Der Kunstbegriff der „Islamophobie“ bleibt wegen seiner Ungenauigkeit höchst umstritten. Weil er gerade aufgrund dieser allseits bekundeten Unschärfe als Kampfbegriff geeignet ist, endet er in der akademischen Debatte zumeist keine breite Akzeptanz.

Ernsthafte Debatten, die sich um diesen Begriff ergeben, sind wissenschaftlich unmöglich, sowohl Begriffsgeschichte als auch einschlägiger Charakter seiner Proponenten sollten ihn eigentlich außerhalb des öffentlichen Diskurses stellen. Dennoch war er breit genug in Verwendung, um gerade durch Unschärfe zum Bestandteil generalisierter Rassismus- bzw. Xenophobiedebatten zu werden. Infolge der Polarisierung landeten entsprechende Diskurse im Begriffsfeld des Kulturkampfes, wurden „entlang ethnischer bzw. völkischer Grenzziehungen und dem Topos kulturelle Überfremdung“ geführt.

Die Politisierung des Begriffs trotz seiner – ernsthaften Wissenschaftlern zufolge – akademisch unredlichen Natur fand kräftigen Aufwind durch die offenkundig politische Motivation von Akteuren wie der OIC oder SETA. Diese nahmen die Vermischung und Unschärfe der Begrifflichkeit dankbar auf und ermöglichten dieser erst die öffentliche Geltung. Es ist auch diese konstruierte „Islamophobie“, welche dazu führte, dass sogar die Vereinten Nationen im Jahr 2004 die Scheinthematik in eine Vortragsreihe unter dem Motto „Unlearning intolerance“ inkludierten. Neben anderen Formen der Intoleranz fand auch „Islamophobie“ umfassende Behandlung. Der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan zog sogar den problematischen Antisemitismusvergleich und attestierte dem Westen eine „tief verwurzelte Feindschaft“ gegenüber den Islam.

Ob sich Annan der Tragweite seiner Äußerung bewusst war oder nicht – seine These lässt sich schlichtweg nicht belegen. Für Pfahl-Traughber stellt die fehlende Abgrenzung und schleichende Entdifferenzierung gegenüber dem Rassismusbegriff ein Problem dar. Weiters gilt laut dem Politologen als umstritten, dass „in den Begriff Islamophobie aber auch Dimensionen eingeschrieben sind, die zum Grundbestandteil jeder liberalen und aufgeklärten Gesellschaft gehören und insofern berechtigte Kritik an europäischem Rassismus vermischt wird mit der islamistischen Intention, Freiheit und Aufklärung abzuwehren.“ Darüber hinaus definiere Hafez in seinen „Islamophobie“-Berichten den Begriff überhaupt als „antimuslimischen Rassismus“. Schließlich besteht für Pfahl-Traughber „ein anderes Problem […] darin, dass mit ‚Islamophobie‘ islamistische Organisationen eine Immunisierung vor Kritik beabsichtigen.“

Gerade in Bezug auf den letzten Punkt ist auffällig, dass gemäßigte europäische Muslime die schärfsten Kritiker des „Islamophobie“-Kampfbegriffes sind. Eindrucksvolles Beispiel hierfür ist eine Aussendung der „Initiative Liberaler Muslime Österreichs“ (ILMÖ) vom 20. April 2006, die den Terminus als „niederträchtiges Werkzeug radikaler Islamisten“ einordnete. Dieser ermögliche eine Art „Islamophobiekeule“, welche Islamisten nur dazu diene, ihre Außenwirkung aufzupolieren. Für die ILMÖ passte damals Islamkritik klar in die Meinungsfreiheit und nicht zur Einordnung ins Begriffsfeld Rassismus/„Islamophobie“.

Bemerkenswert ist die Deutlichkeit der ILMÖ wider den Begriff: Es handele sich bei der Kampagne für den „Islamophobie“-Begriff „um eine europaweite konzertierte Kampagne gegen die Meinungsfreiheit, der sich alle aufgeklärten Menschen und liberalen Muslime in den Weg stellen müssen.“ Aussagen und Veranstaltungen in Europa, die sich um den Begriff formierten, bezweckten, „unter dem Deckmantel des Kampfbegriffes ‚Islamophobie‘ jegliche Kritik am Islam und an radikalen Islamisten wie der Muslimbruderschaft, Millî Görüş, ATIB oder Salafisten im Keim zu ersticken.“ Der damalige Präsident der Gruppierung, Amer Albayati, sah eine „gefährliche Kampagne“ und stellte heraus, dass es „niemals Islamophobie sein kann, wenn man im Rahmen der Meinungsfreiheit offenkundige Fehlentwicklungen kritisiert“. In ganz Europa beobachte man einen Versuch, „mit diesem von dubiosen Islamisten erfundenen Kampf begriff Kritiker mundtot zu machen“.

Zu einer ähnlichen Schlussfolgerung kam der Philosoph Pascal Bruckner, der vor einer Gleichsetzung der freien Ausübung von Religion in den westlichen Demokratien mit einer Verteidigung von Fanatismus warnte. Für ihn gebe es das Recht auf Religionsfreiheit nur in Symbiose mit jenem auf Meinungsfreiheit. Man müsse für Kritik offen bleiben und jeglichen Extremismus bekämpfen. Neben tatsächlichem Rassismus in Frankreich identifizierte Bruckner auch einen „imaginären Rassismus“, welchen die „Islamisten dem Westen und dem laizistischen Frankreich im Besonderen unterstellen“. Damit meinte er den „Islamophobie“-Begriff, an welchem zudem auch viele politische Linke festhielten. Für diese ergebe sich durch dessen Verwendung die Möglichkeit, „die muslimischen Einwanderer zu den neuen Entrechteten und Unterdrückten des Systems zu verklären“.

Die Wurzeln für dieses Phänomen sieht auch Bruckner in der Kultivierung von Schuldgefühlen im Hinblick auf das schlechte Gewissen westlicher Länder bezüglich totalitärer Systeme des 20. Jahrhunderts und der Kolonialgeschichte. Dieses Bewusstsein sei Wurzel für eine „fahrlässige Sympathie des Westes für den Islam“. Eine Sorge vor dem Einfall samt gesellschaftlichen Umwälzungen durch diesen sei nach jenem Weltbild nicht rational. Der „Islamophobie“-Vorwurf ist für Bruckner außerdem in der Position, jegliche Kritik am Islam außerhalb des Diskurses zu stellen. Fundamentalistische Strömungen und Dogmen innerhalb der Glaubensgemeinschaften würden nicht mehr vonseiten gemäßigter Muslime unterbunden. In die Konkurrenz der Minderheiten mische sich dazu ein Opferstatus, welcher sich nicht selten am Antisemitismusvorwurf orientiere. Dies gehe so weit, dass Kopftuchverbot und Diskussionen über die Reichung halal geschächteter Mahlzeiten zu einem ersten Schritt anti-muslimischer Verfolgung umgedeutet würden. Wer den Islam als mögliches ideologisches Fundament für extremistische Anschläge und Attentate diskutieren wolle, dem werde mit der Rassismuskeule aufgewartet.

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