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Ob Europa in Rüstung investiert, interessiert den Onkel aus Peking nicht. Ob Europa gegenüber Russland robust au­ftritt, interessiert ihn nicht. Ob Europa gegenüber Islam und Afrika robust au­ftritt, interessiert ihn nicht. Heute lesen Sie den zweiten Teil des Kommentars von Gerd Bachmann (Teil I finden Sie HIER).

Der Onkel aus Peking ist stets jovial. Stets zurückhaltend. Stets lächelnd. Stets sitzt seine Brie­asche locker, wenn das eine oder andere Dutzend Airbus-Flieger geordert werden muss, um Verhandlungen weiterzutreiben.

Was für ein Gegensatz zum peinlichen, unangenehmen, ungeliebten Onkel Donald aus Amerika. Immer fragt er nach dem Zeugnis. Immer will er wissen, was, wo, wie weitergegangen ist. Immer nervt er mit mehr Eigenverantwortung. Immer nervt er mit mehr Eigenleistung. Und niemals sitzt die Brie­ftasche locker. Im Gegenteil.

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Was für ein Gegensatz. China strebt nach der „Belt and Road Initiative“. Sechs große Wirtschaft­skorridore zwischen China, Restasien, Afrika und Europa sollen entstehen. Häfen, Straßen, Schnellzugstrecken, Brücken, Kra­ftwerke, Staudämme etc. Es soll sich nicht nur um einen beschleunigten Handel zwischen den Wohlstandszonen Chinas und Westeuropas handeln, sondern um eine Ausweitung der Wohlstandskorridore entlang der Strecken. Konnektivität zu Lande, zu Wasser, in der Lu­ sowie im Cyberspace.

Freihandel und Währungskonvertibilität sollen vorherrschen. Die 60 Anrainerstaaten der Neuen Seidenstraße umfassen 60 Prozent der Weltbevölkerung, 40 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung sowie 4,5 Milliarden Einwohner.

Der Verfasser dieser Zeilen fühlt sich an das Ende des 20. Jahrhunderts erinnert. Freihandel und Einheitswährung sollen vorherrschen. Es geht nicht nur um erleichterte Handelswege, sondern auch um Wohlstandskorridore bzw. um die Schaffung einer Wohlstandszone. Von Portugal bis Polen, von Schweden bis Zypern etc.

Das Ergebnis spricht Bände. Nun sollen die Wohlstandszonen miteinander verbunden und angeglichen werden. Bis es zu einer fusionierten Wohlstandssphäre kommt.

Der Begründer der Wissenschaft­ der Geopolitik, Halford Mackinder, prägte den Begriff des „Great Game“. Wer Eurasien beherrscht, der beherrscht die Welt. Brzezinski, Sicherheitsberater von Jimmy Carter, formulierte es dem 20. Jahrhundert angemessen: Wer Eurasien kontrolliert, der kontrolliert zwei von drei Hauptregionen er Weltwirtschaft. Sprich: Ostasien und Europa. Amerika verbleibt als Dritter.

Somit treffen zwei Konzepte aufeinander, Herzlandbeherrschung auf Gegenküstenstrategie. Das Herzland darf niemals durch eine Macht dominiert werden, welche dem Herzland selbst entspringt. Amerika darf niemals zulassen, dass die Gegenküsten in Form von Europa und Ostasien unter die Herrscha­ft einer konkurrierenden Macht geraten.

Der Teufel steckt im Detail. China verfügt über eine ungeheure Überkapazität im Bereich der Bauwirtschaft. Bereits zu Beginn des Jahrhunderts beklagten sich afrikanische Staaten darüber, dass sämtliche Projekte nicht nur mithilfe von chinesischem  Geld und chinesischem Know-how vorangetrieben werden, sondern auch mit chinesischen Arbeitskräften sowie chinesischen Baustoffen wie Zement. Kein einziger Einwohner erhielt die Chance auf Fortbildung und Einbindung. Kein einziges regionales Unternehmen profitierte davon. Es wurden lediglich Rohstoffe oder  Landwirtschaftsflächen ausgebeutet.

