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Opferrolle

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Begriffsunschärfe bei Fragen und die Verwendung als Kampfbegriff durch einschlägig islamfreundliche und offen islamistische Gruppierungen erlauben eine Verschiebung des öffentlichen Diskurses. Unter mittelbarem Vorsatz soll bereits legitime und akademische Islamkritik eine Art „Tatbestand“ der „Islamophobie“ erfüllen.

Verfechter des Begriff es behaupten einen strukturellen Rassismus gegenüber Islamgläubigen. Dass diese Behauptung kein offenkundiges Paradoxon darstellt, dürfte sich aus der starken Polarität aufgrund des Islams als De-facto-Migrantenreligion speisen. Der US-amerikanische Politologe Samuel P. Huntington sprach in diesem Zusammenhang von einander gegenüberstehenden „Kulturblöcken“.

Eine weitere Problematik zeigt sich im Versuch, einen muslimfeindlichen Gestus mit antisemitischen Haltungen gleichzustellen. Diese Einebnung verschiedener im religiösen Spannungsfeld stehender Rassismen zielt auch auf die Erinnerungskultur im europäischen, vor allem deutschsprachigen Raum ab. Die Muslimfeindlichkeit – und aufgrund der genannten Unschärfen die gesamte Islamkritik – würde in die Nähe einer tatsächlich nicht greifbaren Schuldsituation rücken. Aufgrund der Singularität der Schoah zum Verständnis der europäischen Nachkriegsordnung hätte eine erfolgreiche Umdeutung den Effekt, Islamkritik noch weiter außerhalb der zulässigen Diskursbreite zu stellen. Zumindest käme sie – ähnlich der Praxis beim Antisemitismusvorwurf – selten ohne Rechtfertigung der Äußernden aus, dass es sich um legitime Kritik, nicht um rassistische Ressentiments handele.

Dies gilt besonders dann, wenn sie aus einem Lager stammt, das bereits historisch Kritik übte. Bis heute tut sich die politische Rechte in Europa schwer, Israel im gleichen Ausmaß zu kritisieren, wie sie es bei vergleichsbaren Verhaltensweisen anderer souveräner Staaten täte, nicht zuletzt aus Sorge, man könnte mit Fehlern und Verbrechen totalitärer Systeme in Verbindung gebracht werden. Und dies, obwohl etwa die „International Holocaust Remembrance Association“ (IHRA) ganz klar feststellt, dass solche Kritik nicht als antisemitisch zu deuten sei – und obwohl Pfahl-Traughber auch dieser, im Übrigen ebenso von der EUMC als Arbeitsdefinition gesehenen, Definition eine fehlende Trennschärfe (ähnlich dem „Islamophobie“-Begriff ) attestiert.

Das Ziel der Schaffung derartiger Schuldkomplexe gegenüber Muslimen ist offenkundig, dass diese zu Zugeständnissen an deren Religionsvertretungen, aber mitunter auch Bewegungen des politischen Islams führen können. In diesem Fall richtet sich ein solches Verständnis allerdings länderübergreifend auf ganz Europa, während die Schuldsituation und das Empfinden einer moralischen Wiedergutmachungspflicht beim Holocaust aus historischen Gründen primär den deutschen Sprach- und Kulturraum betrifft. Rolf Peter Sieferle charakterisierte diesen Mechanismus wie folgt: „Aus der Kollektivschuld der Deutschen, die auf ‚Auschwitz‘ zurückgeht, folgt ebenfalls der Aufruf zur ewigen Buße, doch fehlt in dieser säkularisierten Form der Erbsünde das Element der Gnade und Liebe vollständig“.

Abzielen auf konkrete politische Maßnahmen

Dass die Verwendung eines umfassenden Begriff es der „Islamophobie“ auf konkrete politische Maßnahmen abzielt, wird bereits im EUMC-Report von 2006 klar: „Wie bereits in früheren Berichten, gelangt das EUMC auch hier wieder zu der Feststellung, dass es in der gesamten EU eindeutig an Daten und amtlichen Informationen erstens über die soziale Situation der Muslime und zweitens über Ausmaß und Charakter der Islamophobie fehlt. Die Folge ist, dass – mangels zuverlässiger und vergleichbarer Daten – wichtige Informationen für die Entwicklung politischer Maßnahmen fehlen.

