Tag

Doping

Browsing

Eine Parole der ’68er-Bewegung in Frankreich lautete: „La politique est dans la rue“. Für die Historikerin Ingrid Gilcher-Holtey unter anderem Beleg dafür, dass die Neue Linke das Politische vom Staat und seinen Institutionen löste und auf eine Politisierung der Gesellschaft­ „von unten“ setzte. Ein Kommentar von FREILICH-Chefredakteur Ulrich Novak.

Das Politische wurde an den Diskurs im öffentlichen Raum geknüpft, was angeblich die gängigen Wahrnehmungsmuster der sozialen Welt auflöste. Die einst Neue Linke, die heute eine Arrivierte ist, weiß, „dass zur Aufrechterhaltung der linken Vorherrschaft­ in Politik und Gesellschaft, von der man selbst profitiert, ganz selbstverständlich die Fortsetzung linker Politik erforderlich ist“ (W. Knörzer).

Dieser Text ist in FREILICH 13 erschienen. Hier FREILICH abonnieren und jede Ausgabe druckfrisch erhalten!

Hierzu wird die Politisierung des gesellschaftlichen Lebens, die ursprünglich von unten erfolgen sollte, herzhaft­ betrieben. Während für die gewalttätige Linke die Politik immer noch neben den Opfern des „antifaschistischen Kampfes“ auf der Straße liegt, werden die politischen Hegemoniebemühungen von der Arrivierten Linken allerdings weiter in möglichst alle Bereiche der Gesellscha­ft geführt.

Das wiederum mit Vehemenz, sodass man in Abwandlung der oben genannten Parole und unter dem Eindruck der jüngsten Fußballeuropameisterschaft­ auch sagen kann: „la politique se fait dans les stades de sport.“ Dabei ist es natürlich nichts Neues, dass sich die Politik den Sport für ihre Zwecke als Kommunikationsplattform und Erfüllungsgehilfen auswählte.

WERBUNG

Die besondere körperliche und mentale Leistung, die sich im Spitzensport zeigt, hat von jeher dazu geführt, dass die Mächtigen die Athleten und ihr Tun als Projektionsfläche und Referenz der eigenen Leistungsfähigkeit nutzen wollten. Doch Dopingskandale und komplett vereinnahmte Sportlerbiografien in untergegangenen Diktaturen haben im Nachhinein weniger das Gefühl der Penetranz und Heuchelei vermittelt als etwa die Geschehnisse rund um Manuel Neuers Regenbogenarmbinde und die geplante Beleuchtung der Allianz Arena vor den Toren Münchens beim Spiel Ungarn-Deutschland im Juni.

Während sich der Formel-1-Zirkus inbrünstig mit dem Fetisch des Maskentragens aller Beteiligten lächerlich macht und die politikseitig gepriesene Mobilitätswende knallhart ignoriert, toben sich im Fußballsport moralisierende Transhumanisten bei einem Gesinnungskampf rund um Sexualgewohnheiten und Veranlagungen aus.

Das Kulturgut Sport, das der Verhaltensforscher in einem bei Mensch und Tier angelegten Spieltrieb verursacht sieht, wird von Mainstreammedien, politischen Interessenvertretern der EU und einer scheinbar wild gewordenen LGBT-Lobby missbraucht. Der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier schreibt, dass Sport zur Stabilisierung politischer Herrschaft­ bzw. des Herrschaftssystems führt, „weil (fast) immer Regierende politisch profitieren und selten oppositionelle Artikulation stattfinden kann“.

Während Sportwettkämpfe nach einfachen und öffentlichen Regeln transparent und sofort quantifizierbar ablaufen, sind politische Regeln nicht allgemein bekannt und meistens komplizierter. Der Professor für Politische Kommunikation an der Karl-Franzens- Universität Graz: „Politische Konflikte werden auf vielen und mehrheitlich nicht sichtbaren Ebenen ausgetragen.

Konsequenzen der Politik sind selten in Sekundenschnelle messbar, sondern treten als mittel- bzw. langfristige Folgen mit weitreichender Wirkung auf. Es ist aber das scheinbar unpolitische Wesen des Sports, das der politischen Einflussnahme keine Grenzen setzt.“

Dieser Text ist in FREILICH 13 erschienen. Hier FREILICH abonnieren und jede Ausgabe druckfrisch erhalten!



Neues Jahr, neue Inhalte. FREILICH startet die Buchreihe POLITIKON. In Band 2 schreibt Irfan Peci über den Ruf der Islamisten. Wer ihn verbreitet, wer ihm folgt und wie man ihn zum Schweigen bringt.

HIER im FREILICH Buchladen bestellen.