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Sollte Feminismus heute nicht längst wertkonservativ sein? Die Freiheit der Frau muss gegen die Ansprüche eines angegrauten Utopismus ebenso verteidigt werden wie gegen die Zumutungen der grassierenden multikulturellen Gesellschaft. Heute lesen Sie den zweiten Teil von Nicole Höchst (Teil 1 finden Sie HIER).

Die Freiheit der Frau, etwas anderes aus ihrem Leben machen zu können, als Frau und Mutter zu sein, ist längst Zwang geworden. In unserer Gesellschaft besteht heute für Frauen ein spürbarer Zwang zur Erwerbstätigkeit. Der drückt sich durch deutliche Nachteile bei der Erwirtschaftung der Rente aus, aber auch sonst gibt es kaum Familien, die es sich leisten können, dass nur ein Elternteil arbeitet.

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Der ausufernde Umverteilungsstaat der offenen Grenzen und der zutiefst frauenfeindliche Tittensozialismus – getarnt als moderner Feminismus – scheinen mit dem Raubtierkapitalismus der zunehmenden Globalisierung eine unheilige Allianz eingegangen zu sein. Das geht hochgradig zu Lasten der Frauen, die deutlich häufiger an der Mehrfachbelastung durch Erwerbstätigkeit, Haushalt  und Familie sowie dem Gefühl, nichts von alledem zufriedenstellend erledigen zu können, erkranken.

Die omnipräsenten Forderungen des sogenannten Gender-Mainstreaming, das seine gesellschaftliche Umerziehung bereits in den Kindertagesstätten beginnt, tragen zur gesamtgesellschaftlichen Verstörung bei, denn hier wird permanent versucht, Intellekt und Bewusstsein dazu zu erziehen, Gefühle, eigene Wahrnehmungen und das ureigenste Wesen zu überlagern.

Frauen wie Männer werden zunehmend von sich selbst entfremdet und dazu gebracht, quasi zwangsneurotisch „typisch männliche“ und „typisch weibliche“ Gefühle und Verhaltensweisen bei sich selbst zu entdecken und auszumerzen. Sie können sich bei jedem Psychologen darüber erkundigen, was aus Menschen wird, die permanent gegen ihre eigene Natur angehen müssen, weil sie darauf konditioniert worden sind. Im glimpflichsten Falle werden sie einfach nur todunglücklich.

Sogenannte Feministinnen müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, nicht länger für die Freiheit und Gleichberechtigung von Frauen zu kämpfen. Sie verkämpfen sich für die Gleichheit von Männern und Frauen, die es aber so nicht gibt, und für den daraus resultierenden Anspruch auf Gleichstellung. Sie merken nicht, dass allein darin schon ein fundamentaler Widerspruch besteht, denn was gleich ist, muss nicht durch gesetzgeberische Anstrengungen gleichgestellt werden.

Das Manna ihrer Religion heißt Quote. Diese aber ist zutiefst sexistisch, denn sie schaut eben nicht auf Kompetenzen, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Motivation, Wissen usw. der Menschen, sondern zunächst einmal danach, ob Busen vorhanden sind oder nicht. Aus diesem sekundären Geschlechtsmerkmal leitet sich dann die weitere Vorgehensweise, der weitere  Umgang mit einer Person ab. Wahnsinn!

Außerdem sind Quoten unserer Ansicht nach verfassungswidrig. Meine Kollegin Beatrix von Storch drückte es im Deutschen Bundestag so aus: „Es ist heute selbstverständlich, dass Frauen und Männer das gleiche Wahlrecht haben, dass sie die freie Berufswahl haben und dass Frauen und Männer vor dem Gesetz gleich behandelt werden. […] Die Geschlechterparität im Wahlrecht zerstört die freie und geheime Wahl, vor allen Dingen die gleiche Wahl.

Die Quote behindert die freie Berufswahl und die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz. Wir müssen heute aktiv die Gleichstellungspolitik bekämpfen, um die Gleichberechtigung zu bewahren. Gleichberechtigung heißt: Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz, unabhängig von ihrem Geschlecht.“

Aber auch die Quotendebatte und das Busenzählen sind virtuose Schattenboxkämpfe von Feministinnen, die spüren, dass ihre Zeit abgelaufen ist. Die neuen Frauenrechtlerinnen setzen sich ein für den Erhalt der Rechte von Frauen, jetzt und auch in Zukunft. Dazu gehört eben auch das Recht, Frau sein zu dürfen, nicht mit Männern in allem Möglichen konkurrieren zu müssen und die Wahlfreiheit zu haben, ob man erwerbstätig oder Hausfrau und Mutter sein will.

Es gilt, den fortwährenden Vorgang der sogenannten Optimierung der Geschlechter auf Kosten des Urweiblichen zu stoppen. Frauen wohnt die Gnade inne, Leben schenken zu können. Dies wurde über lange Zeit als Fluch der gefühlten Unfreiheit verteufelt und bekämpft. Das ist heute biologisch längst überwunden.  eine Frau muss heute schwanger werden, wenn sie das nicht möchte.

Und keine Frau ist dazu gezwungen, ein Kind auf die Welt zu bringen, wenn triftige Gründe dagegen sprechen. Aber diese biologischen Zwänge wurden längst durch gesellschaftliche ersetzt, die die gewonnene Freiheit in Zwang ummünzten.

Unsere Gesellschaftskonstrukteure haben längst ins Auge gefasst, die Zeugung  und die Reifung von Kindern aus der Mutter heraus in Reagenzgläser und künstliche Gebärmütter zu verlagern. Was uns in literarischen Werken wie „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley oder in Filmen wie „Matrix“ dystopisch dargeboten wurde, ist längst technisch und medizinisch möglich oder steht bereits kurz vor der Serienreife.

Eine Diskussion darüber findet aber nicht statt. Es ist eine groß angelegte, gesamtgesellschaftliche, ethische Debatte, die wir hier führen müssten und die über die Frage entscheiden wird, ob wir Menschen uns weiter von dem entfernen wollen, was uns existenziell von Maschinen unterscheidet: den menschlichen Beziehungen, den komplexen Gefühlen von Bindung, von der Familie. Es ist bereits gelungen, die Familiengefüge in Deutschland nachhaltig zu zerstören und  die Kinder möglichst früh in die Kitas oder die Fremdbetreuung zu zwingen. Wollen wir diesen Weg der Entmenschlichung weitergehen? 

Diese Dehumanisierung, die uns stetig ein Stück weiter von dem entfernt, was wir  aber sind, wird von allen Seiten befeuert. So ist es bereits gelungen, Androiden  herzustellen, die primär als Sexualpartner fungieren, körperwarm und auch sonst erschreckend nah an  ihren menschlichen Vorbildern. Die neueste Generation dieser Puppen kann Gespräche führen, fragt nach dem Arbeitstag und lernt, nicht nur die sexuellen Vorlieben ihres Besitzers zu erfüllen, sondern eben auch sonst zu gefallen. Sie kann staubsaugen und Hausarbeit verrichten.

Auch wenn es diese Roboter ebenfalls  als Männernachbau gibt, stellen Männer die überwiegende Mehrheit der Kunden. Ich werte das als starkes Indiz dafür, dass nicht nur die Frauen ihr eigenes Wesen zunehmend vermissen, sondern eben auch die Männer mit der ökonomisch optimierten Frau partnerschaftlich wenig anfangen können. Und auch hier wieder die Frage: Wollen wir Frauen das so? Auch wenn diese Roboter auf dem deutschen Markt derzeit noch nicht allzu präsent sind, poppt doch auch in Deutschland hier und dort eine Ausprägung des Wunsches, die derzeitige Version von Frauen zu ersetzen, auf. Zum Beispiel hat in Speyer jüngst ein Puppenhaus eröffnet, in welchem die sexuellen Dienste von unterschiedlichsten, sehr menschenähnlichen Puppen in Anspruch genommen werden können.

Ich vermisse auch in diesem Zusammenhang die lauten Stimmen von Frauenrechtlerinnen, die sich nicht nur in eine gesellschaftliche Diskussion einklinken, sondern diese dezidiert anführen.

Ganz ehrlich, ich persönlich hätte mir nie träumen lassen, dass ich einmal für Frauenrechte und die damit verbundenen Themen öffentlich eintreten würde. Aber ich habe über die letzten Jahre hinweg einfach verstehen müssen, dass unsere Epoche mit der größten relativen Freiheit für Frauen ihren Zenit bereits überschritten hat und dass es jetzt wichtig ist, jene Themen zu adressieren, die im Begriff sind, unsere gesellschaftliche Rolle für immer zu prägen und unwiederbringlich zu verändern.

Ich habe einmal gesagt, dass zeitgenössischer Feminismus wertekonservativ sein müsse, um unsere Freiheit zu erhalten und durchzusetzen. Das ist natürlich ein  Widerspruch in sich; dieser macht aber deutlich, dass  sozialistisch geprägter Feminismus uns über die anfänglichen Segnungen hinaus in eine üble Sackgasse geführt hat und uns den sehr zweifelhaften Freuden einer entmenschlichten, widernatürlichen Zukunft zuführen wird, sofern nicht schon vorher die Rückkehr in die Gleichberechtigungssteinzeit stattgefunden haben wird. Denn aus dem Multikulturalismus wird früher oder später eine Monokultur wie in Saudi-Arabien oder Iran werden. Diese Entwicklung konnten wir beispielsweise im Libanon beobachten.

Wenn ich in die Augen meiner Kinder blicke, tief in ihre Herzen hinein, weiß ich mit unverrückbarer Sicherheit und Klarheit, dass ich diese düstere Zukunft für sie nicht zulassen kann. Und zwar weder die eine noch die andere.

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Neue Menschen, neue Sprache: Vom Gastarbeiterdeutsch zu „Kanak Sprak“ tauscht sich die Mehrheit langsam mit aus. „Kiezdeutsch“ zwischen Migranten und Eingeborenen wird ein neuer Sprachstandard, mit dem immer mehr Jugendliche leben. Heute lesen Sie den zweiten Teil der Analyse von Thorsten Seifter (Teil I).

Die Versuche, Ethnolektsprecher über monolingual Deutsche heben wollen, sind absurd. Die abgedroschene Behauptung, Mehrsprachigkeit sei per se vorteilhaft, ist zu hinterfragen. Innerhalb der Linguistik wird von Registern und Domänen gesprochen, um darzustellen, für welche und wie viele Zwecke die jeweilige Sprache eingesetzt wird und werden kann, sprich, wie breit die Kompetenz des Sprechers ist. Sprecher, die neben dem Ethnolekt, den sie in ihren Cliquen verwenden, noch Türkisch (daheim mit den Eltern usw.) und Deutsch (mit Lehrern) sprechen, tun das eben in den genannten Bereichen und mit mitunter wechselndem Erfolg.

