Genialer Biologe, Begründer der Ethologie, Nobelpreisträger und konservativer Kulturkritiker: Konrad Lorenz war vieles. Ein Blick auf die radikalökologische Seite des Wiener Ausnahmewissenschaft­lers. Heute lesen Sie Teil II unserer Reportage (Teil I finden Sie HIER).

Der kommerzielle Wert avanciert gemäß Lorenz zum zentralen Fokuspunkt unserer Gesellschaften und treibt eine folgenschwere Verwechslung der Mittel mit dem Zweck voran. Geld – ursprünglich ein Mittel – gerate so zum absoluten Wert, und die daraus entspringende Geldgier und Hast treibe die „Dehumanisierung“ der Menschen unentwegt voran.

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Zu dieser „kommerziellen intraspezifischen Selektion auf ein ständig sich verschnellerndes Arbeitstempo“ gesellt sich zudem ein zweiter Kreislaufprozess, der die von Lorenz wahrgenommene Katastrophe noch einmal verstärkt: die  Luxusbildung, die als Folge des Teufelskreises einer rückgekoppelten Produktions- und Bedürfnissteigerung entsteht. Es existiert mittlerweile eine ganze Industrie – die im Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft­ zum systemtragenden ökonomischen Sektor westlicher Nationen evolviert –, welche sich nur damit beschäftigt, „Bedürfnisse“ beim Menschen zu wecken und nachgelagert zu stillen, die er ohne ihre „Einflüsterung“ nicht verspüren würde.

Die ökologischen Auswirkungen dieses Wettlaufes mit sich selbst sind offensichtlich; er bildet eine wesentliche  Triebfeder des von Lorenz beklagten Raubbaus an der Natur, wodurch wir uns letztendlich zu Tode produzieren. Daher hob er stetig hervor: „Keine gescheite Ökonomie ohne gescheite Ökologie.“

Zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung der „Acht Todsünden“ legte Lorenz mit dem „Abbau des  Menschlichen“ den Finger erneut tief in die gesellschafftlichen Wunden der Industrienationen des Westens. Thematisch schließt das Buch direkt an die „Acht Todsünden“ an, behandelt die in seinem Quasi-Vorgänger aufgeführten Faktoren der „Dehumanisierung“ jedoch ausführlicher. Insbesondere die Darlegung evolutionärer Prozesse in der Biologie und ihrer Implikationen für die „moderne“ Menschheit analysiert Lorenz akribischer.

Wie bereits in den „Acht Todsünden“ ist sein Blick auf die menschlichen Kulturentwicklungen daher ein evolutionärer. Sein feinfühliges Gespür für sich ankündigende Großentwicklungen, die schon in ihren Ansätzen beobachtbar sind, hat dabei nicht nachgelassen. Bevor der Umwelthistoriker und Universalgelehrte Rolf Peter Sieferle 1994 im „Epochenwechsel“ zum Schlag gegen den Universalismus und seine Monokulturalisierung der Welt ausholt, beschreibt Lorenz den global gewordenen Kulturmonolithen: „Heute […] gibt eine einzige ‚Kultur‘ den Ton an: Alle hochzivilisierten Völker der Erde kämpfen mit denselben Waffen, bedienen sich derselben Technologien und – was wohl das Entscheidende ist – handeln auf demselben Weltmarkt und versuchen mit denselben Mitteln, einander zu übervorteilen.“

Er erachtet dies vor allem im Kontext der bereits angeführten intraspezifischen Selektion für problematisch, da so keine Konkurrenz zwischen verschiedenen Kulturen entstehe. Auf lange Sicht führe dies wiederum zu Verfallserscheinungen der dominierenden Monokultur, die unter positiven Rückkopplungen leide (siehe Geldgier und Hast). Angelehnt an den Soziologen Hans Freyer ist für Lorenz schöpferisches Geschehen in den Kulturen nur dann möglich, wenn am „Spiel von allem mit allem“ viele Mitspieler beteiligt sind.

Außerdem räumt er neben den ausgiebigeren Überlegungen zu Selektions- und Zerfallsprozessen von Kulturen der Kritik am kapitalistischen Wachstumsparadigma im „Abbau des Menschlichen“ mehr Platz als noch in den „Todsünden“ ein.

Wieder anhand biologischer Analogien arbeitend, steht er dem exponentiellen Wachstum der Unternehmen und der Wirtschaft­ äußerst skeptisch gegenüber, insofern diese im Gegensatz zu Pflanzen keinen anorganischen  Einhegungsfaktoren wie beispielsweise dem Winddruck unterworfen seien: „Ein menschliches Unternehmen […] ist potentiell unsterblich; seinem Wachstum ist nicht nur keine Grenze gesetzt, es ist sogar um so weniger störungsanfällig, je größer es geworden ist.“ Selbst die Bezugnahme auf den in konservativen Kreisen verpönten Urvater des Sozialismus schreckt ihn nicht: „Karl Marx hat völlig richtig vorausgesagt, daß infolge der größeren Lebenszähigkeit der großen Unternehmen ihr  eiterwachsen allmählich alle kleineren an die Wand drücken und in den Bankrott treiben wird. […] Schon heute beherrschen die Riesenunternehmen, die ‚Multis‘, einen sehr großen Teil der wirtschaftlichen Welt.

