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Gerald Grosz watscht sie alle ab – von unseren Grünen bis hin zur Brüsseler Nomenklatura.

Sicher kennen die meisten von uns die vergnüglich-bissigen Diskussionsrunden bei OE24.tv, in denen der Grazer Unternehmer, ehemalige BZÖ-Bundesobmann und politische Kommentator Gerald Grosz seinen Gegenspielern Rudolf Fußi und Sebastian Bohrn Mena Kontra gibt. Nicht weniger angriffslustig geht Grosz in seinen kurzen Online-Wortmeldungen zum Zeitgeschehen sowie seinen Beiträgen zu diversen eher konservativen Zeitungen des deutschsprachigen Raumes vor.

Eine Blütenlese seiner schonungslosen und oft hemdsärmligen Zurechtweisungen der letzten drei Jahre an die Lenker unserer österreichischen und europäischen Fahrt vor die Wand hat Grosz nun im Grazer Ares Verlag veröffentlicht, ergänzt um eine Handvoll exklusiver grundsätzlicher Abhandlungen zu den großen Narrativen dieser Zeit. Grosz-Fans und Freunde des offenen Wortes werden es lieben – der Rest kann sich warm anziehen. Denn es gilt: Wer sich getroffen fühlt, ist gemeint!

Ist es dem Bürger zu verdenken, wenn ihm manchmal danach ist, dass endlich jemand die hohlen Phrasen und Nichtigkeiten in Politik und Medien beiseiteschiebt – endlich einmal Klartext redet und die Dinge beim Namen nennt? So einer ist der Ex-Nationalratsabgeordnete Gerald Grosz.

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Die Freiheitlichen diskutieren die Frage der politischen Distanzierungen. Gemeint ist damit meist der öffentliche Abstand zu den Identitären. FREILICH hat dazu mit Martin Sellner gesprochen und wollte wissen, ob diese Diskussion nicht zu spät kommt, wer das Distanzierungsspiel anfeuert und von wem er selbst sich abgrenzen würde.

FREILICH: Martin Sellner, FPÖ-Generalsekretär Michael Schnedlitz hat dieser Tage erklärt, dass man sich nicht auf Zuruf distanzieren wolle. Was löst das in Ihnen aus? Kommt diese Debatte so nicht Jahre zu spät?

Martin Sellner: Ich bin sehr froh, dass wir, knapp zwei Jahre nach dem inszenierten „Ibiza“-Skandal, wieder zu einer politischen Normalität zurückkehren können. Schnedlitz ist ein mutiger Mann, der mir jeden Tag positiver auffällt. Was den Zeitpunkt betrifft: Ich sage immer „besser spät als nie“. Leider muss ich auch klar sagen, dass wir diese Worte vor allem 2018 und 2019 gebraucht hätten, als antipatriotische Kräfte zur Zerschlagung der Identitären Bewegung (IB) ausholten. Das dröhnende Schweigen und dann die verkrampften Distanzierungen während dieser haarsträubenden Repressionswelle gegen Patrioten ist wahrlich kein Ruhmesblatt für die Parteigeschichte. Denn vielen FPÖ-Politikern ist es vielleicht nicht bewusst, doch ihre Solidarität schützt das Vorfeld. Hätte sich die Partei klar gegen die „Depersonalisierung“ und Zerschlagung der IB gestellt, dann hätte man vieles, was man gemacht hat, so vielleicht nicht gewagt.

FREILICH: Spannend bleibt, dass der alte Obmann der Freiheitlichen die Identitären ja als Teil einer „rechten Zivilgesellschaft“ gesehen hat, sich dann aber als Vizekanzler – wohl auf Zuspruch von Sebastian Kurz himself – distanziert hat. Und das, als der Druck auf die Identitären immer härter geworden ist. Wäre das nötig gewesen? Was wäre damals notwendig gewesen? Und was wäre gegangen … 

Martin Sellner: Ich bin kein politischer Utopist. Ich verstehe den Druck der Parteipolitik. Von einem einzelnen Wort hängt das Schicksal vieler anderer Menschen ab. Da kann man oft nicht so, wie man selbst will und muss sich den Umständen beugen.

