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Eine Bevölkerung muss mit ihrem Staat leben. Doch wo hört ein Gemeinwesen auf, zu funktionieren? In Frankreich läuft ein Experiment. Heute lesen Sie Teil II (Teil I finden Sie HIER).

Katholiken in Frankreich verfügen als Gruppe über eine funktionierende große Infrastruktur, mit deren Hilfe sie innerhalb kürzester Zeit über die sozialen Netzwerke Protestaktionen auf die Beine stellen und koordinieren können. Eindrucksvoll zeigte sich das 2012/13 anlässlich der Massenproteste gegen die „Ehe für alle“. Weder das Politestablishment noch Soziologen, wahrscheinlich nicht einmal die Katholiken selbst hatten mit Protesten solchen Ausmaßes gerechnet.

Dieser Artikel ist in FREILICH 8 erschienen. Alle Ausgaben finden Sie HIER.

Die Proteste wurden 2012 von einer Handvoll katholischer Laien ohne Geld und Infrastruktur organisiert, denen das Gewissen befahl, irgendetwas zu tun. Daraus wurde im Zuge des überraschenden zahlenmäßigen Erfolges der ersten Pariser Demonstration, zu der sich bereits mehr als 200.000 Protestler versammelten, die Vereinigung „La Manif pour tous“ (LMPT), die sich hauptsächlich, aber nicht ausschließlich, über die Kirchengemeinden im ganzen Lande, über die katholischen Familienverbände wie die AFC sowie über die Lebensschutznetzwerke in kürzester Zeit strukturierte und dafür sorgte, dass sich kein Regierungsmitglied mehr im Lande bewegen konnte, ohne von einem spontanen Protestkomitee empfangen zu werden.

Auch nicht praktizierende Franzosen wurden mitgerissen. Die Regierung Hollande reagierte mit Tränengas und Knüppeln auf die Proteste. Bereits das Tragen von T-Shirts mit dem Symbol der LMPT führte zu Verhaftungen. Durch den Schauprozess gegen den Studenten Nicolas Bernard-Buss, der an einer spontanen Protestaktion teilgenommen hatte, glaubte die Regierung Hollande, die Katholiken ruhigzustellen, doch die Vollstreckung der sechsmonatigen Haftstrafe für diesen politischen Gefangenen führte zu noch mehr Protesten, insbesondere vonseiten der Jugend.

Für eine ganze Generation jugendlicher Katholiken war der Kampf gegen die Schwulenehe eine Feuertaufe. 2019 stehen sie wieder an vorderster Front gegen die vaterlose künstliche Befruchtung, und viele Jugendliche, die schon 2013 als Kinder mit ihren Eltern dabei waren, stehen jetzt auf eigenen Füßen.

2013 marschierten auf dem Höhepunkt der Proteste zweimal 1,4 und 1,1 Millionen Franzosen gegen die gesetzliche Ehepersiflage. Damit waren die Proteste gegen die Schwulenehe die größten Demonstrationen der französischen Nachkriegsgeschichte – und das, obwohl sie den Teilnehmern keinerlei materielle Gewinne, sondern im Gegenteil Unkosten verursachten, denn nicht wenige Demonstranten kamen mit gemieteten Sonderbussen und -TGVs aus der französischen Provinz nach Paris.

Sechs Jahre später, Ende September 2019, kamen bereits zur ersten Demonstration gegen die vaterlose künstliche Befruchtung zwischen 500.000 und 600.000 Menschen aus ganz Frankreich zusammen. Selbst Atheisten wie Houellebecq oder Onfray  beschäftigen sich immer stärker mit diesem Phänomen.

Die katholische Renaissance ist, wie zu Beginn die Christianisierung in der Antike, ein rein urbanes Phänomen. Katholiken sind in Städten und Stadtteilen mit starker Akademikerquote und hohen Einkommen deutlich überrepräsentiert, während das Land und die Provinzstädte völlig dechristianisiert sind.

Ihren Ursprung hat die katholische Renaissance im Widerstand einiger Familien gegen die Exzesse des Zweiten Vatikanischen Konzils. Während sich die französische Mittelschicht ähnlich der deutschen und österreichischen für die emanzipatorischen Ideen des Konzils begeisterte und recht bald den Kampf gegen Autorität und Struktur an die Stelle der Glaubensinhalte setzte, leistete insbesondere ein Teil der sehr kinderreichen französischen Oberschicht, in deren Familienbiografien die Verbrechen der Französischen Revolution noch sehr lebendig sind, Widerstand.

