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Haltungsjournalismus

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Wenn der Mainstream nicht mehr stimmt, braucht es eine lebendige Gegenöffentlichkeit. Die freien Medien haben längst ihren Platz im deutschen Journalismus. Doch wer sind sie und was ist das Geheimnis ihres Erfolgs?

Soll keiner sagen, er hätte es nicht gewusst. „Wenn die meinungsprägenden Leitmedien gesellschaftspolitisch brisante Vorgänge thematisieren, sind sie […] auf die Machtelite fixiert; sie informieren nach Maßgabe klassischer Nachrichtenfaktoren, die keine kritischen Rückfragen an die Quellen und opponierende Akteure vorsehen.“

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Ein harsches Urteil, gefällt von dem renommierten Leipziger Medienwissenschaftler Michael Haller. In seiner aufsehenerregenden Studie „Zwischen ‚Flüchtlingskrise‘ und ‚Migrationspakt‘“ arbeitet Haller die journalistischen Mängel bei der Berichterstattung im Vorfeld der Unterzeichnung des UN-Migrationspaktes heraus.

Veröffentlicht von der gewerkschaftsnahen und damit  jeglicher rechtspopulistischen Einflussnahme unverdächtigen Otto-Brenner-Stiftung spart das Papier in seiner Analyse nicht mit Kritik an den etablierten Medien. Insbesondere nimmt Haller Anstoß an der Nähe des deutschen Journalismus zu den Machtzentren und der unkritischen Berichterstattung über Regierungsentscheidungen. Er spricht von „meinungsgesättigten Formulierungen“, „besserwisserischer Prophetie“ oder „gesinnungsethischer Haltung“ – Punkte, die die Etablierten in den vergangenen Jahren so manches Abo gekostet haben dürften.

Was Haller in dem knapp 60 Seiten starken Dokument skizziert, ist die Krise eines Berufsstandes, hin- und hergerissen zwischen Berufsethos und persönlicher (Hyper-)Moral. Eine Krise, die sich nicht nur durch die Redaktionsstuben, sondern durch die gesamte politische Landschaft zieht – und dabei die Karten des Möglichen neu mischt.

Fast sieben Jahrzehnte lang währte die uneingeschränkte Meinungshegemonie der nach 1945 etablierten Medien. Doch der Wind, der bislang kräftig in ihre auflagenstarken Segel blies, flaut merklich ab. Das liegt nicht nur an den veränderten Methoden der Informationsbeschaffung im digitalen Zeitalter, sondern auch an dem falsch verstandenen „Erziehungsauftrag“ der Redaktionen.

Die Pluralisierung der Infokanäle versetzte die etablierten Medien in eine ungewohnte Konkurrenzsituation. Aus Informationsvermittlung wurde  Meinungskampf im Namen der Pressefreiheit – oder eher dessen, was davon noch übrig ist. Die Garantie des unmittelbaren Kontaktes zwischen Medium und Publikum prädestinierte das Internet zur wichtigsten Kampfzone in der Auseinandersetzung zwischen den Etablierten und alternativen Medien, Bloggern und YouTubern. Letztere rütteln am bisherigen Informationsmonopol der „traditionellen“ Printmedien. Sie agieren in einem Bereich, der sich bislang staatlicher oder „zivilgesellschaftlicher“ Zugriffe entzog.

Doch wer sind diese neuen Akteure, die in die verwundbare Flanke der deutschen Presselandschaft hineinstoßen, und wie verändern sie mit ihrer Arbeit unsere Art zu leben, zu denken und zu sprechen? Bedrohen sie den gesellschaftlichen Zusammenhalt oder füllen sie eine Lücke, die der deutschsprachige Journalismus zu lange unbesetzt ließ?

Schillernde Vielfalt

Einer der Unterstützer der freien Medien ist Petr Bystron. Bystron, Jahrgang 1972, wuchs in der Tschechoslowakei auf. Als er 15 war, entschlossen sich seine Eltern zur Flucht in den Westen. In München studierte er Ökonomie und Internationale Beziehungen, wurde FDP-Mitglied. 2013 folgte der Wechsel zur AfD. Aufgrund seiner Sympathien für die Identitäre Bewegung wurde er vom bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz beobachtet. Seit 2017 sitzt er für die AfD im Deutschen Bundestag und fungiert dort u. a. als Obmann des Auswärtigen Ausschusses.

