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Genialer Biologe, Begründer der Ethologie, Nobelpreisträger und konservativer Kulturkritiker: Konrad Lorenz war vieles. Ein Blick auf die radikalökologische Seite des Wiener Ausnahmewissenschaft­lers. Heute lesen Sie Teil II unserer Reportage (Teil I finden Sie HIER).

Der kommerzielle Wert avanciert gemäß Lorenz zum zentralen Fokuspunkt unserer Gesellschaften und treibt eine folgenschwere Verwechslung der Mittel mit dem Zweck voran. Geld – ursprünglich ein Mittel – gerate so zum absoluten Wert, und die daraus entspringende Geldgier und Hast treibe die „Dehumanisierung“ der Menschen unentwegt voran.

Dieser Artikel ist in FREILICH 9 erschienen. Alle Ausgaben finden Sie HIER.

Zu dieser „kommerziellen intraspezifischen Selektion auf ein ständig sich verschnellerndes Arbeitstempo“ gesellt sich zudem ein zweiter Kreislaufprozess, der die von Lorenz wahrgenommene Katastrophe noch einmal verstärkt: die  Luxusbildung, die als Folge des Teufelskreises einer rückgekoppelten Produktions- und Bedürfnissteigerung entsteht. Es existiert mittlerweile eine ganze Industrie – die im Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft­ zum systemtragenden ökonomischen Sektor westlicher Nationen evolviert –, welche sich nur damit beschäftigt, „Bedürfnisse“ beim Menschen zu wecken und nachgelagert zu stillen, die er ohne ihre „Einflüsterung“ nicht verspüren würde.

Die ökologischen Auswirkungen dieses Wettlaufes mit sich selbst sind offensichtlich; er bildet eine wesentliche  Triebfeder des von Lorenz beklagten Raubbaus an der Natur, wodurch wir uns letztendlich zu Tode produzieren. Daher hob er stetig hervor: „Keine gescheite Ökonomie ohne gescheite Ökologie.“

Zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung der „Acht Todsünden“ legte Lorenz mit dem „Abbau des  Menschlichen“ den Finger erneut tief in die gesellschafftlichen Wunden der Industrienationen des Westens. Thematisch schließt das Buch direkt an die „Acht Todsünden“ an, behandelt die in seinem Quasi-Vorgänger aufgeführten Faktoren der „Dehumanisierung“ jedoch ausführlicher. Insbesondere die Darlegung evolutionärer Prozesse in der Biologie und ihrer Implikationen für die „moderne“ Menschheit analysiert Lorenz akribischer.

Wie bereits in den „Acht Todsünden“ ist sein Blick auf die menschlichen Kulturentwicklungen daher ein evolutionärer. Sein feinfühliges Gespür für sich ankündigende Großentwicklungen, die schon in ihren Ansätzen beobachtbar sind, hat dabei nicht nachgelassen. Bevor der Umwelthistoriker und Universalgelehrte Rolf Peter Sieferle 1994 im „Epochenwechsel“ zum Schlag gegen den Universalismus und seine Monokulturalisierung der Welt ausholt, beschreibt Lorenz den global gewordenen Kulturmonolithen: „Heute […] gibt eine einzige ‚Kultur‘ den Ton an: Alle hochzivilisierten Völker der Erde kämpfen mit denselben Waffen, bedienen sich derselben Technologien und – was wohl das Entscheidende ist – handeln auf demselben Weltmarkt und versuchen mit denselben Mitteln, einander zu übervorteilen.“

Er erachtet dies vor allem im Kontext der bereits angeführten intraspezifischen Selektion für problematisch, da so keine Konkurrenz zwischen verschiedenen Kulturen entstehe. Auf lange Sicht führe dies wiederum zu Verfallserscheinungen der dominierenden Monokultur, die unter positiven Rückkopplungen leide (siehe Geldgier und Hast). Angelehnt an den Soziologen Hans Freyer ist für Lorenz schöpferisches Geschehen in den Kulturen nur dann möglich, wenn am „Spiel von allem mit allem“ viele Mitspieler beteiligt sind.

Außerdem räumt er neben den ausgiebigeren Überlegungen zu Selektions- und Zerfallsprozessen von Kulturen der Kritik am kapitalistischen Wachstumsparadigma im „Abbau des Menschlichen“ mehr Platz als noch in den „Todsünden“ ein.

Wieder anhand biologischer Analogien arbeitend, steht er dem exponentiellen Wachstum der Unternehmen und der Wirtschaft­ äußerst skeptisch gegenüber, insofern diese im Gegensatz zu Pflanzen keinen anorganischen  Einhegungsfaktoren wie beispielsweise dem Winddruck unterworfen seien: „Ein menschliches Unternehmen […] ist potentiell unsterblich; seinem Wachstum ist nicht nur keine Grenze gesetzt, es ist sogar um so weniger störungsanfällig, je größer es geworden ist.“ Selbst die Bezugnahme auf den in konservativen Kreisen verpönten Urvater des Sozialismus schreckt ihn nicht: „Karl Marx hat völlig richtig vorausgesagt, daß infolge der größeren Lebenszähigkeit der großen Unternehmen ihr  eiterwachsen allmählich alle kleineren an die Wand drücken und in den Bankrott treiben wird. […] Schon heute beherrschen die Riesenunternehmen, die ‚Multis‘, einen sehr großen Teil der wirtschaftlichen Welt.