Statt ihre Kinder zur Stuhlkreisgruppe und zum gemeinsamen Kuchenbacken in der Gemeinde zu schicken, nahmen diese Eltern als Hausgemeinde die Vermittlung des traditionellen Katechismus selbst in die Hand und organisierten sich auch über größere räumliche Distanzen mit Gleichgesinnten. In der offiziellen französischen Kirche, in der Ende der 1970er-Jahre 66 % der Bischöfe Anhänger des Marxismus waren, hatten diese Familien keine Heimat mehr.

Das änderte sich jedoch fundamental mit der Wahl von Papst Johannes Paul II. Insbesondere sein erster Besuch in Frankreich 1980, der von vielen Laien und einem Teil der Bischöfe boykottiert wurde, machte den Traditionalisten Mut, und die legendäre Frage des Papstes: „Frankreich, älteste Tochter der Kirche, bist du deinem Taufversprechen treu?“, trieb die  progressiven in die Defensive.

Nur sieben Monate nach seinem Besuch ernannte Johannes Paul II. Jean-Marie Lustiger zum Erzbischof von Paris. Unter dessen Ägide wurden die Priesterausbildung und die Pastoral völlig erneuert und auf das Evangelium rezentriert. Priesteramtskandidaten finden sich seither immer häufiger nur noch in den traditionell ausgerichteten Seminaren. Den neuen geistlichen Gemeinschaften, die sich seit den 1970er-Jahren abseits der offiziellen Strukturen um charismatische, mehr oder weniger traditionalistische Priester gebildet hatten, wurden v. a. in den Großstädten Gemeinden übertragen, die sich innerhalb kürzester Zeit zum Anziehungspunkt für Jugendliche entwickelten.

Im Zentrum dieser Gemeinschaften steht immer die ewige Anbetung – vom Kindergartenalter an. Die Jugendarbeit konzentriert sich auf eine strukturierte Vermittlung katholischer Glaubensinhalte, auf Philosophie sowie die Wiederbelebung katholischer Traditionen.

Mission in muslimischen Enklaven

Vertiefende Glaubenserfahrung als Teil einer internationalen Glaubensgemeinschaft machen viele französische Jugendliche seit den 1980er-Jahren auf den päpstlichen Weltjugendtagen, die alle zwei bis drei Jahre in einer anderen Stadt auf der Erde stattfinden. Für viele ist diese Gemeinschaftserfahrung ein Schlüsselerlebnis, das sie für den Rest ihres Lebens im Glauben trägt, ihnen hilft, ihre Außenseiterexistenz in Frankreich mit Stolz zu führen und ihre Glaubensbrüder zu unterstützen.

Auf dieser Grundlage hat sich der Glaube in den letzten 30 Jahren auch zu einer identitären Frage gewandelt. Die jungen Katholiken werden von ihren Eltern von Anfang an darauf vorbereitet, „anders“ zu sein als die Masse, „anders“ zu leben und darauf stolz zu sein. Auch die jungen Priester sind identitär.

Im Gegensatz zu den Ü-60-Jährigen, die mehrheitlich zivile Kleidung tragen, findet sich bei den Jüngeren kaum einer, der nicht wenigstens ein schwarzes Hemd mit römischem Kragen trägt. Die ganz jungen Priester sind heute wieder in Soutane unterwegs. Immer geht es darum, in einer total entchristlichten Gesellschaft bzw. in muslimischen Enklaven Zeugnis des christlichen Glaubens abzulegen.

Die Wiederbelebung und die Zunahme von Prozessionen und Pilgerfahrten insbesondere zu Marienheiligtümern reihen sich in diese Entwicklung ein. Der seit 1982 jährliche Pilgermarsch von Paris nach Chartres steht symbolisch dafür. In den 1990er-Jahren waren es durchschnittlich 8000 Pilger, 2019 waren es mehr als 14.000 zumeist junge Menschen.