Für Bystron ist klar: „Früher waren Medien einem gewissen Objektivitätsstandard verpflichtet; wenn man die ‚SZ‘ oder ‚New York Times‘ von vor zehn Jahren liest, findet man eine ganz andere Art der Berichterstattung. Heute ist dieses Neutralitätsgebot einem sogenannten Haltungsjournalismus gewichen.“ Das habe zur Folge, „dass alle Leser, die wissen wollen, warum die AfD, die FPÖ, Donald Trump, Nigel Farage oder Viktor Orbán dieses oder jenes gesagt oder getan haben, sich bei  lternativen Medien wie ‚PI-News‘, ‚Jouwatch‘, ‚Achse des Guten‘ oder ‚Tichys Einblick‘ informieren müssen“, so der Abgeordnete.

In dieser Antwort klingt bereits an, was dem geneigten Beobachter der Mosaik-Rechten, die sich in den vergangenen vier bis fünf Jahren ausgebildet hat, längst bekannt ist: Der Begriff der freien Medien umfasst eine große Bandbreite an Meinungen, Methoden und  Einflüssen. Sie reicht von dezidiert bürgerlich-konservativen Medien über antiislamisch-liberal orientierte bis hinzu progressiven Formaten. Diese treten als traditionelle Printmedien in Erscheinung, als Nachrichten- und persönliche Blogs oder gar via YouTube. Dabei verhehlen sie ihre politische Agenda nicht, sondern ordnen sie den eigenen Interessen unter.

Darin unterscheiden sie  sich nicht von den etablierten deutschen Medien, über die der US-Medienexperte Jay Rosen in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ schreibt: „Deutsche Journalisten betrachten es als ihre Aufgabe, für die Rechte von Minderheiten einzutreten und zu verhindern, dass Links- oder Rechtsextreme den öffentlichen Raum kapern.“ Der Meinungsjournalismus ist ein deutsches Phänomen, das jedoch seit dem US-Wahlkampf 2016 auch ein international erfolgreicher Exportschlager ist. Es ist ein regelrechter Informationskrieg entbrannt.

Pioniere des freien Journalismus

Doch bevor es überhaupt zu einem solchen Krieg kommt, braucht es schlagkräftige Kombattanten. Und an diesen fehlte es in Deutschland lange Zeit. Als Pionier des patriotischen Journalismus betrat die „Junge Freiheit“ (JF) 1986 erstmals die Bühne des deutschen Pressewesens. Damals deutete wenig auf die erfolgreiche Etablierung eines Blattes hin, das erklärtermaßen abseits des Mainstreams wandeln wollte. 33 Jahre später ist die JF aus dem konservativen Blätterrauschen nicht mehr wegzudenken und eine feste Größe im Konzert der freien Medien.

Eingeordnet irgendwo zwischen den konservativen Resten der Unionsparteien, wirtschaftsliberalen AfD-Kräften und bürgerlich-liberaler FDP hat sich die JF unter Chefredakteur Dieter Stein als Medium derjenigen etabliert, die den Anschluss an die ominöse „Mitte der Gesellschaft“ suchen. In den Augen des Establishments markiert die JF nach wie vor die Schwelle zur rechten „Schmuddelecke“. Laut Zahlen der „Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern“, kurz IVW, hat die JF ihre verkaufte Auflage seit 2008 jedoch von 16.389 auf 31.079, also um mehr als 89 Prozent steigern können.

Diese Reichweitensteigerung sucht im Printbereich ihresgleichen. Und sie ist symptomatisch für den rechten Aufbruch, der sich spätestens seit 2015, aber auch schon länger bemerkbar macht. Dieser Aufbruch ist keine Jugendrevolte, wie etwa die Ereignisse im Jahre 1968, sondern wird gerade von jenen getragen, die sich mit den Ausgeburten des linksprogressiven Liberalismus, der Globalisierung, der Grenzöffnung bzw. Entgrenzung, den feuchten Träumen einer sich selbst genügenden, entwurzelten Jugend nicht (mehr) anfreunden können oder wollen.