Die Lobby von Großkapitalisten zwingt die Menschen, sich der Tyrannis von ‚Experten‘ zu beugen, die durch Spezialisierung auf bestimmte Arbeitsgebiete beschränkt sind und sich ihrerseits gehorsam den Befehlen der Geldexperten fügen.“ Lorenz’ Kritik an der wachstumsgläubigen Ökonomie ist scharf, jedoch sollte man dies nicht als Beleg dafür nehmen, dass er „die Technik“ vollumfänglich ablehnte oder für eine sozialistische Wirtschaftsordnung plädierte.

Er strebte keine wesentliche Umverteilung der Besitzverhältnisse an und war sich der Vorzüge der technischen Entwicklung im Vergleich zum präindustriellen Zeitalter durchaus bewusst: „So wenig ich auf die wassergekühlten Zahnbohrer verzichten möchte, möchte ich als Weltverbesserer, als der ich mich bekenne, auf das Medium verzichten, mit dem ich am erfolgreichsten an das Publikum herantrete“, äußerte er sich im gemeinsam mit Franz Kreuzer verfassten „Leben ist Lernen“ (1981).

Was man bei Lorenz vielmehr findet, ist die Präferenz für das Kleinteilige, Regionale, das für den Menschen Übersichtliche. Seine Kulturkritik an der modernen Zivilisation ist von der Überzeugung durchzogen, dass Vermassung und Zentralisierung – anders ausgedrückt: der Wandel der Gesellschaften ins Systemische – den Menschen vereinzelt und entwurzelt in einer geistigen Wüste zurücklassen.

Deswegen war es der nächste logische Schritt, dass er in der fortschreitenden Arbeitsteilung unserer Gesellschaften ein zusätzliches Übel erblickte, das uns weiter von unseren natürlichen Wurzeln abschneide. In dem durch die Ausdifferenzierung der gesellschaftlichen Organisation erzeugten Zwang zur Spezialisierung identifizierte er den Auslöser für die „Sinn-Entleerung“ der Welt, da derjenige, der „die Übersicht über die Welt als Ganzes verliert“, das Schöne und Interessante an ihr nicht mehr zu erkennen vermag.

Demzufolge befördere die Arbeitsteilung das Phänomen, dass dem modernen Menschen die Sicht auf seine Umwelt bzw. auf seine eigene Ökologie verstellt sei. Des Weiteren raube es ihm das Gefühl der Sinnhaftigkeit seiner Arbeit und unterstütze die Unmündigkeit des Einzelnen, der ohne die überkomplexe Moderne nicht mehr lebensfähig sei – kaum jemand ist noch dazu in der Lage, Gegenstände des täglichen Gebrauches selbst herzustellen.

Bei allem Pessimismus, der im „Abbau des Menschlichen“ bei Lorenz seine Spitze erreichte, versuchte der Wiener Ethologe, optimistisch in die Zukunft­ zu blicken. Wirklich überzeugend wollte ihm das trotz alledem nicht gelingen, und wer möchte es ihm auch angesichts der Entwicklungen verübeln, die sich über die letzten rund 40 Jahre seit Erscheinen des „Abbaus des Menschlichen“ vollzogen haben? Eine Verbesserung der Situation ist nicht eingetreten, eher haben sich die von Lorenz angeprangerten Todsünden zum Schlimmeren entwickelt.

Dessen ungeachtet trägt sein ökologisches Engagement bis  heute aus. Zwar hat sich an der generellen Vernutzung der ökologischen Bestände durch die  mittlerweile globalisierte Industriestruktur wenig geändert, jedoch leistete Konrad Lorenz einen signifikanten Beitrag dazu, dass das Bewusstsein für die negativen Folgen der Naturverheerung breite Bevölkerungsschichten erreichte. Zu einer Zeit, als die Natur als unerschöpflicher Selbstbedienungsladen galt, mahnte er unermüdlich vor den sich abzeichnenden Zerstörungen und teils irreparablen ökologischen Langzeitwirkungen.

Wer sich ein Bild von Lorenz’ ökologischem Vermächtnis machen möchte, der sollte eine Wanderung durch den Nationalpark Donau-Auen südlich von Wien unternehmen. Es ist fraglich, ob diese weitgehend intakte Auenlandschaft­ ohne sein Zutun in dieser Form noch existieren würde.

