Insgesamt verwenden vor allem solche Akteure den Begriff „Islamophobie“, die ihn in der zwischenkulturellen Auseinandersetzung als Kampfbegriff missbrauchen. Die Gegenseite wiederum lehnt ihn in aller Regel gänzlich ab und unterstellt eine Absicht der Instrumentalisierung. Was ist wirklich dran?

Sichtbar wird dies durch inhaltliche Framings und Agenden zu großen Schicksalsfragen unserer Zeit. Weite Teile der Aufnahmegesellschaften empfinden eine Masseneinwanderung aus islamischen Kulturräumen als Islamisierung. Daraus entstehende Kritik wird dann von Verfechtern der „Islamophobie“ gerne außerhalb des Sagbaren gestellt. Denn obwohl der Diskurs nicht allein als Kulturkampf-Debatte zu führen wäre, sondern auch wirtschaftliche Dimensionen hat (angeblicher Fachkräftemangel, Einwanderung in untere Einkommensstrata, Drückung des bestehenden Lohnniveaus etc.), sind es kulturelle Fragestellungen, welche politische Lager in Europa stark entzweien und polarisieren. Der Umschichtung politischer Trennlinien von der ökonomischen auf die kulturelle Ebene und deren Implikation für den „Islamophobie“-Diskurs ist ein eigenes Kapitel im hinteren Teil der Studie gewidmet.

Wie der einstige Papst Benedikt XVI. bereits 2005 feststellte, ist wichtig, zu beachten, dass „[die] Renaissance des Islam […] nicht nur mit dem neuen materiellen Reichtum islamischer Länder verbunden [ist], sondern auch von dem Bewusstsein gespeist [wird], dass der Islam eine tragfähige geistige Grundlage für das Leben der Völker zu bieten vermöge, die dem alten Europa abhanden gekommen zu sein scheint, das trotz seiner noch währenden politischen und wirtschaftlichen Macht immer mehr zu Abstieg und zum Untergang verurteilt angesehen wird. […] Mit dem Sieg der posteuropäischen technisch-säkularen Welt, mit der Universalisierung ihres Lebensmusters und ihrer Denkweise verbindet sich weltweit, besonders aber in den streng nicht-europäischen Welten Asiens und Afrikas der Eindruck, dass die Wertewelt Europas, seine Kultur und sein Glaube, worauf seine Identität beruhten, am Ende und eigentlich schon abgetreten sei; dass nun die Stunde der Wertesysteme anderer Welten, des präkolumbianischen Amerika, des Islam, der asiatischen Mystik gekommen sei. Europa scheint in dieser Stunde seines äußersten Erfolgs von innen her leer geworden, gleichsam von einer lebensbedrohenden Kreislaukrise gelähmt, sozusagen auf Transplantate angewiesen, die dann aber doch seine Identität aufheben müssen. Diesem inneren Absterben der tragenden seelischen Kräfte entspricht es, dass es auch ethnisch Europa auf dem Weg der Verabschiedung begriffen zu sein scheint.“

Zusammenfassend zeigt die im Jahr seiner Papstwahl verfasste Analyse, aus welcher Richtung die oft fordernde und diskursiven und tatsächlichen Raum beanspruchende Verhaltensweise stammt, die islamische Kultur- und Religionsvertreter zeigen. Aggressive Ton- und Wortwahl in medial ausgetragene Debatten hilft ihnen, Anliegen in der allgemeinen Öffentlichkeit zu verankern. Ergänzend führt der Strategieprofessor Joel Haywards aus, dass Islamkritiker häufig den Eindruck vertreten, dass der islamische Glaube weitaus militantere, aggressivere und gewaltaffinere Formen der Kriegsführung kenne als westliche Konfliktethik, die sich durch Zurückhaltung, Ritterlichkeit und Respekt vor dem Leben von Zivilisten auszeichnet. Ungeachtet allfälligen Zutreffens sollten aber die Mentalitätsunterschiede, welche solche Auffassung entstehen lassen, zumindest in die Bewertung eingerechnet werden.