Im Unterschied zur Herrschaft­ des weißen Mannes ist die Herrschaft­ des gelben Mannes eine reine Einbahnstraße. Der Propaganda ist die Differenz geschuldet.

Ähnliche Verhältnisse entwickeln sich entlang der Neuen Seidenstraße von China über Zentralasien bis Europa. Kredite für Projekte gibt es dreierlei: Schenkung, Kredit ohne Zinsen, Kredit mit geringen Zinsen.  

Die klassische Taktik der Drogenhändler. Die Rache für die Opiumkriege. Wer nicht zahlen kann, bekommt Stundung. Aber er muss für China stimmen. Sei es bei Taiwan, sei es im  südchinesischen Meer, sei es in Hongkong, sei es wegen der Uiguren.

Sei es Kasachstan, sei es die Bundeskanzlerin …

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Handel bringt Wandel. Und Konstanten: die Seidenstraße bleibt eine Handelsroute, die China und den Westen verbindet. Ein Kommentar von Gerd Bachmann.

Sollte ein Außerirdischer die Erde im Jahre 1500 beobachten – welche Region würde seiner Meinung nach die nächsten 500 Jahre weltweit dominieren? Richtig, China! Aber erstens kommt es anders und zweitens, als man denkt.

China kannte Papiergeld, Schwarzpulver, Raketen. Das Reich war geeint. Streng organisiert. Und überbot an Mitteln jedes einzelne europäische Königreich bzw. Kaiserreich bei Weitem. Horribile dictu: Bevölkerungszahl, Wirtscha­ftsleistung, Steuereinnahmen, Rohstoffe etc., die Parameter der Geopolitik.

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Der chinesische Admiral Zheng He machte sich zu Beginn des 15. Jahrhunderts auf, um mittels einer riesigen Flotte Ceylon, Hormuz sowie die Küsten Ostafrikas zu erkunden. Er brachte Löwen, Leoparden und sogar Giraffen zurück an den chinesischen Kaiserhof. In seiner Flotte befanden sich Dutzende hochseetaugliche Dschunken. Eine einzige dieser Dschunken hätte die gesamte Flotte von Christoph Kolumbus beherbergen können.

Zeitgleich begann Europa, seine Fühler vorsichtig Richtung Welt auszustrecken. Von Portugal aus Richtung Indien durch die Versuche, Afrika zu umschiffen. Von Spanien aus Richtung Indien durch die Versuche, den Atlantik zu überqueren. Mit dem Ergebnis, einen Kontinent zu entdecken, dessen Existenz in Europa in Vergessenheit geraten war.

Trotz der technologischen Überlegenheit zog sich China zurück. Konsolidierung, Sicherung, Stabilisierung. Trotz der technologischen Unterlegenheit zog Europa aus, die Welt zu erobern. Und diese im Zuge dessen auch zu entdecken.

Gleich Alexander dem Großen, dessen Heerzug von Griechenland au, über Persien Richtung Afghanistan, Pakistan und Indien führte. Eroberungen gingen Hand in Hand mit Entdeckungen.

Gleich dem antiken Griechenland gegenüber dem Perserreich setzte sich das zersplitterte Europa gegenüber dem geeinten China durch.

Gleicher Ort, in etwa die gleiche Zeit. Wer wurde nach dem Ende des Kalten Krieges als Sieger betrachtet und sollte die Handel bringt Wandel. Und Konstanten: die Seidenstraße bleibt eine Handelsroute, die China und den Westen verbindet.

Liest man bei Paul Kennedy nach, gewinnt man den korrekten Eindruck, dass die Abfolge des Aufstieges und Abstieges von Mächten einer Kombination von Bevölkerungszahlen, Wirtschaftsleistungen, Steuereinnahmen, effizienter Regierung, Innovationen etc. geschuldet sei. Und in der Nachschau liest sich alles überaus logisch sowie nachvollziehbar.

Kennedy hat eine geniale Analyse der Geopolitik zwischen 1500 und dem Ende des 20. Jahrhunderts vorgelegt. Und seine Vorhersagen waren alles andere als weit hergeholt. Jedoch erwiesen sie sich als durchwachsen, wie jede Prognose.

