Max Otte tritt für die AfD als Bundespräsidentenkandidat an. Wir haben mit ihm über sein Buch „Weltsystemcrash“ und viele weiteren Themen gesprochen und bringen einen Auszug aus unserem Interview.

Freilich: Herr Professor Otte, Ihr umfangreiches Buch „Weltsystemcrash“ macht Furore und findet sich hartnäckig in der Bestsellerliste des „Spiegel“. Ich war dann doch erstaunt über den Auftritt des Literaturkritikers Denis Scheck in seiner Fernsehsendung „druckfrisch“, der beim Lesen Ihres Buches Ekel empfunden haben will. Hat Sie das brüskiert, oder empfanden Sie die schräge Nummer eher als eine Art Ritterschlag?

Maximilian Otte: Diese willkürlichen und durch nichts begründeten Diffamierungen sind schon bestürzend. Es ist frustrierend, in was für einer Welt der Medienreflexe wir leben, von daher kann man das natürlich als Ritterschlag sehen. Es hat Scheck wahrscheinlich extrem geärgert, dass ein Buch, das in seinen Augen nicht sein darf und von den Öffentlich-Rechtlichen ja auch konsequent totgeschwiegen wurde, auf Platz 7 der Sachbuch-Bestsellerliste war und er es besprechen musste. Ich sehe das, ehrlich gesagt, eher als ein klares Zeichen, dass er mächtig genervt war und dann diese Reaktion seinerseits kam.

Was, vermuten Sie, steckt dahinter? Denis Scheck ist zwar einer der sogenannten Systemjournalisten, die sich gut im  zwangsabgabenfinanzierten Staatsfunk eingerichtet haben, aber er hätte Ihr Buch ja auch eigentlich ganz sachlich und ruhig besprechen können. Stattdessen warf er es einfach theatralisch in den Reißwolf, das schien doch wenig souverän.

Ja, eben. Ich meine, er hat das Buch ja mit großer  Sicherheit gar nicht gelesen. Er hat sich das Thema Migration einfach mithilfe seiner Redaktion herausgepickt und sich daran aufgehängt. Dabei geht es in „Weltsystemcrash“ gar nicht wirklich um Migration. Scheck war einfach verärgert und konsterniert, dass der erklärte Feind Max Otte mit seinem neuen Buch wieder auf der „Spiegel“-Liste landet. Da wissen diese saturierten Leuten aus dem System, die sich sicher eingerichtet zu haben glauben, plötzlich nicht mehr, wie sie damit umgehen sollen.

„Weltsystemcrash“ ist ja ein Buch, mit dem ich mir große Mühe gegeben habe, und aus meiner Sicht auch ein wichtiges und notwendiges Buch. Es hat schon eine gewisse Sprengkraft­ – man muss es eben nur lesen (lacht). Wenn man dann merkt, Mensch, das was die Opposition sagt, kann man ja mit Hand und Fuß begründen, das ist ja gar kein unseriöser Populismus, das ist ja doch mehr, dann werden solche Leute unsachlich und schlagen reflexartig zu. Man kennt das hinlänglich aus den aktuellen politischen Debatten.

Mich hat bei der Beschäftigung im Vorfeld unseres Gespräches mit Ihnen immer sehr interessiert wieso Sie nach wie vor – ich wollte die Frage eigentlich zum Schluss stellen, aber ich ziehe sie jetzt mal vor – wieso Sie immer noch Mitglied der CDU sind und bleiben?

Das ist eigentlich recht einfach erklärt. Es gibt auch viele Mitglieder der CDU, die mir hinter vorgehaltener Hand sagen: Gut, dass Sie dabei bleiben, dass Sie die Dinge beim Namen nennen, dass Sie dieses System mit seiner Inkonsistenz konfrontieren. Aus meiner Sicht bin ich jedenfalls ein CDU-Mitglied, das auch vernün­ftige Sachen von sich gibt und von sich geben darf, und das in der CDU auch Platz haben muss. Die Spannung liegt natürlich darin, dass mich der Mainstream bei der AfD einsortiert. Die Medien müssen damit umgehen, dass diese Dinge von einem CDU-Mitglied kommen und eben nicht von einem AfD-Mitglied.

Sie sprechen in Ihrem Buch  „Weltsystemcrash“ von geopolitischen und ökonomischen Verwerfungen, politischen Umwälzungen im Westen und ökonomischen Krisenphänomenen, die uns heute umgeben. Ist der Brexit für Sie ein erstes Zeichen einer derartigen Entwicklung? Haben Sie ihn vorausgesehen?