Indessen seien hier seine warnenden Worte am Anfang des „Abbaus des Menschlichen“ wiederholt – sie haben nichts von ihrer Gültigkeit verloren: Der Menschheit „droht […] ein langsamer Tod durch die Vergiftung und sonstige Vernichtung der Umwelt, in der und von der sie lebt. Selbst wenn sie ihrem blinden und unglaublich dummen Tun rechtzeitig Einhalt gebieten sollte, droht ihr ein allmählicher Abbau aller jener Eigenschaften und Leistungen, die ihr Menschentum ausmachen. Viele Denker haben dies gesehen, und viele Bücher enthalten die Erkenntnis, daß Umweltvernichtung und ‚Dekadenz‘ der Kultur Hand in Hand gehen.“

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Wir erleben soeben die vielleicht erste „Revolution“ in der Menschheitsgeschichte, in der das gesamte Establishment und alle relevanten Institutionen aufseiten der angeblich so machtlosen und diskriminierten „Revolutionäre“ stehen. Heute lesen Sie Teil II unserer Reportage (HIER finden Sie den ersten Teil). Ein Artikel von Nils Wegner.

Die von BLM und den – oft­ weißen – Mitläufern dieser Organisation über Jahre hinweg angeheizte, sich nun zwischen COVID-19-Pandemie schlagartig Bahn brechende und die gesamte westliche Welt in Brand setzende Rassenpolarisierung reicht weit zurück. Tatsächlich befinden sich die Vereinigten Staaten nicht erst, wie von kurzsichtigen Beobachtern oft­ behauptet, seit den 1992er-Rassenunruhen in Los Angeles (63 Tote und mehr als 2300 Verletzte in nur sechs Tagen), sondern spätestens seit den Ausschreitungen nach der Ermordung Martin Luther Kings 1968 (43 Tote und mehr als 3000 Verletzte in acht Wochen) im Dauerzustand eines Kalten Bürgerkrieges entlang der ethnischen Bruchlinien der Gesellschaft­, und zwar ganz konkret: der afroamerikanischen Bevölkerungsgruppe gegen alle anderen, weit überwiegend jedoch gegen „Whitey“ und die Institutionen der „Weißbrote“.

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Eine wesentliche Grundlage dieses explosiven multiethnischen Gesellschaft­sgemisches ist tatsächlich im Wirken der schwarzen Bürgerrechtsbewegung King’schen Zuschnittes zu suchen. Tatsächlich war es ebenjene „Gleichheit“, nach der noch jetzt auf den  BLM-Protesten geschrien wird, die seinerzeit zum Bruch zwischen Martin Luther King und seinen radikaleren Weggefährten wie Malcolm X führte. Letztere verfochten eine Form von schwarzem Befreiungsnationalismus, der die US-Rassentrennung weitgehend affirmierte; Weiße und Schwarze sollten innerhalb der Vereinigten Staaten gleichberechtigt, aber gesellschaft­lich voneinander getrennt zusammenleben und zur Konfliktvermeidung über jeweils getrennte staatliche Behörden eine  rassische Selbstverwaltung durchsetzen.

Die liberal-integrativen Bürgerrechtler, die sich letztlich durchsetzen, führten ihre schwarzen Gemeinden hingegen über politische Toleranzedikte und die teils mit Waffengewalt durchgesetzte Desegregation in den 1960er-Jahren hinein in die „farbenblinde“ Mischgesellschaft­, als welche die USA seither wahrgenommen werden – und in welcher trotz immenser regulatorischer und legislativer Anstrengungen bis hin zur „Affirmative Action“, der verordneten eklatanten Bevorzugung von Afroamerikanern etwa im Bildungssystem, ein großer Teil der schwarzen Bevölkerungsgruppe auf die eine oder andere Weise Mündel der (noch) weißen Mehrheitsgesellschaft­ geblieben ist.

Die Nutznießer des „Woke Capital“

Doch nicht nur das: Als bedeutendes Konsumentensegment sind die Schwarzen gleichsam ein Angelpunkt der unablässigen PR-Kampagnen multinationaler Konzerne. Für deren besonders „engagierte“, d. h. auf ethnische und sexuelle Minderheiten fokussierte Spielart hat sich das halb ernst gemeinte Adjektiv „woke“ eingebürgert, also „neuen gesellscha­ftlichen Realitäten“ gegenüber „wach“ und aufmerksam. Es liegt so offensichtlich vor unserer Nase, dass manch einer – seiner vorgefertigten Meinung sehr sicher – geradewegs daran vorbeistarren wird: Die weltweiten BLM-Unruhen für „Vielfalt“ und „Gleichheit“, wie wir sie ausgerechnet im „Gay-Pride“- Monat Juni gesehen haben, haben den geballten Auftrieb des globalen Kapitals unter ihren Fittichen.

Von sämtlichen So­ftwaregiganten bis hin zu Luxusmarken wie Montblanc hat sich jedes große Unternehmen solidarisiert, und der Spendenfluss an BLM und nahestehende Organisationen wie NAACP und ACLU straft­ alles Geschrei über eine gesellschaft­liche  Diskriminierung“ Lügen – allein Amazon und Facebook haben bereits Anfang Juni jeweils zehn Millionen Dollar „gegen strukturellen Rassismus“ bereitgestellt. Wer da nicht mittut, sieht sich umgehend boykottiert. So sorgte das Gerücht, Starbucks untersage seinen Angestellten das Tragen von BLM-Ansteckern, binnen weniger Stunden zu weltweiter Entrüstung.