Japan glitt in eine Phase der Stagnation. Deutschland glitt in eine Phase der Europäisierung. Und mit Europa gemeinsam gleitet es nun ebenfalls in eine Phase der Stagnation.

Die Vorhersage, dass Japan Amerika ökonomisch überholen werde, kann ad acta gelegt werden. Die Vorhersage, dass  Amerika überholen werde, kann ad acta gelegt werden. Die Vorhersagen im Hinblick auf den Aufstieg Chinas haben sich sogar noch als zurückhaltend erwiesen.

Wir machen einen Sprung zurück zur Jahrtausendwende. Nein, nicht 2000. Nein, nicht 1000. In etwa Christi Geburt.

Das Imperium Romanum beherrschte die gesamte bekannte Welt. Jenseits des Limes trieben Kelten, Germanen, Parther und zig andere Stämme ihr Unwesen.

Das chinesische Reich beherrschte die gesamte bekannte Welt. Jenseits der Chinesischen Mauer trieben Mongolen und zig andere Stämme ihr Unwesen.

Zarte Annäherungsversuche zwischen den Imperien ihrer Zeit bzw. ihrer Welten können auf das Jahr 100 nach Christus datiert werden. Es bestanden keine direkten Verbindungen bzw. verkehrten keine Karawanen direkt, sondern von Oase zu Oase.

Das begehrteste Gut war die Seide. Daher auch die Namensgebung durch den deutschen Orientalisten von Richthofen im 19. Jahrhundert: Seidenstraße. Nach Opiumkriegen, ungleichen Verträgen, Niederschlagung des Boxeraufstandes etc. gestattet sich das Reich der Mitte einen Vorgeschmack auf den Gegenbesuch, gleichsam eine Rache für Marco Polo.

Triest soll als einer der Endpunkte für die modernisierte, die Neue Seidenstraße dienen. Der nette Onkel Xi besucht Europa. In der einen Hand Investitionen, Projekte und Waren. In der anderen Hand Arbeiter, Spione und Aufpasser.

Nächste Woche lesen Sie HIER den zweiten Teil unserer Recherche über die Seidenstraße.

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Die Rufe nach einem modernen Interventionismus werden immer lauter. Der Wirtschaft­ tut das nichts Gutes. Heute lesen Sie Teil II unserer Reportage (den ersten Teil finden Sie HIER).

Der „Pacific Railroad Act“ von 1862, der das Großprojekt Eisenbahn startete, belohnte die neuen Gesellschaft­en für jede fertiggestellte Meile mit Geld und gewährte zudem zehn Meilen Land hinter den Schienen. Mit der Eisenbahn wurden die Zeitzonen eingeführt, um einen pünktlichen Betrieb zu gewährleisten. Außerdem wurden für die nötige Kommunikation Telegrafenleitungen verlegt und damit der erste Schritt in Richtung Massenkommunikation getan. Diese Entwicklung hat die Wirtschaft­ und den Boom ähnlich beflügelt wie in unseren Tagen Chinas Aufstieg, das Internet, die Globalisierung und die beginnende Digitalisierung.

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Zahlreiche Erfindungen schoben gegen Ende des 19. Jahrhunderts die tumultartige Entwicklung zusätzlich an. Allein von 1860 bis 1890 wurden mehr als eine halbe Million Patente angemeldet. Das waren zehnmal so viele wie in den 70 Jahren davor. Das Postsystem wurde modernisiert, die Druckereibranche revolutioniert und das Reisen erleichtert.

Stahlbarone wie Andrew Carnegie, Öl-Magnaten wie John D. Rockefeller, Dampfboot-Betreiber wie Cornelius Vanderbilt und die Eisenbahn-Legende Edward Harriman verdienten sich eine goldene Nase und schwelgten in einem Reichtum, wie man ihn erst in unseren Tagen bei Bill Gates, Jeff Bezos und Mark Zuckerberg wieder sieht.

