Bei der Diskussion rund um das Thema „Islamismus“ wird nicht immer ganz klar definiert, worum es bei diesem Begriff überhaupt geht. Unsere Studie „Islamofaschismus – Warum islamistischer Terror und der historische Faschismus nichts gemein haben“ beleuchtet den Begriff.

In einem Beitrag für die Grazer Quartalsschrift „Neue Ordnung“, mittlerweile „Abendland“, wurden unter Bezugnahme auf Forschungsergebnisse des renommierten französischen Islamwissenschaftlers Olivier Roy zwei widerstreitende radikale Bewegungen innerhalb des Islam voneinander geschieden. Es sind dies der stärker politisch ausgerichtete Islamismus und der rein religiös argumentierende Neofundamentalismus, die unterschiedliche Ideologiefragmente aufweisen, divergierende Zielsetzungen besitzen und sich in ihren realen Begegnungen zum Teil offen und, seit 2013 vor allem in Syrien, militant gegenüberstehen.

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Dort kämpfen an der Seite der legitimen syrischen Regierung unter Präsident Baschar al-Assad nicht nur alawitische und christliche Selbstverteidigungseinheiten, sondern vor allem auch libanesische Hisbollah-Verbände und iranische Milizen, die beide als (schiitische) „Islamisten“ gelten können, gegen (sunnitische) Neofundamentalisten der „Nusra-Front“, des „Islamischen Staates“ und zahlloser weiterer Splittergruppen. Der eigentliche Islamismus – Marke Iran oder Hisbollah (Libanon) – stellt sich nach Roy nicht nur als religiöse Erscheinung dar, sondern darüber hinaus als politische Ideologisierung des Islam nach dem Vorbild großer politischer Doktrinen des 20. Jahrhunderts, wie Marxismus und Faschismus (nicht: Nationalsozialismus).

Ernst Nolte spricht zumindest für diese Phänomene zutreffend vom Islamismus als dritter  Widerstandsbewegung“ gegen die (westliche, kapitalistische, liberal-universalistische) Moderne. Weitergehend wurde in der „Neuen Ordnung“ zu diesem Komplex dargelegt:

„Die religiöse Sphäre einer islamischen Gesellschaft in einem konkreten Staatsgebiet wollen Islamisten in der Regel unter die wechselseitige Aufsicht einer politischen Autorität stellen; die Institution ‚Staat‘ wird dabei nicht als ‚westliches Konstrukt‘ [wie bei Neofundamentalisten] angesehen, sondern als angemessene Art  und Weise, die Herrschaft über eine Nation zu sichern. Maximalziel ist dabei die Schaffung einer Theokratie. Die Konzentration islamistischer Bestrebungen auf die Regierungsübernahme innerhalb einer staatlichen Ordnung gehe einher mit einer Nationalisierung der eigenen Weltanschauung […].“

Für Roy sind islamistische Bewegungen demgemäß potenziell auch nationalistisch und erkennen, anders als Neofundamentalisten, Völker und regionale Besonderheiten an, beziehen sich sogar ausdrücklich auf solche, sind verwurzelt in der entsprechenden Landeskultur und daher prinzipiell koalitionsfähig mit nicht islamischen Parteien und Gruppen, weil sie nicht nur religiöse Allüren aufweisen, sondern zugleich politische oder gesamtstaatliche Ansprüche stellen.

Islamisten seien demzufolge auch ausdrücklich politisch, richteten ihre Programme nach nationalen Gegebenheiten aus, verfolgten konkrete Wirtschafts- und Sozialprogramme und seien in religiöser Hinsicht zwar an einer strengen Gläubigkeit der Bevölkerung als Garantie für loyale, moralisch verlässliche Bürger interessiert, verfolgten aber keine Pläne einer konstanten Radikalisierung der Individuen, weil dies mit einer Gefahr der Infragestellung der Legitimität des eigenen irdischen Herrschaftsanspruches korrelieren würde.

Gemäßigte wie radikale Islamisten strebten danach, Andersdenkende von der Demokratietauglichkeit des Islam zu überzeugen, und gäben vor, der Islam als Staatsreligion garantiere qua Schura die beste Form eines demokratisch verfassten Gemeinwesens. Neofundamentalisten hingegen lehnten bereits die bloße Akzeptanz des (westlichen, europäischen) Prinzips der Staatlichkeit als Organisationshülle des Gemeinwesens und die Politisierung des Islam durch Islamisten als „unislamisch“ und häretisch ab: Recht und Ordnung könnten nur von Gott kommen; wer irdische Gesetze der Scharia beigesellt, sündige gegen sie und gelte als abtrünnig – ergo als Freiwild.

Dementsprechend erfuhr man in der IS-Propaganda viel über Strafformen in ihrem Machtbereich, aber nichts über die in der Zukunft anvisierte politische oder ökonomische Form eines tatsächlichen „Islamischen Staates“. Alleiniges Ziel war (bzw. ist) die Unterwerfung oder, bei Widerstand, die Ausrottung der Feinde sowie die globale Einführung der Scharia in ihrer denkbar erbarmungslosesten Auslegung.

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  • Muslim,Cleric,Seen,From,His,Back,With,A,Blue,Sky: Roman Yanushevsky via Shutterstock