Für eine breite Türkisch oder auch Deutschkompetenz (d. h. auch schriftlich) bedarf es dagegen weit mehr. So kommt es auch, dass ebenjene Sprecher bei Urlauben in der Türkei etwas schief angeschaut werden, da sie sich nicht „richtig“ verständlich machen können oder nicht alles dort Gesagte verstehen. Zudem existieren in puncto Ethnolekt noch keine systematischen Studien, die ergründen, ob und in welcher Form Sprecher ihren Ethnolekt über die Jugendjahre hinaus beibehalten und wie gut ausgebaut ihre Möglichkeiten sind, situativ tatsächlich ins Standarddeutsch zu wechseln (ethnolektale Merkmale, die selbst in letzterem Fall die Herkunft verraten, treten dabei ebenfalls auf).

Damit bleibt die von Wiese bemühte „Flexibilität“ eine offene Frage. Es existieren sowohl Hinweise auf eine Manifestation des sprachlich-kulturellen Milieus als auch auf eine Orientierung in Richtung Standardsprache bzw. Majoritätsgesellschaft. In Zukunft wird es vor allem auf die ethnischen und sozialen Verhältnisse ankommen, insofern, als durch eine permissive multikulturelle sprachpolitische Ideologie Minderheitensprachen einerseits und durch den Druck der Demografie andererseits entsprechende Deutschkenntnisse nicht mehr notwendig erscheinen müssen.

Für die Stabilität des Milieus spricht schon allein die Tatsache der  Lohnumgebung, wo wohl nicht nur in den Städten eine Segregation präferiert wird, schließlich zieht es auch „Falter“-Chefredakteure in das ethnisch homogenere Wiener Umland und natürlich  besuchen selbst die Kinder führender Sozialdemokraten Privatschulen.

Prestige, Macht und Assimilation

Ein weiterer sozio-kultureller Aspekt betrifft die innere Kohäsion der migrantisch geprägten Lebenswelten, wo mittels des Ethnolekts prestigeträchtige, sozial-ethnische Identitäten geschaffen werden. In der Soziolinguistik ist diesbezüglich von covert (gedecktem) und overt (offenem) Prestige die Rede.

Der Ethnolekt weist nach außen hin (z. B. im Vergleich zur Standardsprache) ein geringes, offenes Prestige auf, innerhalb der Gemeinschaft jedoch ein hohes, gedecktes, weshalb er als „Reflex einer Ghettoidentität“ gefasst werden kann. Der Ethnolekt fungiert für einige Forscher und Fälle aber auch „für die Abgrenzung gegenüber den türkischsprachigen Eltern und Familien einerseits und gegenüber der Deutsch sprechenden Mehrheitsgesellschaft andererseits“ und sei deshalb als etwas Hybrides im Zwischenraum“ zu betrachten.

Wobei auf der anderen Seite die Abgrenzungsmechanismen durchaus zulasten einer weitgehend liberalisierten weißen/deutschen etc. Mehrheitskultur gehen können, die als uncool/angespannt, unmännlich usw. gilt, weswegen durchaus nicht nur in der Selbstzuschreibung von Getto im Sinne eines sich abschottenden Milieus die Rede sein kann – Leitgedanken des von Vielfalt und Diversität beseelten gegenwärtigen Forschungsbetriebes hin oder her.

Es wird dort zwar von „gesellschaftliche[n] Problemfelder[n]“ gesprochen, eine „massive soziale Segregation“ sei aber „trotz aller Diskussionen um ‚Parallelgesellschaften‘ nicht gegeben“. Demgegenüber werden „Stigmatisierung und Marginalisierung“ treu kritisiert, damit am Ende „die Vision einer offenen Gesellschaft mit Leben“ gefüllt werden könne. Äußerungen von Ethnolektsprechern, die mitunter sogenannte(n) Homophobie, Sexismus, Gewalt usw. widerspiegeln, scheinen das Bild nicht zu trüben, erfahren sie doch in den Forschungsarbeiten keine kritische Reflexion (Käme diese eher dann zum Tragen, wenn derartige Aussagen von rechten Gewährsleuten getätigt würden?).

Zur Frage der Anpassung ist noch Diana Marossek anzuführen, die sich für ihre Dissertation als Unterrichtspraktikantin ausgab und sich in mehr als 70 Schulklassen in Berlin setzte, um den Ethnolekt möglichst unverfälscht zu erforschen. Sie ist zu interessanten Erkenntnissen gelangt: „Ich habe beobachtet, dass deutsche Schüler, aber selbst einige Lehrer, in Alltagssituationen die Artikel und Präpositionen weglassen, also etwa: ‚Ich habe Schere in Schublade gelegt‘. Außerdem werden viele türkische und arabische Ausdrücke gelernt.

Deutsche Kinder in Klassen mit hohem Migrantenanteil lernen selbst regelrecht Türkisch, um sich verständigen zu können.“ Sie betrachtet diese Vorgänge nüchtern, doch muss ihren Interpretationen am Ende widersprochen werden: „Das kommt daher, dass man sich anpasst. Wenn man mit 29 türkischstämmigen Kindern in der Klasse ist, dann ist das unvermeidlich. Ich würde aber nicht sagen, dass damit irgendein Machtgefüge zum Ausdruck kommt. Es handelt sich um normale linguistische Interferenzen“.

Diese Zustände stehen sehr wohl mit Macht als auch mit Mehrheits- und Prestigeverhältnissen in Zusammenhang. Die einen Deutschen können sich  der normativen Kraft des Ethnischen nicht entziehen und müssen sich assimilieren, die anderen, die in den Ethnolekt und die dazugehörige Subkultur abtauchen wollen, passen sich eben aus freien Stücken an diese Gruppen an, um Teil davon sein zu können.

Insgesamt ist es also kaum gewagt, zu konstatieren, dass die mehrfach betonte integrative Kraft und Offenheit des Ethnolekts und damit der Subkultur eher den sattsam bekannten Bildern deutscher Bahnhöfe des Jahres 2015 mit ihren bunten Luftballons und infantilen Spruchbändern entspringen als einer beobachteten Realität.

Marosseks Resultate sind in gleichem Maße für die Ausbreitung, die De-Ethnisierung des Ethnolekts von Interesse, da diese unter Lehrern ebenfalls voranschreiten dürfte. Ein gutes weiteres Beispiel für die De-Ethnisierung des Ethnolekts und der Subkultur im Gesamten bildet die Hamburger Rap-Gruppe „187 Strassenbande“, weil sie  war wesentlich aus deutschen Rappern besteht und von einem Deutschen produziert wird, sich jedoch in Auftreten und Sprache nicht von den migrantischen Rappern des Genres unterscheidet.

Im Lied „Mit den Jungz“ heißt es zum Beispiel: „bin auf Party nich allein“, oder in „Allstars 2014“: „du denkst, du hast Plan“, wo in beiden Fällen der Artikel getilgt wird und im ersteren der Wechsel von „ch“ zu „sch“ bereits naheliegt ist. Hier hat ein beträchtlicher Transfer der gesamten Subkultur stattgefunden, und die 33 Millionen Aufrufe des ersteren Videos auf YouTube legen durchaus nahe, dass die Wirkung auch auf die deutsche Jugend beträchtlich sein dürfte. Ähnliches ist in der von schwarzen US-Amerikanern geprägten Rap-Szene und ihren weißen Aspiranten in den USA beschrieben.

Staat stärken, Globalisierung bekämpfen

Das Dilemma besteht darin, dass ausgehend von den Universitäten, der Wirtschaft, dem Kunst- und Medienbetrieb sowie der Politik die autochthone Kultur dekonstruiert wurde (Schnitzelpatriotismus als Widerstandspos(s)e ist indessen  unzureichend).

Der vom Neoliberalismus erfasste Staat zieht sich sukzessive aus seiner eigentlichen Verantwortung zurück, und das verbliebene Potenzial seiner Jugendagenda ist politisch verblendet. Es bräuchte dringend niederschwellige antiglobalistische, antikonsumistische, natur- und gemeinschaftsverbundene Ideen und Einrichtungen für autochthone Kinder und Jugendliche. Dieser Mangel an Angeboten steht wiederum in Verbindung mit der erfolgten und anhaltenden  Zuwanderung, die – wie dargestellt – den Ethnolekt in migrantisch geprägten Vierteln hervorgebracht hat.

 Niemand muss den Ethnolekt und noch weniger dessen Übergreifen auf Einheimische schön oder lobenswert finden, doch träfe die Kritik am Ethnolekt selbst oder an den Sprechern zu kurz. Immerhin sind alle Beteiligten in Wahrheit Verlierer, da sie entwurzelt und identitär zerrüttet sind. Die politische Rechte muss an die Wurzel gehen und die Ursachen bekämpfen, die am enthemmten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Liberalismus festzumachen sind.

In diesem Sinne können auch die korrespondierenden Themen Zuwanderung und Sprachwandel aus ihrem elenden Dasein befreit werden. Denn die zu einem Topos verkommene Behauptung, dass beides stets schon gegeben gewesen sei, greift zu kurz. Natürlich gab es immer Wanderungsbewegungen, und auch die Sprache wandelt sich unter anderem aufgrund von Sprachkontakt, doch haben in den letzten Jahrzehnten die Globalisierung sowie der anglophone US-Kulturimperialismus zu einer rasanteren Veränderung der Sprache geführt, als es ohne Fremdspracheneinfluss der Fall gewesen wäre. Der dauernden Beschleunigung der Prozesse werden beschwörende Termini und historisch halbwahre Bezüge beigegeben, die die gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Verhältnisse naturalisieren und damit legitimieren.

Warum sollte die Globalisierung nicht aufgehalten werden können? Wenn mehr Entschlossenheit und Idealismus an den Tag gelegt würden, wären die ethnischen, sozialen und sprachlichen Zustände sehr wohl stärker steuerbar. Sich aber den herrschenden Verhältnissen bereitwillig hinzugeben oder auf sanfte, allzu verträgliche Kurskorrekturen zu setzen, kann und darf eine zukunftsorientierte, tatkräftige Politik niemals akzeptieren.



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Neue Menschen, neue Sprache: Vom Gastarbeiterdeutsch zu „Kanak Sprak“ tauscht sich die Mehrheit langsam mit aus. „Kiezdeutsch“ zwischen Migranten und Eingeborenen wird ein neuer Sprachstandard, mit dem immer mehr Jugendliche leben. Ein Text von Thorsten Seifter.

Sprache lebt und verändert sich. Sprachmischungsprozesse sind historisch zahlreich belegt, z. B. in den Pidgin- und Kreolsprachen, die von der Kolonialzeit herrühren und eine vereinfachte Sprache für bestimmte Zwecke zwischen dominanter (europäischer) und dominierter (indigener) Kultur darstellen.

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Eine Sonderform des Pidgin ist das Gastarbeiterdeutsch, das unter anderem durch den Ausfall von Artikeln, Präpositionen oder Pronomina, den Ausfall bzw. die Vereinfachung der Verbflexion (Numerus, Tempus, Modus, Person), die übermäßige Verwendung des Infinitivs oder die Negationspartikel „nix“ vor dem Verb gekennzeichnet ist.

