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Zweiter Weltkrieg

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Die Wiedervereinigung gelang. Mit dem Osten kehrte ein widerständiger Teil des Landes zurück, der als nationales Kräftereservoir wirkt. Ein Text von Ulrike Raich.

Als Hans-Dietrich Genscher, der westdeutsche Außenminister, am 30. September 1989 vom Balkon des Prager Palais Lobkowitz, dem Sitz der bundesdeutschen Botschaft in Prag, verkündete: „Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland möglich geworden ist“, war der Startschuss für die Neuordnung Europas gegeben. Eines Europas, das 44 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs immer noch zwischen den Siegermächten aufgeteilt war. Und die sicherten die Nachkriegsordnung und ihre jeweiligen Einflusssphären nicht zuletzt mit militärischen Mitteln, Mauer und Eisernem Vorhang ab.

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Die Vereinigung von BRD und DDR nur ein Jahr später war keineswegs so selbstverständlich, wie sie heute scheinen mag. Das kommunistische System war gescheitert – wirtschaftlich erledigt und gesellschaftspolitisch nur durch Gewalt und Unterdrückung (er-)haltbar. Doch dass es durch inneren Zerfall binnen kürzester Zeit einfach abtreten würde, wurde nur von den wenigsten Beobachtern für möglich gehalten. Was damals geschah, war ein dramatisches Stück Weltgeschichte, das glücklich verlaufen ist, aber mehrfach auf der Kippe stand.

Nicht zuletzt war es Bundeskanzler Helmut Kohl, der „instinktsicher“ (Horst Teltschik) die Chance zur Vereinigung dessen nutzte, was völkerrechtlich im Rahmen der politischen Realität wiedervereinbar war, in welcher die vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges in Deutschland das letzte Wort hatten. Unter seinem SPD-Gegenspieler, Oskar Lafontaine, wäre die Geschichte wohl anders verlaufen.

Der 9. November 1989 und der 3. Oktober 1990 sind Sternstunden der deutschen Geschichte, die maßgeblich von den mutigen Bürgern der DDR geschrieben wurden. Sie waren es, die den neuen Einheitsgedanken formulierten und ihm zum Durchbruch verhalfen. Aus „Wir sind das Volk“ machten sie „Wir sind ein Volk“.

Mit dem Ende der DDR waren insbesondere auch auf politisch rechter Seite große Hoffnungen verbunden. Sie betrafen die Ostgebiete, die als Bedingung für die Vereinigung von BRD und DDR endgültig aufgegeben wurden, die vollständige Souveränität und Unabhängigkeit ebenso wie die Revision der ab 1968 erfolgten politischen Richtungsentscheidung nach links. Wenige Jahre nach der Wende schloss sich das Zeitfenster.

Linke und Liberale fanden zu einer neuen Allianz zusammen, und der Weg war frei für die uneingeschränkte und im Westen gemeinhin vollständig akzeptierte linke Kultur- und Meinungshegemonie, gepaart mit einem ungezügelten Kapitalismus angelsächsischer Prägung. Das bedeutet seither eine Schwächung von Staat und Volk durch eine zunehmende  Souveränitätsübertragung an supranationale Institutionen (EU, EFTA usw.) und eine zunehmend ungebremste Migration: Von 1991 bis 2018 sind nach offiziellen Angaben 28.784.896 Menschen in die Bundesrepublik Deutschland eingewandert.

Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR hat sich durch die mehr als 40-jährige Isolation ein genuin deutsches Denken erhalten können, das dem ungehemmten Liberalismus entgegensteht.