Trotz des Aufbaus einer Onlineredaktion liegt der Schwerpunkt der journalistischen Arbeit am Hohenzollerndamm in Berlin weiter auf den wöchentlich erscheinenden Druckausgaben. Projekte wie die JF, das Monatsmagazin „CATO“, die rechtsintellektuelle „Sezession“, aber auch „Freilich“ repräsentieren den konservativen Hang zum Haptischen und Handwerklichen. „Print ist konservativ“, wie „Freilich“-Chefredakteur Ulrich Novak treffend analysiert.

Was die freien Medien stark macht

Aber: Ist konservativ auch Print? Die freien Medien beweisen, dass dem nicht so ist. Der Journalist und Blogger Andreas Unterberger bringt die Vorteile der alternativen Medien und gleichzeitig das Geheimnis ihres Erfolges auf den Punkt: Diese seien „kostengünstiger, vielfältiger, schneller und eine Folge des Qualitätsverfalls und der geistigen Verengung und Verflachung der meist linken Mainstream-Medien“. Welchen Einfluss diese alternativen Medien haben, zeigen exemplarisch die Zugriffszahlen des Blogs „Achgut“, auch bekannt als „Die Achse des Guten“: Im Juni 2019 lagen diese laut IVW bei 3,8 Millionen, mehr als 120.000 am Tag. Auch andere Angebote finden Anklang: „Tichys Einblick“, ein Projekt des ehemaligen „Wirtschaftswoche“-Chefredakteurs Roland Tichy, verzeichnete im selben Monat 2,8 Millionen „Visits“.

Auch wenn sich diese Zahlen gegenüber den 33,6 Millionen Besuchern auf dem Onlineangebot der „Welt“ oder den 74,2 Millionen von „Spiegel Online“ bescheiden ausnehmen,  kommen sie den knapp fünf Millionen Aufrufen der „taz“ schon recht nahe und zeigen, dass konservative Medien durchaus in der Lage sind, große Reichweiten zu erzielen.

Das hat mittlerweile auch die AfD verstanden. Am 11. Mai 2019 luden mehrere Bundestagsabgeordnete zur ersten „Konferenz der freien Medien“ in den Bundestag. Mehr als 100 Gäste – Journalisten, Blogger, YouTuber – folgten der Einladung. Das selbst ernannte Recherchenetzwerk „Correctiv“ schreibt dazu: „Wer  die Namen der Gäste googelt, stellt fest: Das sind Menschen,die mit ihren Artikeln und Videos eine alternative Realität schaffen, Angst und Bedrohung schüren.

Die AfD schätzt das anscheinend.“ Anwesend waren nicht nur die „Freilich“-Chefredaktion, sondern auch Vertreter der islamkritischen „Vereinigung der Freien Medien“, der aus dem Libanon stammende Journalist Imad Karim oder der renommierte Medienanwalt Ralf Höcker aus Köln.

Höcker referierte über journalistische Ethik in Zeiten von „Fake News“. Ein bekanntes Problem – auch der freien Medien. Fälle wie der des „Spiegel“-Journalisten Claas Relotius sind nur die Spitze des Eisberges und stimmen nachdenklich, zeigen sie doch die ganze Macht, die der moderne Journalismus in einer auf Information gründenden Gesellschaftsordnung entfaltet.

Der Gedanke des römischen Rechtsgrundsatzes „Audiatur et altera pars“ („Gehört werde auch die andere Seite“) ist in der deutschen Pressewelt längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Zahlen belegen: Obwohl die AfD 2017 als stärkste Oppositionspartei nach Union und SPD ins Parlament einzog, kamen im Juni 2019 nur 38 Politiker der rechtspopulistischen Partei in TV-Nachrichten zu Wort.

Allein die liberale FDP kam laut Statistik auf weniger Auftritte (26). Dem stehen 567 Auftritte von Unions- sowie 381 Auftritte von SPD-Politikern gegenüber. In bundesweiten Umfragen rangiert die AfD mit 13 bzw. 14 Prozent – etwa gleich- auf mit  den Sozialdemokraten – auf Platz 3. Das entspricht knapp 8,5 Millionen Wahlberechtigten – mehr als ein Zehntel der bundesdeutschen Bevölkerung. Trotzdem ist der politische Journalismus von einer starken Anti-AfD-Haltung geprägt.