Die Spezifika des Gastarbeiterdeutsch bilden wiederum den Ausgangspunkt für die nachkommende dritte und vierte Generation von Einwanderern – häufig bereits Staatsbürger –, bei denen sich seit Beginn der 1990er-Jahre eine „neue ethnolektale Varietät entwickelt“ hat, die aufgrund der ethnischen und folglich sprachlichen Verhältnisse auch „Türkendeutsch“ genannt wird. Eine aktuelle Fortentwicklung in Richtung arabischer Elemente ist hierbei nicht unwahrscheinlich.

Wiewohl die heimischen Fertilitätsraten in den Jahren der jugoslawischen oder türkischen Gastarbeiteranwerbung noch ausreichend waren, wurde aus Kurzsichtigkeit und dem Interesse der Wirtschaft folgend eine massive ethnische Veränderung in Gang gesetzt, die bis zum heutigen Tag andauert und sich auch im Ethnolekt niederschlägt: „Ausgangspunkt für Mischungs- und Kreuzungsprozesse im urbanen Milieu sind Migrationsverfahren und demographische Veränderungen, die die Etablierung von neuen kommunikativen Sozialstilen herbeigeführt haben“, schreibt die Linguistin Anna Daskiewicz. Die Frage des Ethnolekts in Deutschland – für Österreich liegen keine Studien vor – bzw. in ganz Westeuropa ist dementsprechend im Grunde eine hochpolitische und sollte auch so verstanden und behandelt werden.

Der aus der Soziolinguistik stammende Begriff des „Ethnolekts“ bezeichnet, grob und vereinfacht gesprochen, eine ethnisch gefärbte Sprache. Es existieren allein für den deutschen Fall etliche Synonyme, wie das erwähnte „Türkendeutsch“, „Gettoslang“, „Kiezdeutsch“ etc. Er wird hauptsächlich von migrantischen Jugendlichen in den Städten gesprochen. Der Sprachwissenschaftler Peter Auer hat hierzu ein Modell vorgeschlagen, mit dem der Ethnolekt umfänglich beschrieben werden kann. Er spricht von primären, sekundären (=medial vermittelt/aufgebrachten) und tertiären (= crossing) ethnolektalen Merkmalen sowie der De-Ethnisierung. Primäre Merkmale sind dabei genuin in den Sprechergemeinschaften entstanden, siehe Beispiele unten.

Sekundäre Merkmale bestehen aus ethnolektalen Generalisierungen, Stilisierungen, Versatzstücken oder auch Erfindungen durch Berichte (z. B. über die Sprache in der Rütli-Schule, Sendungen über „Krass sprechen“), Film („Erkan & Stefan“), Kabarett (Kaya Yanar) oder Musik (Grup Tekkan), d. h. es wird etwas originär Ethnolektales aufgegriffen, weiterverarbeitet oder neu erschaffen, was durch die mediale Verbreitung und Wirkung in der Folge selbst als Ethnolekt gilt.

Tertiäre Merkmale sind durch ihre  Restriktion gekennzeichnet, da sie lediglich als starre Muster Verwendung finden, z. B. bei deutschen Jugendlichen, die sich innerhalb ihrer Gruppe über Türken lustig machen. Mit der De-Ethnisierung ist gemeint, dass der Ethnolekt seine Aufladung mit „Ausländersein“ verliert und sich zu einer neutralen Jugendsprache entwickelt, was wiederum dazu führt, dass er von monolingual deutschen Jugendlichen ebenfalls stärker gebraucht wird.

Hier sind einige Sprachbeispiele aufgeführt, die den (weitgehend) primären Ethnolekt auszeichnen:

• „ch“ zu „sch“: mussisch, hatisch, manschmal.

• „r“ wird am Wortanfang gerollt und außerdem am Wortende betont: mach weiter.

• „tz“ und „z“ werden zu „s“: „Zange“ zu Sange.

• Wegfall von Präposition und Artikel in Lokal- und Richtungsangaben: sie is Schule, isch muss Toilette, wir gehn Schwimmbad.

• Generalisierung des Verbs „machen“: isch mach disch Krankenhaus („Ich schlag dich krankenhausreif “), isch mach Wasserfarben („Ich male mit Wasserfarben“)

• Verwendung von Formeln wie „Isch schwör“

• Verwendung türkischer Formen zur Anrede oder als Diskursmarker (lan, moruk / „Mann“, „Alter“) bzw. zur Beschimpfung (siktir lan / „Verpiss dich, Mann“)

• gelegentlich z. B. auch andere Wortstellung: Hauptsache lieb isch ihn; andere Genera: rischtiges Tee, meine Fuß.

Dubiose Glorifizierung und Autochthonisierung

Für Sprachpuristen oder Edelfedern sind die Beispiele wohl schwere Kost, es gibt aber auch  Germanistikprofessoren wie Heike Wiese, die sich dem Ethnolekt verschrieben haben – „Kiezdeutsch“ in Wieses Worten. Damit hat sie ungewollt die erste semantische Leistung vollbracht, da „Kiez“ eigentlich nur ein Viertel in Berlin oder Hamburg bezeichnet, nunmehr aber in der Öffentlichkeit mit Fremdheit verknüpft wird.

Für sie persönlich allerdings handelt es sich keinesfalls um eine „Ausländersprache“, sondern gar um einen Dialekt wie Bairisch oder Sächsisch. Kiezdeutsch sei ferner „nicht der Sprachgebrauch einer isolierten, sich abschottenden Gruppe einer bestimmten Herkunft, sondern bezieht alle Jugendlichen in multiethnischen Wohngebieten ein. Es ist ein Beispiel für eine besonders gelungene sprachliche Integration: ein neuer, integrativer Dialekt, der sich im gemeinsamen Alltag ein und mehrsprachiger Jugendlicher, deutscher ebenso wie anderer Herkunft, entwickelt hat“.

Kiezdeutsch sei generell „etwas Besonderes – auch im Vergleich zu anderen sozialen Dialekten und Jugendsprachen. Es ist flexibler und offener“. Der „Tagesspiegel“ springt ihr ideologieschwanger bei: „In finanzschwachen und sogenannten bildungsfernen Milieus zeigt das Wechseln zwischen zwei oder sogar mehreren Sprachen, dass die Person dementsprechend multilingual unterwegs ist. Die monolinguale Mehrheit in Deutschland kann da nur schwer mithalten.“

Nicht nur das, „Kiezdeutsch eröffnet aber auch ein neues Fenster zu internationalen Märkten. Da steckt Potenzial, das man nutzen könnte ganz im Sinne von Management und Vermarktung.“ Worin das „Potenzial“ konkret bestehen soll, bleibt verborgen.

Mit einem solchen Enthusiasmus und Rückenwind ausgestattet wird Wiese nicht nur von Zeitung zu Zeitung gereicht, sondern auch von Lehrern begeistert empfangen, um Schüler mit den Vorzügen des „Turbodialekts“ vertraut zu machen. Als Ziel „einer solchen Auseinandersetzung“, so Wiese und ihre Kollegin, „sollten Schüler/innen [sic] auch erkennen, dass ‚die deutsche Sprache‘ nicht als homogenes, monolithisches und unveränderliches Ganzes existiert, sondern aus zahlreichen Varietäten und Sprechweisen  besteht, zu denen auch neue Dialekte und Jugendsprachen wie Kiezdeutsch gehören“.

Gelernt wird das in Arbeitsaufträgen wie: „Untersuche den Gebrauch von ‚ischwör‘ und anderen Gesprächspartikeln“. In das gleiche Horn stößt die Professorin für Deutsch als Fremdsprache İnci Dirim, die eine „Anerkennungspädagogik“ fordert; immerhin seien „[m]igrantenspezifische Sprachregeln auch ein Zeichen für Integration“. Also Äußerungen wie „Gemma Billa“ oder „Mussisch mein Schwester fragen“? Ein herausforderndes Verständnis von Integration und Sprache.

Ein sich ernst nehmender und verantwortungsbewusster Staat würde derartige postfaktische „Verbuntungsversuche“ von Diversitätsgermanisten unterbinden, die ex cathedra ihre sprachpolitische, der aggressiven und rassistischen Ideologie der Diversität entsprechende Agenda zur Schau stellen. Einstweilen reicht es bloß zur fachinternen Kritik. Der emeritierte  Linguistikprofessor Helmut Glück schreibt: „Unumstritten war bisher, dass die Kinder in der Schule Hochdeutsch zu lernen haben.

Wiese hingegen möchte ‚Kiezdeutsch‘ in den Deutschunterricht holen. Für Jugendliche, die ‚Kiezdeutsch‘ sprechen, ist Unterricht im Hochdeutschen notwendiger, wenn man ihnen Chancen auf eine Lehrstelle und ein selbständiges Berufsleben eröffnen will.“ Doch erkennt auch er, was die tatsächliche Intention ist: „Es geht ihr um Krawall.

Sie möchte ‚Kiezdeutsch‘ sozial aufwerten, aus der Schmuddelecke holen.“ Ihr Vorgehen „mag im Kiez und im Privatfernsehen funktionieren. In der Wissenschaft funktioniert es nicht. […] Sie ist offen parteilich. Schon deshalb sind ihre Erkenntnisse über ‚Kiezdeutsch‘ wissenschaftlich wertlos“.

Mit seinen harschen Schlussworten hat Glück den Nerv getroffen. Zunächst ist ein Dialekt nämlich nun einmal eine historisch gewachsene, einheimische und regional begrenzte Sprachform, die mit Ländlichkeit verknüpft ist, und keine migrantisch-jugendsprachliche Art zu sprechen, die mit der autochthonen Sprache im städtischen Kontext in Kontakt gerät (die Ethnolektsprecher klingen auch nicht wie Dialektsprecher).

Für derartige Sprachkontaktphänomene des Deutschen gibt es historische Vorläufer wie Küchenlatein, Apothekergriechisch, Rotwelsch, Kucheldeutsch usw., auch wenn Wiese und Kollegen das nicht wahrhaben wollen. Dort wie da wurden lediglich gewisse sprachliche Domänen bespielt, niemand erklärte das zu angestammten Dialekten oder Sprachen; der Ethnolekt ist im gesamtdeutschen Zusammenhang insoweit als randständig zu bezeichnen.

Nächste Woche geht es HIER weiter mit Teil II unserer Reportage.

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Lesbos ist einer der Brennpunkte der europäischen Migrationskrise. Die Situation auf der Insel hat sich längst gefährlich zugespitzt. Chefredakteur der TAGESSTIMME – Stefan Juritz – war voriges Jahr vor Ort und hat seine Eindrücke für uns aufgeschrieben. Heute lesen Sie den zweiten Teil seiner Reportage (den ersten Teil finden Sie HIER).

Am Abend belagerten 2.000 Demonstranten eine Militäranlage, in der sich die Spezialeinheit tatsächlich vor dem wütenden Mob versteckte. Die Polizisten waren später noch nicht einmal in dem Hotel, in dem sie untergebracht wurden, vor dem Zorn der Einheimischen sicher. Hunderte Griechen stürmten das Gebäude und verprügelten die Beamten. Die Bilanz am Ende des Tages: 43 Polizisten und zehn Demonstranten wurden verletzt.

Dieser Artikel ist in FREILICH 8 erschienen. Alle Ausgaben finden Sie HIER.