„Verbale Tiefschläge waren verfehlt und unnötig.“

Jedoch die Verve der verbalen Tiefschläge von „Idiot“ bis „Sekte“, die von Strache und Hofer geliefert wurden, waren völlig verfehlt und unnötig. Damit hat man zu Recht auch die eigene Basis verärgert. Es ist leicht, sich nicht zu distanzieren und Aktivismus zu loben, solange kein Distanzierungsdruck besteht. Genau im Moment der verlogenen Kriminalisierung der IB schlug aber die Stunde der Wahrheit. Hier wurde leider falsch reagiert.

Lesen Sie dazu die FREILICH Studie “Die gelben Flecken der ÖVP”

FREILICH: Die Versuche des Rechtsstaates, die Identitären in Österreich zu kriminalisieren, haben mit Freispruch geendet. Die Repression hat damit aber nicht aufgehört. Nach dem Anschlag 2019 in Neuseeland – der Täter hatte im Jahr davor an Sie gespendet, sonst aber keinen Bezug – sind Sie zu einer persona non grata stilisiert worden. Warum dieser insgesamt massive Backslash gegen die Identitären? Hat sich da der Rechtsstaat gewehrt.

Martin Sellner: Was sich gewehrt hat, würde ich eher als „linker tiefer Staat“ bezeichnen, denn das Recht haben unsere Gegner nicht auf ihrer Seite. Bis jetzt war jede einzelne Zwangsmaßnahme, von Überwachung bis Razzien, sowie jedes Verfahren gegen die IB in meinen Augen nackte Schikane. In den meisten Fällen wurden diese Razzien sogar vom nächsthöheren Gericht wieder aufgehoben. Riesige und sündteure Verfahren endeten bisher immer mit glatten Freisprüchen. Dennoch ermitteln die Behörden munter weiter und suchen auch jetzt noch in jeder Aussage von mir einen Grund zur Repression. Das Ziel dieses juristischen Abnutzungskrieges ist klar: Man will uns psychisch und finanziell zermürben und unseren Ruf zerstören. Das Erste wird man nicht schaffen. Das Zweite kann nur dann abgewehrt werden, wenn der Irrweg der Distanzierung im patriotischen Lager beendet wird.

FREILICH: Die, die Distanzierung definieren, kommen meisten von ganz links, manchmal auch aus der schwarz-türkisen Ecke. Wie relevant ist die Meinung des politischen Gegners in diesem Spiel?

Martin Sellner: Der Begriff „Spiel“ ist perfekt, handelt es sich bei den Distanzierungsritualen doch um Vorgänge mit einem strengen inneren Regelwerk, die gleichzeitig völlig lebensfremd und abgehoben sind. Der politische Gegner definiert – über seine Kontrolle der Universitäten samt angehängter „Experten“ –, was als „extrem“ zu gelten hat. Gleichzeitig dämonisiert die Presse Patrioten als „Extremisten“.

„Distanzierer machen sich zum Mitspieler und stärken den Gegner.“

Distanzierer in der Partei hoffen, dass man sie in Ruhe lässt, wenn sie sich von diesen angeblichen „Extremisten“ abgrenzen. In Wirklichkeit machen sie sich so zu Mitspielern im Spiel und stärken die Definitionsmacht des Gegners. Dieser fokussiert sich heute auf uns, morgen schwenkt er das Kanonenrohr aber in Richtung der Partei.

„Unser Büro ist die Straße und unsere Aufgabe ist die Aktion.“ Martin Sellner bei einer Kundgebung.

FREILICH: Identitäre dürfen keine FPÖ-Funktionäre sein, meint ein FP-Beschluss. Aber wollten sie das jemals?