Der Brexit ist auf jeden Fall ein Zeichen dafür, wie sehr das System durcheinandergerät. Kernthema meines Buches „Weltsystemcrash“ sind zwei Tendenzen. Dazu kommt das Nebenthema der zunehmenden medialen Repression. Auch das ist dort ein Thema, nicht, wie Herr Scheck glaubt und glauben machen will, die Migration.

Das erste Hauptthema, die erste von mir beschriebene globale Tendenz ist geopolitischer Natur, das ist der Abstieg der USA und der gleichzeitige Aufstieg Chinas. Ich wende dabei die Theorie der hegemonialen Zyklen von Robert Gilpin an, wonach internationale Ordnung anarchisch ist; es gibt keine klaren Regeln. Gilpin ist der Meinung, dass sich die Natur der internationalen Beziehungen im Laufe der Jahrtausende nicht verändert hat. Für ihn ist Geschichte nicht „offen“ nach dem Motto „Alles ist möglich“, sondern in deskriptiv erfassten und analysierbaren Zyklen darstellbar. Es gibt Supermächte oder Hegemonialmächte, die eine gewisse Ordnung schaffen, auch mit kriegerischen Mitteln, wie auch immer. Dann steigen irgendwann neue Mächte auf und die alten Platzhirsche fühlen sich bedroht. Es kann dann Krieg geben oder eine Situation entstehen, wie wir sie um 1900 hatten, als Deutschland die weltweit führende Wirtscha­ftsmacht England zu überholen drohte. Wir hatten das allerdings auch schon vorher um 1750 zwischen England und den Niederlanden. Jetzt erleben wir Ähnliches, und zwar zwischen China und den USA. Die Vereinigten Staaten wehren sich mit allen guten und schlechten Mitteln dagegen.

Das zweite Thema, die zweite Grundthese ist gesellschaft­spolitischer und sozialer Natur, dass nämlich der Finanzkapitalismus global, vor allem im Westen natürlich, die Mittelschicht ausgeblutet hat. Mit dem Ergebnis, dass wir den Aufstieg einer neuen Klasse der Superreichen haben und die Mittelschicht abgestiegen ist. Wenn man will, kann man zu den Entwicklungen der jüngsten Zeit auch noch einen dritten großen Trend dazunehmen, den menschengemachten Klimawandel und seine Instrumentalisierung, aber das führt hier zu weit. In meinem Buch gehe ich darauf auch nicht ein.

Aber zurück zu den beiden wichtigen großen Trends, die ich beschreibe. Der Brexit ist ganz klar ein Teil dieser Trends, also eine Reaktion auf die Unordnung in der Welt, obwohl die EU versucht, das Thema repressiv zu lösen, um sich selbst zusammenzuhalten. Doch der Brexit als Symptom zeigt, dass es massive Gegenbewegungen gegen Brüssel gibt. Unterm Strich also: Die ganze Welt ist in Unordnung geraten, und der Brexit zeigt uns genau dies. Bei Markus Lanz in der ZDF-Talkshow habe ich am 21. Juni 2016, als es gerade mit der Brexit-Geschichte losging, gesagt, dass ich mich freue. Ich sah den Brexit als eine schöne Chance für Europa. Doch nicht nur, denn es gibt auch Risiken. Aber ich habe damals auch gesagt, ich gebe dem Brexit-Vorhaben bestenfalls die Chance von 50:50, weil die Eliten über zwei Jahre Zeit haben, das Ganze zu stoppen. Das haben sie ja dann auch, wie wir alle mitbekommen haben, mit aller Macht und fast mit Erfolg versucht. Als dann das Brexit-Referendum am 26. Juni 2016 so klar ausfiel, habe ich ganz tief durchgeatmet.

Was treibt die Briten an, ein Teil der Unordnung sein zu wollen?

Das wird von den Briten anders empfunden, wir reden ja nicht von ihren nationalen Interessen, sondern ihrer Rolle im großen internationalen Spiel, in dem die Weltordnung jetzt durcheinandergebracht oder neu aufgestellt wird.