Am stärksten vertritt die Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC; früher: Organisation der Islamischen Konferenz) auf dem internationalen Parkett den Begriff der „Islamophobie“. In dieser zwischenstaatlichen Konferenz organisieren sich 56 Staaten, in denen Muslime entweder die Mehrheit oder eine nennenswerte Minderheit darstellen; ihr Sitz ist in Dschidda in Saudi-Arabien. Der Historiker Heiko Heinisch führt aus: „Im Rahmen einer Kampagne gegen ‚Diffamierung von Religionen‘ ist die Verabschiedung einer internationalen ‚Resolution gegen Islamophobie‘ eines der erklärten Ziele der Organisation. Alle Staaten der Welt werden darin aufgefordert, Gesetze zu erlassen, die Islamophobie mit abschreckenden Strafen ahnden. Zur Untermauerung dieser Forderung setzte die OIC 2007 eine eigene Beobachtungsstelle ein, die ‚alle Formen der Islamophobie‘ weltweit dokumentieren und jährlich einen Bericht veröffentlichen soll.“ Dabei verstehe die OIC aber lediglich „die Diffamierung des Islam sowie von Persönlichkeiten und Symbolen, die den Muslimen heilig sind“, als „islamophob“. Weiters sei festzuhalten: „Ziel der Bestrebungen der OIC ist, neben einem Schutz vor Kritik, die weltweite Deutungshoheit über das Thema Islam. Das Verbot von Religionskritik, wie es in fast allen islamischen Staaten gesetzlich verankert ist und dort auch von großen Teilen der Bevölkerung als legitim betrachtet wird, soll nach Ansicht der OIC internationale Geltung erhalten.“

Allerdings hatte bereits im März 2004 der ehemalige UNO-Generalsekretär Kofi Annan aus Ghana den „Islamophobie“-Begriff zur internationalen Verwendung freigegeben: „Wenn sich die Welt genötigt sieht, einen neuen Begriff zu münzen, um damit zunehmend verbreiteten Ressentiments Rechnung zu tragen, dann ist das eine traurige und problematische Entwicklung. Dies ist der Fall mit der ‚Islamophobie‘. Das Wort scheint sich in den späten 1980ern und frühen 1990ern gebildet zu haben. Heute haben das Gewicht der Geschichte und die Nachwehen jüngster Entwicklungen viele Muslime in einer Situation zurückgelassen, in der sie sich angefeindet und missverstanden fühlen und sich Sorgen machen über eine Erosion ihrer Rechte, ja sogar Angst um ihre körperliche Sicherheit haben“. Die Rede fand auch in der internationalen Presse rege Beachtung. Annan kritisierte darin zudem, dass „zu viele Menschen […] den Islam als einen Block, der in Opposition zum Westen steht“, sähen.

Auch wenn dies die erste prominente Akzeptanz des Begriffes seitens eines führenden UN-Vertreters darstellt, leisteten einschlägige Interessengruppen bereits länger Vorarbeit, um diesen in den offiziellen Sprachgebrauch der UNO und ihrer Mitgliedstaaten sowie in weiterer Folge der EU zu integrieren.

So legt der oben bereits erwähnte Bericht der EUMC nahe, dass diese eine Kampagne in diese Richtung fuhr. Sie trug „nach dem 11. September 2001 eine Fülle von sehr unterschiedlichen antiislamischen Vorfällen in den verschiedenen EU-Mitgliedsstaaten, die von verbalen Ausfällen bis zu physischen Attacken reichten“, zusammen. Zwar hätte die EUMC gerade angesichts der Verschiedenartigkeit der Vorfälle und zahlreicher Beispiele für Kritik an selbigen und Solidaritätsbekundungen mit betroffenen islamischen Communities ein differenziertes Bild zeichnen können. Stattdessen attestierte die Einrichtung den am Ausgang des Untersuchungszeitraumes 15 EU-Staaten ein „tief sitzendes Wesen von Islamophobie und Xenophobie“.

Einen eigenen Definitionsversuch nahm die EUMC nicht vor. Auch blieb der Bericht den Nachweis für eine weite Verbreitung schuldig. Im Lauftext heißt es lediglich: „Da jedoch kein umfassendes Datenmaterial verfügbar ist, bleiben das wahre Ausmaß und der wahre Charakter der gegen Muslime gerichteten Diskriminierung und islamfeindlichen Vorfälle weiterhin unzureichend dokumentiert.“ Dass derart unpräzise Auswertungen zur Folge haben, dass Interpretationen in beide Richtungen – sowohl die Annahme einer hohen Dunkelziffer als auch die gänzliche Negierung des Phänomens – fruchtbar bleiben, liegt auf der Hand.



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  • levi-meir-clancy-Y2oE2uNLSrs-unsplash: Levi Meir Clancy via Unsplash