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Kanak Sprak

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Neue Menschen, neue Sprache: Vom Gastarbeiterdeutsch zu „Kanak Sprak“ tauscht sich die Mehrheit langsam mit aus. „Kiezdeutsch“ zwischen Migranten und Eingeborenen wird ein neuer Sprachstandard, mit dem immer mehr Jugendliche leben. Heute lesen Sie den zweiten Teil der Analyse von Thorsten Seifter (Teil I).

Die Versuche, Ethnolektsprecher über monolingual Deutsche heben wollen, sind absurd. Die abgedroschene Behauptung, Mehrsprachigkeit sei per se vorteilhaft, ist zu hinterfragen. Innerhalb der Linguistik wird von Registern und Domänen gesprochen, um darzustellen, für welche und wie viele Zwecke die jeweilige Sprache eingesetzt wird und werden kann, sprich, wie breit die Kompetenz des Sprechers ist. Sprecher, die neben dem Ethnolekt, den sie in ihren Cliquen verwenden, noch Türkisch (daheim mit den Eltern usw.) und Deutsch (mit Lehrern) sprechen, tun das eben in den genannten Bereichen und mit mitunter wechselndem Erfolg.

Für eine breite Türkisch oder auch Deutschkompetenz (d. h. auch schriftlich) bedarf es dagegen weit mehr. So kommt es auch, dass ebenjene Sprecher bei Urlauben in der Türkei etwas schief angeschaut werden, da sie sich nicht „richtig“ verständlich machen können oder nicht alles dort Gesagte verstehen. Zudem existieren in puncto Ethnolekt noch keine systematischen Studien, die ergründen, ob und in welcher Form Sprecher ihren Ethnolekt über die Jugendjahre hinaus beibehalten und wie gut ausgebaut ihre Möglichkeiten sind, situativ tatsächlich ins Standarddeutsch zu wechseln (ethnolektale Merkmale, die selbst in letzterem Fall die Herkunft verraten, treten dabei ebenfalls auf).

Damit bleibt die von Wiese bemühte „Flexibilität“ eine offene Frage. Es existieren sowohl Hinweise auf eine Manifestation des sprachlich-kulturellen Milieus als auch auf eine Orientierung in Richtung Standardsprache bzw. Majoritätsgesellschaft. In Zukunft wird es vor allem auf die ethnischen und sozialen Verhältnisse ankommen, insofern, als durch eine permissive multikulturelle sprachpolitische Ideologie Minderheitensprachen einerseits und durch den Druck der Demografie andererseits entsprechende Deutschkenntnisse nicht mehr notwendig erscheinen müssen.

Für die Stabilität des Milieus spricht schon allein die Tatsache der  Lohnumgebung, wo wohl nicht nur in den Städten eine Segregation präferiert wird, schließlich zieht es auch „Falter“-Chefredakteure in das ethnisch homogenere Wiener Umland und natürlich  besuchen selbst die Kinder führender Sozialdemokraten Privatschulen.

Prestige, Macht und Assimilation

Ein weiterer sozio-kultureller Aspekt betrifft die innere Kohäsion der migrantisch geprägten Lebenswelten, wo mittels des Ethnolekts prestigeträchtige, sozial-ethnische Identitäten geschaffen werden. In der Soziolinguistik ist diesbezüglich von covert (gedecktem) und overt (offenem) Prestige die Rede.

Der Ethnolekt weist nach außen hin (z. B. im Vergleich zur Standardsprache) ein geringes, offenes Prestige auf, innerhalb der Gemeinschaft jedoch ein hohes, gedecktes, weshalb er als „Reflex einer Ghettoidentität“ gefasst werden kann. Der Ethnolekt fungiert für einige Forscher und Fälle aber auch „für die Abgrenzung gegenüber den türkischsprachigen Eltern und Familien einerseits und gegenüber der Deutsch sprechenden Mehrheitsgesellschaft andererseits“ und sei deshalb als etwas Hybrides im Zwischenraum“ zu betrachten.

Wobei auf der anderen Seite die Abgrenzungsmechanismen durchaus zulasten einer weitgehend liberalisierten weißen/deutschen etc. Mehrheitskultur gehen können, die als uncool/angespannt, unmännlich usw. gilt, weswegen durchaus nicht nur in der Selbstzuschreibung von Getto im Sinne eines sich abschottenden Milieus die Rede sein kann – Leitgedanken des von Vielfalt und Diversität beseelten gegenwärtigen Forschungsbetriebes hin oder her.