All dies ereignete sich nur wenige Wochen vor unserer Ankunft auf Lesbos. Wir wussten also um die Gefahr, in die wir uns bei der Recherche für diese Reportage begeben würden.

Anfang März nun sind wir in Mytilini und beziehen unsere Unterkunft gleich in der Nähe des Hafens. Es ist mittlerweile Abend geworden, und wir beschließen, einen ersten Lokalaugenschein zu unternehmen. Die Dutzende Migranten, die wir vorhin rund um den Hafen sahen, sind jetzt weg. Entweder sind sie mit dem Bus zurück nach Moria gefahren oder zu Fuß dorthin gegangen.

Wenn man jetzt durch die Einkaufsstraßen schlendert, fühlt man sich wieder wie auf einer ruhigen Urlaubsinsel, und man gewinnt fast den Eindruck von Normalität.

Wir beschließen, uns in ein Restaurant zu setzen und eine Kleinigkeit zu essen. Außerdem hoffen wir, mit Inselbewohnern ins Gespräch kommen zu können, um mehr über die Situation auf Lesbos zu  erfahren. Nur zwei Gehminuten von unserer Unterkunft in Richtung Hafen entfernt spazieren wir an einer kleinen und auf uns typisch griechisch wirkenden Gaststätte vorbei.

Das Lokal ist fast leer. Nur an einem Tisch sitzen noch zwei Personen. Das Personal begrüßt uns sehr freundlich. Noch vor dem Essen stellt uns die Kellnerin zwei Gläser Ouzo an den Tisch. Sehr erfreut stoßen wir auf die überstandene lange Reise an. Während wir auf unsere Bestellung warten, betrachten wir die sehr urige Innenausstattung des Lokals.

An den Decken und Wänden hängt allerlei landwirtschaftliches Gerät, ein Wagenrad etwa, und ein Jagdgewehr sowie ein hölzernes Ding, das wie ein Pflug aussieht. Auf einem kleinen Balkon, der sich über dem Durchgang zum zweiten Raum befindet, steht – von grünem Licht in Szene gesetzt – eine weibliche Schaufensterpuppe, die in traditionelle griechische Tracht gekleidet ist.

Sämtliche weißen Stellen an den Wänden sind mit schwarzem Filzstift beschriftet. Das meiste davon steht auf Griechisch, manches aber auch auf Englisch und Französisch geschrieben. Es dürfte sich wohl um Botschaften von Gästen handeln. Direkt neben uns lesen wir eine Botschaft von 2016: „Refugees welcome“. Die Zeiten haben sich hier eindeutig geändert.

Während des Essens kommen wir mit der Wirtin Andrea ins Reden. Sie arbeitet eigentlich im IT-Bereich an der örtlichen Universität, erzählt sie uns. Doch wenn ihr Mann am Abend beim Fußball ist, dann schmeißt sie den Laden. Sie interessiert sich dafür, was wir hier machen. Wie Touristen würden wir nämlich nicht  wirken, und außerdem seien sowieso kaum noch welche auf der Insel, sagt sie in sehr gutem  Englisch. Wir erzählen, dass wir aus Österreich kommen und an einer Reportage über Lesbos arbeiten, bei der wir besonders auch die Perspektive der Einheimischen berücksichtigen wollen. Sie scheint sich zu freuen. Insgesamt werden wir an diesem Abend fast drei Stunden mit ihr reden. Man merkt, wie wichtig es ihr ist, uns die Situation der Inselbewohner genau zu schildern.

Andrea erzählt, dass die Einwohner hier besonders am Höhepunkt der Asylkrise 2015 bis 2016 sehr hilfsbereit gewesen seien. „Wir sind keine Rassisten“, stellt sie klar. Im Gegenteil, sie glaubt, dass Inselbewohner generell „offener“ seien als die Leute vom Festland. Doch die Entwicklung der letzten Jahre habe die Einstellung der Einheimischen geändert. Viele hätten nun die Schnauze voll.

Die Wut richte sich dabei weniger gegen die illegalen Migranten, sondern besonders gegen die Politik. Neben der Migrationskrise gebe es mittlerweile auch wirtschaftliche Probleme. Viele Geschäfte hätten in den letzten Jahren bereits zugesperrt. Natürlich treffe auch der ausbleibende Tourismus die Insel. Man  bemerke auf Lesbos einen Verlust der Lebensqualität, sagt sie. „Es ist eine Lose-lose-Situation.“ Für die Einheimischen und für die Migranten.

Andrea zufolge ist die Zahl der Diebstähle und Einbrüche in den letzten Jahren gestiegen. Auch ihr Restaurant war davon betroffen. Es seien Afrikaner  eingebrochen und hätten einen Laptop und alles, was irgendwie wertvoll aussah, mitgenommen. Für solche Straftaten bringt sie nur wenig Verständnis auf. Kriminelle Migranten solle man ihrer Ansicht nach abschieben. Diese würden nämlich ein schlechtes Licht auf alle übrigen werfen. „Es gibt hier genug, die wirklich leiden.“

Wir wollen von ihr wissen, wie sich das Zusammenleben auf der Insel im Alltag gestaltet. Doch offenbar gibt es das gar nicht. Es existieren zwei Parallelgesellschaften. Man bleibt unter sich.

Von der Regierung fordert Andrea endlich Lösungen. Wie diese Lösungen aussehen könnten, weiß sie jedoch auch nicht. Doch schließlich seien die Politiker dafür gewählt worden, wie sie betont. „Manche Migranten müssen jedenfalls von der Insel gebracht werden.“ Und zwar in feste Anlagen, nicht in Zeltstädte wie in Moria. Was die Einheimischen hier jedoch nicht haben wollen, sei ein neues Camp auf der Insel. Andrea erzählt uns von den Protesten, die sich so gewalttätig entwickelt haben.

Sie sei selbst dabei gewesen, mit Freunden aus der Stadt. Es hätten dort hauptsächlich einfache Bürger und ganze Familien protestiert. Sehr kritisch sieht sie den Einsatz der Spezialeinheit MAT, bei dem auch auf friedliche Leute Tränengas geschossen worden sei. „Die Leute hier vertrauen der Polizei nicht mehr.“

Die Leute hier sind wütend und fühlen sich von der Politik im Stich gelassen. Das Lager Moria platzt weiter aus allen Nähten, und auch die Polizei ist vollkommen überfordert. All das bringt die Einheimischen zur Verzweiflung und führt dazu, dass sich einige von ihnen organisieren. Sie versuchen mittlerweile im Stil von Bürgerwehren, das Recht selbst in die Hand zu nehmen. Dabei scheinen die Hemmungen immer weiter zu fallen. Sie errichten Straßensperren und verprügeln NGO-Mitarbeiter. Andrea rät uns deshalb, auf dem Weg nach Moria einen Presseausweis mitzunehmen, um nicht fälschlicherweise für NGO-Mitarbeiter gehalten zu werden.

Die NGOs sind auf der Insel sehr unbeliebt geworden, man gibt ihnen eine Mitschuld an der illegalen Migration. „Ich bin mir sicher, die meisten von ihnen haben gute Absichten“, meint die Griechin. Aber manchen der NGOs wirft sie vor, einfach nur Geld machen zu wollen.

Doch der Zorn der Inselbewohner trifft nicht nur NGO-Mitarbeiter, sondern auch Journalisten. In den letzten Wochen wurden vermehrt ausländische Reporter von wütenden Einheimischen angegriffen. Auch uns trifft es am nächsten Tag in einer Einkaufsmeile in der Nähe des Hafens. Allerdings haben wir es hier nicht – wie befürchtet – mit aufgebrachten „Wutbürgern“ zu tun, sondern mit linksextremen Antifa-Schlägern.

Es ist jetzt Freitagvormittag, die Sonne scheint, und es herrscht reger Betrieb in den Straßen der Stadt. In der Nähe des Hafens treffen wir uns mit zwei Kollegen aus Deutschland zum Frühstück. Danach nehmen sie uns mit zu einem Treffen mit einem Einheimischen, der uns die Gegend zeigen und verschiedene Leute vorstellen möchte. In der Einkaufsstraße unterhalten wir uns mit einer griechischen Ladenbesitzerin. Da sie viele Jahre in Deutschland gelebt hat, spricht sie hervorragend Deutsch.

Die Situation auf der Insel schildert sie uns ähnlich wie Andrea am Vorabend. Auch sie berichtet von negativen Erfahrungen, und ebenso wie Andrea will sie, dass sich diese Krise endlich bessert. Beide Frauen sind keinesfalls Ausländerfeinde. Die Ladenbesitzerin schildert ihr Mitgefühl, wie sie abends daheim sitze und sich um die Frauen und Kinder im überfüllten Lager oder in den ankommenden Schlauchbooten sorge. Doch auch sie hat ihre eigenen Probleme, um die sie sich kümmern muss. Die zusätzliche Belastung durch die tausenden Asylwerber auf der Insel ist zu viel für sie.

Mitten in diesem Gespräch greift uns plötzlich – wie aus dem Nichts – eine Gruppe vermummter Linksextremer an. Sie tragen zum Teil Motorradhelme bei sich, und mindestens einer ist sogar mit einem Teleskopschlagstock bewaffnet. Sie sind zwar in der Überzahl, trotzdem können wir durch rasches Handeln unsere Ausrüstung sichern und den Angriff letztlich abwehren. Einer der beiden Deutschen muss später aber mit einer Platzwunde am Kopf und einem blauen Auge im Krankenhaus behandelt werden.

Der Antifa-Trupp hat sich schon aus dem Staub gemacht, als die Polizei eintrifft. Die Beamten bringen uns auf die Wache, damit wir dort den Vorfall schildern und anzeigen können. Was wir zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht ahnen: Wir werden dort bis am Abend warten müssen. Ein Polizist erklärt uns, dass seine Kollegen gerade nach den Angreifern suchen und man nach Ladenschluss alle Überwachungskameras in der Gegend des Überfalls prüfen werde. Wir sollen bis dahin bleiben, um die Täter im Falle von Festnahmen gleich identifizieren zu können.

Die Polizei gibt sich also tatsächlich Mühe bei den Ermittlungen. In all den Stunden behandeln die Beamten uns sehr freundlich und versorgen uns immer wieder mit Getränken. Sie erzählen, wie schwierig ihre Arbeit geworden sei. Die Situation verschlechtere sich stetig, es entstehe immer mehr Chaos. Die Exekutive brauche mehr Ressourcen und Personal, erklärt einer der Beamten.

Hier an der griechisch-türkischen Grenze wird der Anfang einer neuen Migrationswelle wie von 2015 aufgehalten, dessen sind sie sich bewusst. Die meisten Migranten hier auf Lesbos gäben als Wunschziel Deutschland an, erzählen die Polizisten im Gespräch. Man erledigt hier also auch die Arbeit für die restlichen Europäer. „Die Probleme auf Lesbos sind die Probleme ganz Europas.“

Als wir am Abend die Polizeistation endlich verlassen können, raten uns die Beamten, die Hauptstadt aus Sicherheitsgründen zu meiden. Auch uns ist nach dem Überfall und den mittlerweile erschienenen – abstrus verzerrten – Medienberichten klar, dass wir unsere Arbeit hier abbrechen müssen. Um weiter in Ruhe recherchieren zu können, ist die Insel einfach zu klein und die Lage zu unübersichtlich. Wir entschließen uns also, am nächsten Morgen die Heimreise anzutreten. Nichtsdestotrotz konnten wir wichtige Eindrücke gewinnen.