Die Katholiken bereiten sich zudem immer stärker auf die Evangelisierung der Muslime vor. In Toulon gibt es seit einigen Jahren die „Missionaires de la Miséricorde Divine“ (Missionare der göttlichen Barmherzigkeit), die „Mission Angélus“ bildet Laien für den theologischen Dialog mit den Muslimen aus. Gelegentlich stößt zu großer missionarischer Elan jedoch noch auf den Widerstand der kirchlichen Hierarchie.

Der Abbé Guy Pagès ist dafür ein Beispiel. Als kurzzeitiger Militärseelsorger in Djibouti führte er so viele Muslime zum Christentum, dass es Staat und Kirchenhierarchie unheimlich wurde. Er wurde abgesetzt. Seither betreibt Abbé Pagès über das Internet die Missionierung mit Erfolg weiter.

Insbesondere den jungen Katholiken ist klar, dass die Annahme des Christentums durch die Einwanderer der einzige Weg ist, Frankreich auf Dauer zu befrieden. Ihr Blick auf die nahe Zukunft ist ziemlich realistisch und brutal. Doch die meisten nehmen dies klaglos an: „Jede Generation hat ihre Herausforderungen und ihre Opfer zu bringen.“ Bereits über die Pfadfinder lernen sie, dass es ihre Pflicht ist, Gott, der Heimat und der Familie zu dienen.

Während die meisten Franzosen die systematische  Zerstörung des öffentlichen Bildungssystems durch den Staat fatalistisch hinnehmen oder versuchen, ihre Kinder in den katholischen Privatschulen unter Staatsvertrag unterzubringen, sehen die traditionellen Katholiken in diesen Schulen immer weniger eine Alternative.

Sie sind heute ein Ort, an dem unter anderem die Kinder wohlhabenderer Schichten ein behütetes Luxusdasein fernab von Massenimmigration und Gewalt führen, aber inhaltlich keine bessere Bildung als an öffentlichen Schulen erhalten. Deshalb gründen immer mehr katholische Eltern freie katholische Schulen außerhalb des staatlichen Schulsystems.

In diesen Schulen werden die Kinder gegen Schulgeld nicht nur in der traditionellen katholischen Lehre unterwiesen, sondern ihnen wird auch mit traditionellen Lehrmethoden eine klassische Bildung vermittelt. Auf diese Weise überlebt nicht nur die französische Kultur, sondern die Katholiken entwickeln sich in dem Maße, in dem das staatliche Schulsystem zu Unbildung und allgemeiner Verblödung führt, zur geistigen Elite des Landes. Bereits heute sind sie an den staatlichen Eliteunis wie Polytechnique oder ENS deutlich überrepräsentiert.

Überrepräsentiert sind Katholiken auch in der Armee ab der Offiziersebene. Diese Beamtenposten sind zwar im Vergleich zur Privatwirtschaft  nicht außergewöhnlich gut bezahlt, jedoch sehr prestigeträchtig, denn nur die Besten eines Jahrganges bestehen die Auswahlverfahren für die Offizierslaufbahn.

Katholiken stellen ungefähr die Hälfte dieses Personals. Die andere Hälfte wird von der Freimaurerei dominiert. Die katholischen Offiziere stammen häufig aus alten Adelsfamilien, wo es zur Familienehre und -tradition zählt, für Gott, die Heimat und die Familie notfalls zu sterben. Wenn die bewaffneten Konflikte in Frankreich zunehmen, kann man deshalb darauf hoffen, dass einige von diesen Offizieren aus Glauben und Familienehre heraus über sich selbst hinauswachsen und auch die einfachen Soldaten zu übermenschlichem Heldenmut motivieren können. Der Gendarm Arnault Beltrame, ein katholischer Konvertit, der im Kampf mit einem Djihadisten sein Leben gab, um das einer Unschuldigen zu retten, ist ein erstes Beispiel.

Von Katholiken wird er fast wie ein Märtyrer verehrt, für die Armee und das Volk ist er ein Held, der das gesamte Land mit Stolz erfüllt. Dank der zahlreichen Auslandseinsätze der letzten Jahre von Afghanistan bis Mali ist die Armee heute kampferprobt im Umgang mit der Guerillakriegsführung der Djihadisten. In ihren Rängen finden sich einige der brillantesten Köpfe des Landes, während die Djihadisten zwar kampferprobt, aber nicht unbedingt große Strategen sind. Auch das könnte sich langfristig als großer Vorteil für die einheimische Bevölkerung erweisen.