Nur zwei Tage später präsentierte der Kaffeehausriese seine durchtriebene „Lösung“ – Hemden mit dem BLM-Slogan und dem eigenen Markenlogo als Pflichtbekleidung für das Personal. Man spürt die Absicht, und man ist verstimmt, doch ein wenig grimmige Anerkennung muss man den PR-Profis für ihre Winkelzüge wohl tatsächlich zollen!

Dass der zwei Tage nach George Floyds Tod in Betrieb genommene neue Internet-Filmkanal „HBO Max“ umgehend damit Werbung machte, den achtfach oscarprämierten Klassiker „Vom Winde verweht“ wegen dessen „Südstaatenromantik“ vorerst aus dem Programm zu nehmen und in Zukunft­ nur noch mit politisch korrekter Kommentierung anzubieten (und dass dies wiederum zu Rekordabsätzen dieses Filmes bei der Konkurrenz von „Amazon Prime“ sorgte), stellt da bloß noch einen ebensolchen Treppenwitz dar wie die Neubewertung der beliebten Kinderserie „Paw Patrol“, worin durch die Figur eines niedlichen Schäferhundes Polizeiarbeit „zu positiv“ dargestellt werde.  Darin liegt die tatsächliche Dialektik dieses immer unter falscher Flagge operierenden Systems: Der „engagierte“ Spätkapitalismus ist ohne Weiteres in der Lage, jede Opposition zu schlucken und letztlich mit abgestimmten Produkten und Dienstleistungen geldwert ruhigzustellen.

Die US-republikanische Verdrängungsrhetorik im Sinne von „Die Schwarzen sind eigentlich friedlich, es ist die Antifa, die gewalttätig ist und aufhetzt!“, die leider auch von deutschsprachigen,  dialogversessenen Rechtspolitikern eifrig nachgebetet wird, erhält damit sogar ein Stück Legitimität: Schwarze wie linke Krawalltouristen, rassen- wie klassenkämpferische Machtberauschte kommen zusammen unter dem gigantischen globalistischen Schirm der Konzerne, die ihnen neben finanziellen Zuschüssen auch gleich noch die maßgeschneiderte Merchandise- und Souvenirpalette zu ihrem „Widerstand“ gegen die „Unterdrückung“ liefern.

Emotion sticht Sachlichkeit

Es ist schon verschiedentlich auf die (quasi-)religiös anmutende Inszenierung der BLM-Proteste und der  Solidaritätskundgebungen für diese hingewiesen worden; gewisse Parallelen gerade auch zu den ebenso bekenntnisorientierten Umzügen unter der Parole „Fridays for Future“ liegen auf der Hand. Und das nicht allein in beider massiver Instrumentalisierung moralischer Erpressung: Wir sehen auch das in seiner hündischen Unterwürfigkeit grotesk-abstoßende Auft­reten bereitwilliger Selbstbezichtiger, die darum flehen, dass ihnen die mit ihrer Hautfarbe verbundene „Erbsünde“ vergeben werden möge.

Dabei geht es keineswegs nur um den längst nicht mehr ikonischen Kniefall: Fotos und Videos von Weißen, teils von kleinen Kindern, die Leiberl mit der Aufschrift­ „So, so sorry“ tragen, sich laut schluchzend in ein Sklavenjoch einspannen lassen oder Schwarzen auf der Straße die Füße küssen, finden sich in den sozialen Netzwerken zuhauf. Doch böse ist das Erwachen: Vergebung gibt es nicht, kann es nicht geben, denn es kann wortwörtlich keiner „aus seiner Haut“ – und in  dieser Auseinandersetzung gibt es keinerlei Liebe, die für Vergebung unabdingbar ist. Es gibt nur Hass, und mit diesem laden die weißen Flagellanten sich schlussendlich selbst auf und projizieren ihn nach außen, auf ihre eigenen „Farbgenossen“, die verschwinden sollen.

Letztlich aber schlägt sich der religiöse Charakter all dieser Empörung vielleicht am deutlichsten in all den Statuenstürzen nieder – denn das sind im eigentlichen Wortsinn Ikonoklasmen, Bilderstürze, also die Zerstörung „feindlicher“ Götter, Deizid. Wo Rassismus abseits konkreter Vorfälle überall und immerfort latent vorhanden, also „strukturell“ sein soll, die Strukturen aber eben Produkte der einst weiß dominierten Gesellschaft ­ sind, wird „Rassist“ letztendlich zum Synonym für „Weißer“ – und die geschichtlichen Zeugnisse dieses „Krebsgeschwüres der Menschheitsgeschichte“ (Susan „Sontag“ Rosenblatt 1967 über „die weiße Rasse“) sollen ausgetilgt werden, ob nun Sakralbauten oder Denkmäler, ob nun Andenken an Woodrow Wilson oder Winston Churchill, an Bismarck oder Immanuel Kant.