Auf Lesbos spielt sich eine Tragödie ab, die hier alle gleichermaßen betrifft und stetig droht, endgültig zu eskalieren. Die griechische Regierung verspricht zwar schnellere Asylverfahren und Abschiebungen, wirkt aber letztlich überfordert und ratlos. Zwar hat Griechenland als Reaktion auf die türkische Grenzöffnung seit März für einen Monat das Asylrecht ausgesetzt, um neu ankommende Migranten wieder zurück in ihre Heimatländer bringen zu können, doch wird sich die Situation auf der Insel dadurch nicht ändern. Die aufkommende Corona-Pandemie könnte die Lage sogar noch verschärfen.

Ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht. So viel ist sicher: Lesbos ist ein Pulverfass an der Außengrenze Europas, ein Pulverfass, das die Grenze für alle anderen Europäer schützt, damit sich „2015“ nicht wiederholt. Doch die Inselbewohner fühlen sich von ihrer Regierung und den anderen EU-Staaten im Stich gelassen und verraten. So, wie Andrea beim Abschied am ersten Abend meinte: „Wir wollen kein Geld, wir wollen ein normales Leben.“

Dieser Artikel ist in FREILICH 8 erschienen. Alle Ausgaben finden Sie HIER.



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Lesbos ist einer der Brennpunkte der europäischen Migrationskrise. Die Situation auf der Insel hat sich längst gefährlich zugespitzt. Chefredakteur der TAGESSTIMME – Stefan Juritz – war voriges Jahr vor Ort und hat seine Eindrücke für uns aufgeschrieben.

Es ist Anfang März auf der griechischen Insel Lesbos. Wir sind gerade eben am Flughafen nahe der Hauptstadt Mytilini angekommen. Es herrschen milde, sehr angenehme Temperaturen. In der Abenddämmerung fahren wir mit dem Leihauto die felsige Küste entlang nach Mytilini. Bereits aus der Ferne strahlen uns die zahllosen funkelnden Lichter der beschaulichen Hafenstadt an. Die Siedlungen reichen vom Hafen bis auf zwei Hügel hinauf, die vielen Häuser in den engen Gassen erinnern auf den ersten Blick ein wenig an Favelas.

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Überall laufen Hunde und Katzen umher. Der Verkehr ist sehr dicht, viele kleine Autos und zahllose Mopeds sind auf den Straßen unterwegs. Als wir durch die Hafengegend fahren, sehen wir Dutzende Gruppen von herumstehenden Migranten, die hier das Straßenbild prägen. Sie warten anscheinend auf den Bus zurück zum Asylcamp Moria, das keine 15 Minuten Fahrtzeit entfernt liegt. Die meisten von ihnen sind offensichtlich junge Afghanen, einige auch aus Afrika; die wenigen Frauen, die man sieht, tragen fast alle Kopftuch.

Die einheimischen Griechen sitzen auf der anderen Seite der Straße in ihren Cafés und Bars. Es liegt eine nur schwer zu beschreibende, aber äußerst angespannte Stimmung in der Luft. Vom einst florierenden Tourismus ist nichts mehr übrig geblieben. Dabei hat Lesbos eine sehr  abwechslungsreiche Landschaft und viele nette Sehenswürdigkeiten zu bieten. Man findet Sand- und Kiesstrände, bergige und flache Gebiete, kahles Gelände genauso wie Wälder.

Die Insel ist speziell im Landesinneren noch sehr stark landwirtschaftlich geprägt. Einnahmequellen für die Einheimischen sind vor allem Olivenöl, Käse und Ouzo. Etwa 50 Prozent der gesamten griechischen Ouzo-Produktion wird hier auf Lesbos hergestellt. Doch bekannt ist die Insel nicht nur für ihren Schnaps, sondern auch für die bedeutende antike Dichterin Sappho, die im 6. Jahrhundert v. Chr. auf der Insel lebte.

Doch mittlerweile verbindet man die Insel seit Jahren nur noch mit dem Scheitern der europäischen Asylpolitik. Lesbos liegt nur wenige Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Seit die Türkei ihre Grenzen zur Europäischen Union geöffnet hat, versuchen Migranten in der Hoffnung auf ein besseres Leben erneut, mit Schlauchbooten nach Europa zu gelangen. Doch die Kapazitäten auf der Insel sind schon lange ausgeschöpft, der Staat ist überfordert.

Mittlerweile weltbekannt wurde Moria, das größte Asylcamp Europas, durch zahlreiche Medienberichte. Exakte Zahlen liegen nicht vor, aber laut aktuellen Schätzungen leben hier bis zu 25.000 Migranten, obwohl das Lager auf einem ehemaligen Militärgelände für nicht einmal 3.000 Personen konzipiert wurde. Anders als noch im Jahr 2015 kommen die meisten von ihnen nicht mehr aus Syrien: Der Großteil der Bewohner sind Afghanen, viele andere stammen aus Palästina, Pakistan und Afrika. Weil die Plätze in den  Containern schon lange nicht mehr ausreichen, ist rund um das Lager eine Zeltstadt auf engstem Raum entstanden.

In diesem „Dschungel“, wie das Gebiet hier auch genannt wird, herrschen teilweise unmenschliche Zustände. Die Infrastruktur ist hier in allen Belangen überlastet, es mangelt an medizinischer Versorgung und Hygiene. Überall im Lager und der Umgebung liegt Müll herum. Unter Plastikplanen und auf Holzpaletten richten sich Migranten ihre Schlafplätze ein, so gut es geht. Auch Nahrungsmittel sind knapp, und man muss stundenlang anstehen in der Hoffnung, dass die Portionen überhaupt ausreichen. Um dem irgendwie entgegenzuwirken, haben die Migranten eigene Strukturen entwickelt, zum Beispiel einen von ihnen organisierten Markt, auf dem man allerlei kaufen kann, sogar frisch gebackenes Brot aus selbst ausgehobenen Öfen im Boden.

Viele der Migranten leben hier schon seit Monaten oder sogar Jahren. Die Regierung lässt sie nicht auf das griechische Festland, aber die Asylwerber wollen auch nicht in die Türkei oder in ihre Heimatländer zurück. Sie bleiben in Moria, ohne Perspektive und Zukunft, leben in den Tag hinein und hoen, irgendwann doch Richtung Mitteleuropa ziehen zu dürfen.

Unzufriedenheit und Aggressionen greifen in dieser Situation um sich. Besonders gefährlich ist es hier für Frauen. Das geht aus einer Warnung des UN-Flüchtlingswerkes hervor, die auf sexuelle Gewalt im Camp aufmerksam macht. Demnach schlafen Frauen teilweise in Windeln, weil sie sich nachts nicht auf die Toilette trauen.

Die Wut der Migranten entlädt sich vermehrt in Ausschreitungen. So etwa im vergangenen September, nachdem eine Mutter mit ihrem Kind bei einem Brand im Lager ums Leben gekommen war. Medien- berichten  zufolge waren zwei Feuer – eines außerhalb und eines innerhalb des Lagers –ausgebrochen. In der Folge wurden Feuerwehrleute und Polizisten von aufgebrachten Lagerbewohnern angegriffen. Nur durch den Einsatz von Tränengas konnte die Polizei die Lage unter Kontrolle bringen.

Ein weiterer Zwischenfall ereignete sich Anfang dieses Jahres. Nachdem ein 27-jähriger Afghane einen 20-jährigen Mann aus Jemen erstochen hatte, eskalierte die Lage zwischen afrikanischen und afghanischen Migranten. Als Afrikaner darauf in gegen die Zustände im Lager protestierten, wurden sie laut griechischen Medienberichten von Afghanen mit Steinen beworfen. Bereits zuvor gab es zu Silvester eine Messerattacke, in deren Folge ein Afghane verstarb.

Im Februar marschierten dann zahlreiche Migranten zum Hafen, um die Weiterreise auf das griechische Festland zu erzwingen. Die Polizei wurde mit Steinen beworfen und antwortete mit Tränengas. Es dauerte Stunden, die Situation wieder zu beruhigen.

Doch dieses Chaos ist nicht nur für die Migranten schwierig und belastend. Es leiden auch die Einheimischen unter den Zuständen. Sie sorgen sich um ihre Grundstücke und ihr ganzes Hab und Gut. Besonders stark betroffen sind die Bauern in der Umgebung, deren wirtschaftliche Existenz mehr als gefährdet ist. Laut einer „Spiegel“-Reportage stahlen Migranten einem Landwirt etwa 58 seiner 100 Schafe und Ziegen. Der Schaden betrug rund 70.000 Euro.

Fast jeden Bauern im Ort hat es schon getroffen. Die gestohlenen Tiere tauchen später geschlachtet im Asyllager auf, wo sie verkauft werden. Doch nicht nur die Tiere, sondern auch Holz ist bei den Migranten heiß begehrt. Sie hacken die Olivenbäume rund um das Lager systematisch ab, um Feuerholz zu besorgen, oder damit Neuankömmlinge sich Hütten bauen können. All diese Dinge haben die Stimmung auf der Insel langsam kippen lassen.

Am Anfang der Asylkrise 2015 galt Lesbos noch als „Insel der Solidarität“, man war gewillt, den Ankommenden zu helfen, es gab eine Art „Willkommenskultur“. Doch damit scheint es vorbei zu sein, seit sich das Leben auf der Insel so drastisch verändert hat. Viele Bewohner leben nun in Angst und sind um ihre Sicherheit besorgt, wie Bürgermeister Spyros Galinos gegenüber Medien betonte.

Die nächste Eskalationsstufe wurde Ende Februar erreicht. Die Regierung plante, gegen den Willen der Bevölkerung ein weiteres Asyllager zu errichten. Wochenlang gab es Gespräche mit den Behörden auf Lesbos – erfolglos. Doch die Regierung in Athen setzte sich darüber hinweg und nahm den Unmut und Widerstand der Inselbewohner offenbar einfach in Kauf. Man schickte die Spezialeinheit MAT auf die Insel, um den Bau des neuen Asylcamps zu sichern. Diese Vorgehensweise stellte sich als fataler Fehler heraus und brachte die Wut der Einheimischen erst so richtig zum Kochen.

Eigentlich begannen die Proteste zunächst friedlich in der Hauptstadt Mytilini. Die Einheimischen riefen zum Generalstreik auf und ließen an diesem Tag alle Geschäfte geschlossen. Doch es blieb nicht überall ruhig. Zahlreiche Demonstranten blockierten auch die Zufahrtswege zum geplanten Camp mit Autoreifen, Bäumen und Steinen. Es kam im Laufe des Tages zu Zusammenstößen mit der Polizei, die schließlich zu richtigen Straßenschlachten ausarten sollten.