Pauschal unterstellen etablierte Journalisten der Partei und ihren Anhängern wahlweise „Hetze“ oder „Menschenhass“. Vorstöße wie die des CDU-Mannes Peter Tauber, der nach der Ermordung seines Parteifreundes Walter Lübcke forderte, AfD-Politikern die Grundrechte zu entziehen, werden verteidigt, und patriotisch gesinnte Bürger, die von ihrem demokratisch garantierten Wahlrecht Gebrauch machen, werden in die Nähe extremistisch gesinnter Terrorgruppen gestellt. Sogenannte Rechtsextremismusexperten erhalten ein Forum – über ihren einschlägigen Hintergrund sehen die Medienmacher großzügig hinweg.

Beispiele dieser Art sind Legion. Besonders umtriebig sind die Österreicherin Natascha Strobl, der Münchner Tobias- Raphael Bezler, gern gesehener Gesprächspartner des öffentlich-rechtlichen Bayerischen Rundfunks, oder der pseudonym publizierende Chemnitzer „Johannes Grunert“, der sich insbesondere als Erfinder der „Hetzjagden“ auf Migranten in der drittgrößten Stadt Sachsens einen unrühmlichen Namen gemacht hat.

Die Liste dieser „Experten“ ließe sich weiter fortsetzen – und sie zeigt die Offenheit des gesamten journalistischen Milieus nach links bei gleichzeitiger Geschlossenheit nach rechts. Diese Haltung spiegelt sich auch in der Parteienpräferenz wider. Im Jahr 2010 gaben knapp 27 Prozent der Journalisten an, den Grünen am nächsten zu stehen, 15,5 Prozent der SPD und 4,2 Prozent der Linkspartei. In Zeiten von Klima-Hysterie und Greta-Wahn dürfte sich das Ungleichgewicht weiter zugunsten der Grünen verschoben haben. Vergleichbare Entwicklungen prognostizierten schon vor Jahrzehnten der US-Soziologe Charles Wright Mills in „The Power Elite“ sowie der bundesdeutsche Soziologe Helmut Schelsky in seinem Werk „Die Arbeit tun die anderen“.

Problem linker „Haltungsjournalismus“

Journalisten, die angesichts sozialer Hypes nicht vor Entzückung vom Bürostuhl fallen, sind rar. Doch das Bedürfnis einer immer größer werdenden Zahl von Menschen, die sich, vom Mainstream enttäuscht, auf die Suche nach alternativen Informationskanälen machen, verlangt nach Stillung. Die JF dazu: „Die ‚Lückenpresse‘ […], und damit verbunden das häufige Auslassen von relevanten Informationen, sorgt in der Bevölkerung für größer werdenden Unmut. Immer weniger Menschen sehen sich repräsentiert, immer mehr vermissen kritische Fragestellungen.“

Das Internet schafft Abhilfe. Wem das Mainstreamangebot nicht genügt, der ist nur wenige Klicks vom eigenen Blog oder dem eigenen YouTube-Kanal entfernt. Immer mehr nutzen diese Möglichkeit. Schätzungen gehen von 350.000 bis 2,5 Millionen Blogs in Deutschland aus. Die wenigsten sind politisch, und nur ein Bruchteil dieser hat nennenswerte Reichweiten.

Eine der erfolgreichsten deutschen Polit-Sites ist „PI-News“ mit mehr als sechs Millionen Besuchen im Monat. „PI“, kurz für „Politically Incorrect“, hat sich vor allem bei Islamkritikern einen Namen gemacht. Beliebte Themen: Mittelmeer-NGOs, Antiislamismus, Klimawahn. Die Aufmachung ist übersichtlich, die Texte sind kurz gehalten und auf die Vermittlung ihrer (politischen) Kernaussage ausgelegt.

Nächste Woche geht es HIER weiter mit TEIL II unserer Recherche.

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Der Schriftsteller Thor Kunkel arbeitet als Exilschreiber. Mit FREILICH-Chefredakteur Ulrich Novak spricht er über „rich kids“, praktisches Berufsverbot und AfD.