Die Lobby von Großkapitalisten zwingt die Menschen, sich der Tyrannis von ‚Experten‘ zu beugen, die durch Spezialisierung auf bestimmte Arbeitsgebiete beschränkt sind und sich ihrerseits gehorsam den Befehlen der Geldexperten fügen.“ Lorenz’ Kritik an der wachstumsgläubigen Ökonomie ist scharf, jedoch sollte man dies nicht als Beleg dafür nehmen, dass er „die Technik“ vollumfänglich ablehnte oder für eine sozialistische Wirtschaftsordnung plädierte.

Er strebte keine wesentliche Umverteilung der Besitzverhältnisse an und war sich der Vorzüge der technischen Entwicklung im Vergleich zum präindustriellen Zeitalter durchaus bewusst: „So wenig ich auf die wassergekühlten Zahnbohrer verzichten möchte, möchte ich als Weltverbesserer, als der ich mich bekenne, auf das Medium verzichten, mit dem ich am erfolgreichsten an das Publikum herantrete“, äußerte er sich im gemeinsam mit Franz Kreuzer verfassten „Leben ist Lernen“ (1981).

Was man bei Lorenz vielmehr findet, ist die Präferenz für das Kleinteilige, Regionale, das für den Menschen Übersichtliche. Seine Kulturkritik an der modernen Zivilisation ist von der Überzeugung durchzogen, dass Vermassung und Zentralisierung – anders ausgedrückt: der Wandel der Gesellschaften ins Systemische – den Menschen vereinzelt und entwurzelt in einer geistigen Wüste zurücklassen.

Deswegen war es der nächste logische Schritt, dass er in der fortschreitenden Arbeitsteilung unserer Gesellschaften ein zusätzliches Übel erblickte, das uns weiter von unseren natürlichen Wurzeln abschneide. In dem durch die Ausdifferenzierung der gesellschaftlichen Organisation erzeugten Zwang zur Spezialisierung identifizierte er den Auslöser für die „Sinn-Entleerung“ der Welt, da derjenige, der „die Übersicht über die Welt als Ganzes verliert“, das Schöne und Interessante an ihr nicht mehr zu erkennen vermag.

Demzufolge befördere die Arbeitsteilung das Phänomen, dass dem modernen Menschen die Sicht auf seine Umwelt bzw. auf seine eigene Ökologie verstellt sei. Des Weiteren raube es ihm das Gefühl der Sinnhaftigkeit seiner Arbeit und unterstütze die Unmündigkeit des Einzelnen, der ohne die überkomplexe Moderne nicht mehr lebensfähig sei – kaum jemand ist noch dazu in der Lage, Gegenstände des täglichen Gebrauches selbst herzustellen.

Bei allem Pessimismus, der im „Abbau des Menschlichen“ bei Lorenz seine Spitze erreichte, versuchte der Wiener Ethologe, optimistisch in die Zukunft­ zu blicken. Wirklich überzeugend wollte ihm das trotz alledem nicht gelingen, und wer möchte es ihm auch angesichts der Entwicklungen verübeln, die sich über die letzten rund 40 Jahre seit Erscheinen des „Abbaus des Menschlichen“ vollzogen haben? Eine Verbesserung der Situation ist nicht eingetreten, eher haben sich die von Lorenz angeprangerten Todsünden zum Schlimmeren entwickelt.

Dessen ungeachtet trägt sein ökologisches Engagement bis  heute aus. Zwar hat sich an der generellen Vernutzung der ökologischen Bestände durch die  mittlerweile globalisierte Industriestruktur wenig geändert, jedoch leistete Konrad Lorenz einen signifikanten Beitrag dazu, dass das Bewusstsein für die negativen Folgen der Naturverheerung breite Bevölkerungsschichten erreichte. Zu einer Zeit, als die Natur als unerschöpflicher Selbstbedienungsladen galt, mahnte er unermüdlich vor den sich abzeichnenden Zerstörungen und teils irreparablen ökologischen Langzeitwirkungen.

Wer sich ein Bild von Lorenz’ ökologischem Vermächtnis machen möchte, der sollte eine Wanderung durch den Nationalpark Donau-Auen südlich von Wien unternehmen. Es ist fraglich, ob diese weitgehend intakte Auenlandschaft­ ohne sein Zutun in dieser Form noch existieren würde.

Indessen seien hier seine warnenden Worte am Anfang des „Abbaus des Menschlichen“ wiederholt – sie haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren: Der Menschheit „droht […] ein langsamer Tod durch die Vergiftung und sonstige Vernichtung der Umwelt, in der und von der sie lebt. Selbst wenn sie ihrem blinden und unglaublich dummen Tun rechtzeitig Einhalt gebieten sollte, droht ihr ein allmählicher Abbau aller jener Eigenschaften und Leistungen, die ihr Menschentum ausmachen. Viele Denker haben dies gesehen, und viele Bücher enthalten die Erkenntnis, daß Umweltvernichtung und ‚Dekadenz‘ der Kultur Hand in Hand gehen.“

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