Die Mitgliedstaaten sollten sich daher dringend Gedanken darüber machen, in welchem Umfang Daten und Informationen über islamfeindliche Vorfälle und Diskriminierungen von Muslimen in den wichtigen Bereichen Beschäftigung, Bildung und Wohnung erhoben werden sollten und wie sich dies realisieren lässt.

Dabei zielen einschlägige Akteure auch auf die allmähliche Gleich- oder Ähnlichstellung von Antisemitismus und „Islamophobie“ ab, obwohl eigentlich offenkundig ist, dass sich diverse Phänomene eines neuen Antisemitismus in der ideologischen Herkunft diversifizieren. Eine Studie der EU-Agentur für Grundrechte (FRA) über Erfahrungen europäischer Juden brachte 2018 Interessantes zutage. Eine relative Mehrheit der Befragten (41 %) gab etwa in Deutschland an, Antisemitismus von muslimischen Tätern erfahren zu haben. Zwar sprachen immerhin noch 20 % von rechten Tätern – übrigens in krassem Gegensatz zur offiziellen Polizeistatistik, die mit über 90 % vermeintlich politisch rechts motivierter Delikte eine große Diskrepanz hierzu aufweist. Aber sogar linke Täterschaften machten damals für deutsche Juden 16 % der Fälle aus. In Großbritannien wurde dabei die Normalisierung eines Antisemitismus von linker Seite postuliert – vor allem über den Umweg überbordender Israelkritik. Beobachter sehen darin die Absicht der früheren Arbeiterpartei, sich für muslimische Wähler attraktiv zu machen.

Keine Gleichsetzung aktueller Bedrohungsszenarien

Immerhin ist den Verfechtern des Begriffs hier ein zumindest vorläufiges Teil-Scheitern im Verrücken des Diskurses zu bescheinigen. Die akademische Debatte ist sich weitgehend darüber einig, dass „die verhältnismäßig neue Wortschöpfung der ‚Islamophobie‘ nicht der gleichen Bewertungsstufe wie ‚Antisemitismus‘ zuzuordnen“ sei, wie der Jurist, Publizist und ehemalige Staatssekretär Klaus Faber 2008 in einer Handreichung der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) herausstellte. Er verneinte auch eine Gleichsetzung aktueller Bedrohungsszenarien: „Keines der zahlreichen Herkunftsländer islamischer Immigranten ist von Vernichtung bedroht, Israel hingegen schon. Niemand möchte Muslime in aller Welt bekämpfen und töten, Juden hingegen werden sehr wohl auf diese Weise angegriffen. Weiterhin wird keinem, auch keinem muslimischen Nationalstaat wegen tatsächlicher oder behaupteter Verbrechen die Vernichtung angedroht.“ Es gebe weiters keinen Islamhass und auch keine angebliche „Islamophobie“, welche darauf abziele, „Muslime in aller Welt zu verfolgen und sie in all ihren Heimatländern unter den Verdacht einer Weltverschwörung zu setzen und sie schließlich anzugreifen und auszurotten. Einen solchen Hass gibt es nur gegenüber der jüdischen Gemeinschaft und dem Staat Israel.“

Faber (1940–2019) gilt als Experte und Vorreiter in der Erforschung des muslimischen Antisemitismus, über den er bereits im Jahr 2006 für den jüdischen Onlineblog haGalil schrieb. Damals nahm er eine absolute Position in der Debatte um allfällige Wechselspiele zwischen „Islamophobie“- und Antisemitismusdebatte ein. Dass Muslime selbst im arabischen Raum eine Legitimität für Judenfeindlichkeit aus eigenen Erfahrungen ableiten könnten, verneinte er vehement: „Für Antisemitismus gibt es ebenso wenig eine Rechtfertigung wie für Sklaverei oder Terrorismus; auch angenommene oder tatsächliche ‚Demütigungen‘ rechtfertigen Antisemitismus nicht. Für Antisemitismus darf es in gleicher Weise kein – wie auch immer begründetes – Verständnis geben.“ In der FES-Studie fügte er zwei Jahre später hinzu: „Wer diese Art von Sonderbehandlung Israels nicht als Unrecht erkennt, dafür aber in der ‚Islamophobie‘ eine Hauptgefahr wahrnimmt, die in ihrer abstrakten Dimension dem Antisemitismus gleichzustellen sei, der bedient, zurückhaltend formuliert, Vorurteile in der Problemwahrnehmung.“

