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Neue Menschen, neue Sprache: Vom Gastarbeiterdeutsch zu „Kanak Sprak“ tauscht sich die Mehrheit langsam mit aus. „Kiezdeutsch“ zwischen Migranten und Eingeborenen wird ein neuer Sprachstandard, mit dem immer mehr Jugendliche leben. Ein Text von Thorsten Seifter.

Sprache lebt und verändert sich. Sprachmischungsprozesse sind historisch zahlreich belegt, z. B. in den Pidgin- und Kreolsprachen, die von der Kolonialzeit herrühren und eine vereinfachte Sprache für bestimmte Zwecke zwischen dominanter (europäischer) und dominierter (indigener) Kultur darstellen.

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Eine Sonderform des Pidgin ist das Gastarbeiterdeutsch, das unter anderem durch den Ausfall von Artikeln, Präpositionen oder Pronomina, den Ausfall bzw. die Vereinfachung der Verbflexion (Numerus, Tempus, Modus, Person), die übermäßige Verwendung des Infinitivs oder die Negationspartikel „nix“ vor dem Verb gekennzeichnet ist.

Die Spezifika des Gastarbeiterdeutsch bilden wiederum den Ausgangspunkt für die nachkommende dritte und vierte Generation von Einwanderern – häufig bereits Staatsbürger –, bei denen sich seit Beginn der 1990er-Jahre eine „neue ethnolektale Varietät entwickelt“ hat, die aufgrund der ethnischen und folglich sprachlichen Verhältnisse auch „Türkendeutsch“ genannt wird. Eine aktuelle Fortentwicklung in Richtung arabischer Elemente ist hierbei nicht unwahrscheinlich.

Wiewohl die heimischen Fertilitätsraten in den Jahren der jugoslawischen oder türkischen Gastarbeiteranwerbung noch ausreichend waren, wurde aus Kurzsichtigkeit und dem Interesse der Wirtschaft folgend eine massive ethnische Veränderung in Gang gesetzt, die bis zum heutigen Tag andauert und sich auch im Ethnolekt niederschlägt: „Ausgangspunkt für Mischungs- und Kreuzungsprozesse im urbanen Milieu sind Migrationsverfahren und demographische Veränderungen, die die Etablierung von neuen kommunikativen Sozialstilen herbeigeführt haben“, schreibt die Linguistin Anna Daskiewicz. Die Frage des Ethnolekts in Deutschland – für Österreich liegen keine Studien vor – bzw. in ganz Westeuropa ist dementsprechend im Grunde eine hochpolitische und sollte auch so verstanden und behandelt werden.

Der aus der Soziolinguistik stammende Begriff des „Ethnolekts“ bezeichnet, grob und vereinfacht gesprochen, eine ethnisch gefärbte Sprache. Es existieren allein für den deutschen Fall etliche Synonyme, wie das erwähnte „Türkendeutsch“, „Gettoslang“, „Kiezdeutsch“ etc. Er wird hauptsächlich von migrantischen Jugendlichen in den Städten gesprochen. Der Sprachwissenschaftler Peter Auer hat hierzu ein Modell vorgeschlagen, mit dem der Ethnolekt umfänglich beschrieben werden kann. Er spricht von primären, sekundären (=medial vermittelt/aufgebrachten) und tertiären (= crossing) ethnolektalen Merkmalen sowie der De-Ethnisierung. Primäre Merkmale sind dabei genuin in den Sprechergemeinschaften entstanden, siehe Beispiele unten.

Sekundäre Merkmale bestehen aus ethnolektalen Generalisierungen, Stilisierungen, Versatzstücken oder auch Erfindungen durch Berichte (z. B. über die Sprache in der Rütli-Schule, Sendungen über „Krass sprechen“), Film („Erkan & Stefan“), Kabarett (Kaya Yanar) oder Musik (Grup Tekkan), d. h. es wird etwas originär Ethnolektales aufgegriffen, weiterverarbeitet oder neu erschaffen, was durch die mediale Verbreitung und Wirkung in der Folge selbst als Ethnolekt gilt.