Klar ist, dass das angeblich so marktliberale Großbritannien eine an seinen Interessen ausgerichtete Politik betreibt. Und wie diese Interessen aussehen, orientiert sich maßgeblich an den Interessen der Londoner City, also dem Finanzzentrum des Landes. Nehmen Sie nur das Beispiel des Übernahmeangebotes, das 2004 von Werner Seifert, dem Chef der Deutsche Börse AG, abgegeben wurde. Da haben sich wahrscheinlich alle über die Naivität des Deutschen totgelacht. Es musste klar sein, dass die Briten das Filetstück ihres Finanzmarktes nie in deutsche Hände geben würden. Der Brexit hat den ganzen Übernahmeplänen jetzt endgültig den Riegel vorgeschoben. Die Deutsche Bank ist ja in London auch nicht gerade glücklich geworden. Alles im Übrigen Teil eines Zermürbungskrieges gegen das deutsche Finanz- und Bankensystem.

Es stellt sich mir die Frage: Cui bono? Wer hat was davon, wenn die Welt in Unordnung gebracht wird?

Das kann man so nicht fragen, die Frage geht am Zustand, den wir alle beobachten können, vorbei. Es gibt erst einmal keinen klar erkennbaren Vorteil im gesamten Spiel. Aber die Zeitläuf­e belegen, dass Menschen, Staaten sich immer in einem Wettbewerb um Macht und Einfluss befinden und deshalb die Unordnung und damit leider auch der Krieg Normalzustand sind. Dieses typisch deutsche Denken, dass die Ordnung, dass gültiges Gesetz der Normalzustand sind, trifft eben nicht auf die internationale Politik zu. Es gibt nämlich nicht, wie etwa in der Innenpolitik, einen Gesetzgeber, sondern Staaten, die mehr oder weniger souverän im Wettbewerb um Vorteile, Macht und Prestige stehen. Da wird dann neben dem friedlichen ökonomischen Wettbewerb die ganze Klaviatur gespielt: Wirtschaftskriege, kulturell-religiöse Einflussnahme, Geheimdienstoperationen und militärische Interventionen. Auch, dass Staaten zum Mittel des Krieges greifen, ist leider recht normal. Die Gefahr wächst eben jetzt, wo die Hierarchie auf der Welt nicht mehr so klar ist wie vor 40 Jahren.

Ich konnte Ihren biografischen Daten entnehmen, dass Sie eine zweite Staatsbürgerschaft besitzen, Sie sind auch Amerikaner. Schlägt Ihr Herz eigentlich sehr für die USA?

Ja, sicher, natürlich. Es ist ein hochinteressantes, spannendes Land, eine interessante Bevölkerung, aber im Moment ist Amerika ein großer Unsicherheits- und Instabilitätsfaktor, nicht erst seit Trump, sondern mindestens seit George Bush, wenn nicht sogar Bill Clinton. Seit George Bush II., oder von mir aus auch schon seit Bill Clinton ist Amerika eigentlich ein Land, das sehr viel Unruhe in die Welt trägt. Das ist problematisch, zumal die USA nach wie vor das mächtigste Land der Welt sind. Gerade militärisch ist eine unglaubliche Präsenz aufgebaut worden. Es gibt mehr als 800 amerikanische Militärbasen in 70 Ländern. Die wenigsten hierzulande wissen: Seit 1898 existiert zum Beispiel die Guantanamo Bay Naval Base auf Kuba. Insgesamt sind mehr als 90 Prozent der Militärbasen auf der Welt in US-amerikanischer Hand. Im Buch habe ich ja auch zitiert, dass in Amerika 960.000 Leute die höchste Geheimhaltungsstufe haben, dass die nicht alle so nette und harmlose Sachen machen wie Edward Snowden. Man muss natürlich auch sagen, dass die Amerikaner und die Politik der USA zwei verschiedene Paar Schuhe sind.

Wie schätzen Sie den jetzigen US-Präsidenten Donald Trump ein?

Bei  Donald Trump gibt es Licht und Schatten, aber das Licht überwiegt bei Weitem. Trump ist ein  Marketingmann, Reality-TV-Star und Selbstdarsteller. Auf jeden Fall ist er ein erfolgreicher Geschäftsmann. Er hat die Werte der Mittelschicht verinnerlicht. Bezüglich seiner Aussage „America First!“: Das war zumindest der Wahlkampfslogan, und es war damit vor allem gemeint, das Land ökonomisch wieder auf die Beine zu bringen. Aber unabhängig davon liegt es ihm, Geschäft­e zu machen, das scheint ein wenig der Stil seines politischen Verhaltens, wobei man sagen muss, Trump ist für mich ein Friedenspräsident. Er … (Dieses Interview ist im FREILICH Magazin 7 erschienen. HIER FREILICH bereits ab EUR 49,00 abonnieren).

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Bildquelle

  • MaxOtte16-10-22-02: Max Otte via Wikipedia