Zu einer Zeit, als sich Westdeutschland anschickte, alles Deutsche, ob geschichtlich oder kulturell, unter den Generalverdacht von Faschismus und Nationalsozialismus zu stellen, kämpfte die DDR nicht nur um internationale Anerkennung als deutscher Staat. Die DDR wollte überleben – als kommunistischer Staat nach außen, aber auch als Nomenklatura nach innen. In der DDR fehlte, im Unterschied zu anderen sozialistischen Bruderstaaten in Osteuropa, nicht nur die Akzeptanz für die sozialistische Ideologie, sondern weitgehend auch für den Staat selbst. Während die anderen sozialistischen Klientelstaaten den Charakter als Nationalstaat seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges für sich nutzten, baute die DDR auf den Charakter als Arbeiter- und Bauernstaat. Dafür griff sie auch auf die Geschichte zurück.

Durch das Dienstbarmachen der Vergangenheit wollte man nach innen eine staatliche Legitimation aus der Geschichte schöpfen. Da Westdeutschland es nicht tat, griff Ost-Berlin das preußische Erbe auf und sah sich sogar als Preußens Vollendung. In diesem innerdeutschen Legitimationswettkampf verstand sich die DDR als das „bessere Deutschland“. Nach außen zeigte sie ihre Stellung von Weltrang gerne auch im Sport. Mit beachtlichen Erfolgen brachte man Kraft, Disziplin und Eigenstaatlichkeit zum Ausdruck. Dabei verwaltete die DDR das kulturell-geistige Erbe deutlich besser, als dies in den 1970er- und 1980er-Jahren in Westdeutschland der Fall war.

Die DDR pflegte bei aller Drangsalierung der eingesperrten Bevölkerung einen positiv besetzten Patriotismus. Er war einer der wenigen verbindenden Werte, der der DDR vermeintlichen gesellschaftlichen Zusammenhalt gaben.

Denn die Mangelwirtschaft, das verlogene sozialistische Überlegenheitsgefühl bei gleichzeitig gefängnisartigen Zuständen und die geheimdienstlichen Repressalien, die vor allem die Intelligenz entweder hinter Gitter oder außer Landes schafften, verhinderten jede Loyalität gegenüber dem „ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat“.

Die DDR-Deutschen hatten Ende der 1980er-Jahren schlicht genug vom Sozialismus mit seiner Tristesse, Ineffizienz, Unproduktivität und Verschwendung von Ressourcen, ebenso wie von der Bevormundung durch den mächtigen Bruderstaat Sowjetunion. Nur die privilegierte Nomenklatura glaubte an den sozialistischen Staat DDR. Dieser staatlicherseits durchaus geförderte Patriotismus bildete später das Fundament, auf dem sich in der Wendezeit die  Einigungsbewegung entwickelte.

Bei der Leipziger Montagsdemonstration am 20. November 1989 lautete das Motto „Deutschland – einig Vaterland“. Wiewohl die Einigungsbewegung bei vielen verständlicherweise von monetären Interessen geleitet war („Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh’n wir zu ihr!“), erfasste die Welle des Patriotismus die gesamte Bevölkerung – zumindest kurzzeitig wurde dies im Westen geduldet, schließlich konnte die NATO ihren Einfluss nach Osten vorschieben, mit erfolgter Wiedervereinigung aber kassiert. Die Einigungsbewegung wurde 1989/90 aber zum Motor der Wiedervereinigung und zeigte, was das Volk will – wenn man es nur lässt.

Die Bürger der DDR erfassten 1989, welche Chance ihnen das Schicksal gerade darbot. Während der kommunistischen Nomenklatura die Kontrolle über die Massen entglitt und die westdeutschen Politiker das Vakuum noch nicht auszufüllen wussten, stand für die Mitteldeutschen eines schon fest: Ein Zurück zum Sozialismus durfte es nicht geben.

Heute, 30 Jahre später, ist diese Prägung aus Pflichtbewusstsein, Heimatliebe und Bodenständigkeit immer noch wirksam – und damit zum Feindbild der westdeutschen Linksliberalen geworden, die um jeden Preis in der „europäischen Integration“ aufgehen und eben bloß kein Volk mehr, sondern eine „bunte Republik“ sein wollen.