Martin Sellner: Nein. Wir haben immer klargestellt, dass wir weder eine eigene Partei gründen noch die FPÖ „unterwandern“ wollen. Wir überlassen Parteipolitik den Parteipolitikern. Unser Büro ist die Straße und unsere Aufgabe ist die Aktion. Unser Ziel ist es, den Millionen Patrioten in Österreich mehr Handlungsangebote zu geben, als alle fünf Jahre einen Zettel in einen Kasten zu werfen. Wir wollen die patriotische Zivilgesellschaft aufwecken, Alt und Jung organisieren, vereinen und auf die Straße bringen. Eine kluge Partei erkennt darin keine Gefahr oder Konkurrenz, sondern eine notwendige Aufgabe, ohne deren Erfüllung die parlamentarische Arbeit langfristig keinen Erfolg haben kann.

FREILICH: Betreiben wir mal Politgeographie: In Österreich spricht man da von Lagern. Die FPÖ gehört zum Dritten Lager. Gehören die Identitären da nicht auch dazu? Was vereint, was trennt?

Martin Sellner: Wir gehören insofern zum Dritten Lager, als wir uns nicht zwischen dem „linken“, sozialistischen Multikulti-Kurs der SPÖ  und dem „rechten“, wirtschaftsliberalen Multikulti-Kurs der ÖVP entscheiden wollen. Wir stehen für das Volk, als große vereinende Kraft über alle Klassen- und Konfessionsgrenzen hinweg. Anders als bei der FPÖ ist unser Ziel jedoch nicht parlamentarische Macht über Wahlkämpfe und Mandatsgewinne. Wir sind der Ansicht, dass im heutigen System kulturelle und mediale Macht entscheidend sind. Der Erhalt der Heimat und der Sieg des patriotischen Dritten Lagers entscheidet sich, nach dieser Ansicht, nicht in einem Wahlkampf und nicht im Parlament, sondern kann nur ein metapolitischer Erfolg der Gegenkultur, also wenn man so will, ein Sieg „auf der Straße“ sein. Anders als viele Parteipolitiker sehe ich jedoch nicht nur die parlamentarische Arbeit als notwendiges und wichtiges Betätigungsfeld, sondern bin gleichzeitig allen Aktivisten dankbar, die aus Idealismus Reputation, Zeit und Energie opfern. Ich plädiere also für eine Koexistenz und kein „Entweder-oder“.

FREILICH: Ohne Distanzierungspathos, aber aus politischem Denken: Von wem soll man sich fern halten?

Martin Sellner: Von jeder Person und jeder Gruppe, welche die eigenen Inhalte nicht teilt. Diese sind in meinen Augen ein bedingungsloses „Ja“ zum Erhalt von Volk, Kultur und Heimat, eine radikal andere Bevölkerungs- und Identitätspolitik, also eine Politik der Solidarität, Leitkultur, Grenzsicherung und Remigration. Dazu ein identitäres und neurechtes Bekenntnis zur Freiheit, Völkervielfalt und eine klare Abgrenzung zu Gewalt, Totalitarismus und genozidalen Ideologien.

„Es bringt nichts, inhaltsleer auf die ‘öffentliche Meinung‘ zu schielen.“

Wer diesen Konsens teilt, ist nicht mein Gegner, selbst wenn er einmal verbal danebengreift oder einen Fehler macht. Wer eine andere Idee vertritt, von dem grenze ich mich sachlich, unaufgeregt und begründet ab. Aber eben aus eigenem Entschluss und vor allem nur dann, wenn ich das will und für nötig erachte. Ein in einem klaren weltanschaulichen Standpunkt verwurzelter Patriot wird sich selbstverständlich gelegentlich – unaufgeregt und sachlich – abgrenzen, um Grenzen zu markieren. Doch das inhaltsleere Blatt im Wind, das nervös auf die „öffentliche Meinung“ schielt, sich täglich neu der – immer schlimmer werdenden – Lage anpasst und durch jeden Reifen springt, muss aus dem Dritten Lager verschwinden. Solche Leute sind charakterlich und mental nicht in der Lage, den Stürmen zu trotzen, die einem heute als Rechter entgegenschlagen. Als schwächstes Glied in der Kette werden sie leider zu Instrumenten unseres Gegners.