Gewalttätige Demonstranten warfen laut Medienberichten Steine und sogar Molotowcocktails auf die MAT-Spezialeinheiten. Diese wiederum gingen mit Tränengas, Blendgranaten und Gummigeschossen gegen die Protestierenden vor. Pater Stratis, ein örtlicher Pfarrer, sprach gegenüber Medien von einer „Kriegssituation“.

Nächste Woche lesen Sie hier den zweiten Teil unserer Reportage.

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Neues Jahr, neue Inhalte. FREILICH startet die Buchreihe POLITIKON. In Band 2 schreibt Irfan Peci über den Ruf der Islamisten. Wer ihn verbreitet, wer ihm folgt und wie man ihn zum Schweigen bringt.

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Die Migration, sowohl die legale wie auch die illegale, spielt bei der Islamisierung eine immens wichtige Rolle, denn allein die kontinuierlich wachsende Anzahl der in Europa lebenden Muslime beschleunigt bereits die Islamisierung Europas.

Während man es in der Vergangenheit im deutschsprachigen Raum mit Migranten aus säkular geprägten muslimischen Ländern zu tun hatte, wie beispielsweise aus den Balkanländern und der Türkei, hat sich dies seit 2015 stark gewandelt. Nun dominieren muslimische Migranten aus konservativen islamischen Gesellschaften wie Syrien, Irak oder Afghanistan das Bild, was das Islamisierungsproblem noch einmal deutlich verstärkt.

Welche Strategien Islamisten noch verfolgen, schildert Irfan Peci im neuen FREILICH Politikon „Wider die Islamisten“

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Wenn die Integrations- und Assimilierungsversuche bereits bei den säkular geprägten muslimischen  Migranten nur ungenügend gefruchtet haben, so stehen die Erfolgschancen bei den islamisch-konservativ geprägten Migranten um einiges schlechter. Der Einwurf, diese Migranten flüchteten doch gerade vor den Verhältnissen ihrer Heimatländer und seien dadurch nicht an einer  Destabilisierung und Islamisierung ihrer europäischen Ankunftsländer interessiert, trifft aus  mehreren Gründen nicht zu.

Die große Mehrheit der muslimischen Migranten flüchtet vor dem Krieg, dem wirtschaftlichen Elend, autoritären Machthabern und mangelnden Zukunftsaussichten, jedoch nicht vor der islamischen Prägung ihrer Heimat. Nur vereinzelt ist dies beispielsweise bei  Homosexuellen, Atheisten, Christen und anderen Verfolgten der Fall. Die große Mehrheit, die hier ankommt, äußert keinerlei Kritik an den islamischen Verhältnissen ihrer Heimat und empfindet sie nicht als Problem, geschweige denn als Fluchtgrund. Auch diejenigen, die vor islamistischen  Terrormilizen flüchten, legen stets Wert darauf… (weiterlesen im FREILICH Politikon „Wider die Islamisten“)

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Nationale Identität, Nation. Igitt! Der Nationalstaat gilt den Linken als Träger und Ursache allen Übels, als Wurzel von Nationalismus, Chauvinismus und Rassismus. „Jedes nationalstaatliche Denken wird mit Nationalismus und dieser mit Rassismus und Faschismus gleichgesetzt“, so Autor Wilfried Griesser. Selbst das Zeigen der Nationalfahne gilt bereits als verdächtig. Jeder, der Sympathien für den Nationalstaat erkennen lässt, gilt zumindest als politisch verdächtig.

Geradezu empört schrieb das Zentralorgan der deutschen Linken „Die Zeit“ 2018: „Die Bürgerinnen und Bürger wollen ein Mehr an europäischer Gemeinsamkeit dort, wo nationalstaatliche Alleingänge an Grenzen stoßen. Zugleich aber beharren sie auf nationalstaatlicher Verantwortung in der  Sozialpolitik, der Rentenpolitik und in Haushaltsfragen. Vom Festhalten an nationalen Identitäten ganz zu schweigen.“

Gibt es Grenzen? Wenn ja, wo verlaufen sie? Antorten darauf lesen Sie im POLITIKON „Das Lob der Grenze“ von Heinrich Sickl.

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Der niederländische Historiker Thierry Baudet: „Es war eines der wichtigsten Themen der Eliten der Nachkriegszeit. […] Die nationale Souveränität musste geschwächt, der Nationalstaat untergraben werden – sodass es nie wieder Krieg gäbe.“ Der Nationalstaat hat beim linken Establishment ausgedient, ist bestenfalls ein Überbleibsel vergangener Tage. Mithilfe überstaatlicher und supranationaler Organisationen und Institutionen soll er ausgehöhlt und mithilfe von  Massenzuwanderung kulturfremder Menschen der innere Zusammenhalt des Staatsvolkes geschwächt werden. Es ist ein Mehrfrontenkrieg gegen den Nationalstaat und das Staatsvolk.

Als im Zuge des Massenimportes von Menschen aus dem Islamgürtel im Herbst 2015 immer mehr Bürger in  das Lager der patriotischen Kräfte wechselten, mobilisierte das liberale Establishment all seine Kräfte, um gegenzusteuern und Europa auf Kurs in Richtung Abgrund zu halten.

Man denke an den Präsidentschaftswahlkampf in Österreich, als Medien, Promis, Wissenschaftler und Künstler mit Unterstützung aus dem Ausland eine linke Einheitsfront bildeten, um den FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer als Staatsoberhaupt zu verhindern. Später stürzten mehr oder weniger dieselben Protagonisten gemeinsam mit internationalen Unterweltlern die türkis-grüne Regierung. Der Aufstieg der patriotischen Kräfte in Europa konnte so von den globalistischen Eliten und ihren Wasserträgern gestoppt werden.

Die EU ist aber nur die nächste prädeterminierte Stufe eines historischen Entwicklungsplanes, der schließlich in einer globalisierten, multikulturellen, grenzenlosen Welt gipfeln wird. Nicht mehr gewählte Parlamente und Regierungen entscheiden dann über unser aller Zukunft, sondern supranationale Gebilde wie die EU, die UNO, die Welthandelsorganisation oder internationale Gerichtshöfe.

Weltweite Abkommen wie das Kyoto-Protokoll oder der UN-Migrationspakt sollen die Souveränität der Nationalstaaten immer weiter beschränken, sie in ein globales Regelwerk zwingen. Dass die türkis-grüne Regierung den Migrationspakt 2019 nicht unterzeichnet hat, war wohl eine der Hauptursachen für den Ibiza-Staatsstreich. Was zeigt, welche  Bedeutung solche Abkommen für Globalisten haben und zu welchen Mitteln sie greifen, um ihre Gegner und Kritiker auszuschalten.

Den glühenden Europäern, zu denen seit den 2000ern vor allem Linksextreme, Linke aller Schattierungen und die christlichsozialen Scheinkonservativen zählen, die getrieben sind von kulturellem Selbsthass und Schulkult, geht es nicht um Europa, nicht um die europäische Kultur und Identität, nicht um den europäischen Geist.

Europa ist nur die Karotte, die man den Wählern vor die Nase hängt, um sie in die gewünschte Richtung zu lenken. Europa ist eine Zwischenstufe, eine Beruhigungspille für die „Somewheres“, Menschen, die in nationalen Kategorien denken und in ihrer Heimat verwurzelt sind. Die EU ist die Abrissbirne der Linken für die verhassten Nationalstaaten. Auch wenn der Nationalstaat im Gegensatz zur EU funktioniert. Das stört die linken Gesellschaftsingenieure nicht, die immer von der Utopie, also von der Welt, wie sie nach ihren Vorstellungen sein sollte, her denken und planen. Es gibt keine politisch stabilere Einheit.

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Der Nationalstaat, der durch Staatsvolk, Staatsgebiet und Souveränität definiert ist, ist Träger des Rechtsstaates. Rechtsstaaten sind immer Nationalstaaten. Aber nicht alle Nationalstaaten sind Rechtsstaaten. Eine repräsentative Regierung kann nur existieren, wenn es ein kollektives Wir gibt, das sich nicht nur in getrennten Klassen, Gruppen oder Individuen zeigt, sondern als ein Ganzes, das  sich seiner territorialen, seiner nationalstaatlichen Gemeinsamkeit bewusst ist. Thierry Baudet: „Demokratien unterstellen die Existenz eines Demos, eines Volkes, durch das das Parlament auch tatsächlich als Forum von Verhandlungen und Entscheidungen legitimiert ist.“

Auch der Gedanke des Rechtsstaates unterstellt einen Demos. Ohne ein geteiltes Empfinden von Moral, ohne gemeinsame Traditionen und Umgangsformen, ohne gemeinschaftlich erlebte Kultur kann es kein verbindliches Recht geben. Die grenzenlose Zuwanderung von Hunderttausenden Menschen aus vormodernen, außereuropäischen Gesellschaften untergräbt und zerstört den National- und Rechtsstaat.

Der französische Historiker und Orientalist Ernest Renan (1823–1892) hat den Nationalstaat so definiert: „Die Nation ist eine große Solidargemeinschaft, die durch das Gefühl für die Opfer gebildet wird, die erbracht wurden und die man noch zu erbringen bereit ist. Sie setzt eine Vergangenheit voraus und lässt sich dennoch in der Gegenwart durch ein greifbares Faktum zusammenfassen: die Zufriedenheit und den klar ausgedrückten Willen, das gemeinsame Leben fortzusetzen. Die Existenz einer Nation ist […] ein tägliches Plebiszit, wie die Existenz des Individuums eine ständige Bekräftigung des Lebens ist.“

Davon sind multikulturelle europäische Staaten wie Belgien, Deutschland oder Schweden weit entfernt. Die Solidargemeinschaft ist längst zerfallen, ethnische und religiöse Gruppen, Clans und andere Parallelgesellschaften kämpfen für ihre gruppenspezifischen Interessen und Ansprüche; ein verbindendes kulturelles, nationalstaatliches Element existiert nicht mehr.

Es gibt keine allgemein verbindlichen Regeln, Normen, Werte, keine gemeinsame Kultur und auch keine von der Mehrheit akzeptierte Verfassung, weil für viele Neubürger Religion, Traditionen und gruppenspezifische Interessen über dem Gesetz und der Verfassung stehen. In einem politischen Multikulti-Gebilde gibt es nichts Verbindendes, das Zusammenleben muss täglich neu ausverhandelt werden. Was oft genug scheitert bzw. zuungunsten der autochthonen Bevölkerung ausgeht, von der immer mehr Toleranz, sprich: Zurückweichen eingefordert wird. In fortgeschrittenen Zerfallsprozessen kommt es zu Unruhen, Verteilungskämpfen und Bürgerkriegen, wie man das aktuell am Beispiel Schweden beobachten kann, wo gerade … (weiterlesen im FREILICH Politikon „Das Lob der Grenze“)

Europäische Erbschuld, europäische Geschichte und multikulturelles Europa – ist tatsächlich schon alles verloren?