So wie bis Ende 1989 alles dem Sozialismus dienen musste – von der Produktion bis zur Tradition gab es nichts, was nicht politisiert und instrumentalisiert wurde –, so wird heute alles der politischen Korrektheit aus linksgrüner Gesellschaftspolitik und neoliberaler Wirtschaft untergeordnet.

Der aktuell getrommelte Zeitgeist, geprägt von der erwähnten, neuen Allianz von Marxisten und Liberalen, entpuppt sich zusehends als neue Spielart des Sozialismus mit den Hauptzutaten Globalisierung und Staatsdirigismus. Und ihm wird die veröffentlichte Meinung fast vollständig unterworfen. Die Ähnlichkeiten zur alten DDR-Presse sind auffällig, die Mechanismen die gleichen, die Besitzverhältnisse aber ganz andere.

Dabei kennzeichneten die DDR-Medien wie die aktuellen Mainstreammedien nicht so sehr die offene Lüge, vielmehr wurden dort – wie bei uns heute – wichtige Zusammenhänge, die für die Beurteilung der Gesamtlage wichtig wären, bewusst unterschlagen oder interessengesteuert interpretiert. Die öffentlich-rechtlichen Sender und die mit Regierungsinseraten angefütterten Medien betreiben in ihren Sendungen gezielt Meinungsmanipulation durch ihre Redakteure und durch die Auswahl der Themen. In der DDR lernte man, anders als im Westen, zwischen den Zeilen zu lesen. Und man hat sich diese Fähigkeit bewahrt.

Die Mitteldeutschen haben durch ihre DDR-Erfahrungen ein feines Sensorium schon für Anzeichen einer Verschlechterung und erkennen deshalb den totalitären Charakter der aktuellen Meinungshegemonie viel schneller als ihre Brüder und Schwestern westlich der Elbe. Sie haben diese DDR-Erfahrungen und ihr Misstrauen der Systempresse ganz allgemein gegenüber vor 30 Jahren in die BRD mitgebracht und sich erhalten.

Deshalb regt sich heute dort Widerstand gegen die linksgrüne Eine-Welt-Utopie. Dieser Widerstand manifestiert sich in den Wahlerfolgen der AfD, den PEGIDA- Demonstrationen in Dresden oder der Etablierung der Denkschule der Neuen Rechten in Schnellroda. Weil daraus wahre gesellschaftliche Veränderungen entstehen könnten, werden die Mitteldeutschen vom politischen und medialen Establishment auch so diffamiert und stigmatisiert. Ein Rezept dagegen hat der Westen nicht. Je mehr er versucht, seine Interpretationshoheit durchzusetzen, umso mehr Zulauf erhalten AfD und Neue Rechte.

Die Einigungsbewegung und die staatliche Vereinigung von BRD und DDR waren ein unglaublicher nationaler Kraftakt. Die optischen Narben, die die 40-jährige gewaltsame Trennung schlug, sind so gut wie verheilt.

Die DDR-Zeitzeugen und ihre Nachkommen haben seit der Vereinigung mit der BRD viel geschaffen und erreicht, immerhin haben sie den Aufbau zwar nicht bezahlt, aber mit allen Höhen und Tiefen geschultert. Viele, vor allem junge Leute können sich gar nicht vorstellen, wie ihre Eltern in der DDR gelebt haben, welchen Zwängen und Repressalien sie ausgesetzt waren. Insbesondere auf materieller Ebene ist für die Jungen kein Unterschied mehr zum Westen festzustellen.

Sehr wohl jedoch auf geistigem Gebiet. Aus  ihrer Erfahrung und Prägung heraus wissen die ehemaligen DDR-Deutschen und ihre Nachkommen das Eigene zu schätzen und sind eher bereit, es zu verteidigen. Diese offensichtliche Diskrepanz dem westlichen Deutschland gegenüber erzeugt heute einen Riss durch das Land, der entlang der ehemaligen Demarkationslinie, der Mauer, verläuft.