Letztes Bollwerk Identität

„E pluribus unum“, „aus den Vielen das Eine“, heißt es auf dem offiziellen Dienstsiegel und Hoheitszeichen der Vereinigten Staaten, dem „Great Seal“. Ursprünglich auf die 13 separaten Gründungsstaaten der USA gemünzt und auf deren Bereitschaft­, ihre Autonomie zumindest in großen Teilen der Washingtoner Bundesregierung zu unterwerfen, wird diese Parole seit der allgemeinen Etablierung der Metapher des „Melting pot“ durch den zionistischen Autor Israel Zangwill gern auf die vielen im Einwanderungsland Amerika zusammenfließenden Ethnien übertragen.

Die Vereinigten Staaten sind damit – wenn schon nicht politisch, so doch zumindest ethisch – zum ideellen Leuchtturm der Verfechter einer im wahrsten Sinne des Wortes blutleeren „Willensnation“ qua Bekenntnis geworden, eines jederzeit  kündbaren „Verfassungspatriotismus“,  die ihn in Deutschland Dolf Sternberger und Jürgen Habermas bekannt machten, in Österreich zuletzt Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka eingefordert hat („ORF Politik Spezial“, 27. April 2020) und auf internationaler Ebene kein anderer als Francis Fukuyama, der auch noch nach 30 Jahren weiterhin seinem globalen Sieg der liberalen Weltfriedens- und Marktwirtschaft­sdemokratie („Ende der Geschichte“) hinterdreinläuft­.

Was wir in den Exzessen der Berufstoleranten rund um BLM und sonstige gesellschaft­liche Pressure-Groups nun aber erblicken, ist das genaue Gegenteil. Trotz oder gerade bewusst entgegen allem politisch-diplomatischen erlangen danach, „zusammenzustehen“ und „gemeinsam“ ein Zeichen gegen „Ungleichbehandlung“ zu setzen, machen sich die lautstarken Minderheitenvertreter in einer Einheitsfront gegen alles auch nur im Ansatz Weiße die Überreste ihrer Wirtsgesellschaften zu eigen.

Und das ist vor dem Hintergrund der systemimmanenten Immunschwächekrankheit, der enden wollenden Dominanz einer jeden weißen Mehrheitsgesellschaft­ leider nur folgerichtig, wenn auch nicht allgemein einsichtig: „Nachdem das Aas des Leviathan verzehrt ist, gehen sich die Würmer gegenseitig an den Kragen“, schrieb der Historiker Rolf Peter Sieferle in seinem postumen Skandalfragment „Finis Germania“. Sieferles Nachlassverwalter Raimund Kolb zog dieser vernichtenden Diagnose in seinem Nachwort geradezu die Zähne: „Gemeint ist ein Rückfall auf das Niveau von Multitribalismus und der ihm inhärenten Agonalität.“

Mitnichten! Dass „Multitribalismus“ in einer multikulturellen Gesellschaft­ unter „normalen“ Umständen verschwunden ist, kann nur glauben, wer besagtem Hirngespinst von der „Willensnation“ anhängt, und was immer latent vorhanden ist, darauf kann es keinen „Rückfall“ geben. Die „inhärente Agonalität“ in Schach hält allein eine Mehrheitsbevölkerung, die noch willens und in der Lage ist, sich gegenüber Herausforderungen durchzusetzen. Und dass diese Mehrheitsbevölkerung spätestens im Angesicht von Not und Anstrengung trotz aller liberalen Reden ethnisch und eben nicht ethisch zusammengehalten wird, stellen nicht nur national gesinnte Denker ab und an noch fest, sondern ist auf einer ganz basalen Ebene auch für jeden normalen Menschen selbstverständlich, ehe anerzogene Scheu und moralische Bedenken dazwischentreten.

Ein Beispiel auch hierfür bieten die Rassenunruhen unter dem BLM-Banner: In London gab es einen großen (optisch allerdings sehr wohl problematischen) Protest der Angestammten, die auf Statuenjagd befindlichen „Antirassismus“-Aktivisten Parolen wie „You ain’t English“ entgegenbrüllten – und auch der eigenen Polizei, die sie nicht zu Unrecht im Bunde mit den Bilderstürmern wähnten.

Allein: Was kann aus einem solchen neuen Identitätsbewusstsein erwachsen? Wenn das „Erwachen“ durch die jetzigen Ausschreitungen lediglich dazu führt, dass die verängstigten Angehörigen der Noch-  Mehrheit sich zu Hause einschließen und Multikultikritische YouTube-Videos konsumieren, ist exakt gar nichts gewonnen – genauso wenig übrigens wie dadurch, sich durch theatralische Widerstandsaktionen der Repression durch eine Staatsmacht auszusetzen, der nicht nur derzeit das Appeasement gegenüber Fremden wichtiger ist als die Sicherheit der angestammten Bürger.

Optimisten hatten schon gedacht, mit der COVID-19-Pandemie seien derartige Mikroproblematiken und identitäre Sollbruchstellen der Gesellschaft­ endlich von der Bildfläche verschwunden – doch stieg damit der längst vorhandene Druck erst auf ein kritisches Maß an.

