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Stefan Magnet

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Die FPÖ hat bei einem großen Teil ihrer Wähler etwas verspielt, was man in Parteikreisen wohl vor wenigen Jahren selbst nicht für möglich gehalten hat: Das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit.

Und das ist der Anfang vom Ende, wenn es nicht grundsätzlich (ich vermeide angesichts der internen Aufgeregtheit dieser Tage das gängigere Wort „radikal“, damit auch betont Anti-Radikale weiterlesen mögen) zu einem Stilwechsel kommt, der sich erkennbar vom „System HC Strache“ abhebt. 

Ich will mich mit meinem Kommentar nicht auf den Wien-Wahlkampf konzentrieren, sondern auf ein Gefühl dahinter, welches sich bei vielen Blauwählern eingeschlichen hat und welches ich immer und immer wieder zu spüren bekomme, wenn mir eingefleischte FPÖ-Wähler erklären, warum  sie „ab jetzt sicher nicht mehr wählen gehen“. 

Vorbild 

Der Kopf der indischen Unabhängigkeitsbewegung, Mahatma Gandhi, hat einmal etwas gesagt, was alle großen Männer, die etwas verändert haben in der Welt, so ähnlich formuliert haben: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.“ Das bedeutet auf die FPÖ umgelegt: Wer gegen ein korruptes System in die Schlacht zieht, wer vorgibt den bescheidenen „kleinen Mann“ zu vertreten, wer Anständigkeit und Ehrlichkeit predigt, der muss auch so sein. Menschen unserer Artung wollen Typen folgen, die voll und ganz – auf ganzer Ebene – Vorbild sind. Nicht nur auf der Bühne, im Scheinwerferlicht, sondern auch hinter den Kulissen und im Privatleben. Und das kriminell aufgenommene Ibizia-Video zeigte einen unappetitlichen Blick hinter die Kulissen, der deshalb so verheerend war, weil ein über Jahre aufgebautes und teils inszeniertes Bild urplötzlich zusammenbrach. Wenige Tage nach dem Ibiza-Video schrieb ich daher in einer Kolumne für die Zeitung „Wochenblick“ folgende Zeilen, denn ich hatte mein Urteil fertig: 

“Wie im alten Rom: Nicht nur die Art und Weise, wie Strache durch eine kriminelle Intrige, ein politisches Attentat, zu Fall gebracht wurde, auch die Form der dekadenten Gebärdung des FPÖ-Chefs erinnert an den Niedergang im antiken Reich.

Denn auch Rom war für seine auf die Couch gelehnten Senatoren bekannt, die im Alkohol- und Frauentaumel die Geschicke der Republik leiten wollten. Wie die Geschichte mit Brot und Spielen geendet hat, wissen wir. Dass Strache seit 14 Jahren im Dauereinsatz stand, dass er eine schwache Minute hatte oder ähnliche Erklärungen, interessiert die Österreicher herzlich wenig. Und es geht nicht darum, dass „die anderen auch nicht besser“ wären! Klar: Die Verhaberung und Parteienverfilzung ist in Österreich allgegenwärtig. Im tiefschwarzen Niederösterreich oder im dunkelroten Wien etwa ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Staatsbedienstete „das richtige Parteibuch“ besitzen müssen, um überhaupt auf die Idee zu kommen, im Staatsdienst aufzusteigen. Dass Staatsaufträge grundsätzlich auch nur an genehme Firmen vergeben werden, ist auch ein offenes „Geheimnis“. Und zu den von Investoren, Banken oder Inseraten „völlig unabhängigen“ Medien wollen wir keine Worte mehr verlieren…

Abgehobenheit, Machtgier, Protz und Luxus: Dieses Bild vermittelt seit Jahrzehnten eine zweifelhafte Elite, die sich so vom Volk entfernt hat. Doch genau darum geht es: Diese dekadente Abgehobenheit wurde in den letzten Jahren abgewählt, indem man die FPÖ als „Game Changer“ gewählt hat. Deshalb ist es umso unverzeihlicher, wenn ein solcher Polit-Stil mit der FPÖ fortgesetzt werden würde.”