Tertiäre Merkmale sind durch ihre  Restriktion gekennzeichnet, da sie lediglich als starre Muster Verwendung finden, z. B. bei deutschen Jugendlichen, die sich innerhalb ihrer Gruppe über Türken lustig machen. Mit der De-Ethnisierung ist gemeint, dass der Ethnolekt seine Aufladung mit „Ausländersein“ verliert und sich zu einer neutralen Jugendsprache entwickelt, was wiederum dazu führt, dass er von monolingual deutschen Jugendlichen ebenfalls stärker gebraucht wird.

Hier sind einige Sprachbeispiele aufgeführt, die den (weitgehend) primären Ethnolekt auszeichnen:

• „ch“ zu „sch“: mussisch, hatisch, manschmal.

• „r“ wird am Wortanfang gerollt und außerdem am Wortende betont: mach weiter.

• „tz“ und „z“ werden zu „s“: „Zange“ zu Sange.

• Wegfall von Präposition und Artikel in Lokal- und Richtungsangaben: sie is Schule, isch muss Toilette, wir gehn Schwimmbad.

• Generalisierung des Verbs „machen“: isch mach disch Krankenhaus („Ich schlag dich krankenhausreif “), isch mach Wasserfarben („Ich male mit Wasserfarben“)

• Verwendung von Formeln wie „Isch schwör“

• Verwendung türkischer Formen zur Anrede oder als Diskursmarker (lan, moruk / „Mann“, „Alter“) bzw. zur Beschimpfung (siktir lan / „Verpiss dich, Mann“)

• gelegentlich z. B. auch andere Wortstellung: Hauptsache lieb isch ihn; andere Genera: rischtiges Tee, meine Fuß.

Dubiose Glorifizierung und Autochthonisierung

Für Sprachpuristen oder Edelfedern sind die Beispiele wohl schwere Kost, es gibt aber auch  Germanistikprofessoren wie Heike Wiese, die sich dem Ethnolekt verschrieben haben – „Kiezdeutsch“ in Wieses Worten. Damit hat sie ungewollt die erste semantische Leistung vollbracht, da „Kiez“ eigentlich nur ein Viertel in Berlin oder Hamburg bezeichnet, nunmehr aber in der Öffentlichkeit mit Fremdheit verknüpft wird.

Für sie persönlich allerdings handelt es sich keinesfalls um eine „Ausländersprache“, sondern gar um einen Dialekt wie Bairisch oder Sächsisch. Kiezdeutsch sei ferner „nicht der Sprachgebrauch einer isolierten, sich abschottenden Gruppe einer bestimmten Herkunft, sondern bezieht alle Jugendlichen in multiethnischen Wohngebieten ein. Es ist ein Beispiel für eine besonders gelungene sprachliche Integration: ein neuer, integrativer Dialekt, der sich im gemeinsamen Alltag ein und mehrsprachiger Jugendlicher, deutscher ebenso wie anderer Herkunft, entwickelt hat“.

Kiezdeutsch sei generell „etwas Besonderes – auch im Vergleich zu anderen sozialen Dialekten und Jugendsprachen. Es ist flexibler und offener“. Der „Tagesspiegel“ springt ihr ideologieschwanger bei: „In finanzschwachen und sogenannten bildungsfernen Milieus zeigt das Wechseln zwischen zwei oder sogar mehreren Sprachen, dass die Person dementsprechend multilingual unterwegs ist. Die monolinguale Mehrheit in Deutschland kann da nur schwer mithalten.“

Nicht nur das, „Kiezdeutsch eröffnet aber auch ein neues Fenster zu internationalen Märkten. Da steckt Potenzial, das man nutzen könnte ganz im Sinne von Management und Vermarktung.“ Worin das „Potenzial“ konkret bestehen soll, bleibt verborgen.