Martin Sellner, Jahrgang 1989, ist politischer Aktivist, Mitbegründer der Identitären Bewegung Österreich (IBÖ) und Autor. Er veröffentlicht seine Meinung auf einem Telegram Kanal.

Ethnopluralismus ist ein Schlüsselbegriff. Man führt ihn rasch an. Bloß: Was ist das eigentlich? Die Gegner sagen: ein versteckter Rassismus. Martin Lichtmesz ist der erste, der diesen Begriff, sein Potential und seinen Mißbrauch umfassend darzustellen vermag. Er hat sich über Jahre mit der Vielgestaltigkeit der Völker, mit Abgrenzung und Austausch, mit Dekonstruktion und Verallgemeinerung beschäftigt und verteidigt nun eines unserer zentralen Konzepte auf seine unnachahmliche Art. Ein eminent wichtiges Buch!

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Die Distanz-Debatte

– FREILICH-Interview mit FP-Generalsekretär Michael Schnedlitz: Die Distanziererei ist definitiv vorbei

Kommentar von Hans-Jörg Jenewein: Kein Distanzieren mehr: Zurück zur Normalität


Die aktuelle Ausgabe 10 des FREILICH Magazins beschäftigt sich unter dem Titel „Unpopulär rechts“ mit den Problemen des Rechtspopulismus in Europa und Österreich. Die Heftvorschau finden Sie HIER.

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Der große französische Romancier Jean Raspail berichtet von den Letzten.

Schwarz und unheimlich liegt sie auf dem Schreibtisch Jean Raspails: die Axt aus der Steppe, verwunschenes Artefakt aus mythischer Vergangenheit, in der Familie von Vater an Sohn in fast unendlicher Ahnenfolge weitergereicht. Die Axt treibt den Autor in die Ferne. So stark ist ihr Ruf, dass Raspail sie gar im Safe eines Pariser Bankhauses verbergen muss, will er nicht augenblicklich Haus und Heim verlassen und sich auf die Suche nach untergegangenen Völkern begeben.

Den 1973 mit seiner prophetischen Dystopie „Das Heerlager der Heiligen“ bekannt gewordenen Autor treibt seit jeher ehrliche Anteilnahme am Schicksal der Letzten einer langen Reihe um. Raspail hält es nicht lange in der Studierstube; er muss mit eigenen Augen sehen, am eigenen Leib erfahren, solange es noch etwas zu sehen und zu erfahren gibt.

Die Axt aus der Steppe schickt ihren Besitzer von Kontinent zu Kontinent, immer auf den Spuren der Letzten ihrer Art. Von den Kariben-Indianern auf verlorenen Inseln der Antillen geht die Reise  bis zu den Alakaluf, Seenomaden im hintersten Feuerland. Den untergehenden Völkern gilt die ganze Liebe des Autors. Mit ihnen teilt er Tisch und manchmal auch Bett. Dabei ist Raspail nie überheblich oder belehrend, sieht sich nicht als neunmalkluger Europäer, der anderen die Welt erklären muss. Er weiß ebenso gut wie die Betroffenen, dass sie dem Untergang geweiht sind – warum also großes Aufsehen darum machen? Wenn schon untergehen, dann mit Stil. Hier sind der konservative französische Autor und die stolzen Ureinwohner vom Ende der Welt durchaus einer Meinung.

Keineswegs geht es dabei nur um exotische Völkerschaften in extremer Peripherie. Wer hätte gedacht, dass ein Haufen versprengter französischer Soldaten, auf deutscher Seite kämpfend, im Kriegswinter 1942 tief in den russischen Wäldern auf Nachfahren ihrer eigenen Landsleute traf, die mit Napoleons Grande Armée 130 Jahre zuvor den gleichen Kreuzweg gegangen waren? Oder dass mitten in Frankreich noch Nachfahren von Attilas Hunnen leben – Überbleibsel der sagenumwobenen Schlacht auf den Katalaunischen Feldern? Man kann hier nicht jeden von Raspail besuchten Ort aufzuzählen. Der Leser ist herzlich eingeladen, dem Autor durch Raum und Zeit zu folgen – er wird es mit Gewinn tun.