Es bleibt dabei: Alle politischen Akteure, deren Modus Operandi sich nicht auf bloße Symbolpolitik für Minderheiten und sonstige vorgeblich gesellschaftlich Benachteiligte beschränkt, müssen realistisch bleiben oder vielmehr erst einmal wieder werden. Ohne die Erkenntnis, dass Schwarz und Weiß sich selbst bei bestem Willen niemals gleichmachen lassen, wird es niemals eine Aussöhnung geben – genauso wenig wie ohne einen weißen Gegenpol zur selbstbewussten, komplexfreien und gegenüber äußeren Gegnern solidarischen ethnischen Identität der Schwarzen. #whitelivesmatter!

Den ersten Teil unserer Reportage lesen Sie HIER.

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Genialer Biologe, Begründer der Ethologie, Nobelpreisträger und konservativer Kulturkritiker: Konrad Lorenz war vieles. Ein Blick auf die radikalökologische Seite des Wiener Ausnahmewissenschaft­lers.

Die Graugans, das erste Mal von Carl von Linné 1758 in seinem Werk „Systema naturae“ systematisch beschrieben, ist die zweitgrößte Gänseart in Europa und der direkte Vorfahr der domestizierten Hausgans. Der um 1900 in Mitteleuropa fast verschwundene Zugvogel ist dank engagierter Wiederansiedlungsprojekte seit Mitte des 20. Jahrhunderts wieder in großer Zahl in unserer heimischen Natur anzutreffen.

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Ein Mann, der den Großteil seines Lebens der Erforschung des Verhaltens dieser Gänse gewidmet hatte und wie kein Zweiter mit ihnen in Verbindung gebracht wird, ist der 1903 in Altenberg bei Wien geborene und 1989 ebenda verstorbene Zoologe Konrad Lorenz. Auf der Basis seiner Studien an den graugefederten Vögeln begründete sich die wissenscha­ftliche Disziplin der Ethologie, die klassische vergleichende Verhaltensforschung. Lorenz widerlegte mit seiner Arbeit die behavioristische Schule, die eine fast unbegrenzte Formung des Menschen durch Umweltfaktoren (etwa Sozialisation) postuliert.

Dies gelang ihm ausgehend von seinen Beobachtungen der Graugänse, durch die er nachweisen konnte, dass Verhalten nicht nur auf Reflexe auf Umweltreize zurückzuführen ist, sondern angeborene Verhaltensmuster beinhaltet, die man „Erbkoordinationen“ nennt. Darauf aufbauend sah er im Einklang mit dem deutschen Soziologen und Kulturanthropologen Arnold Gehlen den Menschen als „von Natur aus, d.h. von seiner Phylogenese her“ festgelegtes Kulturwesen. Demnach bilden, „seine instinktiven Antriebe und deren kulturbedingte, verantwortliche Beherrschung […] ein System, in dem die Funktionen beider Untersysteme genau aufeinander abgestimmt sind“.

Im Jahr 1973 brachte ihm seine jahrzehntelange Verhaltensforschung zusammen mit Niko Tinbergen und Karl von Frisch den Nobelpreis für Medizin und Physiologie ein, der „ihre Entdeckungen zur Organisation und Auslösung von individuellen und sozialen Verhaltensmustern“ würdigte.

War Lorenz bis in die 1960er hauptsächlich als ein eher abseits der Politik stehender Naturwissenschaftler in Erscheinung getreten, änderte sich das mit  einer späten Lebensphase. Bereits vor seiner Nobelpreisverleihung meldete er sich als ökologischer Mahner zu Wort, der mit seiner ausgesprochen konservativen Kulturkritik anzuecken wusste.

Das späte politische Engagement eines tendenziell Unpolitischen erklärt sich indes aus Lorenz ausgeprägter Naturverbundenheit und der daraus erwachsenden ökologischen Grundhaltung. Er hatte diese Haltung vorher nie ausformulieren müssen, weil sie in seinem ethologischen Lebenswerk immer subkutan mitschwang; eine unausgesprochene Selbstverständlichkeit.

Doch Ende der 1960er war die einsetzende „Umweltkrise“ für ihn derart offenkundig geworden, dass er sich veranlasst sah, angesichts dieser Umwälzung Stellung zu beziehen. Noch bevor überhaupt von einer „Grünen Bewegung“ die Rede sein konnte, stemmte sich der Wiener Ethologe entschieden gegen die Verwüstung des Lebensraums“ durch die europäischen Industriegesellschaft­en.

Einen Meilenstein seiner Aktivität als „Naturschützer“ stellte der Beitritt zur „Gruppe Ökologie“ im Jahr 1972 dar, die vom bayerischen Naturschützer Hubert Weinzierl – heute Ehrenvorsitzender des Vereines für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern e. V. – als außerparlamentarische Opposition ins Leben gerufen worden war.