Doch die Mitteldeutschen sind heute nicht mehr die Deutschen auf der Verliererseite, wie 1989, sondern gleichberechtigte Partner im Wettstreit um die Zukunft. Mit dem politischen Rückenwind, den sie von den ehemaligen östlichen „Bruderstaaten“ erhalten, bleiben sie trotzig bei ihrem Widerstand gegen das linksgrüne Gesellschaftsmodell mit seinem Austausch der autochthonen Bewohner. Es liegt nach 30 Jahren wieder an ihnen, eine Einigungsbewegung aufzubauen. Dieses Mal in kulturell-gesellschaftspolitischer Hinsicht.

So wie es 1989 schier unmöglich schien, dass die DDR-Bürger ihren Staat zu Fall bringen könnten, genauso wenig mag man es heute für möglich halten, dass die Sachsen, Thüringer und Preußen die geistige Wende im Westen bewirken. Doch die Geschichte zeigt: Sternstunden können Großes bewirken.

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Wie Staaten usurpierte Völker zu entnationalisieren trachten, zeigt Reinhard Olt anhand des Beispiels Italien-Südtirol.

Als Gabriele Marzocco, der verstorbene wortmächtige Historiker und publizistische Streiter für die Wahrung ethnischer Identitäten zu dieser Feststellung gelangte, hatte er gewiss nicht allein seine neapolitanischen Mitbürger im Blick gehabt, für deren volkliche Eigenarten und Eigenständigkeit er sich in der von ihm gegründeten Zeitschrift „Nazione Napoletana“ vehement einsetzte. Selbstverständlich war ihm auch das Schicksal derer vertraut, die sich Italien insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg einverleibte und – ganz gleich, ob in Rom faschistische Schwarzhemden oder demokratische Weißhemden bestimmten – seiner rücksichtslosen Entnationalisierungspolitik mit dem Ziel der „ewigen Italianità“ unterzog.

Markantestes Beispiel dafür ist der südliche Landesteil Tirols, den es 1918 besetzte, wegen seines 1915 vollzogenen Seitenwechsels im schändlichen „Friedensvertrag“ von Saint- Germain-en-Laye 1919 als Kriegsbeute zugesprochen bekam und 1920 auch förmlich annektierte. Das faschistische Italien suchte dann ab Oktober 1922 alles auszumerzen, was zwischen Brenner und Salurn auch nur im Entferntesten an die in Jahrhunderten entstandene deutsch-österreichische kulturelle Prägung erinnerte. Denn wer dem eigenen fremdes Territorium einverleibt, muss der angestammten Bevölkerung die Identität rauben, soll die Annexion Bestand haben.

Der Entnationalisierung sind die zugefügten immateriellen Schäden auf Dauer besonders förderlich, wenn zuvorderst die Umbenennung von Namen, die an Orten, Plätzen, Siedlungen, Wegen, Bächen, Flüssen und Bergen haften, angeordnet und – bis hin zu Vor- und Familiennamen, selbst auf Grabstätten – unerbittlich durchgesetzt wird. Seit der Machtübernahme Mussolinis war Südtirol Exerzierfeld römischer „Umvolkungspolitiker”. Unter seinem Getreuen Ettore Tolomei, der dies an der Spitze einer Gruppe fanatischer geistiger Eroberer von Bozen aus ins Werk setzte, wurde bis zum zweiten Seitenwechsel Italiens 1943 das gesamte Namensgut des „Alto Adige“ („Hoch-Etsch“) italianisiert. Mit den willkürlich gebildeten identitätsverfälschenden Namen sollte der fremdgeprägte Kulturraum nicht etwa nur geistig Italien unterworfen werden, sondern nach außen hin wurde der sprachliche Vergewaltigungsakt als „Re-Italianisierung“ ausgegeben.