Mit ihren Vermögen hatten die damaligen Wirtschaftsmagnaten die Politik eisern im Griff. Sie kauften sich ganze Fraktionen in Stadträten, bestachen Senatoren in Washington und sicherten sich Millionen von Hektar Land in korrupten Hinterzimmer-Deals mit den Kommunen, um sich zu bereichern und Eisenbahnlinien voranzutreiben.

In den Fleischfabriken von Chicago, in  den Stahlwerken von Pittsburgh und beim Eisenbahnbau wurden derweil ungezählte Menschen – auch viele europäische Migranten – gnadenlos ausgebeutet. Sie verrichteten gefährliche Arbeit und hatten keinerlei gewerkschaftlichen Schutz. Den enormen Gewinnen der Magnaten standen eine kaum fassbare Armut sowie schroffe soziale Ungleichheit gegenüber. Das ist der Grund, warum Mark Twain von einem „vergoldeten Zeitalter“ sprach. Nach außen glänzte es, nach innen war es korrupt, marode und fußte auf brutaler Ausbeutung.

In diesem Umfeld begannen um die Wende zum 20. Jahrhundert die „Schmutzaufwühler“ („Muckrakers“), die ihren Namen US-Präsident Theodore Roosevelt verdanken, ihre Enthüllungsberichte zu schreiben. Zuerst in Magazinen wie „McClure’s“, später in Büchern, in denen die Missstände so aufwühlend beschrieben wurden, dass sie in einigen Fällen umgehend neue Gesetze nach sich zogen, weil korrupte Politiker und die entlarvten Industriebarone es mit der Angst zu tun bekamen.

Amerikas „Muckrakers“ waren die investigativen Journalisten des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Sie geißelten soziale Missstände, die schmutzigen Geschäfte der Räuberbarone, den Filz mit der Politik und die Korruption in boomenden urbanen Zentren, in denen Millionen von ausgebeuteten Arbeitern einen 40 Jahre währenden Aufschwung befeuerten, der nach dem verheerenden Bürgerkrieg ausgebrochen war.

Der Sezessionskrieg in den 1860er-Jahren war die verlustreichste Auseinandersetzung, die es bis heute auf amerikanischem Boden gegeben hat. Sie forderte mit 620.000 Soldaten mehr Todesopfer als jeder andere Krieg des Landes, ganz zu schweigen von Hunderttausenden Verwundeten und Verkrüppelten.

Mississippi gab im letzten Jahr des Bürgerkrieges 20 % seiner Einnahmen für künstliche Gliedmaßen aus. Städte wie Richmond oder Atlanta wurden beinahe dem Erdboden gleichgemacht. Die Landwirtschaft­ war zu einem großen Teil zerstört. Die jungen Eisenbahngesellschaften lagen darnieder. Die Industrie war dezimiert, der Kapitalmarkt kollabiert. In ganz Louisiana gab es damals noch keine einzige gepflasterte Überlandstraße.

Zu den bekanntesten Werken der „Muckrakers“ gehören „Der Dschungel“ von Upton Sinclair, eine schonungslose und zutiefst deprimierende Beschreibung der unmenschlichen Arbeitsverhältnisse in den Fleischfabriken von Chicago, aber auch „Die Schande der Städte“ („The Shame of the Cities“) von Lincoln Steffens. Steffens beschrieb, wie korrupte Stadträte und Bürgermeister unter dem Druck von Industriemagnaten Grund und Boden verscherbelten, Preise verzerrten, Wahlen manipulierten und Wettbewerber zerstörten. Steffens bezeichnete die Stahlstadt Pittsburgh als „Hölle mit einem Deckel drauf“.

Weil die rasende Industrialisierung eine große Arbeiterschaft­ hervorbrachte und die Enthüllungen der „Muckrakers“ große Streiks zur Folge hatten, formierten sich Gewerkschaften. Die ersten Gesetze wurden geändert. Ein halbes Jahr nach dem Erscheinen von „Der Dschungel“ wurden in den USA die Forderungen von Upton Sinclair nach Arbeitsschutzmaßnahmen und Mutterschutz umgesetzt und der „Pure Food and Drug Act“ eingeführt. Er regelte die Herstellung und den Transport von Medizin, alkoholischen Getränken und Nahrungsmitteln aller Art.