Es wird dort zwar von „gesellschaftliche[n] Problemfelder[n]“ gesprochen, eine „massive soziale Segregation“ sei aber „trotz aller Diskussionen um ‚Parallelgesellschaften‘ nicht gegeben“. Demgegenüber werden „Stigmatisierung und Marginalisierung“ treu kritisiert, damit am Ende „die Vision einer offenen Gesellschaft mit Leben“ gefüllt werden könne. Äußerungen von Ethnolektsprechern, die mitunter sogenannte(n) Homophobie, Sexismus, Gewalt usw. widerspiegeln, scheinen das Bild nicht zu trüben, erfahren sie doch in den Forschungsarbeiten keine kritische Reflexion (Käme diese eher dann zum Tragen, wenn derartige Aussagen von rechten Gewährsleuten getätigt würden?).

Zur Frage der Anpassung ist noch Diana Marossek anzuführen, die sich für ihre Dissertation als Unterrichtspraktikantin ausgab und sich in mehr als 70 Schulklassen in Berlin setzte, um den Ethnolekt möglichst unverfälscht zu erforschen. Sie ist zu interessanten Erkenntnissen gelangt: „Ich habe beobachtet, dass deutsche Schüler, aber selbst einige Lehrer, in Alltagssituationen die Artikel und Präpositionen weglassen, also etwa: ‚Ich habe Schere in Schublade gelegt‘. Außerdem werden viele türkische und arabische Ausdrücke gelernt.

Deutsche Kinder in Klassen mit hohem Migrantenanteil lernen selbst regelrecht Türkisch, um sich verständigen zu können.“ Sie betrachtet diese Vorgänge nüchtern, doch muss ihren Interpretationen am Ende widersprochen werden: „Das kommt daher, dass man sich anpasst. Wenn man mit 29 türkischstämmigen Kindern in der Klasse ist, dann ist das unvermeidlich. Ich würde aber nicht sagen, dass damit irgendein Machtgefüge zum Ausdruck kommt. Es handelt sich um normale linguistische Interferenzen“.

Diese Zustände stehen sehr wohl mit Macht als auch mit Mehrheits- und Prestigeverhältnissen in Zusammenhang. Die einen Deutschen können sich  der normativen Kraft des Ethnischen nicht entziehen und müssen sich assimilieren, die anderen, die in den Ethnolekt und die dazugehörige Subkultur abtauchen wollen, passen sich eben aus freien Stücken an diese Gruppen an, um Teil davon sein zu können.

Insgesamt ist es also kaum gewagt, zu konstatieren, dass die mehrfach betonte integrative Kraft und Offenheit des Ethnolekts und damit der Subkultur eher den sattsam bekannten Bildern deutscher Bahnhöfe des Jahres 2015 mit ihren bunten Luftballons und infantilen Spruchbändern entspringen als einer beobachteten Realität.

Marosseks Resultate sind in gleichem Maße für die Ausbreitung, die De-Ethnisierung des Ethnolekts von Interesse, da diese unter Lehrern ebenfalls voranschreiten dürfte. Ein gutes weiteres Beispiel für die De-Ethnisierung des Ethnolekts und der Subkultur im Gesamten bildet die Hamburger Rap-Gruppe „187 Strassenbande“, weil sie  war wesentlich aus deutschen Rappern besteht und von einem Deutschen produziert wird, sich jedoch in Auftreten und Sprache nicht von den migrantischen Rappern des Genres unterscheidet.

Im Lied „Mit den Jungz“ heißt es zum Beispiel: „bin auf Party nich allein“, oder in „Allstars 2014“: „du denkst, du hast Plan“, wo in beiden Fällen der Artikel getilgt wird und im ersteren der Wechsel von „ch“ zu „sch“ bereits naheliegt ist. Hier hat ein beträchtlicher Transfer der gesamten Subkultur stattgefunden, und die 33 Millionen Aufrufe des ersteren Videos auf YouTube legen durchaus nahe, dass die Wirkung auch auf die deutsche Jugend beträchtlich sein dürfte. Ähnliches ist in der von schwarzen US-Amerikanern geprägten Rap-Szene und ihren weißen Aspiranten in den USA beschrieben.

Staat stärken, Globalisierung bekämpfen

Das Dilemma besteht darin, dass ausgehend von den Universitäten, der Wirtschaft, dem Kunst- und Medienbetrieb sowie der Politik die autochthone Kultur dekonstruiert wurde (Schnitzelpatriotismus als Widerstandspos(s)e ist indessen  unzureichend).