Mitteilung der Zeitung „Der Landsmann“ (zuvor „Der Tiroler“) vom 24. Oktober 1925 über den zwingend vorgeschriebenen Gebrauch der italienischen Ortsnamens-Erfindungen. Foto: Archiv Golowitsch

Dafür musste, neben dem prinzipiellen Verbot der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit, in Ämtern, auf Behörden, in Zeitungen, Zeitschriften und sonstigen Publikationen, vor allem das Schulwesen herhalten, wo der faschistisch-brachiale Umerziehungsfuror am rigorosesten wütete. Die von einer Autorengruppe unter Ägide des vom Verein Südtiroler Geschichte zusammengestellte und in einem im effekt!-Verlag (Neumarkt/Etsch) unlängst als Buch erschienene Dokumentation, veranschaulicht dies, versehen mit aussagestarken authentischen Beispielen, die auch für Gegenwart und Zukunft Mahnung sind, auf prägnante Weise. Im Buchtitel „Die Deutschen brauchen keine Schulen“ steckt der Hauptteil einer bereits ein Jahr nach der Einverleibung Südtirols in den italienischen Staatsverband vom damaligen italienischen Vizepräfekten der Provinz Bozen, Giuseppe Bolis, getätigten symptomatischen Äußerung, die gleichsam als Richtlinie für das faschistische Erziehungswesens galt: „Die Deutschen brauchen keine Schulen, und wir brauchen auch keine Deutschen“.

Als sich alle kolonialistischen Zwangsmaßnahmen, die Bevölkerung des „Hochetsch“ („Alto Adige“, gemäß damals verordneter, alleingültiger Benennung) zu assimilieren, als fruchtlos erwiesen, zwangen die „Achsenpartner“ Mussolini und Hitler die Südtiroler in einem perfiden Abkommen, entweder für das Reich zu optieren und über den Brenner zu gehen oder bei Verbleib in ihrer Heimat schutzlos der gänzlichen Italianità anheim zu fallen. Obschon die meisten für Deutschland optierten, verhinderte der Zweite Weltkrieg die kollektive Umsiedlung. 1946 lehnten die Alliierten die Forderung nach einer Volksabstimmung in Südtirol ab. Woraufhin sich in Paris die Außenminister Österreichs und Italiens auf eine Übereinkunft verständigten, von welcher Bozen, Innsbruck und Wien die verbriefte Gewähr für die autonome Selbstverwaltung des Gebiets sowie den Erhalt der Tirolität seiner Bevölkerung gesichert wissen glaubten.

Doch Alcide DeGasperi bog die im Abkommen mit Karl Gruber vom 5. September 1946 gegebenen Zusagen so um, dass die versprochene Autonomie nicht speziell für die Provinz Bozen, sondern für die Region Trentino-Alto Adige galt, in die beide Provinzen verbunden wurden. Das schiere Übergewicht des italienischen Bevölkerungselements bewirkte zwangsläufig die Majorisierung des deutsch-österreichischen sowie des ladinischen Tiroler Volksteils und führte die für Bozen eigenständig auszuüben versprochene politisch- administrative und kulturelle Selbstverwaltung ad absurdum.

Das Niederhalten der Südtiroler – dokumentiert anhand bislang unveröffentlichter Zeugenberichte

Schon als sich die Niederlage NS-Deutschlands in Umrissen abgezeichnet hatte, setzten im Gebiet der „Operationszone Alpenvorland“, zu der das südliche Tirol nach Absetzung Mussolinis und Seitenwechsels Italiens 1943 gehörte, italienische Partisanen aus dem „befreiten Italien“ alles daran, Fakten zu schaffen, welche von vornherein für die Zeit nach Kriegsende den Verbleib Südtirols im Stiefelstaat gewährleisten sollten. Es ist das bleibende Verdienst des Historikers Helmut Golowitsch, anhand einer Fülle archivierten Materials in seinem soeben erschienenen Buch „Repression. Wie Südtirol 1945/46 wieder unter das Joch gezwungen wurde“ (Neumarkt/Etsch, Effekt! Verlag 2020) eindrücklich und mustergültig dokumentiert zu haben, wie diese Insurgenten operierten, um die Südtirol-Frage auf ihre Art und Weise ein für alle Mal zugunsten des abermaligen Kriegsgewinnlers Italien zu beantworten.