Lorenz avancierte dadurch schnell zur Galionsfigur der noch in ihren Kinderschuhen steckenden „Grünen Bewegung“, obgleich das nicht unbedingt in seinem Interesse gewesen war. Dabei lief sein unermüdliches Engagement keineswegs ins Leere, sondern leistete einen wesentlichen Beitrag zum Erhalt natürlicher Lebensräume in Österreich und zur Verabschiedung des Atomsperrgesetzes, das die Nutzung der Kernenergie für die Alpenrepublik ausschloss.

Zwei Erfolge stechen diesbezüglich besonders heraus: die erfolgreiche Volksabstimmung gegen die Inbetriebnahme des Kernkraftwerkes Zwentendorf 1978 und die endgültige Verhinderung des Baus eines Wasserkraftwerkes in der Donau bei Hainburg 1985. Für einen Verzicht auf die Atomkraft­ hatte sich Lorenz fortwährend stark gemacht und artikulierte seine Bedenken bei jeder sich bietenden Gelegenheit öffentlich.

Nicht einmal die Nobelpreisträgertagung in Lindau konnte ihn davon abhalten, sich auf den Marktplatz davonzustehlen, um eine Rede über die Gefahren der Kernenergie zu halten. Er sah die „Lebenschancen des Menschen“ bedroht und stellte in diesem Zusammenhang fest: „Die Ökologie des Menschen verändert sich um ein Vielfaches schneller als die aller anderen Lebewesen. Das Tempo wird ihr vom Fortschritt seiner Technologie vorgeschrieben, der sich ständig und in geometrischer Proportion verschnellert.

Daher kann der Mensch nicht umhin, tiefgreifende Veränderungen und allzuoft­ den totalen Zusammenbruch der Biozönosen zu verursachen, in und von denen er lebt.“ Eine Einsicht, die maßgeblich seine Motivation bestimmte, sich auch noch im hohen Alter von 80 Jahren 1984 für ein Volksbegehren gegen das oben bereits erwähnte Laufwasserkraftwerk in der Donau bei Hainburg auszusprechen und mit seinem prominenten Gesicht dem Anliegen der Naturschützer mehr Gewicht zu verleihen.

Das 1983 von der Österreichischen Donaukraftwerke AG angeschobene Bauvorhaben bedrohte einen der letzten frei fließenden Donauabschnitte mit seinen Auwäldern südlich von Wien. Nachdem die landesweiten Proteste gegen das Kra­ werk keine Wirkung zeigten und die Betreiber im Dezember 1984 mit Rodungen in der Au begannen, besetzten Umweltaktivisten kurzerhand das Gelände. Dem Konrad-Lorenz-Biografen und Zoologen Franz M. Wuketits zufolge rekrutierten sich die Aubesetzer nicht aus Berufsdemonstranten und Chaoten, sondern Biologiestudenten und Angehörigen der Professorenschaft­ der Wiener Universität sowie engagierten jungen und älteren Leuten verschiedener Berufsgruppen – der Widerstand speiste sich also aus der breiten Bevölkerung.

Schlussendlich kam es zur Verständigung zwischen Demonstranten und Politik, wobei Lorenz und der Wiener Zoologe Rupert Riedl eine zentrale Rolle spielten. Ferner verlieh das im März 1985 abgehaltene Konrad-Lorenz-Volksbegehren, das 354.000 Personen unterzeichneten und das statt der Errichtung des Laufwasserkraftwerkes die Ausrufung eines Nationalparks für die Hainburger Au verlangte, den Forderungen der Aktivisten erheblichen Nachdruck.

Aufgrund der energischen Gegenwehr hob der Verwaltungsgerichtshof den Wasserrechtsbescheid am 1. Juli 1986 auf, und rund zehn Jahre später, im Oktober 1996, wurde der Nationalpark Donau-Auen offiziell eröffnet. Ein Sieg des Naturschutzes, an dem Lorenz federführend beteiligt war, den er jedoch leider in seiner ganzen Tragweite nicht mehr miterleben durfte. Um den „ökologisch bewegten“ Konrad Lorenz besser zu verstehen, muss man derweil einen eingehenderen Blick auf zwei seiner Schriften werfen: „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ (1973) und „Der Abbau des Menschlichen“ (1983).

Die wesentlichen Aspekte seines ökologischen Denkens hatte Lorenz in der ersten Schrift, den wirkmächtigen „Acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“, die im Jahr seiner Nobelpreisverleihung veröffentlicht wurde und auf einer Vortragsreihe beruhte,  ausformuliert. Das circa 100 Seiten umfassende Bändchen verkaufte sich in den ersten fünf Jahren nach seiner Erscheinung über 300.000 Male und hallte im öffentlichen Diskurs entsprechend nach. Lorenz prangerte darin acht Entwicklungen an, die zu einer „Dehumanisierung“ des Menschen führen würden, wobei die „Kernwaffen“ als letzte der acht Sünden weniger einen Vorgang darstellen als ein  Ergebnis des im Buch beschrieben „Wettlaufs mit sich selbst“.