Der vom Neoliberalismus erfasste Staat zieht sich sukzessive aus seiner eigentlichen Verantwortung zurück, und das verbliebene Potenzial seiner Jugendagenda ist politisch verblendet. Es bräuchte dringend niederschwellige antiglobalistische, antikonsumistische, natur- und gemeinschaftsverbundene Ideen und Einrichtungen für autochthone Kinder und Jugendliche. Dieser Mangel an Angeboten steht wiederum in Verbindung mit der erfolgten und anhaltenden  Zuwanderung, die – wie dargestellt – den Ethnolekt in migrantisch geprägten Vierteln hervorgebracht hat.

 Niemand muss den Ethnolekt und noch weniger dessen Übergreifen auf Einheimische schön oder lobenswert finden, doch träfe die Kritik am Ethnolekt selbst oder an den Sprechern zu kurz. Immerhin sind alle Beteiligten in Wahrheit Verlierer, da sie entwurzelt und identitär zerrüttet sind. Die politische Rechte muss an die Wurzel gehen und die Ursachen bekämpfen, die am enthemmten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Liberalismus festzumachen sind.

In diesem Sinne können auch die korrespondierenden Themen Zuwanderung und Sprachwandel aus ihrem elenden Dasein befreit werden. Denn die zu einem Topos verkommene Behauptung, dass beides stets schon gegeben gewesen sei, greift zu kurz. Natürlich gab es immer Wanderungsbewegungen, und auch die Sprache wandelt sich unter anderem aufgrund von Sprachkontakt, doch haben in den letzten Jahrzehnten die Globalisierung sowie der anglophone US-Kulturimperialismus zu einer rasanteren Veränderung der Sprache geführt, als es ohne Fremdspracheneinfluss der Fall gewesen wäre. Der dauernden Beschleunigung der Prozesse werden beschwörende Termini und historisch halbwahre Bezüge beigegeben, die die gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Verhältnisse naturalisieren und damit legitimieren.

Warum sollte die Globalisierung nicht aufgehalten werden können? Wenn mehr Entschlossenheit und Idealismus an den Tag gelegt würden, wären die ethnischen, sozialen und sprachlichen Zustände sehr wohl stärker steuerbar. Sich aber den herrschenden Verhältnissen bereitwillig hinzugeben oder auf sanfte, allzu verträgliche Kurskorrekturen zu setzen, kann und darf eine zukunftsorientierte, tatkräftige Politik niemals akzeptieren.



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Neue Menschen, neue Sprache: Vom Gastarbeiterdeutsch zu „Kanak Sprak“ tauscht sich die Mehrheit langsam mit aus. „Kiezdeutsch“ zwischen Migranten und Eingeborenen wird ein neuer Sprachstandard, mit dem immer mehr Jugendliche leben. Ein Text von Thorsten Seifter.

Sprache lebt und verändert sich. Sprachmischungsprozesse sind historisch zahlreich belegt, z. B. in den Pidgin- und Kreolsprachen, die von der Kolonialzeit herrühren und eine vereinfachte Sprache für bestimmte Zwecke zwischen dominanter (europäischer) und dominierter (indigener) Kultur darstellen.

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Eine Sonderform des Pidgin ist das Gastarbeiterdeutsch, das unter anderem durch den Ausfall von Artikeln, Präpositionen oder Pronomina, den Ausfall bzw. die Vereinfachung der Verbflexion (Numerus, Tempus, Modus, Person), die übermäßige Verwendung des Infinitivs oder die Negationspartikel „nix“ vor dem Verb gekennzeichnet ist.

Die Spezifika des Gastarbeiterdeutsch bilden wiederum den Ausgangspunkt für die nachkommende dritte und vierte Generation von Einwanderern – häufig bereits Staatsbürger –, bei denen sich seit Beginn der 1990er-Jahre eine „neue ethnolektale Varietät entwickelt“ hat, die aufgrund der ethnischen und folglich sprachlichen Verhältnisse auch „Türkendeutsch“ genannt wird. Eine aktuelle Fortentwicklung in Richtung arabischer Elemente ist hierbei nicht unwahrscheinlich.

Wiewohl die heimischen Fertilitätsraten in den Jahren der jugoslawischen oder türkischen Gastarbeiteranwerbung noch ausreichend waren, wurde aus Kurzsichtigkeit und dem Interesse der Wirtschaft folgend eine massive ethnische Veränderung in Gang gesetzt, die bis zum heutigen Tag andauert und sich auch im Ethnolekt niederschlägt: „Ausgangspunkt für Mischungs- und Kreuzungsprozesse im urbanen Milieu sind Migrationsverfahren und demographische Veränderungen, die die Etablierung von neuen kommunikativen Sozialstilen herbeigeführt haben“, schreibt die Linguistin Anna Daskiewicz. Die Frage des Ethnolekts in Deutschland – für Österreich liegen keine Studien vor – bzw. in ganz Westeuropa ist dementsprechend im Grunde eine hochpolitische und sollte auch so verstanden und behandelt werden.

