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TUMULT – Vierteljahresschrift für Konsensstörung ist eine von Wissenschaftlern und Künstlern betriebene Zeitschrift. Mainstreamkundig und randständig, versteht sich TUMULT als unabhängiges Organ der Gegenwartserkundung fernab akademischer und volkspädagogischer Sprachregelungen. Wir bringen die Einführung in die aktuelle Ausgabe von Frank Böckelmann mit dem Titel „Es ist später, als ihr denkt“ im Wortlaut.

Zukunftshoffnung pulsiert durch die gesamte europäische Neuzeit. Die Humanisten machten den bildungsfähigen Menschenverstand zum Maß aller Dinge. Im 18. Jahrhundert sah David Hume Gerechtigkeit über vererbte Beschränktheit siegen. Jean-Jacques Rousseau vertraute auf die gute Natur und wollte sie, nachdem man an ihr gefrevelt hatte, sozialverträglich wieder ins Recht setzen. In der Ära des Bürgertums löste industrieller Fortschrittsglaube den christlichen Erlösungsglauben endgültig ab. Er gipfelte in einem sozial- wie liberaldemokratisch verklärten Schaffensantrieb: »Unsere Kinder sollen es einmal besser haben als wir.«

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Heute aber ist die neuzeitliche Zuversicht zerstoben. Obwohl viele Wünsche nach Komfort und Sicherheit erfüllt worden sind, versuchen die Angehörigen der Mittelschicht, weniger Kinder als ihre Vorfahren oder gar keine Kinder mehr aufzuziehen, weil sie der Zukunft misstrauen. Der verbleibende Optimismus reicht gerade noch für die eigene Restlebensspanne.

Dabei sind kulturpessimistische Diagnosen bei Medienschaffenden und anderen Entgrenzungsgewinnlern verpönt, denn sie vergällen die Emanzipationsrendite, das Behagen an der Selbstverfügbarkeit. Doch wenn wir die Vorzeichen und Wahrscheinlichkeiten sichten, sehen wir eine Schöne neue Welt der Gleichschaltung und Gehirnbetreuung anbrechen. In hundert Jahren werden wir nicht nur abweichendes Verhalten, sondern auch Gedankenverbrechen ahnden. Soviel ist sicher. Die Weichen sind gestellt.

Im Internet ist das Interesse an unbeschränktem Zugriff dem an lückenloser Überwachung eng verschwistert. Der willfährige Dauerdienst verführt zum Exzess und erfüllt zugleich entfesselte Kontrollwünsche. Allseits lädt er zu Desinformation, Hassbotschaften und Selbstentblößung ein. Alle Einwände gegen ausufernde Vorratsdatenspeicherung werden hinweggewischt von der Idee, Anschlagspläne und Zusammenbrüche im Status Nascendi erkennen zu können. Aber die Datenhalden wachsen ins Unermessliche, und das Vorrecht, die Algorithmen ihrer Auswertung festzulegen, ermächtigt zu jener Willkür, die den Weltkonzern überfordert, weil er die Gefahren, vor denen er die Welt schützen will, zugleich in Szene setzen muss. Das heißt konkret: Jede Suchbewegung und jeder Informationsaustausch im Netz sind potenziell vom Bösen kontaminiert und somit von Interesse für den Staatsschutz.

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Weil die herrschende deutsche Staatsräson sich jeder Bodenhaftung verweigert und nach universeller Rechtfertigung strebt, ist sie auf die Projektion »rechtsextremistischer« Phantome angewiesen und beschwört sie mit aufwändiger paranoischer Dramaturgie herauf – Auschwitz-Schreck, hysterischen Bekenntnissen, verschwenderisch subventioniertem Kampf »zivilgesellschaftlicher« Organisationen gegen »Rechts« und nicht zuletzt durch die Faszination, die das Meistverfemte auf Gekränkte, Trotzige und Empörte ausübt. Mit wachsendem Verfolgungsdruck auf »Rechte« wächst die Verlockung, rassistisch zu giften und mit nationalsozialistischen Kennzeichen zu schocken: Überbietungswettbewerb zwischen Nazi-Fetischisten auf der einen und auf der anderen Seite.

Die »offene Gesellschaft« trumpft mit einem semantischen Taschenspielertrick als Schutzherrin der Vielfalt auf – zu den Vielen zählt sie nur  Gleiche und Tolerante. Blendet man aber bei Deutschen und Türken, bei Katholiken und Sunniten und bei Schürzenjägern und Knabenliebhabern das Überschwängliche und Unleidliche aus, hat man nur noch theatralische Repräsentanten vor sich. Übrig bleibt ein Pluralismus des Abgeschmackten. Als Entrée zum Verteilungskampf um öffentliche Anerkennung und Alimentierung ist Selbstverleugnung gefordert. Die Waffe der zur Schau gestellten Einzigartigkeit und Benachteiligung muss im Werben um Anteilnahme – das immer mehr Mühe kostet – immer wieder nachgeschärft werden und stumpft unter der Sonne von Beachtungserfolgen ab, verwandelt sich unversehens in den Nachweis, für Chancengleichheit besonders qualifiziert zu sein. Das demonstrativ Diverse wird sich selbst egal.

