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Bernhard Weidinger

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Burschenschafter lieben Geschichte. Aber sie schreiben sie nicht selbst. Bernhard Weidinger sieht sie „Im nationalen Abwehrkampf der Grenzlanddeutschen“ in Österreich nach 1945. Eine Rezension von Lothar Höbelt.

Weidingers Buch über Burschenschaften und Politik fällt aus dem üblichen Rahmen der Polemiken zu diesem Thema. Man darf dem Autor durchaus Glauben schenken, wenn er eingangs betont, dass er Engführungen vermeiden, die Burschenschaft­en nicht als Monolith betrachten und eigenständige Quellenarbeit betreiben wollte.

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Damit ist nicht gesagt, dass es ihm gelungen ist, gänzlich über seinen Schatten zu springen. Wer ist schon völlig frei von Manierismen und ‑fixen Ideen? Das nationale Lager sicher nicht – und Weidinger auch nicht. Da ist z.B. die Verwendung des Adjektivs „rechtsextrem“ – dagegen ist nun prinzipiell nichts einzuwenden, irgendwer muss ja im politischen Spektrum schließlich an den beiden entgegengesetzten Enden der Skala stehen. Ja, als besondere Ausnahmeerscheinung gewürdigt zu werden, schmeichelt dem Ego vielleicht sogar.

Doch seine Definition ist nicht praktisch an der Kunst des Möglichen orientiert, sondern an philosophischen Kriterien (oder Haarspaltereien). In dieser Beziehung verbindet den Kritiker mit seinem Gegenstand vielleicht sogar mehr, als beiden lieb ist, doch für das Verhältnis von Burschenschaft­en und Politik gibt es wenig her. Das A & O seines Leidens kreist um die unzweideutige Distanzierung vom Nationalsozialismus, ganz so, als ob die Allgegenwart von derlei gebetsmühlenartigen Floskeln  tatsächlich einer Auseinandersetzung mit dem Gegenstand entspringe und nicht vielmehr vorauseilendem Gehorsam vor einer Erwartungshaltung, die mit historischem Wissen wenig zu tun hat.

Nach 1945, als diesem Diskurs eine gewisse Aktualität noch nicht abzusprechen war, standen andere Kriterien im Vordergrund: Da ging es um Diktatur, Militarismus und Anschluss, nicht um Shoa und Restitution. Weidinger gibt überdies durchaus zu, dass sich die nationalen Korporierten vielfach in weitgehender Übereinstimmung mit der Linken befinden, was die Kritik an so manchen  Gründungssagen der Zweiten Republik betrifft (S. 370). Gerade in diesem Punkt wird deutlich: Ein Urteil über die weitgehende Akzeptanz des NS-Regimes durch die Bevölkerung, wie es heute o­ als mutige Geste von Aufdeckern gilt, wurde bis in die Achtzigerjahre meist als Apologie verstockter Ehemaliger verteufelt.

Derlei Marotten mögen infolge ihres repetitiven Charakters zuweilen störend wirken, sie beeinträchtigen nicht den Kern des Buches. Weidinger hat sich tatsächlich die Mühe gemacht, die Verlautbarungen und Publikationen der Burschenschaften und ihrer Verbände zu sichten, ergänzt durch Interviews mit interessanten, wenn auch meist untypischen Repräsentanten des Milieus, o­ aus dem Kreis der Hochschullehrer (z. B. Günther Cerwinka und Sigurd Paul Scheichl) oder „dissidenten“ Politiker, wie Christian Allesch oder Friedhelm Frischenschlager.

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Aber letzten Endes liest sich sein Buch zwangsläufig wie eine politische Geschichte Österreichs anhand der Parlamentsreden und Zeitungsmeldungen, (fast) ohne interne Protokolle und Briefe. Das ist nicht Weidingers Schuld, vergleichbare Quellen sind einfach nicht verfügbar – und sie werden wohl leider auch für die politische Geschichte bald nicht mehr zur Verfügung stehen.

Umso anerkennenswerter ist, dass Weidinger in so manchen Punkten das Richtige trifft : Viele seiner Quellen stammen aus dem Umkreis der Diskussionen mit bundesdeutschen Verbindungen. Da liegt der Vergleich nahe. Er konstatiert in Österreich eine politisch-weltanschauliche Erstarrung, eine Verengung der Interessen als Reaktion auf den „Ausschluss aus Deutschland“ (S. 69, 105). Da ist nun zweifellos was dran. Der Kurzschluss der Gegner, mit dem Nationalsozialismus auch den Anschlussgedanken und den bis dahin ziemlich unbestritten deutschen Charakter Österreichs über Bord zu werfen, ließ als Reaktion wohl zuweilen die Versuchung aufgenommen, mit dem deutschen Charakter des Landes auch den Nationalsozialismus in Schutz zu nehmen.