Der aus der Soziolinguistik stammende Begriff des „Ethnolekts“ bezeichnet, grob und vereinfacht gesprochen, eine ethnisch gefärbte Sprache. Es existieren allein für den deutschen Fall etliche Synonyme, wie das erwähnte „Türkendeutsch“, „Gettoslang“, „Kiezdeutsch“ etc. Er wird hauptsächlich von migrantischen Jugendlichen in den Städten gesprochen. Der Sprachwissenschaftler Peter Auer hat hierzu ein Modell vorgeschlagen, mit dem der Ethnolekt umfänglich beschrieben werden kann. Er spricht von primären, sekundären (=medial vermittelt/aufgebrachten) und tertiären (= crossing) ethnolektalen Merkmalen sowie der De-Ethnisierung. Primäre Merkmale sind dabei genuin in den Sprechergemeinschaften entstanden, siehe Beispiele unten.

Sekundäre Merkmale bestehen aus ethnolektalen Generalisierungen, Stilisierungen, Versatzstücken oder auch Erfindungen durch Berichte (z. B. über die Sprache in der Rütli-Schule, Sendungen über „Krass sprechen“), Film („Erkan & Stefan“), Kabarett (Kaya Yanar) oder Musik (Grup Tekkan), d. h. es wird etwas originär Ethnolektales aufgegriffen, weiterverarbeitet oder neu erschaffen, was durch die mediale Verbreitung und Wirkung in der Folge selbst als Ethnolekt gilt.

Tertiäre Merkmale sind durch ihre  Restriktion gekennzeichnet, da sie lediglich als starre Muster Verwendung finden, z. B. bei deutschen Jugendlichen, die sich innerhalb ihrer Gruppe über Türken lustig machen. Mit der De-Ethnisierung ist gemeint, dass der Ethnolekt seine Aufladung mit „Ausländersein“ verliert und sich zu einer neutralen Jugendsprache entwickelt, was wiederum dazu führt, dass er von monolingual deutschen Jugendlichen ebenfalls stärker gebraucht wird.

Hier sind einige Sprachbeispiele aufgeführt, die den (weitgehend) primären Ethnolekt auszeichnen:

• „ch“ zu „sch“: mussisch, hatisch, manschmal.

• „r“ wird am Wortanfang gerollt und außerdem am Wortende betont: mach weiter.

• „tz“ und „z“ werden zu „s“: „Zange“ zu Sange.

• Wegfall von Präposition und Artikel in Lokal- und Richtungsangaben: sie is Schule, isch muss Toilette, wir gehn Schwimmbad.

• Generalisierung des Verbs „machen“: isch mach disch Krankenhaus („Ich schlag dich krankenhausreif “), isch mach Wasserfarben („Ich male mit Wasserfarben“)

• Verwendung von Formeln wie „Isch schwör“

• Verwendung türkischer Formen zur Anrede oder als Diskursmarker (lan, moruk / „Mann“, „Alter“) bzw. zur Beschimpfung (siktir lan / „Verpiss dich, Mann“)

• gelegentlich z. B. auch andere Wortstellung: Hauptsache lieb isch ihn; andere Genera: rischtiges Tee, meine Fuß.

Dubiose Glorifizierung und Autochthonisierung

Für Sprachpuristen oder Edelfedern sind die Beispiele wohl schwere Kost, es gibt aber auch  Germanistikprofessoren wie Heike Wiese, die sich dem Ethnolekt verschrieben haben – „Kiezdeutsch“ in Wieses Worten. Damit hat sie ungewollt die erste semantische Leistung vollbracht, da „Kiez“ eigentlich nur ein Viertel in Berlin oder Hamburg bezeichnet, nunmehr aber in der Öffentlichkeit mit Fremdheit verknüpft wird.

Für sie persönlich allerdings handelt es sich keinesfalls um eine „Ausländersprache“, sondern gar um einen Dialekt wie Bairisch oder Sächsisch. Kiezdeutsch sei ferner „nicht der Sprachgebrauch einer isolierten, sich abschottenden Gruppe einer bestimmten Herkunft, sondern bezieht alle Jugendlichen in multiethnischen Wohngebieten ein. Es ist ein Beispiel für eine besonders gelungene sprachliche Integration: ein neuer, integrativer Dialekt, der sich im gemeinsamen Alltag ein und mehrsprachiger Jugendlicher, deutscher ebenso wie anderer Herkunft, entwickelt hat“.