Die Berichte der „Schmutzaufwühlerin“ Ida Tarbell über die Standard Oil Company, das damals größte Raffinerieunternehmen der Welt, führte zur Verschärfung des bis dahin zahnlosen „Sherman Antitrust Act“, der das Wettbewerbsrecht in den USA einführte, um Trusts und Kartelle zu zähmen. 1911 führte dieses Gesetz zur Zerschlagung der Standard Oil Company, die den Reichtum der Rockefeller-Dynastie begründet hatte.

Eine Wende war nun unvermeidlich. Es folgte der „New Deal“ von Roosevelt, der die Arbeitnehmerrechte stärkte und die Wall Street bändigte. Es wurden Trusts zerschlagen. Der Staat griff zunehmend in die Wirtschaft­ ein, was unter anderem Friedrich August von Hayek auf den Plan rief. Hayek wollte mit seinem berühmten Werk „Der Weg zur Knechtschaft“ die Öffentlichkeit für die Gefahren des Sozialismus sensibilisieren und die gegen den Liberalismus gerichtete Mehrheitsmeinung umkehren.

Was dann aber folgte, war eine Phase, in der sich die Marktkräfte zurückmeldeten, sich eine freiheitliche Marktphilosophie Bahn brach, zuerst zaghaft­ ab den 1960er-Jahren mit dem wachsenden Einfluss von Ökonomen wie Milton Friedman, dann aber auch die Revolution von Reagan und Thatcher und schließlich die Entfesselung des Finanzkapitalismus mit all seinen Übertreibungen, die seit 1987 in drei Crashs („Schwarzer Montag“ 1987, Platzen der Internetblase 2000 und Finanzkrise 2008) mündete. Nicht zu vergessen neue Industrien wie die digitale mit den herrschenden Internetkonzernen. Wie damals Eisenbahn-, Stahl- und Bankentycoons, so haben wir heute Ikonen wie Bill Gates, Marc Zuckerberg und Jeff Bezos.

Doch jetzt sehen wir wieder – wie schon damals um die Wende zum 20. Jahrhundert – wachsende Kritik an den Übertreibungen. Diesmal geht es um die Übertreibungen der Globalisierung und das Diktat der Märkte sowie der „Trickle Down Economy“. Wir steuern in eine neue Phase wachsender Interventionen hinein.

Wie weit diese neue Entwicklung gehen kann, vermag heute noch niemand zu sagen. Ob eine neue Ära des staatlichen Interventionismus vergleichbar dem „New Deal“ droht – und welchen Schaden auch diese Übertreibung anrichten könnte –, weiß niemand. Mit dem Mietendeckel in Berlin und Kevin Kühnerts Forderung nach einer Vergesellschaftung von BMW sowie der Forderung nach Enteignungen am Immobilienmarkt sehen wir erste Testballons in der Politik. Die von Peter Altmaier ins Spiel gebrachte Industriestrategie deutet ebenfalls in diese Richtung.

Nicht zu vergessen der Vorstoß des Grünen Anton Hofreiter, der den wachsenden Widerstand in der Bevölkerung gegen weitere Windräder mit einem „Sofortprogramm“ überwinden will. Deutlich sichtbar ist der Kampf gegen die Autobranche. Es wird unter dem Eindruck der enormen sozialen Spaltung und des zunehmenden Populismus noch einiges mehr kommen.

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Die Rufe nach einem modernen Interventionismus werden immer lauter. Der Wirtschaft­ tut das nichts Gutes.

In seinem neuen Buch „Die Stunde der Ökonomen“ („The Economists’ Hour“) beschreibt der US-Journalist Binyamin Appelbaum eine Begebenheit aus den 1950er-Jahren. Sie sagt vieles aus über ein Zeitalter, das derzeit seinen Höhepunkt erlebt oder gerade überschritten hat.

