund, aufzugeben oder pseudodepressiv rumzunörgeln. Und man sollte seine Zeit nicht im Internet vergeuden. Leute erzählen mir, sie hätten keine Zeit, was Sinnvolles für sich selbst oder für ein politisches Projekt umzusetzen, kommen aber unironisch um 17 Uhr heim und starren dann sieben Stunden in die Glotze rein. Da ist dann sogar Saufen wirklich sinnvoller.

Die Sprache in Ihrem Buch dürfte vor allem in klassisch bürgerlich-konservativen Kreisen als anstößig empfunden werden, denn Sie setzen auf teilweise derbe Umgangssprache. Gab es offen geäußerte Kritik?

Weniger als erwartet. Nämlich gar keine, um ehrlich zu sein. Aber so schlimm ist es ja nun auch wieder nicht. Und so reden junge Männer nun mal, gerade dann, wenn sie auf Fahrt und Abenteuer sind und sich eine gewisse männliche Haltung bewahrt haben. Nun ja, die bürgerlich-konservativen Kreise, da könnte sich bestimmt wer empören, nur ist deren Meinung leider völlig unerheblich.

Ist Ihre Darstellung vulgärer Erdigkeit ein bewusstes Manöver, um unserer verlogenen, „kontingenten“ Zeit mal so richtig entgegenzukotzen?

Ehrlich gesagt habe ich weder das Wort „Erdigkeit“ noch den Begriff „kontingente Gesellschaft­“ je gehört. Jedenfalls bin ich der Ansicht, dass man diese ungemein vulgäre Zeit nicht dadurch kritisch konfrontieren kann, indem man selbst umso vulgärer gegen sie agitiert. Eher ist es ja so, dass die natürlichen Bollwerke gegen diese Zeit jene sind, die man nicht glattbügeln kann, ohne sie ganz zu zerstören.

Vulgär würde ich das alles also gar nicht nennen, wenn da eine bisweilen derbe Sprache gepflegt wird. Das ist eher klar, direkt, frei heraus. „Vulgär“ verbinde ich dahingehend mit den gegenwärtig staatlich-gesellschaftlich geförderten Phänomenen, mit diesem krankhaft­en Bemühen, möglichst sämtliches Handeln an Verfall, Hässlichkeit und Zerstörung auszurichten und dies dann gleichsam als widerständig und auch als kulturellen Hochwert oder gar als Verfassungsgrundsatz darzustellen.

Es ist vielleicht noch etwas früh, aber erleben wir nach den durch neurechten Aktivismus geprägten Jahren 2015–2018 nun eine neue rechte Literatur- und Kulturphase? Falls ja, woher rührt das? (Stichworte: junge Autoren, „Gegen-Uni“, Künstler etc.)

Die geistige Enge in der BRD ist wahrlich betrüblich, ja. Wie gesagt, man begegnet dem aber nicht, indem man sich beschwert. Man muss Eigenes schaffen, eigene Räume gestalten und Menschen auch mal mit niederschwelligen Angeboten einladen und motivieren – und diese Räume dann verteidigen und  ausbauen. Das betrifft gewiss die Literatur, aber auch alles andere. Insbesondere mangelt es an geeigneten Treffobjekten. Klar ist das nicht leicht, aber ich fürchte, viele Missstände diesbezüglich sind primär hausgemacht.

Sie betonen die Rolle, die Mainstream-Popliteratur für Ihr Buch gespielt hat, da Sie sich dadurch „genötigt“ sahen, selbst zu schreiben, was Sie gern lesen wollten. Ist diese Einfallslosigkeit und Vorhersehbarkeit der deutschen Gegenwartsliteratur Ausdruck einer trägen und saturierten Gesellschaft?

Man kann da eigentlich auf die zahlreichen und zutreffenden  Psychogramme des typischen Bundesbürgers verweisen, der sich noch den absonderlichsten Geistesmüll verkaufen lässt, wenn er dafür in Ruhe seine 99-Cent-Wurst grillen kann. An allem klebt eben dieser zeitgeistige Anpassungsdrang, während scheinbare Widerständigkeit dann dadurch gelebt wird, den zugrunde liegenden Konformismus nur noch stärker einzufordern. Die Trägheit und Sättigung muss man aber wohl zuvörderst denen vorwerfen, die das per se gar nicht so teilen mögen, aber bereits vor 60 Jahren zu feige und zu faul waren, sich gewissen Phänomenen entgegenzustellen. Grüße gehen raus an die „bürgerlich-konservativen Kreise“.

Laut Autorenporträt arbeiten Sie im „Maschinenraum der Politik“. Genauer gesagt im Deutschen Bundestag. Das führt folgerichtig zu der Frage, inwiefern Kunst, in Ihrem Fall Literatur, und Politik miteinander vereinbar sind. Wie politisch darf Kunst Ihrer Ansicht nach sein?

Kunst darf natürlich politisch sein, wobei man auch ohne Vorschlaghammer politisch sein kann. Diese betonte Politikferne ist o­ genau das Problem, weil es eine bürgerliche Rückzugsdiskussion ist. Bürgerliche haben aus Mangel an Weltanschauung o­ kein einziges stichhaltiges Argument außer jenem, dass sich irgendwas nicht gehöre oder dass dies und das nicht politisiert werden dürfe – während sich die Gegenseite alles unter den Nagel reißen kann. Also kurz gesagt kann alles politisch sein, und das ist auch alles vereinbar. Nicht vereinbar ist, wie apolitisch viele Leute sind, die in der Politik höchste Ämter bekleiden.  

AfD und FPÖ sind bislang nicht durch ihre kulturpolitischen Forderungen in Erscheinung getreten. Das mag auf den mehrheitlich links geprägten Kulturbetrieb zurückzuführen sein. Sehen Sie die Parteien in der Pflicht, junge Künstler zu unterstützen?

Das Problem ist halt, dass sich viele Leute eine andere Welt, in… (dieser Artikel ist im aktuellen FREILICH 14 erschienen. HIER bereits ab EUR 49,00 abonnieren und weiterlesen).



Bildquelle

  • Hoewer: FREILICH 14