Im Geiste der Kampagnen des Woke Capital schreitet die kulturelle Einebnung auf Erden stürmisch fort. Quotenregelungen setzen sich sogar schon auf den Besetzungslisten der Fernsehproduktionsfirmen und bei der Auswahl von Kriminalstoffen durch. Es herrscht strikte Rechtfertigungspflicht. Unter Demokraten wütet Gleichstellungseifer. Regulär eingetragene Alleinstellungsmerkmale bürgen für ihre Beliebigkeit. Herkünfte, Hautfarben und Vorlieben erhalten den ihrer Gleichgültigkeit gebührenden Respekt. Was die Bewältigung globaler Überlebenskrisen von begründungsfreiem Sosein übrig lässt, wird in pathetischem Minderheitenkitsch erstickt.

Die allgegenwärtigen Vorkämpfer für Gerechtigkeit, Toleranz und Vielfalt sind Wegbereiter einer vormundschaftlichen Weltordnung, die aufräumt mit nationaler Halsstarrigkeit. Sie bringen die »westlichen Werte« als Morgengabe in die Geschäftsmodelle der transnationalen Konzerne ein. Widerstand erscheint aussichtslos – überdies antisemitisch angehaucht. Sehnen wir uns nicht alle nach einem Gesundheitsschutz, der die erbärmliche Anfälligkeit des Säugetiers Mensch für Infektionen sowie Erb-, Volks- und Gemütskrankheiten mit opulent finanziertem Sachverstand bekämpft? Solcher Schutz ist nicht zu haben ohne die Kooperation zwischen nationalen Gesundheitsdiensten, IT-Giganten und Pharmaunternehmen. Unter diesem Schirm haftet endlich jeder Einzelne persönlich für seine Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Lebensfreude. In einigen Jahren wird die Übermittlung der von Fitness-Armbändern gemessenen Daten (Puls, Blut, Ausscheidungen, Schlaf, Gewicht, Bewegung) an die Instanzen der Public Health unverzichtbar sein: ohne gutes Gesundheitsrating keine Versicherung, keinen Kredit und keine Sympathie.

Und zweifelt noch jemand daran, dass wir alle in wenigen Jahrzehnten bargeldlos einkaufen und dank unserem treuen Begleiter, dem Smartphone, bei allen Verrichtungen Datenspuren hinterlassen werden? Angelernt wird eine Persönlichkeit, die das Wachsen und Schwinden ihres Sozialkredits fest im Blick hat und ein feines Gespür für die Risiken kritischer Bewertung entwickelt. Zugleich ist sie sensibilisiert für Bedrohungen der sozialen Harmonie und der Cybersicherheit und weiß den Fortschritt elektronischer Überwachung zu schätzen.

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Meine kleine Bestandsaufnahme des kommenden Unheils gipfelt in einer Prognose, deren Erfüllung das ultraschnelle Internet garantiert: der digitalen Zusammenschaltung unserer Gehirne. Wir sind es müde, Geräte umherzutragen und Buchstaben einzutippen; mit Nano-Chips im Neocortex bekommen wir die Hände und den Kopf wieder frei. Wir schwärmen aus in die Cloud und schlüpfen aus dem privaten Selbst ins große Ganze. Unser telepathischer Gesamtnachfolger wird alle Sprachen sprechen und sich über heikle Fragen im Nanosekundentakt verständigen – und ausschließlich einvernehmliche Gedanken teilen.

Die Drift zum globalen Sozialkreditsystem ist als solche nicht aufzuhalten; sie beschleunigt sich durch das Einfordern von Menschenrechten ebenso wie durch deren Geringschätzung. Benommen gleiten wir in ein posthumanes Dasein. Renitente Gegenkräfte können nur in der Dimension des Politischen erwachsen, dort, wo kollektive Willensbildung auf eigentümliche, raumgebundene Weise ein- und ausgrenzt.

Ich würde gern wissen, warum das zuverlässig Entsetzliche mich nicht in Schockstarre versetzt. Vermutlich, weil ich zeit meines Lebens beiläufig registriert habe, dass keine Vorhersage einer Dystopie jemals eingetroffen ist. Ich gebe hier keine Exempel dafür, denn das wäre Beweisführung, dazu angetan, Widerlegung herauszufordern.

Am Ende des 21. Jahrhunderts wird man sagen, dass auch der Klimawandel nicht mehr das ist, was er einmal war. (Vorsicht: Prognose!) Und jede Steuerungssoftware trägt unerwartete Anfälligkeiten aus. Wir handeln um unserer selbst willen nach dem Kalkül von heute, in der Erwartung, uns selbst zu überraschen. Damit intervenieren wir auf unabsehbare Weise in eine Zukunft, die alle Regeln verletzen und aller Wahrscheinlichkeit Hohn sprechen wird.

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