Dem Karolinger Verlag gebührt großes Lob, das bereits 1974 erschienene Werk endlich auch einem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht zu haben. Von Konrad Weiß kundig übersetzt, mit Fußnoten, Landkarten und einem Vorwort von Jean Raspail höchstselbst versehen, ist die Lektüre der „Axt aus der Steppe“ ohne Übertreibung wärmstens zu empfehlen.

Jean Raspail: Die Axt aus der Steppe. Reisen auf verwehten Spuren. Karolinger Verlag, Wien 2019, 280 Seiten, € 24,–

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Jean Raspail ist am 13. Juni 2020 gestorben. HIER lesen Sie den Nachruf im FREILICH Blog.


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Gestern, am 13. Juni 2020, ist der Schriftsteller Jean Raspail verstorben. „Selbst die Rechte hat ein Herz“, attestierte ihm die links- liberale Tageszeitung „Libération“. Sein Verleger und Übersetzer Konrad Weiß vom Karolinger Verlag hat ihn erstmals 2016 in Paris besucht. Er erinnert sich.

Ist man bei Jean Raspail geladen, dem Romancier, Abenteurer, royalistischen Grandseigneur, Barden untergegangener Völker und verlorener Sachen sowie Generalkonsul eines imaginären Königreichs, dann gibt es eigentlich nur ein angemessenes Fortbewegungsmittel, um zu diesem letzten ausführlichen Gespräch zu erscheinen, das der reaktionäre Einzelgänger der Öffentlichkeit zu geben gedenkt: zu Pferde. Wir aber sind zu Fuß.

Raspail, Jahrgang 1925, aber kerzengerade, in angedeutet austriakischer Gewandung, übernimmt die Zügel, fördert aus seinen mit Memorabilien geschmückten Regalreihen Marion Gräfin Dönhoffs „Namen, die keiner mehr nennt“ zutage und zitiert: „Meine Vorfahren sind zu Pferd gekommen, wir gehen zu Pferd“, und sagt: „Es rührt zu Tränen! Wenn man das liest, kann man für einen Moment ‚den Rest‘ vergessen, und der wiegt wahrlich schwer, und sich verneigen vor der Größe der Kämpfer und Zivi- listen. Aber Deutschland vergisst seine Geschichte.“

Jean Raspail durchlief eine Reihe katholischer Schulen, die ihm jedoch meist die Tür wiesen; das Abitur gelang erst im dritten Anlauf. Eine berufliche Orientierung scheiterte ebenso wie erste Schreibversuche, deren Mängel er aber intuitiv begriff. Das Nachkriegsfrankreich mit seinen schrumpfenden Horizonten eignete sich wenig zur Erweiterung des eigenen; es folgte „ein Abenteuer, das über meine Existenz entschieden hat“: Raspail durchmaß im Kanu über 4.500 Kilometer die einstigen französischen Besitzungen in Nordamerika, von Québec bis La Nouvelle-Orléans. Seine Leitsterne waren der Jesuitenmissionar Marquette und der Cavelier de La Salle, die Entdecker des Mississippis beziehungsweise seiner Mündung. Beide gingen nach ungeheuren Anstrengungen dabei zugrunde. Dann ging er nach Kanada und Louisiana, entlang der „Wasserwege des Königs“, allesamt 2005, 55 Jahre nach der Fahrt, im gleichnamigen Buch von Raspail in berückender Schönheit heraufbeschworen. Man findet darin schon den Kern von Raspails Faszinationen und Werk angedeutet – Königtum, Katholizismus, verlorene Sachen, ergänzt durch eine zärtliche Liebe zu untergehenden Kleinstvölkern, erworben auf einer weiteren Reise, diesmal vom Kap Hoorn nach Alaska und zu den Ureinwohnern Patagoniens, die in den Regenstürmen der Magellanstraße ein Dasein herzerweichender Kargheit fristeten.