Auch wenn man – wie der Rezensent – der These  zustimmt, dass die Mehrzahl der Österreicher aufgrund ihrer Muttersprache nun einmal Deutsche sind, mag die ständige Wiederholung ein und desselben Topos kein Ausdruck besonderer intellektueller Lebendigkeit sein. Das Ideal der Standha­ftigkeit ist für den flotten Bewegungskrieg keine ideale Voraussetzung. Eine gewisse „defaitistisch-desinteressierte Haltung“ (S. 213), verbunden mit der Stilisierung als die einzig Aufrechten, ließ vielleicht auch verkennen, dass man in den Fünfziger- und Sechzigerjahren mit nationalen Themen zum Teil noch offene Türen einrannte. Selbst das Adjektiv „völkisch“ kam einem österreichischen Bundeskanzler der Zweiten Republik wie Gorbach noch – positiv konnotiert – ganz selbstverständlich von den Lippen (vgl. „Südost-Tagespost“ vom 10.09.1963). Für die von Weidinger kritisierte Vokabel „Zusammenbruch“ für das Kriegsende (S. 113) lässt sich als Kronzeuge immerhin der spätere Staatsvertragskanzler Raab anführen (vgl. Protokolle des ÖVP-Klubs vom 11.04.1946).

Weidinger kritisiert zu Recht gewisse Aspekte der „Geschichtspolitik“, wie z. B. die ständige Berufung auf 1848 als Geburtsstunde der Demokratie, die alle möglichen notwendigen Differenzierungen unter den Tisch fallen lässt. Dieses kuriose Faible von Rechten, mit ihren linken Vorfahren zu prunken, das sich genauso bei den Fans der christlichen Soziallehre findet, wäre eine eigene Erörterung wert. Klar ist auch: Demokratisierung wird nun einmal meist dort geschätzt und befürwortet, wo es einem nützt.

Dass im Milieu der Korporationen ein akademischer Dünkel anzutreffen war, der sich zuweilen in einer „eigenen Aufwertung auf Grund vermeintlicher moralischer Superiorität“ niedergeschlagen hat, dürft­e stimmen – Weidinger mag allenfalls gnädig stimmen, dass ebendiese Haltung heute bei den Gegnern der Rechten äußerst beliebt ist. Dass sich die Interna der Verbindungen zwangsläufig auf eine Oligarchie von Funktionären zuspitzen, die von ihren Gefolgsleuten delegiert und abgenickt werden, dür­fte ebenfalls nicht ganz falsch sein – so funktionieren Vereine eben, bis hin zum ÖGB, der auch nur eine sehr abgestuft­e Meinungsbildung zulässt (er wird wissen, warum …)

Kommen wir zum Kern: Welchen Niederschlag hat das politische Engagement der Burschenschaft­en gefunden? Völlig richtig: einen eher geringen. Die Burschenscha­ften haben als Refugium vor dem Zeitgeist gedient, damit im Sinne der Traditionspflege eine bewahrende Funktion ausgeübt, auch im Sinne einer „festigenden Geborgenheit“ für ihre Mitglieder, aber gerade diese Abschließungstendenzen haben natürlich auch die Möglichkeit verringert, auf diesen Zeitgeist Einfluss zu nehmen, von der kontraproduktiven Wirkung so mancher Inszenierungen einmal ganz abgesehen: Der Österreicher liebt nun einmal keine „Demos“, die mit Staus und Krawall verbunden sind. Wer immer sich da profilieren will, tut seiner Sache nichts Gutes, was nicht ausschließt, dass er im kleinen Kreis womöglich als besonders aufrechter Kämpfer gelobt wird.

In puncto Südtirol ist Weidinger gnädig, weil er die üblichen Vorwürfe wiederholt: Befreiungskämpfer und Terroristen sind nun einmal überlappende Größen, Aktivisten (ORF-Speak für linke Demonstranten) und Extremisten (ORF-Speak für rechte Demonstranten) ebenfalls… (weiter lesen Sie in der FREILICH Sonderausgabe „Burschenschaften“).

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