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Der 12. September 1683 war ein wichtiger, ein historischer Tag für Europa. Die osmanischen Truppen von Kara Mustafa traten, nachdem sie den Goldenen Apfel – so nannten die Türken zu jener Zeit Wien – erfolglos belagert hatten, den Rückzug an. Ein Entsatzheer unter der Führung des polnischen Königs Jan III. Sobieski schlug die muslimischen Invasoren in die Flucht.

Zwei Monate lang hatten die Türken versucht, die Reichshauptstadt einzunehmen. Wer Wien unterwarf, kontrollierte den Zugang zu Westeuropa. Sultan Mehmed IV. war anfänglich siegessicher, fühlte sich nach vielen missglückten türkischen Angriffen bereits als neuer Herrscher über weite Teile Europas. An Kaiser Leopold I. schrieb er, bevor er seine Streitmacht in Marsch setzte: „Vor allem befehlen wir Dir, Uns in Deiner  Residenzstadt zu erwarten, damit Wir Dich köpfen können.“ Sultan Mehmed wollte die Giauren, die Ungläubigen, den „grausamsten Qualen aussetzen und dann dem schändlichsten Tod übergeben“.

Daraus wurde nichts – obwohl den 120.000 Osmanen unter der Führung von Kara Mustafa nur rund 12.000 Verteidiger Wiens gegenüberstanden. Dass Europa so aussieht, wie es heute aussieht, haben wir unter anderem den Stadtmauern, den gut ausgebauten Befestigungsanlagen Wiens zu  verdanken. Es ist natürlich Spekulation, aber hätten die Wiener den Angriffen nicht 61 Tage lang standgehalten, hätte es vielleicht keine Aufklärung, keine industrielle Revolution, kein modernes Europa gegeben, wir wären einfach Teil der islamischen Welt geworden.

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Wien war eine Festung, die Stadt umgeben von Mauern, Basteien, Gräben, Ravelins, Kurtinen, Wällen und Palisaden. Eine gut geschützte Grenze auf dem Stand ihrer Zeit. Eine, die das christliche Abendland vor dem Ansturm der muslimischen Truppen gerettet hat.

Seither hat sich viel verändert. Vor allem in Europa. Grenzen gelten vielen Europäern nicht mehr als Schutz, sondern als Gefahr, als tödliche Gefahr, als Instrument der Ausgrenzung und Abschottung. Beides, Abgrenzen und Abschotten, ist für zeitgeistige Europäer negativ konnotiert. Wolfgang Schäuble, damals deutscher Finanzminister, verkündete 2015: „Die Abschottung ist doch das, was uns kaputt machen würde, was uns in Inzucht degenerieren ließe.“

Grenzschutz und Landesverteidigung werden im Europa unserer Tage vor allem als lästig, teuer und überholt empfunden, als bestenfalls folkloristische Überbleibsel vergangener Tage. Die Regierungen wollen möglichst wenig Geld für Verteidigung, Sicherheit und Grenzschutz ausgeben und überlassen diese einst wichtigen Aufgaben in vielen Fällen ganz bewusst und demonstrativ Ministerinnen, die von militärischen Dingen keine Ahnung haben. Das ist ein Signal, das Länder wie die Türkei zu deuten wissen.

Früher hatten Grenzen und deren Sicherung noch einen hohen Stellenwert, den kaum  jemand in Zweifel zog. Heute gelten sie vielen Menschen, vor allem aus dem linken und kirchlichen Lager, als überflüssig, anachronistisch, tödlich. Grenzen sind zum Überwinden da, so ein linkes Credo.

Als im Herbst 2015 Millionen von jungen Männern aus dem Islamgürtel nach Europa drängten, der Ruf verunsicherter Bürger nach Grenzkontrollen und -schließungen die Propaganda der Mainstreammedien übertönte und die Willkommensstimmung zu kippen drohte, waren es die liberalen Eliten und ihre medialen Verstärker, die alles versuchten, um das zu verhindern. Sie propagierten die unbegrenzte Aufnahme, setzten Obergrenzen für die Zuwanderung und auch bestehende Gesetze außer Kraft, logen, dass es unmöglich sei, die jungen Männer von der Einwanderung abzuhalten. Migration wurde als Naturgewalt, als schicksalhaft und unvermeidlich dargestellt.

Jeder, der kommen wollte, kam und durfte bleiben. Die Folgen dieser totalen Grenzenlosigkeit, dieser Entgrenzung sind bis heute…

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Ich bin bei den diesjährigen Wien-Wahlen zu Hause geblieben, und folgte damit, ohne es zu wissen oder zu ahnen, einem größeren Trend. Die größte Gruppe waren dieses Jahr die Nichtwähler, rund 435.000. Davon waren satte 100.000 ehemalige FPÖ-Wähler, wie eben auch meine Wenigkeit.

Ich vermute, dass viele von ihnen ähnlich dachten und fühlten wie ich, darum werde ich diese Stellungnahme eher subjektiv halten. Grundsätzlich bin ich ein ausgesprochener Wahlmuffel. „Sie sind kein Demokrat, Lichtmesz“, könnte man mich nun rügen, wie einst Gerhard Bronner Travnicek-Qualtinger, und das wäre nicht einmal verkehrt. Das Bonmot „Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie längst verboten“, das unter anderem Kurt Tucholsky zugeschrieben wird, hat sich gerade in den letzten Jahren ziemlich deutlich bestätigt. „Demokratie“ bedeutet in Österreich wie auch in den meisten anderen Ländern die dauerhafte Herrschaft eines Machtkartells, das sich gründlich gegen jede echte Opposition abgesichert hat. In Deutschland wurde der entsprechende Störenfried namens AfD von der CSU bis zu den Grünen unisono als „antidemokratisch“ gebrandmarkt und mit allen Mitteln bekämpft. In den USA hat es mit Donald Trump 2016 ein Außenseiter des Parteiensystems geschafft, das etablierte Gefüge zu sprengen, und entsprechend bitter und verbissen wurde er seither von den Mainstreammedien, Big Tech, dem tiefem Staat und dem Establishment beider Parteien bekämpft. Ob dieser Fremdkörper ausgeschieden wird, oder ob er noch weitere vier Jahre als Störfaktor bekommt, wird sich am 3. November zeigen.

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Heinrich Sickl, Geschäftsführer FREILICH Magazin

2016 ging ich nach einer halben Ewigkeit mal wieder ins Wahllokal, weil ich zum ersten Mal überhaupt das Gefühl hatte, dass nun etwas Substanzielles auf dem Spiel steht, dass eine echte Veränderung möglich ist.  Das hat sich bekanntlich als Illusion erwiesen, was vermutlich auch mit einem Wahlsieg Norbert Hofers so gekommen wäre. Meine damalige, für mich eher ungewöhnliche Motiviertheit korrespondiert mit meiner üblichen Unlust, mich an Wahlen zu beteiligen: am Ende wird ja doch immer affirmiert, wer ohnehin schon im Sattel sitzt. Auf eine Stimme mehr oder weniger kommt es dann nicht mehr an. Stimmabgaben sind Simulakren, die Teilhabe an dem politischen Apparat suggerieren sollen, eine Art Opium für das Volk, dem Mitbestimmung und Souveränität vorgegaukelt wird.

Das ewige Schmuddelkind

Wer jedoch wirklich mitreden will in der „Demokratie“ braucht Geld, Macht und Medien, die den Massen die erwünschte Botschaft eintrichtern, und diese Massen sind bekanntlich außerordentlich leicht manipulierbar. Dies hat nicht zuletzt die laufende Coronavirus-Dressur der Regierung unter Beweis gestellt hat, die offenbar mit Begeisterung entdeckt hat, wie gut sich Panikmache zur Machtsicherung eignet. Die FPÖ, leider die einzige Partei, die sich des außerordentlich schicksalhaften Einwanderungsthemas angenommen hat, hat in Österreich immer ein bisschen mehr mitreden können als andere europäische Rechtsparteien, aber dennoch bleibt auch sie das ewige Schmuddelkind, das nicht 100 Prozent in den Sandkasten passt, den sich früher Rote und Schwarze über Jahrzehnte hinweg alternierend geteilt haben.

Man empört sich über Straches großmäuliges Geschwätz in dem Ibiza-Video, das uns nur passend zurechtgestutzt präsentiert wurde, aber gegenüber dem Paten Kurz und der ÖVP-Mafia ist er nur ein Möchtegern-Gauner aus einem B-Movie. Man muss zugeben, dass die Strategie der ÖVP genial war: sie hat Anliegen der Migrations- und Asylpolitik, die im blauen Eck verstaut waren, absorbiert, weichgespült, blütenreingewaschen und in einen salonfähigen, „zentristischen“ Rahmen eingepackt. Nun konnte man diese Probleme dem sauberen Sebastian anstelle des polternden Heinz-Christian anvertrauen, der glücklicherweise auch rasch entsorgt wurde wie eine lästige Warze. An seiner Stelle dackeln die nun fürs nationale und internationale Image günstigeren Grünen an des Kanzlers Seite. Berauscht von ihrer unverhofften Teilhabe an der Macht, haben sie sich als äußerst gefügige und streichfähige Koalitionspartner erwiesen.

Die gründlich versemmelte Chance

Warum habe nun ich die FPÖ bzw. Herrn Nepp nicht gewählt? Dafür gibt es mehrere Gründe, abgesehen von meiner grundsätzlich eher desillusionierten Haltung, was das gesamte System betrifft. Einerseits stimmt es, dass die türkis-blaue Regierung, die nach langen Jahren im Wartesaal endlich, endlich zustande kam, mit unlauteren Mitteln bekämpft und unter beispiellosen Druck von außen gesetzt wurde. Andererseits hätten die Kampagnen und Angriffe keine derartig zermürbende Wirkung entfaltet, wenn das Personal der FPÖ weltanschaulich und charakterlich gefestigter gewesen wäre, als es eben leider ist und offenbar bleiben will. Besonders fatal hat sich erwiesen, die komplette Partei auf das Charisma eines Mannes zu bauen, der sich als inkompetent, selbstherrlich und allzumenschlich-charakterschwach erwiesen hat. Man hat versucht, sich linken Spielregeln anzubiedern, statt sie grundsätzlich in Frage zu stellen, und man hat verabsäumt, das metapolitische Feld zu bestellen, etwa im Bereich alternativer Medien und außerparteilicher patriotischer Bewegungen. Nach langem Warten hat die FPÖ ihre Chance noch gründlicher versemmelt als im Jahre 2000, und sich anschließend in einer internen Schlammschlacht selbst zerlegt, zur Belustigung und Befriedigung ihrer Feinde. Wen wundert es, dass viele FPÖ-Wähler das Vertrauen in ihre Partei verloren haben?