Eine Laufbahn als Reiseschriftsteller folgte, bis Raspail sesshaft wurde und Frankreich in einem „radikalen Wandel kultureller Natur“ wiederfand, in seiner Substanz bedroht und wie so viele Völkerschaften davor „reif für den finalen Schlag“. Mit dem „Heerlager der Heiligen“ (Schnellroda 2015), dessen Übersetzungen allein mehrere Regalreihen füllen, nimmt er auch die Literatur wieder auf und die Gegenwart in beängstigend prophetischer Weise schon 1973 vorweg: Eine Million bettelarmer, aber entschlossener Boatpeople fällt als Vorhut der Dritten Welt gewaltlos in Frankreich ein, das ein Trommelfeuer der Indoktrination durch faktisch gleichgeschaltete Medien und politische Eliten zu jeglichem Widerstand und Selbstbehauptungswillen unfähig gemacht hat. Heute spricht man von „Willkommenskultur“ – und Raspail von der „altruistischen Idiotie, die Millionen deutscher Schwachköpfe, pardon, ‚Aber ja! Nur immer herein!‘ ausrufen lässt“.

Und Frankreich, nach dem Attentat aufs Bataclan? „Niemand hat den Feind benannt. Es gab keine wirkliche Reaktion, bloß nationales Lamentieren, Blumenhaufen und Hollandes Beflaggungsaufforderung – dergleichen tut man für Siege, nicht für Begräbnisse. Es ist eine gigantische Schafherde und eine Art Party. ‚Die andere Seite‘ – französische Staatsbürger, die ich nicht verachte, aber nicht als Landsleute betrachte – hat eine schleichende Kolonisation begonnen, sie macht in manchen Banlieues 80 Prozent aus und bewirkt bereits eine Segregation durch Rückzug. Irgendwann wird man nicht mehr ausweichen können, eine Art Bürgerkrieg ist unausweichlich.“

Seinerzeit für seine Prognosen von der Presse verdammt, kann Raspail sich heute ihrer kaum mehr erwehren: „Jetzt sind wir mittendrin. ‚Raspail hatte recht‘, heißt es, und man hat vergessen, was man damals über mich sagte.“ Spricht er wie die AfD von der Waffe als Ultima Ratio? „Gewalt ist nicht zwangs- läufig ein Töten, sondern zunächst eine Attitüde eminenten Energischseins.“ Und bei aller Schärfe seiner Diagnose: „Dieses Problem ist nicht zu lösen. Ich sehe mich selbst auch schwerlich jede Barmherzigkeit gegenüber Leuten verlieren, die auf der anderen Seite der Barrikade verhungern.“

La droite, darin sieht er „nicht eine politische Position, sondern eine Denkfamilie, keine Frage der Politik, sondern des Ideals“.

Raspail hat nie verhehlt, ein „Mann der Rechten“ zu sein. „Selbst die Rechte hat ein Herz“, attestierte ihm die links- liberale Tageszeitung „Libération“. La droite, darin sieht er „nicht eine politische Position, sondern eine Denkfamilie, keine Frage der Politik, sondern des Ideals“, und hält es mit seinem verstorbenen Freund Jean Cau, dem Schriftsteller und Privatsekretär Sartres: „La droite n’est pas d-i-c-i-ble“, nicht aussprechbar, buchstabiert Raspail, „sondern Ergebnis eines schwer erfassbaren état d’âme, einer Seelenlage“.

