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Stefan von Kotze, einer der bekanntesten deutschen Reiseschriftsteller seiner Zeit, wird neu aufgelegt und bietet die erstaunliche Erkenntnis, dass früher vielleicht alles besser, aber auf jeden Fall so ähnlich wie heute war.

Die Tourismusbranche ist Corona-bedingt in einer ökonomischen Schieflage. Reisetätigkeiten sind aktuell eher verpönt, gelten gar als rücksichtslos; zu viele Reisende könnten nach ihrer Rückkehr potentielle Virus-Wirte und „Superspreader“ sein. Fernweh muss ein unbestimmtes und ungestilltes Weh bleiben, denn die Welt außerhalb der eigenen vier Wände ist nur unter restriktiven Beschränkungen erfahrbar. Was bleibt, ist die digital-televisionäre Durchmessung unseres Globus im lean-back, lean-forward-Modus oder die literarische Reise durch entlegene Gegenden, fremde Kulturen und Weiten, von denen der Reiseschriftsteller berichtet.

Die Gattung des Reiseberichts ist alt und vielgestaltig, beginnend unter anderen mit den Griechen, Herodot, Homer, literarischer Kartographie, Pausanias, mit Berichten von Entdeckungs-, Eroberungs- und Handelsfahrten im Corpus der altisländischen Sagas bis über die Kavaliersreisen, die Bildungsreisen, die Grand Tour europäischer Adliger und die Berichte der George Sand und der Salonière Sophie de la Roche. Von Mark Twain und Heines „Harzreise“ oder Flauberts „Reise in den Orient“, ja, bis zu den Reiseführern und Reiseblogs unserer Tage, sowie heutigen Reisejournalisten wie dem früheren Devisenhändler und späteren Reporter Michael Bahnerth. Er schrieb kürzlich: „So sitze ich jetzt da, blicke über Schweizer Dächer und Schornsteine und Baumwipfel und träume mich nach Mikronesien und denke, dass keine Existenz leicht, es aber immer noch angenehmer ist, Probleme unter Palmen zu haben als unter Platanen.“

Vielleicht war genau das der Grund, weshalb der junge Stefan v. Kotze nach einer erfolglosen Militärdienstzeit die traditionelle Karriere preußischer Adliger ausschlug und sich als Reiseautor auf den Weg um die Welt machte. Bald gehörte er zu den beliebtesten deutschen Reiseschriftstellern, wobei insbesondere v. Kotzes sarkastischer Humor und sein Gespür für grotesk-komische Situationen bei der Leserschaft gut ankamen. Kurt Tucholsky schrieb über ihn: “Ihm schlug in der Brust das ewig unruhige, nie zufriedene, in Sehnsucht emporverlangende Herz des Deutschen. Und in einer Kammer dieses Herzens: Da wohnt der Humor.” Die damaligen Kolonisationsbemühungen in Afrika und Asien mit den teils bizarren, lachhaften Aufeinandertreffen zwischen sogenannten „Zivilisierten“ und „Wilden“ erregten v. Kotzes besondere Aufmerksamkeit, sehr zur Belustigung der Leser. Die urkomische Spannung zwischen den administrativen Bemühungen preußischer Kolonialbeamter und dem vermeintlichen oder tatsächlichen Chaos der eingeborenen Lebensverhältnisse war ein häufiges Motiv des außergewöhnlichen Literaten. Aber auch die politischen Verhältnisse waren v. Kotze wichtig und zeigen seinen unbestechlichen Blick, der nicht nur auf das Wohl der europäischen Handelsmächte und Kolonisatoren gerichtet war.

In dem jetzt neu aufgelegten Buch „Im europäischen Hinterhaus“ berichtet der Autor von seiner Reise Anfang des 20. Jahrhunderts durch den Balkan und die Türkei und schreibt unglaublich hellsichtig: „Uns Deutschen muss es klar werden, dass nur eine politisch und wirtschaftlich starke Türkei für uns von Nutzen sein kann. Der Mittelpunkt einer solchen völkischen Erstarkung liegt aber weniger im Balkan als in Vorderasien. Und das darf kein zweites Ägypten werden. Im Gegenteil weist uns unsere Politik auf die Aufgabe hin, durch unsere Vertrauensstellung in Anatolien heute und in Mesopotamien später, die Eisenbahn [Bagdad-Bahn] zur Kräftigung des gesunden türkischen Elementes daselbst zu verwenden. Eine Besiedlung der menschenarmen Regionen, […], ist die vornehmste und erste Notwendigkeit. […] Aber – die Siedler müssen Türken sein! Nicht etwa christliche Levantiner irgendwelcher Art, oder Juden – oder gar Deutsche, wie es von verschiedenen, ebenso wohlwollenden wie unverständigen Seiten allen Ernstes vorgeschlagen wurde. Sonst wäre es schnell vorbei mit unserer freundlichen Stellung im Orient. Der Islam will im allgemeinen nichts wissen von einem Zusammenleben mit dem Giaur [eingedeutschte Variante der türkischen Entsprechung (gavur) von Kafir = Ungläubiger, Gottesleugner]. Und wo er muss, da tut er es zähneknirschend und ist jederzeit bereit, der grünen Fahne des Propheten in einen heiligen Krieg oder eine heillose Metzelei zu folgen.“ Soweit Stefan v. Kotze 1907/1908.

Über das Leben des Vielgereisten ist nicht allzu viel bekannt, eine Biografie ist im Verlag „Factum Coloniae“ in Vorbereitung und wird im Lauf des Jahres erscheinen. Informationen zum Autor lassen sich auch bei der „Stefan v. Kotze-Gesellschaft“ einholen, die auf Facebook vertreten ist.

Das Buch „Im europäischen Hinterhaus“ HIER im FREILICH Buchladen bestellen.


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