Freilich: Herr Kunkel, Sie haben irgendwann den Ausstieg aus der Marketingszene von Boomtown Berlin vollzogen. Sie gingen als „Wahlhochgebirgler“ aus der deutschen Großstadt ins Schweizer Wallis. Was hat Sie zu diesem Abbruch der Zelte bewogen?

­Thor Kunkel: Darf ich ehrlich sein? Mir ging Berlin ungemein auf die Nerven. Der Gesinnungsdruck, der hier selbst an den Rändern des Kulturbetriebs herrscht, war mir unerträglich geworden. Mein Ruf als Autor des berüchtigten Romans „Endstufe“ brachte es zudem mit sich, dass ich andauernd kleinen Gesinnungschecks ausgesetzt war.

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Mal fühlte mir ein Regisseur, mal ein Verleger, mal ein Postbote auf den Zahn. „Sagen Sie mal, ich habe Sie gestern gegoogelt …“ Zeitweise hatte ich das Gefühl, mich durch eine bedrückende „Angstlandschaft­“ zu bewegen, da boten die Walliser Berge eine erholsamere Perspektive.

Ernst Niekisch schreibt in seiner Kritik von Jüngers „Der Waldgang“, dieser sei die Flucht der Individualisten, Anarchisten, Nihilisten, Eigenbrötler etc., die „gegen den Leviathan noch lange keine Schlacht dadurch gewonnen [hätten], dass sie ihm den Rücken zeigen“. War Ihre emigrierende Freiheit eine Freiheit, die den Kampf aufnehmen will, wie Ernst Jünger das nannte?

Ich hatte das sicher nicht vor, aber in der Retrospektive auf die letzten zehn Jahre sieht es ganz danach aus. Anfangs wollte ich einfach nur raus aus der Suppe, die ich mir mit meinem Umzug von Amsterdam nach Berlin eingebrockt hatte. Stellen Sie sich vor, ich dachte wirklich, ich würde im deutschen  Literaturbetrieb, wo sich Gefälligkeitsliteraten und echte Gesinnungslumpen um Subventionskrümel schlagen, gebraucht. Als Schri­ftsteller.

Dazu ermutigt hatte mich ausgerechnet der heutige „Spiegel“- Feuilletonchef Volker Weidermann, der offenbar von der subversiven Ausrichtung meiner Arbeit keine Vorstellung hatte. Der he­ftige Skandal um „Endstufe“ war dann die große Enttarnung – und für Weidermann, der heute selbst schreibt, die große Enttäuschung. Seitdem habe ich gelernt, ohne Wind zu segeln – man kommt etwas langsamer, aber auf interessantere Weise voran.

In Ihrem Buch „Wanderful – Mein neues Leben in den Bergen“ sagen Sie zu ihrem Kollegen sozusagen am Vorabend des Rückzuges: „Ich frage mich nur, warum ich das Experiment der Moderne mittragen soll …“ Welches Experiment meinen Sie, und wessen Versuchskaninchen sind wir?

 Interessante Frage, denn als ich „Wanderful“ schrieb (mein Originaltitel war übrigens „Bergmeditationen“, was Eichborn aber missfiel), wussten wir alle noch nicht von dem großen „Experiment“ der Regierung, wie es der Politologe Yascha Mounk dann 2018 postulierte. Das Wort „Experiment“ ist für eine riskante und unvorhersehbare Politik durchaus richtig. In der deutschen Geschichte wurde in 2000 Jahren nicht allzu o­ experimentiert – nur wenn, dann kam immer eine Katastrophe heraus.

Mein Gespür für  experimentelle Versuchsanordnungen geht auf meine eigene künstlerische Methode zurück: eine überschaubare Bildbühne, ein hartes sprachliches Licht und eine Anzahl von schrägen, aber irgendwie liebenswerten Figuren, mehr brauche ich nicht zum Erzählen.

Mir war jedenfalls die san­fte Wiedergeburt einer weichgespülten DDR – zudem im Gewande einer liberalen Gesellschaft­ – schon bewusst. Folgerichtig zog ich es vor, Exilschreiber zu werden, und emigrierte 2009 in die Schweiz, wo man noch eine Zeit lang sicher sein dürft­e.