Bislang unbekannte Berichte betroffener Terror-Opfer, welche damals von Pfarrämtern und SVP-Ortsgruppen protokolliert und als Originale oder Kopien auf gefährlichen Wegen über die Berge nach Nordtirol gebracht worden waren. Foto: Archiv Golowitsch

Man fragt sich, warum diese zum einen im Bozner, zum andern im Innsbrucker Landesarchiv sowie nicht zuletzt im Österreichischen Staatsarchiv zu Wien frei zugänglichen Sammlungen authentischer Berichte aus dem während des faktischen „Interregnums“ von massiven Repressalien überzogenen südlichen Landesteil Tirols sich unbesehen in dunklen Archivmagazinen befanden, bis sie der Publizist ans Licht hob, minutiös aufbereitete und 75 Jahre nach Kriegsende der (zumindest interessierten) Öffentlichkeit jetzt präsentiert. Und kann sich eigentlich nur eine naheliegenden Antwort geben, nämlich dass die herkömmliche (und zumindest in Teilen ideologisch dogmatisierende universitäre) Zeitgeschichtsforschung zum Südtirol-Konflikt dieses authentischen Quellenmaterial ignorierte, weil dessen bestürzender Inhalt der in der Zunft dominanten zeitgeistigen politisch-korrekten „Opinio comunis“, insbesondere hinsichtlich einer quasi kanonisierten Betrachtungen über „bella Italia“, zuwiderläuft.

Wie stellt sich nun das Ergebnis der Kärrnerarbeit Golowitschs für uns Nachgeborene dar, und welche gewinnbringende Erkenntnis vermögen wir daraus zu ziehen? Gegen Kriegsende keimte in Südtirol die Hoffnung auf Wiederangliederung an Nord- und Osttirol und damit auf Rückkehr zu Österreich. Alle Kundgebungen, auf denen diesem Wunsch Ausdruck gegeben werden sollten, liefen den Interessen der westlichen Siegermächte zuwider, die, den niedergehenden „Eisernen Vorhang“ und den auf Stalins rigider Machtpolitik zur Absicherung des Moskowiter Vorhofs dräuenden Ost-West-Konflikt vor Augen, Italien, wo zudem die KPI zusehends an Anhängerschaft gewann, in ein Bündnis einbauen wollten, weshalb insbesondere Washington die römische Politik tatkräftig unterstützte. Mithin unterlagen in Südtirol alle Bemühungen, dem Wiedervereinigungsverlangen öffentlich Stimme und Gewicht zu verleihen, den vom amerikanischen Militär angeordneten Kundgebungsverboten. Überdies wurden alle Versuche, die zum Ziel hatten, weithin vernehmlich einzutreten für die Selbstbestimmung und für das Recht, sie zu ermöglichen, durch behördlich geduldete Terroraktionen gegen die Bevölkerung unterbunden.

Terror durch „Nachkriegspartisanen“ und uniformierte Plünderer

An massiven Übergriffen auf Proponenten von Selbstbestimmung und Rückgliederung sowie gegen die prinzipiell zu Nazis gestempelten deutsch- österreichischen und ladinischen Bevölkerungsteile Südtirols waren neben marodierenden und gleichsam in Banden umherziehenden Trägern italienischer Uniformen vor allem auch Angehörige des sich „antifaschistisch“ gebenden italienischen Befreiungsausschusses CLN (Comitato di Liberazione Nazionale) beteiligt. In dessen „Resistenza“-Formation reihten sich vormalige Faschisten ein, die rasch die Montur, aber nicht die Stoßrichtung gewechselt hatten, nämlich die beschleunigte Fortführung der Unterwanderung mit dem Ziel der unauslöschlichen Verwandlung Südtirols in einen in jeder Hinsicht rein italienischen Landstrich.