Ein Element aber sei fundamental, mache geradezu den Menschen aus: „Haltung! Nicht die Pose. Sehen Sie sich die englische Königin an, während ihres ganzen Lebens. Formidable!“ Raspails Romanfiguren haben samt und sonders keine Hoffnung, aber eine zugleich selbstvergessene und unbeugsame Attitüde des Trotzdem. Eine weiterer Wesenszug von Werk und Autor: „Es scheint, als zählte ich zu jenen Menschen, die eine religiöse Natur haben. Dergleichen soll ja vorkommen. Das Empfinden für das Heilige ist innerlich – oder es ist nicht.“ Papst Franziskus’ migrationspolitische Einlassungen verfolgt er mit Sorge, aber: „Rom ist Rom, der Papst der Papst.“ Ungeheuren Schaden sieht Raspail aber durch das Zweite Vatikanum angerichtet, „den Willen zur Zerstörung des Heiligen. Wenn man den Sinn für das Heilige verliert, haben die Leute keine Lust mehr, eine Religion zu haben. Genau das ist geschehen.“ Indes sei eine Erneuerung, aus der Tradition, spürbar: Sie komme, ebenso wie die Rettung der katholischen Welt insgesamt, aus den Klöstern.

Außer unfreiwilligen Scharmützeln mit antirassistischen Pressure Groups, die ihn verklagen (und meist unterliegen), meidet Raspail, zeitlebens parteilos, die Niederungen der Politik ebenso wie die Masse, die er verabscheut. 1993 aber, zur zweihundertsten Wiederkehr der Hinrichtung Ludwigs XVI., organisierte er eine Gedenkkundgebung am Tatort, der Place de la Concorde; Zehntausende erschienen. Geforderte Verschiebungen lehnte er zuvor strikt ab – „der Kopf des Königs ist um 10 Uhr 23 gefallen, nicht im Morgengrauen, nicht nach Büroschluss“ –, ein Verbot erging. In letzter Minute aber wurde die Polizei zurückgepfiffen. „Wissen Sie, wer das getan hat? Mitterrand. Er war links, aber hatte einen Sinn für die Geschichte.“

Antoine de Tounens, ein Provinzadvokat des 19. Jahrunderts, hatte sein Leben der fixen Idee verschrieben, sich ohne Ressourcen und Unterstützung zum König der patagonischen Ureinwohner aufzuschwingen, sie vereint gegen die chilenisch-argentinischen Unterdrücker zu führen. Abnehmenden Erfolgen stand bald zunehmender Realitätsverlust gegenüber; besiegt, verspottet, aber ungebrochen ging „Orelie-Antoine I.“ 1878 in einer elenden Dachkammer im französischen „Exil“ zugrunde. Man ahnt es: Hier fließen alle Faszinationen Raspails zusammen. Sein resultierender Roman erhält den begehrten Grand Prix de l’Académie française

Die Faszination vom geträumten Königreich am Ende der Welt aber verfestigt sich, wird ihm zur „Ersatznationalität“ – und grassiert: Vom Grab Antoines vernimmt Raspail augenzwinkernd die Berufung zum „Generalkonsul“, erschafft „Patagonien“ militärische und zivile Amtsträger, Institutionen. 

„Zärtlichkeit, Ironie, Stolz und Melancholie“: ein sehr raspailesker Vierklang charakterisiert die Wahlpatagonier, und ihr Generalkonsul fragt sich angesichts der wachsenden Flut gerade sehr junger Staatsbürgerschaftswerber, „ob wir in einem Land leben, und jetzt spreche ich von Frankreich, in dem man noch träumen kann, wenn man zwanzig ist“.

Jean Raspail ist siebzig Jahre älter, neunzig verweht, und sagt zum Abschied mit heiterer Gelassenheit: „In fünf Jahren werde ich tot sein. O doch! Ich hoffe.“ Und trotzdem klingt eine seiner Zeilen nach und mit: „Wenn man eine (fast) verlorene Sache vertritt, muss man ins Horn stoßen, aufs Pferd springen und einen letzten Ausfall wagen.“ An der Avenue de Wagram in Paris, unweit des Triumphbogens, bleibt der letzte Franzose im Sattel.

MEHR RASPAIL – Konrad Markward Weiß in Interview mit der Tagesstimme: „Jean Raspail hat sich niemals mit dem Zeitgeist gemein gemacht”

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„Die Axt aus der Steppe“ ist eben bei Karolinger erschienen. Wir veröffentlichen die Besprechung in den nächsten Tagen. Ein ausführlicher Nachruf erscheint in der nächsten Ausgabe des FREILICH Magazins.


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