Hinzu kam ein ziemlich mißratener Wahlkampf. Man holte einfallslos die uralten und schon damals eher dämlichen „Daham statt Islam“-Sprüche aus der Mottenkiste, die vielleicht in Kombination mit der Rampensau Strache wirksam waren, aber in Verbindung mit dem allzu glatten, allzu jungen, allzu profillosen Strache-Ersatz Nepp wie eine witzlose Kopie des Originals daherkamen. Überhaupt war die Fixierung auf das Islam-Thema eine schlechte Entscheidung: 2015 ist lange vorbei, Wien hat die Asylantenwellen weitgehend geschluckt, der Hype um den „Kulturkampf im Klassenzimmer“ ist wieder versandet, und bislang gab es auch noch keinen islamistischen Terroranschlag. Manche Plakate waren so plump, dass sie wie Parodien aus einem Deix-Cartoon aussahen: Auf der einen Hälfte des Plakats chillte Traumschwiegersohn Nepp mit ein paar lächelnden Tanten und Omis („Für ihn gilt: Wiener zuerst!”), auf der anderen Hälfte spazierte ein fetter, unrasierter „Ausländer“ mit tumbem Gesichtsausdruck und Halbmond auf dem Trainingsanzug  mit einem Einkaufswagerl voller Geldscheine aus dem Arbeitsamt davon. Völlig grotesk war ein Horrorfilm-Plakat mit einer kreischenden Frau, die von einem maskierten, dunkelhäutigen Mann bedroht wird („SPÖ, ÖVP, Grüne bringen UNS in GEFAHR“), abermals kontrastiert mit Nepp, begleitet von einer zufällig ausgewählten blonden Tussi, wie er einen Freund-und-Helfer-Polizisten anstrahlt.

Unfreiwillig komische Plattheit

Abgesehen von der unfreiwillig komischen Plattheit der Darstellung: es ist hirnrissig zu glauben, dass ein solches Plakat in Wien, einer der sichersten Städte der Welt, irgendeine Zugkraft haben könnte. Zwischendurch muss irgendjemand den Kampagnenleitern ins Gewissen geredet haben, denn die Plakate wurden nach einer Weile deutlich zahmer (wobei der Stephansdom, bedroht von feuerrot schimmernden, dräuenden Asylantenfluten immer noch ein Schenkelklopfer war). Plötzlich entdeckte man auch ein zweites Thema außer Islam und Ausländerbedrohung: die „Corona-Schikanen“, was ein bisschen spät und ziemlich unglaubwürdig daherkam. Man kann das drehen, wie man will: Die Plakate waren durchweg dümmlich, schrill und primitiv und konnten nur wenig an die derzeitige Stimmung im Volk andocken.

Nun bestreite ich nicht, dass Islamisierung und „Umvolkung“ oder „großer Austausch“ immer noch wichtige und folgenreiche Themen sind, die allerdings schwer zu kommunizieren sind, ohne politisch korrekte Minenfelder zu betreten oder ins Hetzerische abzugleiten. Sie sind unbequem und setzen einen gewissen Schmerzpegel voraus, der zur Zeit aber insgesamt nicht sehr hoch ist, außer in besonders betroffenen Stadtteilen oder sozialen Schichten (so haben Strache und Nepp immer noch erhebliche Gewinne unter Arbeitern verzeichnen können). Es ist leider so, dass Wien, wie es für Großstädte üblich ist, die jüngeren Einwanderungsfluten weitgehend „verdaut“ oder sich resigniert mit ihnen abgefunden hat. Dabei bleibt auch unklar, wer denn nun ein „echter“ Wiener ist und was „unser“ Wien ist. Selbst die in Wien lebenden Bio-Österreicher sind häufig „Zugezogene“ (meine Wenigkeit gehört dazu), und es gibt viele eingebürgerte Menschen mit europäischem Migrationshintergrund, die seit Jahrzehnten in Wien leben. Die verbliebenen, immer mehr schwindenden Original-„Mundls“ können keinen ernsthaften Alleinanspruch auf „ihr“ Wien mehr stellen. Ein weiterer Punkt ist, dass die FPÖ fast ausschließlich „negative“ Themen voller Bedrohung und Stress bemühte, während praktisch alle anderen Parteien auf positive Wohlfühl-Botschaften setzten. Sogar die Grünen hielten sich zurück mit Panikmache vor Klimakatastrophen oder „rechter Gefahr“.

Man muss auch positiv FÜR etwas sein

Die Angst vor dem Coronavirus hat das Asyl-, Islam- und Einwanderungsthema in den Schatten gestellt. Lockdown und ständig wechselnde, zum Teil unnachvollziehbare Regeln haben die Bevölkerung gereizt, unsicher und zukunftsängstlich gemacht und den Wunsch nach Normalität und Stabilität genährt. Diese wird ihnen nun von denselben Leuten angeboten, die diese Ängste täglich schüren. Die FPÖ muss wieder ihrer althergebrachten Rolle als Protest- und Oppositionspartei gerecht werden, und an dieser Stelle klug einhaken. Allerdings muss sie sich darauf einstellen, dass sie auch hier nur beschränkten Erfolg haben wird: die Gleichschaltung der Köpfe und Gefühle im Zeichen der „Coronaviruskrise“ ist momentan enorm. In jedem Fall wird man als bloße Ein-Themen-Partei mit inkompetentem und ignorantem Personal nicht mehr weiterkommen. Man muss auch positiv FÜR etwas sein, und hierzu bedarf es eines größeren, weitsichtigeren Konzeptes, das über ein paar suggestive Bildchen von Heurigenidyllen hinausgeht. Ich würde mich an dieser Stelle bei Benedikt Kaiser umsehen, und seinen „Solidarischen Patriotismus“ (hier bestellen) eingehend studieren. 

Das Interview stammt aus der FREILICH Politische Studie „Aufstehen! Die Zukunft der Freiheitlichen nach Ibiza und Wien-Wahl 2020“.

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Die Waidhofener haben sich in ihren Häusern verbarrikadiert. Schauen ängstlich aus ihren Fenstern. Besonders Achmed, der traumatisierte Flüchtling aus Tunis, zittert am ganzen Leib. Draußen donnert, blitzt und kracht es. Laute Schreie sind zu hören.

Sepp, Franz, Walter und 30 weitere Burschen ziehen eine Spur der Verwüstung durch Waidhofen an der Thaya. Sie grölen: „Gelobt sei Jesus Christus“, sprengen Mistkörbe, dreschen Schaufenster ein, versuchen sogar das Panzerglas eines Juweliers einzutreten und attackieren die eingreifenden Polizisten mit Böllern, die die Sprengkraft von Handgranaten haben.

Ein Treffen der örtlichen Landjugend ist völlig außer Kontrolle geraten. Nicht zum ersten Mal. Was diesmal der Auslöser war, man weiß es nicht. Da reichen Kleinigkeiten. Vielleicht hat jemand Jesus beleidigt oder Gott gezeichnet. Da zucken der Sepp und der Franz immer völlig aus. So geht es zu am Land. Das glaubt zumindest eine hochdekorierte Edelfeder aus dem multikulturellen Wien.

Die Landjugend als Entschuldigung für austickende Migranten

Das hier gezeichnete Bild ist so absurd, lächerlich und dumm, dass selbst linke Drehbuchautoren, ORF-Redakteure, Kabarettisten und andere Staatskünstler es nicht verwenden würden, obwohl es in ihren Machwerken primär darum geht, den gemeinen Österreicher – vor allem den vom Land – als möglichst debil, zurückgeblieben, brutal, widerwärtig etc. darzustellen. Doch selbst das hat Grenzen.

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Die Vorstellung von marodierenden Jung-ÖVPlern ist selbst für das akademische Bobo-Prekariat aus Wien, das die Landjugend nur aus Krassnitzer-Krimis, ORF-Serien und von der Kabarettbühne kennt, völlig absurd. Hans Rauscher vermeint hingegen, dass es im Wald-, Mühlviertel oder anderen ruralen Gegenden zugeht wie in Bagdad, am Hindukusch oder eben in Favoriten. Der gute Mann, der sein journalistisches Gnadenbrot vom „Standard“ bekommt, hat allen Ernstes die österreichische Landjugend mit dem muslimischen Aggressoren verglichen, die zu Silvester „Allahu Akbar“ schreiend Favoriten terrorisiert haben. Egal ob er diesen absurden Vergleich selbst glaubt oder nur sich und seine angegraute Bobo-Community belügen und beruhigen will, macht keinen Unterschied.

Jetzt hofft und schreibt der alte Willkommens-Jubler, dass „Migrantenvereine“, „migrantische (Kampf)Sportklubs“ und die „islamische Glaubensgemeinschaft“ jene Probleme lösen sollen, die er und seine linken Freunde in Medien, Politik, NGOs und Kultur Österreich bzw. Europa aufgehalst haben. Sie müssten jetzt aktiv werden, phantasiert Rauscher in seiner Standard-Kolumne. Sind er und seine Fangemeinde tatsächlich so naiv? Wer so klischeehaft denkt und schreibt, sollte seinen Kopf zumindest ab und zu aus der linken Echokammer halten. Gerade weil die Welt da draußen alles andere als rosa ist und linke Patentrezepte dort Brandbeschleuniger sind.

Die Hoffnung, dass islamische Vereine und Organisationen aus dem Mob, der durch Favoriten gezogen ist, brave, linke Österreicher machen, ist noch dümmer als der Vergleich mit der Landjugend. Lernen’s Geschichte.

Gaga-Vergleiche, um ihr schlechtes Gewissen halbwegs zu beruhigen

Mittlerweile müssen Rauscher und seine Gesinnungsgenossen zu solchen Gaga-Vergleichen greifen, um ihr schlechtes Gewissen halbwegs beruhigen und ihre aufkeimenden Zweifel verdrängen zu können. Waren nach der historischen Silvesternacht zu Köln die Täter einfach nur „Männer“, bei den Unruhen in Stuttgart die „Partyszene“ bemüht man nun in Favoriten die „Landjugend“.

Nichts ist den linken Propagandisten der Willkommenskultur zu blöd, peinlich oder abstrus, um von den von ihnen verursachten gesellschaftlichen Fehlentwicklungen und der nun immer offener zu Tage tretenden Abwrackung der europäischen Kultur abzulenken. Es hilft nichts. Auch wenn sie – so wie auch Rauscher-Kollege Klenk – nun mit dem Finger auf jene Politiker zeigen, die angeblich oder tatsächlich bei der Integration dieser Menschen versagt haben. Sie wollen mit ihren Haltet-den-Dieb-Rufen davon ablenken, wer verantwortlich ist, dass solche Menschen, die nicht zu uns gekommen sind, um sich zu integrieren, überhaupt in so großer Zahl hier sind. Die Brandstifter beschuldigen die Feuerwehr, weil sie mit dem Löschen nicht nachkommt.

Die Rechtfertigungs-, Verharmlosungs- und Verdrängungsversuche der Linken gleiten angesichts der aus dem Ruder laufenden gesellschaftlichen und demographischen Entwicklungen, der Kollateralschäden der Multikulti-Politik zunehmend ins Surreale ab. Der gemeine Gutmensch hat angesichts des von ihm verursachten irreparablen Schadens an der europäischen Kultur nicht die Größe, sich seine Fehler und Lebenslügen einzugestehen, weshalb er sich und seine Mitstreiter mit immer absurderen Theorien und Erklärungsversuchen zu beruhigen versucht.

Im Grunde wissen Menschen wie Rauscher längst, dass sie die Totengräber der abendländischen Kultur sind. Offen eingestehen werden sie das aber niemals. Sie machen weiter. Bis zum bitteren Ende.

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