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Der damalige Chef der US-Notenbank (Fed), William McChesney Martin, führte eines Tages eine kleine Delegation durch das Zentralgebäude der Notenbank in Washington. Im Untergeschoss angekommen, erzählte McChesney, dass dort 50 Ökonomen arbeiteten. „Die sind alle im Keller angesiedelt“, sagte der Notenbanker, „und dafür gibt es einen guten Grund.“

Als die Führung stattfand, hatten Ökonomen in den USA und anderswo noch wenig Einfluss auf die Politik. Man nahm sie damals außerhalb ihrer Profession nicht sonderlich ernst. Sie wurden zwar gelegentlich zu Anhörungen im US-Kongress eingeladen, doch die Protokolle ihrer Aussagen wurden selten zur Kenntnis genommen. Sie verstaubten meist in Aktenschränken. Wie gering das Ansehen von Ökonomen damals war, illustriert eine Bemerkung, die vor 80 Jahren US-Präsident Roosevelt gemacht haben soll. Er bezeichnete laut Appelbaum John Maynard Keynes als einen unpraktischen „Mathematiker“.

Doch die fünf Jahrzehnte nach der denkwürdigen Führung durch die Fed waren durch eine Revolution geprägt, die Appelbaum, Wirtscha­ftskolumnist der „New York Times“ und ehemaliger Washingtoner Bürochef der „Times“, in seinem Buch eindringlich beschreibt: Mit der aufkommenden Datenflut, dem Kampf gegen wachsende staatliche Defizite sowie der Einführung progressiver Steuern und der zunehmenden Regulierung wurden immer mehr wirtschaft­lich gebildete Beamte und Experten gebraucht.

Der rasch expandierende Regierungsapparat verlangte zudem nach einer Rationalisierung der öffentlichen Verwaltung. Die Stunde der Ökonomen hatte geschlagen. Sie zogen in Scharen in die Regierung, in Behörden, Verbände und Thinktanks ein. Man brauchte sie dringend, um das Steuersystem zu modernisieren, eine effektivere Verwaltung aufzubauen und die Ausgaben zu begrenzen. Und bald hatten sie großen Einfluss auf politische Pläne, Gesetzgebung, Verwaltung und Geldpolitik.

Ihr Siegeszug vollzog sich unter einem ebenso prägnanten wie vielsagenden Motto: „Wir vertrauen auf die Märkte.“ Das Credo war simpel: Die Politiker sollten die Marktkräft­e gewähren lassen und sich aus dem Spiel von Angebot und Nachfrage so weit wie möglich heraushalten. So ein Motto fiel nach drei Jahrzehnten der Kriegswirtscha­ft während der Weltkriege und dem „New Deal“ in den 1930er-Jahren auf fruchtbaren Boden. Der Staat sollte sich gefälligst raushalten.

Die freie Fahrt für den Markt und die „Trickle Down Economy“, die sich – so die Theorie – ungehemmt entfaltet, während ihr zusätzlicher Wohlstand wie in einer Dusche für alle nach unten regnet, ohne dass es hierfür politischer Flankierung bedarf, brachten einen Schub für die Finanzbranche und die Globalisierung.

Begleitet wurde die Entfesselung der Marktkräft­e, für die Maggie Thatcher und Ronald Reagan zusammen mit Ökonomen wie Milton Friedman den Weg bereiteten, vom Aufkommen des PCs, des Internets und einer neuen Generation weltumspannender Firmen, die die Globalisierung antrieben. Begleitet wurde sie auch von einem gewaltigen Schub für die Weltwirtschaft­ durch Asiens Aufstieg und Chinas Beitritt zur WTO sowie zahlreiche Deregulierungen für die Finanzmärkte.

Sie entfesselte jedoch Kräft­e, die sich am Ende nur schwer beherrschen ließen und zu einem wachsenden Populismus geführt haben, vor allem wegen der enorm gestiegenen Ungleichheit von Einkommen und Vermögen sowie durch Arbeitsmarktreformen wie die „Agenda 2010“ in Deutschland, welche zu einem prekären Arbeitsmarkt führte, in dem mittlerweile mehr als zehn Millionen Menschen beschä­ftigt sind. Finanzkrisen wie 2001 und 2008 sowie die Große Rezession 2009 verschär­fen soziale Spannungen und führten zu Protesten wie der „Occupy“-Bewegung zu Beginn der 2010er-Jahre.