Mit einem solchen Enthusiasmus und Rückenwind ausgestattet wird Wiese nicht nur von Zeitung zu Zeitung gereicht, sondern auch von Lehrern begeistert empfangen, um Schüler mit den Vorzügen des „Turbodialekts“ vertraut zu machen. Als Ziel „einer solchen Auseinandersetzung“, so Wiese und ihre Kollegin, „sollten Schüler/innen [sic] auch erkennen, dass ‚die deutsche Sprache‘ nicht als homogenes, monolithisches und unveränderliches Ganzes existiert, sondern aus zahlreichen Varietäten und Sprechweisen  besteht, zu denen auch neue Dialekte und Jugendsprachen wie Kiezdeutsch gehören“.

Gelernt wird das in Arbeitsaufträgen wie: „Untersuche den Gebrauch von ‚ischwör‘ und anderen Gesprächspartikeln“. In das gleiche Horn stößt die Professorin für Deutsch als Fremdsprache İnci Dirim, die eine „Anerkennungspädagogik“ fordert; immerhin seien „[m]igrantenspezifische Sprachregeln auch ein Zeichen für Integration“. Also Äußerungen wie „Gemma Billa“ oder „Mussisch mein Schwester fragen“? Ein herausforderndes Verständnis von Integration und Sprache.

Ein sich ernst nehmender und verantwortungsbewusster Staat würde derartige postfaktische „Verbuntungsversuche“ von Diversitätsgermanisten unterbinden, die ex cathedra ihre sprachpolitische, der aggressiven und rassistischen Ideologie der Diversität entsprechende Agenda zur Schau stellen. Einstweilen reicht es bloß zur fachinternen Kritik. Der emeritierte  Linguistikprofessor Helmut Glück schreibt: „Unumstritten war bisher, dass die Kinder in der Schule Hochdeutsch zu lernen haben.

Wiese hingegen möchte ‚Kiezdeutsch‘ in den Deutschunterricht holen. Für Jugendliche, die ‚Kiezdeutsch‘ sprechen, ist Unterricht im Hochdeutschen notwendiger, wenn man ihnen Chancen auf eine Lehrstelle und ein selbständiges Berufsleben eröffnen will.“ Doch erkennt auch er, was die tatsächliche Intention ist: „Es geht ihr um Krawall.

Sie möchte ‚Kiezdeutsch‘ sozial aufwerten, aus der Schmuddelecke holen.“ Ihr Vorgehen „mag im Kiez und im Privatfernsehen funktionieren. In der Wissenschaft funktioniert es nicht. […] Sie ist offen parteilich. Schon deshalb sind ihre Erkenntnisse über ‚Kiezdeutsch‘ wissenschaftlich wertlos“.

Mit seinen harschen Schlussworten hat Glück den Nerv getroffen. Zunächst ist ein Dialekt nämlich nun einmal eine historisch gewachsene, einheimische und regional begrenzte Sprachform, die mit Ländlichkeit verknüpft ist, und keine migrantisch-jugendsprachliche Art zu sprechen, die mit der autochthonen Sprache im städtischen Kontext in Kontakt gerät (die Ethnolektsprecher klingen auch nicht wie Dialektsprecher).

Für derartige Sprachkontaktphänomene des Deutschen gibt es historische Vorläufer wie Küchenlatein, Apothekergriechisch, Rotwelsch, Kucheldeutsch usw., auch wenn Wiese und Kollegen das nicht wahrhaben wollen. Dort wie da wurden lediglich gewisse sprachliche Domänen bespielt, niemand erklärte das zu angestammten Dialekten oder Sprachen; der Ethnolekt ist im gesamtdeutschen Zusammenhang insoweit als randständig zu bezeichnen.

Nächste Woche geht es HIER weiter mit Teil II unserer Reportage.

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