Im Mittelpunkt der Publikation Golowitschs stehen daher die gegen Personen(gruppen) und Sachen verübten Gewalttaten sowie die im südlichen Tirol zwischen (den Wirren und der eher unübersichtlichen Lage bis zum) Kriegsende 1945 und der Entscheidung der alliierten Außenminister vom 1. Mai 1946, die Forderung Österreichs nach Rückgliederung Südtirols abzuweisen, insgesamt obwaltende Repression.

„Nachkriegspartisanen“ sowie Gewalttäter aus den Reihen des die amerikanischen Besatzungstruppen ablösenden italienischen Militärs, wie etwa der „Kampfgruppe Folgore“ und der „Kampfgruppe Friuli“, bedrohten die deutsche und ladinische Bevölkerung, plünderten, raubten, mordeten ungesühnt und hielten damit die aus persönlichem Erleben wie kollektiver Erfahrung seit 1918 eher verängstigte Südtiroler Bevölkerung nieder.

Soldaten der Kampfgruppe „Folgore“ ( „Blitz“) 

Mit sozusagen von oben begünstigtem, weil staatlich gebilligtem Terror konnte daher im „demokratischen Italien“ die nahezu bruchlose Fortführung der faschistischen Politik einhergehen.

Es gab eine Reihe Südtiroler Mordopfer. Die an ihnen begangenen Untaten wurden nie gesühnt. Foto: Archiv Golowitsch

Die Refaschisierung des Landes

Frühere Faschisten wurden weithin in ihre vormals bekleideten Ämter und Funktionen wiedereingesetzt, sodass sich im öffentlichen Leben allmählich eine faktische Refaschisierung einstellte. Golowitschs Dokumentation fördert klar zutage, wie eben just ab 1945 die römische Zwischenkriegspolitik des Ethnozids im neuen, aber kaum anders gestrickten Gewande fortgesetzt wurde. Deren Bestimmung war es, durch staatlich geförderte Zuwanderung aus dem Süden Italiens die zuvor von Mussolini und seinen Getreuen bis an die „Grenze des Vaterlandes“, wie es das geschichtsfäl-schende faschistische „Siegesdenkmal“ in Bozen propagiert, ins Werk gesetzte Auslöschung der deutschen und ladinischen Teile des Tiroler Volkskörpers zu vollenden und das Land an Eisack und Etsch gänzlich der Italianità anzuverwandeln.

Um nur eines von vielen markanten Beispielen aus der Fülle der in der Dokumentation ausgebreiteten zeitgenössischen Zeugnisse zu nennen, sei hier jener aufschlussreiche Vermerk vom September 1945 erwähnt, worin es heißt, die am 8. Mai 1945 gegründete (und bis heute im Lande dominante) Südtiroler Volkspartei (SVP) habe wöchentlich mehrere Überfälle, Diebstähle, Raub, Plünderung und Mord bezeugende Tatberichte erhalten. Der „Volksbote“, das SVP-Parteiorgan, meldete am 21. März 1946, in einer einzigen Eingabe an die zuständigen Behörden seien 60 teils blutige, teils unblutige Überfälle aufgezählt gewesen.

Sich duckende politische Führung  –  der Klerus auf Seiten des Volkes

Zu denen, die derartige Geschehnisse ereignis- und ablaufgetreu wiedergaben sowie nicht selten selbst schriftlich festhielten, in Berichtsform abfassten und an sichere Gewährsleute übergaben, die sie nach Innsbruck brachten, gehörten in vielen Fällen katholische Geistliche.