Cyberzooikum, Luxusverwahrlosung, gleichbleibende Intelligenzsumme trotz steigender Bevölkerungsdichte – Ihre gesellschaftliche Analyse scheint realistisch, beschreibt aber nicht den von Ihnen apostrophierten Ästhetisierungsprozess der menschlichen Lebensform. Wohin führt unser Weg?

In Zeiten des wachsenden menschlichen Abstandes würde ich sagen, wir haben erstmals die Chance, uns wieder zu harmonisieren. Als Menschen. Eine Welt, die sich plötzlich im Laufschritt befindet, gibt Zeit zur Besinnung. War es nicht beschämend, wie es den Medien die letzten 15 Jahre gelingen konnte, eine ganze Gesellschaft­ über die Pole Rechts und Links zu steuern?

Damit will ich nicht sagen, dass religiöse oder metaphysische Pole besser wären. Doch mit der Orientierung der Gesellschaft­ an medizinischen Werten – so fatal das jetzt klingen mag – kündigt sich auch die Rückkehr der ins Abseits gedrängten biologischen Wirklichkeit an: Das Aerosol, also die feuchte Atemwolke des Mitmenschen, hat Gretel Thunbergs Hirnverdunstung um CO2 den Rang abgelaufen. Die Leute wussten von einer Minute zur nächsten, was wichtig ist und was nicht.

„Corona“ hat die substanzlosen und selbstreferenziellen Megathemen des Zeitgeistes als Schwindelnummern entlarvt. Vielleicht waren es immer schon nur Luxusproblemchen gewesen. Vor allem die wohlstandsverwahrlosten Kinder der Grünlinksliberalen sahen in dem Narrativ Nur-mal-kurz-die-Weltretten einen Ausweg aus Lethargie und der eingeimp­ften Scham, Deutsche zu sein.

Man kann jetzt deutlich erkennen, dass sich all diese „rich kids“ – Carola Rackete, Philipp Ruch und Luise Neubauer – nur selbst inszenierten. Noch zwei, drei Monate Quarantäne, und ihre Zwergenaufstände und kleinen Drohgebärden dür­ften niemanden mehr interessieren. Wenn wir also etwas Glück haben, hat das Virus auch im intellektuellen Raum für Abklärung gesorgt.

Sie haben in den zwei Jahren des Rückzuges Ihr Leben auf den Kopf gestellt, es ausgekippt, aussortiert, was Ihnen nicht mehr gefiel, und dann haben Sie es ordentlich wieder hingestellt. Was ist Essenzielles beim Großreinemachen übrig geblieben?

Ich habe mich von viel Überflüssigem getrennt. Damit sind vor allem Projekte und unausgegorene Pläne gemeint, die sich im Laufe jeder schrift­stellerischen Tätigkeit ansammeln. Das Schreiben lässt sich mit der Beobachtung von Wolken vergleichen – man hat diffuse Gebilde vor Augen, und manchmal glaubt man, darin eine Gestalt von ästhetischer Anmutung zu erkennen: Ja, da könnte vielleicht etwas sein […] Nach zehn, 20 Seiten merkt man dann, dass es nichts war. Projektion, Wunschdenken.

Ich arbeite heute an „Traumsubstanzen“ (mein Wort für Stoffe), von denen mich manche seit 20 Jahren begleiten. Abgesehen davon habe ich mich auch von realem Gerümpel getrennt. Man braucht in der Regel weniger, als man denkt. Auch meine früher ziemlich ausgeuferte Bibliothek schrumpft­e auf etwa 200 Bücher zusammen, die ich seitdem als „Reisebibliothek“ bezeichne, weil sie wirklich in zwei große Schalenkoffer passt.

Es gab ja einige Verwirrung, als Ihr Roman „Subs“ als Verfilmungsvorlage für den Film „HERRliche Zeiten“ diente. Ihr Drehbuch wurde verworfen, ein zweites beauftragt und dann umgesetzt. Wurden Sie aus gesinnungspolitischen Gründen  aus dem Projekt gedrängt?