Im Front National

Es ist tragisch, dass Marine Le Pen die katholische Dynamik aus laizistisch-ideologischer Verblendung nicht sehen will. Obwohl traditionelle Katholiken seit den Zeiten der Parteigründung dominierten auf der Kaderebene des Front National und insbesondere Marion Maréchal von der Basis, die seit jeher aus einfachen Menschen besteht, geschätzt wurde, säuberte Marine die Partei von dieser Strömung. Der ideologische Kurswechsel nach links ist ein schwerer strategischer Fehler, der die gesamte Rechte um Jahre zurückwerfen wird, wenn es nicht gelingt, gegenzusteuern.

Er führt nicht nur ideologisch in die Sackgasse, weil es linke Ideen waren, die Frankreich in seine heutige Situation gebracht haben, sondern verprellt immer mehr traditionelle Stammwähler der Partei. Bisher konnte der RN diese Verluste zwar durch den Gewinn einer traditionell sozialistisch wählenden Unterschicht wettmachen, doch diesem Stimmreservoir sind natürliche Grenzen gesetzt – zumal viele Wähler dieser Kategorie auch den Linkspopulisten Mélenchon wählen. Einen politischen Machtwechsel kann Marine Le Pen allein mit dieser Wählerschaft auf keinen Fall herbeiführen. Doch die Verbindung des RN zu seiner ehemaligen Wählerschaft aus der traditionalistischen Oberschicht sowie – erweitert – zur traditionellen bürgerlichen Rechten ist ohne die katholischen Kader gekappt.

Diese waren vormals in der Lage, in wirtschaftlichen Fragen für einen Ausgleich zu sorgen zwischen freiem Unternehmertum und dem Recht der Arbeiter, würdig von ihrer Hände Arbeit zu leben. Mit Klassenkampf, Frauenrechten und Unterschichtskarrieristen ohne klaren politischen Kompass können jedoch weder die ehemaligen RN-Wähler aus der Oberschicht zurück noch neue aus dem Bürgertum gewonnen werden.

Rein rechnerisch und strategisch kann aber nur eine Allianz zwischen „oben“ und „unten“ die Macht der liberalen „Mitte“ um Macron brechen. Als Antwort auf diese Problematik versuchen nun junge katholische Intellektuelle und Unternehmer aus dem Umkreis von Marion Maréchal, unter Umgehung der Person Marine eine erweiterte Struktur um den RN herum zu bauen, die die gesamte Rechte einen soll, um so für die Präsidentschaftswahlen 2022 eine echte Alternative zum macronistischen Liberalismus zu schaffen.

Ein erster Schritt war die „Convention de la Droite“ Ende September 2019 in Paris, wo sich Politiker und Intellektuelle aller rechten Bewegungen treffen und austauschen konnten. Vom RN waren aufgrund von Marines Teilnahmeverbot keine Spitzenpolitiker bis auf das freie Elektron Gilbert Collard anwesend. Dafür kamen jedoch viele regionale und lokale Kader des RN. Teilweise wurden sie dafür von Marine mit einem Parteiausschluss sanktioniert, wie der Regionalabgeordnete der Region Pays de la Loire, Pascal Gannat. Doch aus Solidarität mit ihm verließen inzwischen drei weitere Abgeordnete die RN-Fraktion im Regionalparlament, sodass die parlamentarische Gruppe zerbrochen ist.

Gannat und seine Mitstreiter arbeiten derweil mit Dissidenten der bürgerlichen Republikaner und unabhängigen Rechten an der Bildung einer rechten Sammelfraktion. Ob diese Strategie frankreichweit Nachahmer findet und zum Erfolg führt, werden die Kommunalwahlen im Frühjahr 2020 zeigen. Sicher ist, dass die junge Generation von Katholiken auch im Falle des Scheiterns 2022 unermüdlich weiter nach Alternativen suchen wird und für Frankreichs Zukunft kein Weg an ihnen vorbeiführen wird.

Vielleicht wird diese kleine Minderheit in der kommenden Barbarei sogar solch eine Strahlkraft entwickeln, dass sich ihr immer mehr Menschen – wahrscheinlich nicht nur ethnische Franzosen, sondern auch Einwanderer – anschließen. Am Ende dieser Entwicklung würde ein wiederauferstandenes, reaktionäres Frankreich stehen, das auf ganz Westeuropa ausstrahlt.

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