Seitdem hat die Nullzinspolitik der EZB zwar den völligen Kollaps der Südstaaten in der EU vermieden, doch die Sparer eines dreistelligen Milliardenbetrages an entgangenen Zinsen beraubt. Sie zehrt zudem so sehr an den Erträgen der Kreditinstitute, dass Finanzexperten wie Markus Krall bis Ende 2020 eine scharfe Bankenkrise vorhersagen. Währenddessen hat das billige Geld wie eine Droge für hoch verschuldete Firmen und Staaten gewirkt.

Der ehemalige Herausgeber des „Handelsblatts“, Gabor Steingart, rechnete am 18. November in seinem „Morning Briefing“ vor, dass sich seit der Jahrtausendwende private, öffentliche und Firmenschulden verdreifacht haben. Steingart sieht „Die Welt auf Crash-Kurs“.

Dieser Eindruck lässt sich kaum vermeiden: Die Revolution, die in den 1960er-Jahren begann, „ist zu weit gegangen“, konstatiert Appelbaum. Und der Ökonom und Fondsmanager Max Otte beklagt in seinem neuen Buch „Weltsystemcrash“ die Ausschweifungen des Finanzkapitalismus, den es zugunsten eines Rheinischen Kapitalismus mit Gewissen und sozialen Normen zu überwinden gelte. Aus der Politik kommen zudem immer mehr Forderungen nach Mietendeckeln, Industrieplänen, Enteignungen, Werbeverboten für die Autoindustrie und sogar einer mit Strafandrohung behaft­eten Impf-Pflicht.

Es droht ein Zeitalter des Interventionismus. Der Grund: Parteien und Regierungen geraten angesichts zunehmender Kritik und herber Wahlniederlagen unter Druck. Klaffende Einkommensunterschiede haben zu einem weltweiten Populismus beigetragen. Und das ist kaum überraschend: Die Globalisierung hat den Export westlicher Arbeitsplätze beschleunigt; die Mittelschicht wird dank steigender Belastungen ausgezehrt und beginnt, aufzubegehren.

Das Rendite-Diktat der Aktionäre hat in vielen Publikumsfirmen und bei deren Lieferanten die übrigen „Stakeholder“ – im wesentlichen Konsumenten und Beschäft­igte – zurück- oder ins Abseits gedrängt. Interventionistische Gegenbewegungen hat es in der Geschichte nach lang anhaltenden Boomphasen und Friedenszeiten mit stetigem Wachstum immer wieder gegeben. Zuletzt vor mehr als 120 Jahren,  die das Beispiel USA anschaulich zeigt.

Es geht um die rasante Boomphase, die auf den Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 mit all seinen Zerstörungen folgte. Dieses „vergoldete Zeitalter“ („Gilded Age“), wie es Mark Twain mit seinem gleichnamigen Roman tau­e, katapultierte die USA binnen vier  Jahrzehnten aus dem Stand eines Agrarlandes in den Status eines Industriestaates.

Es bescherte dem Land einen Dampfschiff-Boom und eine schier unglaubliche Eisenbahn- Expansion, die zur massenhaft­en Besiedlung des Westens entscheidend beitrug. Weil sie den Westen des Landes für die Besiedlung erschloss und das ganze Land durchquerte, öffnete sie einen komplett neuen, riesigen Zusatzmarkt. Vergleichbar ist dies mit dem Aufkommen der Tigerländer in den 1990er-Jahren und dem Beitritt Chinas zur WTO Ende 2001.

Die transkontinentale Eisenbahn der USA gilt als eine der größten Bauleistungen des 19. Jahrhunderts. Die mehr als 3000 Kilometer lange Strecke verband ab 1869 Nebraska mit Kalifornien und leitete drei entscheidende Entwicklungen für die USA ein: Sie startete das Zeitalter des Massentransportes, sie leitete die asiatische Immigration in die USA ein, und sie machte zahlreiche Unternehmer unglaublich reich.

Nächste Woche lesen Sie hier den zweiten Teil unserer Reportage.

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