So war es. Die Gesinnungskameraderie der neuen deutschen „Kulturschaffenden“ hatte tatsächlich zu spät reagiert und erst mitten in den Dreharbeiten entdeckt, dass ihr Autor, dessen Buch Oskar Roehler verfilmte, unter Rechtsverdacht stand. Anlass war wohl mal wieder ein „Spiegel“-Artikel oder dergleichen. Der Regisseur, ein echter Freund und feiner Kerl, wurde daraufhin vom „FAZ“-Spitzeldienst regelrecht verhört. Wie das denn sein könne …?

Oskars Antworten waren ehrenhaft­, aber in der Sache nicht ganz korrekt: Das Mandat, die AfD in kommunikationsstrategischen Fragen zu beraten, hatte ich nicht übernommen, weil ich nichts zu verlieren hatte, sondern weil ich der Überzeugung war, dass sich im Bundestag das ganze Spektrum an politischen Meinungen – und nicht nur Rot in sechs Schattierungen – abbilden sollte. Die jüngsten Versuche der Regierungsparteien, ihren politischen Gegner zu „nazifizieren“, beweisen, wie es um die Toleranz der Toleranten wirklich bestellt ist.

Diese lächerliche Funktionselite mit dritt- und viertklassigen Besetzungen wähnt sich über dem Souverän, also dem Volk, das sie durch die gleichgeschalteten Medien täglich verhöhnt. Durch die Corona-Krise hat sich der totalitäre Machtanspruch der Regierung, den Merkel übrigens immer schon alternativlos genannt hat, noch einmal bestätigt. Wissenscha­ftler, deren Erkenntnisse dem offiziellen politischen Kurs widersprachen, verschwanden in der Versenkung. Wer solche gesellscha­ftspolitischen Vorgänge zu verantworten hat, macht sich lächerlich damit, andere totalitäre Staaten wie China zu kritisieren.

Mit Ihrer letzten Sachbuchveröffentlichung vermitteln Sie einen klaren Blick auf die deutschsprachige Medienlandschaft. Was ist da wirklich los? Was ist vom „Haltungsjournalismus“ und den Denunziationsjournalisten, die nicht nur Ihnen das Leben schwer  gemacht haben, zu halten? Was muss sich ändern?

Schon aus beruflichen Gründen hat mich Sprache immer interessiert. Politischen Handlungen gehen in der Regel Sprachhandlungen voraus; bestimmte Wörter werden plötzlich in Umlauf gebracht, um gesellschaft­spolitische Veränderungen vorzubereiten. In Deutschland waren es 2015 Wörter wie „Willkommenskultur“ und „Kulturbereicherung“ (durch „Schutzsuchende“), die sich viral in den Medien ausbreiteten und den Eindruck erweckten, die Deutschen hätten nur auf die zuvorkommende Bewirtung und Alimentierung von Millionen Orientalen gewartet.

Das Gegenteil ist der Fall. Man spricht heute von einem Putsch der Zivilgesellscha­ft, die sich damals über eine gleichgeschaltete, human-sozialistische Presse als „Mehrheitsgesellschaft­“ aufspielen durft­e. Auch hier waren bestimmte Sprachhandlungen – vor allem moralische „Framings“ – spielentscheidend gewesen. Denn halb Afrika sitzt inzwischen auf gepackten Koffern, der sogenannte Familiennachzug dürft­e sich schon bald als „ethnische Säuberung mit vorwiegend friedlichen Mitteln“ entpuppen.

Doch solche Formulierungen von Gedanken dür­ften sich im deutschen Blätterwald nicht mehr finden. Alles klingt gleich. Besonders schmerzlich empfinde ich die vielen Begriffsumdeutungen und Täuschwörter, die aus einer der präzisesten Sprachen der Welt einen nebulösen Sound aus Euphemismen und Airbag-Rhetorik gemacht haben.

Nimmt man dann noch die Flatulenzen der Gendersprache und der Political Correctness hinzu, wird klar, dass es sich um Anschläge auf das schöpferische Potenzial unserer Sprache handelt. Als Schriftsteller ist man dann gefragt, im Rahmen seiner Möglichkeiten zu handeln

Nächste Woche lesen Sie HIER den zweiten Teil unseres Interviews mit Thor Kunkel.

Dieser Artikel ist in FREILICH 9 erschienen. Alle Ausgaben finden Sie HIER.



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