Indes indiziert der Begriff Dehumanisierung“, dass Lorenz bei seinen ökologischen Überlegungen den Menschen explizit mitdachte. Er sah im Raubbau der modernen Zivilisationen an der Natur die Gefahr der Selbstentfremdung des Menschen von seinem wesensgemäßen Sein: „Am wenigsten aber merkt sie  die Menschheit, Anm. d. Verf.], wie sehr sie im Verlaufe dieses barbarischen Prozesses an ihrer Seele Schaden nimmt.

Die allgemeine und rasch um sich greifende Entfremdung von der lebenden Natur trägt einen großen Teil der Schuld an der ästhetischen und ethischen Verrohung der Zivilisationsmenschen.“ Von den acht Todsünden, die Lorenz ausführt, haben drei unmittelbare Auswirkungen auf die Ökologie

1. die Überbevölkerung,

2. die Verwüstung des Lebensraumes und

3. der Wettlauf mit sich selbst.

Die Überbevölkerung steht für Lorenz am Anfang aller von ihm angeführten ökologischen Fehlentwicklungen. Er sieht in ihr den Ausdruck des Umstandes, dass es der Mensch vollbracht habe, sich aufgrund seiner Eigenart als Kulturwesen den „mitleidlosen Mächten des Anorganischen“ zu entziehen. Diese verhinderten, dass das organische Leben „als ein Stauwerk seltsamer Art, selbst in den Strom der dissipierenden Weltenergie hineingebaut“, ungebremst negative Entropie respektive Energie verschlinge und letztlich qua Überwucherung in die Katastrophe wachse. Laut Lorenz verkehren sich die Fortschritte in der Technologie sowie den chemischen und medizinischen Wissenschaft­en in ihr Gegenteil.

Denn anstatt „menschliche Leiden zu mindern“, drohen sie „genau das zu tun, was sonst lebenden Systemen fast nie geschieht, nämlich in sich selbst zu ersticken“. Abgesehen von den ökologischen Folgen der Überbevölkerung erkannte er in ihr einen Auslöser vermehrt aggressiven Verhaltens beim Menschen, das in Kombination mit der „Erschöpfung und Versandung zwischenmenschlicher Beziehung“ für die „Erscheinung der Entmenschlichung“ verantwortlich zeichne.

Die zweite Todsünde, die Verwüstung des Lebensraumes, begründet sich nach Lorenz in dem Irrglauben, dass die „die Natur“ ein unerschöpfliches Gut darstelle, über das beliebig verfügt werden könne. Der sich aus dieser Fehlwahrnehmung heraus vollziehende Raubbau störe das empfindliche Gleichgewicht der einzelnen „Biozönosen“ und durchbreche die natürlichen Regulationsvorgänge, die deren Stabilität garantierten.

Mit anderen Worten: Die menschliche Kulturevolution vollzieht sich in rasantem Tempo und erzeugt dadurch abrupte Veränderungen im Ökosystem, die den meisten davon betroffenen Arten keine Zeit zur Anpassung lassen. Der „Faktor Mensch“ verhält sich in diesem Zusammenhang wie eine Naturkatastrophe globalen Ausmaßes, die in ihrer ökologischen Tragweite mit einem Meteoriteneinschlag zu vergleichen ist.

Jedoch ist der Mensch Teil dieses Systems und treibt sich somit selbst an den Rand des Abgrundes: „Indem die zivilisierte Menschheit die lebende Natur, die sie umgibt und erhält, in  linder und vandalischer Weise verwüstet, bedroht sie sich mit ökologischem Ruin. Wenn sie diesen erst einmal ökonomisch zu fühlen bekommt, wird sie ihre Fehler vielleicht erkennen, aber sehr wahrscheinlich wird es dann zu spät sein“, so Lorenz’ entsprechende Einschätzung in den „Acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“. Darüber hinaus identifiziert er in der „Verwüstung des Lebensraumes“ einen Mechanismus, der die seelische Gesundheit des Menschen angreife.

Die dritte Todsünde, „Wettlauf mit sich selbst“, gründet im Ökonomischen, übt aber dennoch einen unmittelbaren Effekt auf das Ökologische aus. In diesem Zusammenhang beklagt Konrad Lorenz das „lawinenartige Anschwellen einer Einzelwirkung“ durch positive Rückkopplung beim Menschen, die wiederum aufgrund eines intraspezifischen Selektionsprozesses erfolge. Wir konkurrieren lediglich mit uns selbst und haben jegliche externen Selektionsfaktoren ausgeschaltet.

Für Lorenz strahlt dieser Umstand höchste Gefahr aus: „Der Wettbewerb des Menschen mit dem Menschen wirkt, wie kein biologischer Faktor es vor ihm je getan hat, ‚der ewig regen, der heilsam schaffenden Gewalt‘ direkt entgegen und zerstört so ziemlich alle Werte, die sie schuf, mit kalter Teufelsfaust, deren Tun  ausschließlich von wertblinden, kommerziellen Erwägungen bestimmt ist.“

Nächste Woche lesen Sie hier den zweiten Teil unserer Reportage über Konrad Lorenz.

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