Kahlweiß und Salzborn argumentierten 2012 ähnlich im Hinblick auf die Fragestellung, ob eine Gleichsetzung der Phänomene möglich sei. Dabei schossen sie sich einmal mehr auf die Unschärfe des „Islamophobie“-Begriffes ein. Diese ermögliche erst die Situation, in welcher „Vorurteile in der Problemwahrnehmung“ den Blick auf die Wirklichkeitssicht verwaschen würden, jedenfalls aber eine Vermengung von Realitätsebenen bezweckten. Der Antisemitismus verweise „in seinen Ressentiments auf antisemitische Phantasien“ – erwähnt seien hier die nach einhelligem wissenschaftlichen Konsens erfundenen „Protokolle der Weisen von Zion“. Die Kritik am Islam hingegen beziehe sich auf reale Probleme der islamischen Welt und ihrer Begegnung mit der westlichen Welt. Dabei hätten die Anschläge des 11. September 2001 ebenso einen greifbaren islamistischen Hintergrund wie auch die Anschläge von London und Madrid. Das Gleiche gelte weiter für das Terrornetzwerk al-Qaida oder die gegen Israel gerichteten antisemitischen Vernichtungsdrohungen des Iran. Dabei halten die beiden Autoren weiters fest, dass eine „reale rassistische Ablehnung, die es in Europa gegenüber Zuwanderungen vor allem aus dem südlichen und östlichen Raum gibt, illegitimerweise in Beziehung gesetzt werden mit Problemen, die dem Islam inhärent sind“. Die zulässige – und wohl notwendige – Schlussfolgerung ist also, dass es zwischen den Begriffen „Islamophobie“ und Antisemitismus erhebliche Unterschiede gibt.

Durch missbräuchliche Gleichsetzung versuchen „linientreue“ orthodoxe Muslime, in Europa für sich eine Opferrolle zu reklamieren. Aufgrund der Gedenkkultur in Europa – gerade im deutschsprachigen Raum – sehen sich die dortigen Gesellschaften im Ernstfall in einer Situation, in welcher sie einer Rolle als Diskriminator vorauseilend vorbeugen wollen. Das Resultat ist, dass sie durch die entstehende Solidarität weder sich selbst noch den Muslimen einen wirklichen Gefallen tun, indem sie deren Opferrolle verstetigen und eine Mentalität in diese Richtung fördern.

Die Aufnahmegesellschaft endet dabei am Gängelband eines stigmatisierenden, in Teilen pathologisierenden Vorwurfs verwerflicher Gesinnung auch bei legitimer Kritik. Muslime finden sich in einer Rolle wieder, in der sie sich als Paria verstehen können, gleichzeitig aber ihre gesellschaftliche Emanzipation als greifbare Option scheinbar verschwindet. Dies bereitet optimalen Nährboden zur Radikalisierung junger Muslime in den politischen Islam. Dort findet sich mit dem „Islamophobie“-Schlagwort dann eine mächtige Waffe, um aus der Opferrolle ausbrechen wollenden Jugendlichen einfache Erklärungen für komplexe Probleme geben zu können. Wie Ednan Aslan und Evrim Erşan Akkıllıç in ihrem Werk zu islamistischer Radikalisierung von 2017 erörtern, ist der „Opferdiskurs ein fest verankerter Teil dieser Bewegungen“.

Somit trägt der „Islamophobie“-Vorwurf innerhalb der muslimischen Community zur Mobilisierung und Demobilisierung verschiedener Lager und Denkschulen bei. Wie die liberale Imamin Seyran Ateş feststellt: „Es ist aber auch wichtig zu fragen, was sich innerhalb der muslimischen Community in Europa abspielt. Es fällt auf, dass der Islamophobievorwurf nicht nur an den Westen gerichtet ist, sondern auch innerhalb der muslimischen Community genutzt wird, um binnenmuslimische Kritikerinnen und Kritiker von der Diskussion auszugrenzen. So begegnet einem der Islamophobievorwurf aus einem muslimischen Kontext etwa, wenn man sich kritisch mit dem Islam des siebten Jahrhunderts, mit kopftuchtragenden Kindern oder mit Themen wie Zwangsverheiratung innerhalb muslimischer Gemeinschaften beschäftigt. Letztlich besteht zwischen sachlicher und legitimer Islamkritik und „Islamophobie“ ein großer Unterschied. „Islamophobie“, verstanden als negatives Bild über Muslime durch die Betonung der Ungleichwertigkeit, diskriminiert Muslime aufgrund faktischer, vermuteter oder zugeschriebener Gruppenzugehörigkeit.“


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