Kiezdeutsch sei generell „etwas Besonderes – auch im Vergleich zu anderen sozialen Dialekten und Jugendsprachen. Es ist flexibler und offener“. Der „Tagesspiegel“ springt ihr ideologieschwanger bei: „In finanzschwachen und sogenannten bildungsfernen Milieus zeigt das Wechseln zwischen zwei oder sogar mehreren Sprachen, dass die Person dementsprechend multilingual unterwegs ist. Die monolinguale Mehrheit in Deutschland kann da nur schwer mithalten.“

Nicht nur das, „Kiezdeutsch eröffnet aber auch ein neues Fenster zu internationalen Märkten. Da steckt Potenzial, das man nutzen könnte ganz im Sinne von Management und Vermarktung.“ Worin das „Potenzial“ konkret bestehen soll, bleibt verborgen.

Mit einem solchen Enthusiasmus und Rückenwind ausgestattet wird Wiese nicht nur von Zeitung zu Zeitung gereicht, sondern auch von Lehrern begeistert empfangen, um Schüler mit den Vorzügen des „Turbodialekts“ vertraut zu machen. Als Ziel „einer solchen Auseinandersetzung“, so Wiese und ihre Kollegin, „sollten Schüler/innen [sic] auch erkennen, dass ‚die deutsche Sprache‘ nicht als homogenes, monolithisches und unveränderliches Ganzes existiert, sondern aus zahlreichen Varietäten und Sprechweisen  besteht, zu denen auch neue Dialekte und Jugendsprachen wie Kiezdeutsch gehören“.

Gelernt wird das in Arbeitsaufträgen wie: „Untersuche den Gebrauch von ‚ischwör‘ und anderen Gesprächspartikeln“. In das gleiche Horn stößt die Professorin für Deutsch als Fremdsprache İnci Dirim, die eine „Anerkennungspädagogik“ fordert; immerhin seien „[m]igrantenspezifische Sprachregeln auch ein Zeichen für Integration“. Also Äußerungen wie „Gemma Billa“ oder „Mussisch mein Schwester fragen“? Ein herausforderndes Verständnis von Integration und Sprache.

Ein sich ernst nehmender und verantwortungsbewusster Staat würde derartige postfaktische „Verbuntungsversuche“ von Diversitätsgermanisten unterbinden, die ex cathedra ihre sprachpolitische, der aggressiven und rassistischen Ideologie der Diversität entsprechende Agenda zur Schau stellen. Einstweilen reicht es bloß zur fachinternen Kritik. Der emeritierte  Linguistikprofessor Helmut Glück schreibt: „Unumstritten war bisher, dass die Kinder in der Schule Hochdeutsch zu lernen haben.

Wiese hingegen möchte ‚Kiezdeutsch‘ in den Deutschunterricht holen. Für Jugendliche, die ‚Kiezdeutsch‘ sprechen, ist Unterricht im Hochdeutschen notwendiger, wenn man ihnen Chancen auf eine Lehrstelle und ein selbständiges Berufsleben eröffnen will.“ Doch erkennt auch er, was die tatsächliche Intention ist: „Es geht ihr um Krawall.

Sie möchte ‚Kiezdeutsch‘ sozial aufwerten, aus der Schmuddelecke holen.“ Ihr Vorgehen „mag im Kiez und im Privatfernsehen funktionieren. In der Wissenschaft funktioniert es nicht. […] Sie ist offen parteilich. Schon deshalb sind ihre Erkenntnisse über ‚Kiezdeutsch‘ wissenschaftlich wertlos“.

Mit seinen harschen Schlussworten hat Glück den Nerv getroffen. Zunächst ist ein Dialekt nämlich nun einmal eine historisch gewachsene, einheimische und regional begrenzte Sprachform, die mit Ländlichkeit verknüpft ist, und keine migrantisch-jugendsprachliche Art zu sprechen, die mit der autochthonen Sprache im städtischen Kontext in Kontakt gerät (die Ethnolektsprecher klingen auch nicht wie Dialektsprecher).

Für derartige Sprachkontaktphänomene des Deutschen gibt es historische Vorläufer wie Küchenlatein, Apothekergriechisch, Rotwelsch, Kucheldeutsch usw., auch wenn Wiese und Kollegen das nicht wahrhaben wollen. Dort wie da wurden lediglich gewisse sprachliche Domänen bespielt, niemand erklärte das zu angestammten Dialekten oder Sprachen; der Ethnolekt ist im gesamtdeutschen Zusammenhang insoweit als randständig zu bezeichnen.

Nächste Woche geht es HIER weiter mit Teil II unserer Reportage.

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