Indes fördert Golowitschs Publikation auch von Ängstlichkeit, Unterwerfung und Arrangement hervorgerufene Leisetreterei zutage, die sich nicht anders denn als politisches Fehlverhalten charakterisieren lässt. So fürchteten Parteigründer und erster SVP-Obmann Erich Amonn und sein Parteisekretär Josef Raffeiner eigener Aussage zufolge für den Fall, dass sie die ihnen aus Ortsgruppen ihrer Partei zugegangenen Tatberichte öffentlich gemacht hätten, Anklage und Verurteilung wegen  des strafbewehrten Delikts „Schmähung der italienischen Nation und der bewaffneten  Streitkräfte“ aus dem trotz Regimewechsels nach wie vor in Kraft befindlichen faschistischen „Codice Penale“. Weshalb Sie die Berichte zwar verwahrten, aber verschwiegen. Selbst Vertreter der alliierten Siegermächte, die ja der Form nach die eigentliche Gewalt im Lande hätten innehaben und ausüben müssen, wozu gehört  hätte, die offenkundigen italienischen Umtriebe zu unterbinden, setzten sie nur mündlich davon in Kenntnis und konnten allenfalls ein Achselzucken erwarten.

Dasselbe gilt, wie Golowitsch darlegt, auch für Politiker der unter Viermächte-Statut der alliierten Besatzer stehenden und zwischen 27. April und 20. Dezember 1945 gebildeten Provisorischen Regierung zu Wien, der, unter Leitung des sozialistischen Staatskanzlers Karl Renner zu gleichen Teilen Vertreter von ÖVP, SPÖ und KPÖ angehörten. Und ganz besonders gilt es für die aus der ersten Nationalratswahl (25.11.1945) hervorgegangene und vom 20. 12. 1945 bis 8.11. 1949 amtierende Regierung unter ÖVP-Kanzler Leopold Figl mit sieben Ministern der ÖVP, fünf Ministern (ab 24.11.1947 deren sechs) der SPÖ und (bis 24.11.1947) einem von der KPÖ gestellten Minister.

Viele der Berichte über die Vorgänge in Südtirol gelangten im Original oder in Abschrift nach Nordtirol und von dort auch zur Kenntnis der in Wien Regierenden, zumal da der auf das Engste mit der Causa „Zukunft Südtirols“ vertraute Außenminister Karl Gruber (ÖVP) Tiroler (mit Wohnsitz in Innsbruck) war. In Wien machte man, auf die Wünsche vor allem der amerikanischen und britischen Besatzungsmächte Rücksicht nehmend, die ja mit den Kommandantura-Sowjets – als den misstrauischsten und sich stets als gegnerische Macht gebärdenden Besatzern – auskommen mussten, den Inhalt der Südtiroler Berichte nicht zugänglich, um öffentliche Sympathiebekundungen für die Südtiroler und eventuell damit verbundene Aufwallungen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Am 5. September 1946, wenige Monate nach Amtsantritt Figls, traf Gruber in Paris jene Vereinbarung mit DeGasperi, die für den von den Siegermächten bestimmten Verbleib Südtirols bei Italien und die damit eingeläutete Nachkriegsentwicklung maßgeblich sein sollte.

Fazit: Wer die dadurch und in den Folgejahren hervorgerufenen Enttäuschungen der Südtiroler ob ihrer neokolonialistischen Unterjochung durch Rom und ihre zunächst hilflose Wut bis hin zur auch gewaltbereiten und gewalttätigen Auflehnung idealistischer Aktivisten des Befreiungsausschusses Südtirol (BAS) vom Ende der 1950er bis hin in die 1970er Jahre sozusagen von der Wurzel her begreifen will, kommt an Golowitschs höchst ansehnlicher und zutiefst beeindruckender Dokumentation nicht vorbei.

Von 1985 bis 2012 war Reinhard Olt für die „Frankfurter Allgemein Zeitung“ tätig, von 1994 bis zum Ausscheiden als politischer Korrespondent mit Sitz in Wien. Neben dieser Tätigkeit hatte er Lehraufträge an deutschen und österreichischen Hochschulen inne. Von 1992 bis 2008 war er Mitglied des Gesamtvorstands der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS). Ab 2012 unterrichtete er gelegentlich in Budapest sowie in Graz.


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