Glaubwürdigkeit

Ständig idealistisch für die Gemeinschaft und die Sache im Einsatz. Selbstlos, aufopfernd. Bescheiden und am Boden geblieben. – So verkaufte sich HC Strache und so verkauften ihn seine Parteistrategen. Es ist nicht stimmig, wenn so jemand dann seine im Ehestreit kaputt gegangene Rolex von der Partei reparieren lässt, obwohl er dies nachweislich von seinem Parteigehalt hätte erledigen können. Nur als ein Beispiel. Und hier hat das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit massiv gelitten, denn meist sind es die kleinen Gesten… 

Zudem wurde im politischen Kampf nahezu nichts erreicht. So ehrlich muss man sein: Was blieb nach zwei freiheitlichen Regierungsbeteiligungen auf Bundesebene übrig? Was hat die kurzen Perioden im Bundeszirkus überstanden? Wo sind die realen Stützpunkte etwa in Form von patriotischen Häusern, Jugendclubs, Städten der Begegnung? Wo die Akademien, Vereine, Think-Tanks oder Medienprojekte, die in der Hochzeit aufgebaut wurden, um auch ein Tief überdauern zu können? Die Maßnahmen der FPÖ-Minister wurden fast ausnahmslos binnen kürzester Zeit rückgängig gemacht. Abmontiert, wird das „Ausreise-Schild“ im Traiskirchner Asylzentrum oder die 140er Tafeln auf der Autobahn. 

Unsägliche 12 Jahre

2005 sagte ÖVP-Schüssel, dass es ihm nicht mehr möglich sei, mit der FPÖ zu koalieren.  Die Wähler der FPÖ mussten 12 Jahre warten, bis die Freiheitlichen wieder die Chance bekamen, in die Regierung einzuziehen. Eine verdammt lange Zeit für jenen Teil unseres Volkes, der erkannt hat, dass mit jedem Jahr Land und Volk mehr abgeschafft werden und es nicht „nur um Politik“, sondern um eine grundsätzliche biologische und kulturelle Seinsfrage geht. Schon nach 1,5 Jahren hieß es dann erneut, dass man mit der FPÖ einfach nicht kann (ein Wording übrigens, das von der ÖVP schon im Wahlkampf 2017 festgelegt wurde) und ÖVP-Kurz sprach 2019 die bekannten Worte „genug ist genug“. 

Alle Hoffnungen, die die Freiheitlichen emotional auf sich vereint hatten, wurden zerschlagen. Und wie leichtfertig! Strache und Umfeld hätten auch in gewissen Wiener Clubs der Dekadenz überführt werden können, aber zugegeben: Ibiza passt besser ins Drehbuch. Und das ist der Vorwurf: Wie konnte das nur passieren? Weil Anspruch und Wirklichkeit weit voneinander entfernt liegen. 

Hat die FPÖ es geschafft durch den Tausch des Spitzenkandidaten das Image zu wechseln? Wie lange kann Strache noch für das Scheitern der FPÖ verantwortlich gemacht werden? Fakt ist: Die FPÖ konnte auch bei der Wien-Wahl nicht genügend Vertrauen aufbauen, dass man es ihr zugetraut hätte, tatsächlich eine reale Veränderung herbei zu führen. Doch das Gute zum Schluss: Die Wähler wechselten größtenteils nicht beliebig zu einer anderen Partei. Sie wandten sich nur vom System ab. Über 100.000 Wiener verzichteten lieber auf ihr Recht ihre Stimme abzugeben und blieben zuhause. Und ich behaupte: Diese Wahlverweigerer denken freiheitlich, anti-globalistisch, heimattreu. Aber sie haben der FPÖ bei der Wien-Wahl offenbar nicht mehr zugetraut, hier genügend glaubwürdig zu sein. 

Stefan Magnet ist Werbeunternehmer (Agentur Medienlogistik), Kommentator im Bereich der alternativen Medien und betreibt einen Videoblog. Er arbeitet und lebt in Oberösterreich. 


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